Asiens Geschichte Die koreanische Tragödie

Im August 1910 annektierte Japan offiziell Korea. Es war der Anfang eines langen Leidenswegs

Die neuen Herren: Japanische Gendarmen in Korea. Ein Foto aus den ersten Jahren der Annexion

Die neuen Herren: Japanische Gendarmen in Korea. Ein Foto aus den ersten Jahren der Annexion

Yu Chun-sung kam am Morgen des 6. August 1945 in Hiroshima an. Er gehörte zu jenen Hunderttausenden aus der Kolonie Korea, die in Japan lebten und für die Kriegsindustrie schuften mussten. Es war Viertel nach acht, als er aus dem Zug stieg. Im nächsten Moment erfasste ihn ein sengender Blitz. Geblendet stolperte über die Gleise, rannte weiter bis zu einer Anhöhe und verkroch sich in einer halb zerstörten Bauernkate. Nach 24 Stunden brachten ihn Retter auf einem Lkw in ein Hospital. Man bedeckte sein Gesicht mit einem ölgetränkten Mullverband. Wenige Tage später wimmelten Maden in den Brandwunden.

Doch anders als Zehntausende Koreaner, die sich ebenfalls in Hiroshima und Nagasaki befanden und deren Leben die Atombomben auslöschten, sah der damals 28-jährige Yu die Heimat wieder. Er fand ein kurzes Glück als Gemüsehändler. Von 1950 an begann er Blut zu speien. Seine Frau brachte zwei fehlgebildete Kinder zur Welt. 1970 glich Yu einem Gespenst, der spindeldürre Körper bog sich unter Krämpfen zusammen. 1972 erlöste Yu Chun-sung der Tod.

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Sein Schicksal gehört zu den späten Folgen eines Dramas, das schon im 19. Jahrhundert begann. Auf offener Bühne, von den westlichen Kolonialmächten abgesegnet, hatte der dynamische Aufsteiger Japan das alte Korea seit 1875 Akt für Akt in die Unterwerfung getrieben. Vor genau hundert Jahren fiel der letzte Vorhang: Tokyo annektierte die Halbinsel und beendete Koreas Selbstständigkeit. Seiner neuen Kolonie zwang die expansive Imperialmacht nicht nur ihre harte Militärpolitik (budan seiji) auf, sondern auch eine Modernisierung, wie sie in diesem Tempo noch keiner Agrargesellschaft widerfahren war.

Am 22. August 1910 hatte Japans Statthalter den Königspalast in Seoul vorsorglich von Truppen umstellen lassen. Dann unterschrieben er und Koreas Ministerpräsident Yi Wan-yong den Annexionsvertrag, den sie in den Tagen zuvor ausgearbeitet hatten. Bei Sushi und Sake verfassten sie Gedichte auf die künftige Freundschaft. Erhalten ist eine Schriftrolle von Yis Hand mit Versen des Duos über den »süßen Frühlingsregen« zur Vereinigung der »zwei Völker in einem Haus«.

Allen national gesinnten Koreanern gilt dieser »Regen« als die Sintflut, 1910 als das »Jahr der Schande« und Yi Wan-yong als der größte Finsterling ihrer Geschichte. Die von ihm signierte Fremdherrschaft dauerte 35 Jahre. Der einstige US-Diplomat und Koreaspezialist Gregory Henderson nannte sie »kolonialen Totalitarismus« – eine Sicht, die konservative Historiker Koreas bis heute teilen. Erst die jüngere Forschung über die Wechselbeziehungen zwischen Kolonialismus und Modernisierung hat dieses Urteil hinterfragt.

Unmittelbar bevor Korea zur japanischen Kolonie wurde, war es ein Agrarland. Mehr als 80 Prozent der Einwohner arbeiteten in der Landwirtschaft. Doch unter der seit 1392 herrschenden Choson-Dynastie mit ihrer konfuzianisch geprägten Führungselite hatten Nation und Kultur vor allem im 15. Jahrhundert den Europäern bereits manches vorausgehabt, speziell in Drucktechnik, Mathematik, in Messverfahren.

