Asiens Geschichte Die koreanische Tragödie
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Heute ist das geteilte Land ein Jurassic Park des Kalten Krieges 

Heute ist das geteilte Land ein Jurassic Park des Kalten Krieges

In älteren Büchern koreanischer Historiker findet sich kaum eine Erwähnung der Trostfrauen. Die Autoren schwiegen wie fast die ganze Nation. Denn bei einer Untersuchung der Sexsklaverei wäre schnell publik geworden, dass viele dieser ahnungslosen Provinzmädchen von koreanischen Männern ausgeliefert worden waren. Das hätte nicht zur Nachkriegslegende vom geschlossenen Widerstand gegen die Besatzer gepasst.

In Wahrheit konnte die Kolonialmacht viele Seelen und Identitäten des annektierten Volkes brechen, indem sie einerseits Koreaner gegen Koreaner ausspielte und andererseits eine Menge fortschrittsgläubiger und aufstrebender Bürger schon von 1905 an für ihren Modernisierungsfeldzug gewann.

Denn Tokyo trieb das Agrarland – aus größtem Eigennutz – auf den Weg zum Industriestaat. Ganz ohne diese ersten Impulse wäre der spätere Aufstieg Südkoreas aus den Reisfeldern in den Cyberspace mit solcher Rasanz kaum denkbar gewesen. Petrochemie-Komplexe und Stahlhütten entstanden, hydroelektrische Anlagen, Autowerke. Mitsubishi und Mitsui bauten Häfen, Bahnlinien, Fabriken. Das Bildungswesen wurde grundlegend modernisiert, koreanische Studenten brachten aus Japan neues Wissen über unbekannte Berufe und Künste, über die Welt und ihre Ideen mit, von Adam Smith bis Karl Marx. Jüngere historische Studien über die Arbeiter und die Eliten, die Bauern und die urbane Mittelklasse zeigen, wie weit die Koreaner selbst an der Entwicklung dieses Sonderfalls kolonialer Modernisierung Anteil hatten. Und wie sehr ihre Kinder in das »Doppelleben« hineinwuchsen.

Mit dem Ende der japanischen Herrschaft kam neues Unglück. Am 10. August 1945, einen Tag nachdem die Bombe auf Nagasaki gefallen war, beugten sich in den USA zwei junge Offiziere über eine Karte Koreas. John McCloy, Staatssekretär im Kriegsministerium, hatte sie beauftragt, binnen 30 Minuten einen Plan zur Teilung Koreas auszuarbeiten. Bereits im Dezember 1943 waren die USA, England und China übereingekommen, das Land für 20 bis 30 Jahre unter die Treuhandschaftsregierung der Großmächte zu stellen.

Nun starrten die beiden Offiziere – einer von ihnen war der spätere Außenminister Dean Rusk – auf die ihnen unbekannte Halbinsel. Sie tippten auf den 38. Breitengrad, weil die Hauptstadt Seoul so in ihrer, der südlichen Besatzungszone lag. Überraschend stimmte die Sowjetunion der für sie weniger günstigen Lösung zu. Die Koreaner, aber auch Briten und Chinesen, wurden nicht gefragt.

So wurde das Land, gerade der Kolonialherrschaft entkommen, von Neuem besetzt, für seine Bevölkerung wiederholte sich der Albtraum des 19. Jahrhunderts. Und bis heute haben die Koreaner beider Hälften darunter zu leiden, dass die Weltmächte auf ihrer Halbinsel einen Jurassic Park des Kalten Krieges hinterlassen haben.

 
Leser-Kommentare
  1. Mehr Artikel dieser inhaltlichen Qualität
    ( und natürlichen Länge )
    bei ZEIT-ONLINE.

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    Sehr interessanter Artikel, vielen Dank! Mehr davon!

    Sehr interessanter Artikel, vielen Dank! Mehr davon!

    • vb187
    • 22.08.2010 um 21:01 Uhr

    ...aus der großen Welt der Geschichte. Allerdings auch dieser sehr wissenswert.
    Es müsste (seit 2000) allerdings "Joseon-Dynastie" statt "Choson-Dynastie" heißen ;)

    Hier auch ein Bild zum Artikel:
    http://upload.wikimedia.o...