Von 1637 an aber entschied sich das Reich für eine Politik der strengsten Isolierung von der Außenwelt. Sie war die Antwort auf brutale Invasionen der Japaner und auch der Mandschu-Chinesen, denen das Land seit dieser Zeit tributpflichtig war. Gestrandete Seefahrer aller Nationen wurden gut behandelt – und zurückgeschickt. Die westliche Welt nannte das Land fortan Hermit Kingdom, das Einsiedlerreich.

Dem Einbruch des technisch überlegenen Westens in Ostasien, der die alte Ordnung dort überall hinwegspülen sollte, hielt das »Einsiedlerreich« am längsten stand. In Japan dagegen zerbrach das feudalistische System schon in den 1860er Jahren; unter dem neuen Kaiser Meiji eignete sich das Land mit ungeahnter Effizienz die Wunder der westlichen Technologie an – und die Waffen des Imperialismus.

1875 erteilten die Japaner Korea die erste Lektion, die sie gut 20 Jahre zuvor vom US-Kommodore Matthew Perry gelernt hatten. Der war mit Geschützsalven von seinen »schwarzen Schiffen« in der für Ausländer verbotenen Tokyoter Bucht gelandet und hatte das Land durch einen einseitigen Vertrag geöffnet. Nach seinem Vorbild schickten die Musterschüler nun ein Kriegsschiff zu Koreas Insel Kanghwa, feuerten eine Salve auf deren Bewacher und ließen eine ganze Flotte folgen.

Mit dieser Drohung zwangen sie dem kaum gerüsteten Nachbarland 1876 das nach der Insel benannte Abkommen von Kanghwa auf. Es folgte dem Modell der »ungleichen Verträge«, mit dem die Kolonialmächte am Ende der Opiumkriege (1858/60) China gedemütigt hatten. Korea musste drei Häfen für den Handel mit Japan öffnen. Japanische Schiffe durften von nun an in koreanischen Gewässern Vermessungen vornehmen. Japanische Bürger in Korea mussten sich nicht vor den dortigen Gerichten verantworten. Japans Währung durfte ins Land. Koreas Einsiedlerzeit war vorbei.

Als Koreas Premier protestiert, zerren ihn japanische Gendarmen aus dem Saal

Nach Japans Eindringen sicherten sich auch die USA, Großbritannien, Deutschland und Russland vertragliche Sonderrechte für ihre Bürger, Konsulate, Hafenkonzessionen. Die nach Korea einströmenden neuen Moden und Ideen spalteten seine Führungsschicht. Traditionsgebundene Politiker sahen in allen Fremden und Reformern Verräter an der konfuzianischen Identität. Ihnen standen junge Idealisten gegenüber, die das Land mit nationalem Stolz umgestalten wollten, doch statt eigener Konzepte nur Tokyos autoritäre Modernisierung als Vorbild sahen.

Ein Heer japanischer Konsultanten und koreanischer Helfer schickte einen Reformentwurf nach dem anderen zur Unterzeichnung an König Kojong. Per Dekret wurden Klassenunterschiede reduziert, es wurde die Kleidung modernisiert, das Justizwesen reorganisiert, die lange Pfeife als Statussymbol der Yangbang, der Oberschicht, verboten. Japanische Berater zogen in die Ministerien ein.

Palastwirren, Mordanschläge, Aufstände begleiteten den Verschmelzungsprozess. Tokyo setzte wiederholt Truppen in Bewegung. Auch das chinesische Reich griff mit Soldaten ein, die, als Koreaner verkleidet, der Königin Min gegen die Fortschrittsanhänger zu Hilfe kamen. Am Ende führten Tokyos expansive Ansprüche zum Krieg zwischen Japan und China. Auch da triumphierte das System der straff zentralistisch organisierten Reformen: China unterlag an allen Fronten. Im April 1895 musste das Reich der Mitte auf Koreas Tributzahlungen ebenso verzichten wie auf die Insel Taiwan. Sie fiel mit anderen strategisch wichtigen Gebieten an Japan.

Inzwischen versuchten Königin Min und ihr mächtiger Clan Japans Einfluss mithilfe Russlands zurückzudrängen. Ein von Tokyos Gesandtem gedungener Schläger drang im September 1895 zusammen mit der japanischen Wache und einer koreanischen »Ausbildungseinheit« in den Palast ein. Er erstach die Königin nebst zweier Hofdamen. König Kojong und dem Kronprinzen Sunjong gelang die Flucht; sie wurden, als Hofdamen verkleidet, von russischen Seeleuten an den Wachen vorbei in die Botschaft Russlands geschleust.

Ein Jahr saß Kojong dort die Zeit der Wirren aus. Dabei lernte er die Fürsorge der deutschen Schwägerin des russischen Gesandten derart schätzen, dass er sie später zur Hofzeremonienmeisterin ernannte. Sie hieß Antoinette Sontag, stieg in Seoul zu einer bekannte Vermittlerin zwischen Korea und Europa auf. Nach der Rückkehr krönte sich der König selbst zum Kaiser, um den Japanern wenigstens protokollarisch Paroli zu bieten.

Mit seiner Expansion hatte sich Japan auf die Weltbühne gedrängt. Dort lief noch das Great Game, die Konfrontation zwischen England und Russland, die vom Nahen Osten bis Ostasien reichte. London, das Japan von seinen Kolonien in Fernost fernhalten wollte, ließ Tokyos Gesandten im Juli 1902 wissen: »Die Regierung Seiner Majestät erkennt Japans Sonderinteressen in Korea an.« Schon im Jahr zuvor hatte Zar Nikolaus II. dem Bruder des deutschen Kaisers, Prinz Heinrich, geklagt: »Ich möchte Korea auch nicht haben, aber ich kann es nicht zulassen, dass die Japaner dort einen Brückenkopf bauen... Das wäre der Casus Belli.«

Den sahen beide Staaten im Februar 1904 gegeben. Obwohl Korea seine Neutralität erklärt hatte, besetzten japanische Truppen das Land und bauten Bahnlinien für den Krieg gegen das Zarenreich. Zugleich tauchte ein neuer »Mitspieler« auf: die USA. Noch bevor Russlands verheerende Niederlage besiegelt war, schloss Washington mit Tokyo im Juli 1905 das geheime Taft-Katsura-Abkommen. Darin versicherte Japan sein Desinteresse an den von Amerika kontrollierten Philippinen; Washington bekundete Verständnis für Tokyos Griff nach Korea.

Beim Friedensvertrag einen Monat später stand US-Präsident Theodore Roosevelt Pate: Russland, das in der Seeschlacht bei Tsushima fast seine gesamte Flotte verloren hatte, musste zustimmen, »dass die japanische Regierung in Korea ... die Führung, den Schutz und die Aufsicht übernimmt«. So wurde Japan, wie es der US-Historiker Bruce Cumings formulierte, »der gesalbte Träger der weißen Zivilisation in Ostasien«.

Und handelte entsprechend – ähnlich wie die USA in Iran 1953 und in Guatemala 1954 oder die sowjetische Parteispitze 1968, als sie die Reformer des Prager Frühlings verschleppte und mit Gewalt zur Kapitulation zwang. Im Herbst 1905 kamen hohe japanische Politiker mit einem Protektoratsvertrag nach Seoul. Die koreanischen Minister sollten ihn im umstellten Palast unterschreiben. Premier Han Kynsol protestierte, worauf ihn Gendarmen aus dem Raum zerrten.

Durch das Protektorat zog Japan die Macht im Lande an sich. Koreas Armee wurde aufgelöst. Einige ihrer Kommandanten und hohe Beamte nahmen sich das Leben. 17700 Partisanen fielen zwischen 1907 und 1909. Vergeblich appellierte Kaiser Kojong an die Weltmächte, Koreas Unabhängigkeit zu retten. 1907 setzten ihn die »Protektoren« ab und seinem mental beschränkten Sohn Sunjong die Krone auf.

Mit brutalen Mittel modernisieren die Japaner das Land

So war der Annexionsvertrag vom 22. August 1910, dem die Absetzung Kaiser Sunjongs sieben Tage später folgte, nur noch der Gnadenstoß. Artikel 1 zwang den Kaiser zur »vollständigen und permanenten Abtretung aller Souveränitätsrechte« an den Tenno. Japans Generalresident wurde Generalgouverneur. Eilig stockte die Kolonialmacht ihr Militär auf. Die 20. Divison, die 40. Brigade und das 79. Regiment wurden in Yongsang, damals noch außerhalb Seouls, stationiert. Heute liegt Yongsang im Zentrum der Millionenmetropole als verbotene Stadt: Sie ist der größte Standort der US-Streitkräfte in Korea, seit diese dessen Südhälfte nach Kriegsende besetzten.