    Zu "Es folgte dem Modell der »ungleichen Verträge«, mit dem die Kolonialmächte am Ende der Opiumkriege (1858/60) China gedemütigt hatten.":
    Der zweite Opiumkrieg (1856-1860) diente nicht unbedingt (nur) der Demütigung China's, sondern (auch) zur Stärkung der grundlegendsten Rechte von Ausländern in dem Land. Die Kriege erzwangen außerdem die Öffnung von China's Märkten und seiner Gesellschaft zum Ausland. Auch der Sinozentrismus wurde damit erschüttert.

  2. Das ist ein interessanter Artikel.
    Genaueres über die "Comfort Women" gibt es hier:

    http://www.awf.or.jp/e1/i...

  3. Ito Hirobumi wurde am 26.10.1909 in Harbin erschossen. Der japanische Staatsmann, der am 22.08.1910 beim Unterschreiben von Annexionsvertrag dabei war, musste ein anderer sein. Danke.

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    Redaktion

    Lieber Leser,

    ich habe gerade mit dem Autor, Christian Schmidt-Häuer, telefoniert, der für diesen Artikel intensiv in Korea recherchiert hat. Sie haben Recht, tatsächlich wurde Ito Hirobumi bereits 1909 getötet und kann daher nicht bei der Vertragsunterzeichnung dabei gewesen sein. Hier hat Herr Schmidt-Häuer etwas verwechselt, wir haben den Fehler jetzt behoben. Der Autor lässt herzlich grüßen.

    Viele Grüße auch aus der Wissenschaftsredaktion.

    Redaktion

    Lieber Leser,

    ich habe gerade mit dem Autor, Christian Schmidt-Häuer, telefoniert, der für diesen Artikel intensiv in Korea recherchiert hat. Sie haben Recht, tatsächlich wurde Ito Hirobumi bereits 1909 getötet und kann daher nicht bei der Vertragsunterzeichnung dabei gewesen sein. Hier hat Herr Schmidt-Häuer etwas verwechselt, wir haben den Fehler jetzt behoben. Der Autor lässt herzlich grüßen.

    Viele Grüße auch aus der Wissenschaftsredaktion.

  4. Sehr interessanter Artikel, vielen Dank! Mehr davon!

  5. Kann mich den Vorkommentatoren anschliessen.
    Spannender, erhellender Artikel über eine Nation, die man kaum kennt. Danke für die Arbeit! Solche Artikel sind der Grund, wieso ich an die Überlegenheit von Wochenzeitungen gegenüber den Fast-Food-Journaillen glaube.

  6. Redaktion

    Lieber Leser,

    ich habe gerade mit dem Autor, Christian Schmidt-Häuer, telefoniert, der für diesen Artikel intensiv in Korea recherchiert hat. Sie haben Recht, tatsächlich wurde Ito Hirobumi bereits 1909 getötet und kann daher nicht bei der Vertragsunterzeichnung dabei gewesen sein. Hier hat Herr Schmidt-Häuer etwas verwechselt, wir haben den Fehler jetzt behoben. Der Autor lässt herzlich grüßen.

    Viele Grüße auch aus der Wissenschaftsredaktion.

    • marxo
    • 23.08.2010 um 14:41 Uhr

    Ein guter und fundierter Artikel mit zwei Problemen:
    1. Warum wird in der Einleitung auf einen koreanischen Zwangsarbeiter fokussiert, der in Hiroshima verwundet wurde? Dadurch werden Hiroshima und Zwangsarbeitsopfer gleichgesetzt, verbrochen hätten sich an den Zwangsarbeitern dann die Amerikaner. Hiroshima war eine Militärstadt. Dass durch den Schlag ebenso Zwangsarbeiter ums Leben kamen wie in Dresden ist eine traurige Zwangsläufigkeit, die vor allem Hiroshimas und Japans Bürger zu verantworten hatten, da diese sich nicht gegen den japanischen Faschismus wehrten. Erörtert wird das verkehrte Erinnern an Hiroshima auf:
    http://nichtidentisches.w...

    2. Das Ende bricht leider in einer Gleichsetzung ab. Wer ist der Dinosaurier im Jurassic Park? Ist Südkorea kein souveräner, demokratischer Staat?

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