In der ersten Phase praktizierte das Kolonialregime eine brutale Militärpolitik. Gendarmen in schwarzen Mänteln kassierten Oppositionelle und »halfen« beim »Einbringen« der ständig gesteigerten Reisexporte für Japan. In dieser Lage erreichte der Aufruf von US-Präsident Woodrow Wilson zur Selbstbestimmung der Völker gegen Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur Europa, sondern auch Korea.

Am 1. März 1919 gaben in Seoul 33 Patrioten eine Unabhängigkeitserklärung bekannt. Wenig später zogen Hunderttausende mit Nationalfahnen und dem Ruf »tongnip manse!« (Lang lebe Koreas Unabhängigkeit!) durch Koreas Städte. Die Demonstranten wurden mit Kugelhageln empfangen. Nach japanischen Unterlagen fanden mehr als 7500 Bürger den Tod.

Den Gewaltorgien folgte die zweite Phase der Kolonialisierung. Japan ersetzte die Militärherrschaft (budan seiji) durch eine zivil-kulturelle Herrschaft (bunka seiji). Sie sollte den Widerstand abbauen und die Elite zur Teilnahme am kolonialen Leben ermutigen. Koreanische Zeitungen wurden ebenso wieder zugelassen wie akademische, studentische, bürgerliche Vereinigungen. Japans langfristiges Ziel war es, das Nachbarland zu assimilieren.

Doch nicht nur das: Es sollte bald auch als logistische Basis für den Aggressionskrieg gegen den asiatischen Kontinent missbraucht werden. In dieser dritten Phase beschleunigte Tokyo seine Kapitalinvestitionen in Korea. Die Kolonie musste Munition produzieren für die Invasion Chinas 1937. Schon von 1930 an forcierte die Kolonialmacht den Japanischunterricht an den Schulen. Der Ausbau der Kriegsindustrie verlangte nach Arbeitern, die Japanisch verstanden. 1938 wurde die koreanische Sprache von allen höheren Schulen verbannt.

Das schlimmste Kapitel für die Kolonie begann am 8. Dezember 1941, als Japan mit dem Angriff auf die US-Basis Pearl Harbor eine neue Front im Pazifik eröffnete. Von 1942 an wurden die koreanischen Arbeiterheere nur noch hin- und hergeschoben, ganz nach dem Bedarf der Generalmobilmachung. Gegen Ende des Krieges stellten Koreaner ein Drittel der industriellen Arbeitskraft Japans. 136.000 schufteten im technisch maroden Bergbau, darunter auch Frauen. Doch selbst ihnen war das Schicksal noch gnädig.

Vor wenigen Monaten traf ich in Seoul wieder »Großmutter« Won Ok-gil, wie immer gegenüber der japanischen Botschaft. Stets barhäuptig – so kann jeder die Narbe sehen, die sich über ihren Scheitel zieht. Ein japanischer Soldat war mit dem Säbel im Futteral auf die 16-Jährige losgegangen, weil sie ihm nicht mehr zu Willen sein konnte. Sie hatte an jenem Tag schon so viele Männer abfertigen müssen, dass sie blutete. Auch in diesem »Jahr der Schande« protestiert die 83-Jährige wieder, gemeinsam mit fünf Altersgefährtinnen. Auf ihren gelben Umhängen steht: »Ehre und Menschenrechte für die Trostfrauen«.

Die sechs Überlebenden erinnern an die 200.000 Frauen und Mädchen, die Tokyos Heeresministerium von 1938 an aus den Dörfern und Schulen in rund 2000 Militärbordelle der von Japan besetzten Gebiete Asiens verschleppen ließ, elf, zwölf Jahre die Jüngsten. Nicht wenige wurden zu Tode vergewaltigt, infiziert, exekutiert oder nahmen sich selbst das Leben. Nach der Kapitulation ließen die Japaner viele dieser Ärmsten wie zerstörtes Kriegsmaterial an der Front zurück.

Die Heimkehrerinnen fanden sich begraben im Schweigen ihrer verschämten Familien. 1992 fassten sie den Mut, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. Seither treffen sich die letzten noch lebenden Opfer jeden Mittwoch vor Japans Botschaft. Aus dem dann verbarrikadierten Klotz ist noch nie ein Wort gekommen. Auch Japans Premier Naoto Kan lehnte in der vergangenen Woche trotz seiner viel beachteten Entschuldigung für die Kolonialisierung Koreas wieder jede Entschädigung für »einzelne Opfer« ab.

Heute ist das geteilte Land ein Jurassic Park des Kalten Krieges

In älteren Büchern koreanischer Historiker findet sich kaum eine Erwähnung der Trostfrauen. Die Autoren schwiegen wie fast die ganze Nation. Denn bei einer Untersuchung der Sexsklaverei wäre schnell publik geworden, dass viele dieser ahnungslosen Provinzmädchen von koreanischen Männern ausgeliefert worden waren. Das hätte nicht zur Nachkriegslegende vom geschlossenen Widerstand gegen die Besatzer gepasst.

In Wahrheit konnte die Kolonialmacht viele Seelen und Identitäten des annektierten Volkes brechen, indem sie einerseits Koreaner gegen Koreaner ausspielte und andererseits eine Menge fortschrittsgläubiger und aufstrebender Bürger schon von 1905 an für ihren Modernisierungsfeldzug gewann.

Denn Tokyo trieb das Agrarland – aus größtem Eigennutz – auf den Weg zum Industriestaat. Ganz ohne diese ersten Impulse wäre der spätere Aufstieg Südkoreas aus den Reisfeldern in den Cyberspace mit solcher Rasanz kaum denkbar gewesen. Petrochemie-Komplexe und Stahlhütten entstanden, hydroelektrische Anlagen, Autowerke. Mitsubishi und Mitsui bauten Häfen, Bahnlinien, Fabriken. Das Bildungswesen wurde grundlegend modernisiert, koreanische Studenten brachten aus Japan neues Wissen über unbekannte Berufe und Künste, über die Welt und ihre Ideen mit, von Adam Smith bis Karl Marx. Jüngere historische Studien über die Arbeiter und die Eliten, die Bauern und die urbane Mittelklasse zeigen, wie weit die Koreaner selbst an der Entwicklung dieses Sonderfalls kolonialer Modernisierung Anteil hatten. Und wie sehr ihre Kinder in das »Doppelleben« hineinwuchsen.

Mit dem Ende der japanischen Herrschaft kam neues Unglück. Am 10. August 1945, einen Tag nachdem die Bombe auf Nagasaki gefallen war, beugten sich in den USA zwei junge Offiziere über eine Karte Koreas. John McCloy, Staatssekretär im Kriegsministerium, hatte sie beauftragt, binnen 30 Minuten einen Plan zur Teilung Koreas auszuarbeiten. Bereits im Dezember 1943 waren die USA, England und China übereingekommen, das Land für 20 bis 30 Jahre unter die Treuhandschaftsregierung der Großmächte zu stellen.

Nun starrten die beiden Offiziere – einer von ihnen war der spätere Außenminister Dean Rusk – auf die ihnen unbekannte Halbinsel. Sie tippten auf den 38. Breitengrad, weil die Hauptstadt Seoul so in ihrer, der südlichen Besatzungszone lag. Überraschend stimmte die Sowjetunion der für sie weniger günstigen Lösung zu. Die Koreaner, aber auch Briten und Chinesen, wurden nicht gefragt.

So wurde das Land, gerade der Kolonialherrschaft entkommen, von Neuem besetzt, für seine Bevölkerung wiederholte sich der Albtraum des 19. Jahrhunderts. Und bis heute haben die Koreaner beider Hälften darunter zu leiden, dass die Weltmächte auf ihrer Halbinsel einen Jurassic Park des Kalten Krieges hinterlassen haben.

 
Leser-Kommentare
  1. Mehr Artikel dieser inhaltlichen Qualität
    ( und natürlichen Länge )
    bei ZEIT-ONLINE.

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    Sehr interessanter Artikel, vielen Dank! Mehr davon!

    Sehr interessanter Artikel, vielen Dank! Mehr davon!

    • vb187
    • 22.08.2010 um 21:01 Uhr

    ...aus der großen Welt der Geschichte. Allerdings auch dieser sehr wissenswert.
    Es müsste (seit 2000) allerdings "Joseon-Dynastie" statt "Choson-Dynastie" heißen ;)

    Hier auch ein Bild zum Artikel:
    http://upload.wikimedia.o...

    Zu "Es folgte dem Modell der »ungleichen Verträge«, mit dem die Kolonialmächte am Ende der Opiumkriege (1858/60) China gedemütigt hatten.":
    Der zweite Opiumkrieg (1856-1860) diente nicht unbedingt (nur) der Demütigung China's, sondern (auch) zur Stärkung der grundlegendsten Rechte von Ausländern in dem Land. Die Kriege erzwangen außerdem die Öffnung von China's Märkten und seiner Gesellschaft zum Ausland. Auch der Sinozentrismus wurde damit erschüttert.

  2. Das ist ein interessanter Artikel.
    Genaueres über die "Comfort Women" gibt es hier:

    http://www.awf.or.jp/e1/i...

  3. Ito Hirobumi wurde am 26.10.1909 in Harbin erschossen. Der japanische Staatsmann, der am 22.08.1910 beim Unterschreiben von Annexionsvertrag dabei war, musste ein anderer sein. Danke.

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    Redaktion

    Lieber Leser,

    ich habe gerade mit dem Autor, Christian Schmidt-Häuer, telefoniert, der für diesen Artikel intensiv in Korea recherchiert hat. Sie haben Recht, tatsächlich wurde Ito Hirobumi bereits 1909 getötet und kann daher nicht bei der Vertragsunterzeichnung dabei gewesen sein. Hier hat Herr Schmidt-Häuer etwas verwechselt, wir haben den Fehler jetzt behoben. Der Autor lässt herzlich grüßen.

    Viele Grüße auch aus der Wissenschaftsredaktion.

    Redaktion

    Lieber Leser,

    ich habe gerade mit dem Autor, Christian Schmidt-Häuer, telefoniert, der für diesen Artikel intensiv in Korea recherchiert hat. Sie haben Recht, tatsächlich wurde Ito Hirobumi bereits 1909 getötet und kann daher nicht bei der Vertragsunterzeichnung dabei gewesen sein. Hier hat Herr Schmidt-Häuer etwas verwechselt, wir haben den Fehler jetzt behoben. Der Autor lässt herzlich grüßen.

    Viele Grüße auch aus der Wissenschaftsredaktion.

  4. Sehr interessanter Artikel, vielen Dank! Mehr davon!

  5. Kann mich den Vorkommentatoren anschliessen.
    Spannender, erhellender Artikel über eine Nation, die man kaum kennt. Danke für die Arbeit! Solche Artikel sind der Grund, wieso ich an die Überlegenheit von Wochenzeitungen gegenüber den Fast-Food-Journaillen glaube.

  6. Redaktion

    Lieber Leser,

    ich habe gerade mit dem Autor, Christian Schmidt-Häuer, telefoniert, der für diesen Artikel intensiv in Korea recherchiert hat. Sie haben Recht, tatsächlich wurde Ito Hirobumi bereits 1909 getötet und kann daher nicht bei der Vertragsunterzeichnung dabei gewesen sein. Hier hat Herr Schmidt-Häuer etwas verwechselt, wir haben den Fehler jetzt behoben. Der Autor lässt herzlich grüßen.

    Viele Grüße auch aus der Wissenschaftsredaktion.

    • marxo
    • 23.08.2010 um 14:41 Uhr

    Ein guter und fundierter Artikel mit zwei Problemen:
    1. Warum wird in der Einleitung auf einen koreanischen Zwangsarbeiter fokussiert, der in Hiroshima verwundet wurde? Dadurch werden Hiroshima und Zwangsarbeitsopfer gleichgesetzt, verbrochen hätten sich an den Zwangsarbeitern dann die Amerikaner. Hiroshima war eine Militärstadt. Dass durch den Schlag ebenso Zwangsarbeiter ums Leben kamen wie in Dresden ist eine traurige Zwangsläufigkeit, die vor allem Hiroshimas und Japans Bürger zu verantworten hatten, da diese sich nicht gegen den japanischen Faschismus wehrten. Erörtert wird das verkehrte Erinnern an Hiroshima auf:
    http://nichtidentisches.w...

    2. Das Ende bricht leider in einer Gleichsetzung ab. Wer ist der Dinosaurier im Jurassic Park? Ist Südkorea kein souveräner, demokratischer Staat?

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