Das Jagdschloss Grunewald in Berlin um etwa 1900

DIE ZEIT: Herr Wippermann, für Ihr Buch Skandal im Jagdschloss Grunewald haben Sie einen heißen Fund ausgewertet – eine polizeiliche Aktenmappe voll anonymer, teils pornografischer Briefe...

Wolfgang Wippermann: Diese Briefe sind tatsächlich einzigartig. Sie geben einen ungewöhnlichen Einblick in die Sitten- und Mentalitätsgeschichte der wilhelminischen Gesellschaft, in ihre Vorstellungen von Männlich- und Weiblichkeit und in das, was als sexuell "normal" galt.

ZEIT: Diese Briefe schildern, was man heute eine Swingerparty nennt – und zwar in höchsten Hofkreisen.

Wippermann: Ja, es geht um eine Sexparty, die im Januar 1891 nach einer Schlittenfahrt gefeiert wurde. 15 hohe Angehörige der kaiserlichen Hofgesellschaft waren dabei, darunter eine Schwester Wilhelms II. und einer seiner Schwager. Die Frauen nahmen sich selbstbewusst, worauf sie Lust hatten. Männer vergnügten sich mit Männern.

ZEIT: Dabei gilt die Zeit des Kaiserreichs doch als eine besonders prüde Epoche.

Wippermann: Man war protestantisch und sittsam nach außen. Zugleich wurde, freilich nur den Männern, eine gewisse Freizügigkeit zugebilligt. Einer der Partygäste, der Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein, hieß in Hofkreisen nur "Herzog Rammler". Er war regelmäßiger Puffgänger – wobei auch gemeinsame Bordellbesuche adliger Herren üblich waren. Eines Tages verlor er einen Orden bei einer Berliner Prostituierten. Die Frau brachte das Fundstück brav zur Polizei, die Sache wurde Stadtgespräch.

ZEIT: Was sich jedoch nicht zum Skandal ausweitete, so wie die Grunewald-Party. Warum?

Wippermann: Weil Ernst Günther den Rahmen dessen, was damals toleriert wurde, nicht überschritten hatte. Homosexualität hingegen stand unter Strafe und wurde als ansteckende Krankheit verteufelt. Auch Frauen, die ihre Sexualität selbstbewusst und aktiv auslebten, hielt man für krankhaft veranlagt. Das Skandalon verkörperte sich vor allem in einem Ehepaar, das im Grunewald dabei gewesen war, den Hohenaus. Gräfin Charlotte war bekannt für ihre Affären bei Hofe, auch mit Wilhelm II. soll sie im Bett gewesen sein; ihr Mann war schwul.

ZEIT: Wie kam es, dass die ganze Angelegenheit überhaupt öffentlich wurde?

Wippermann: Nach der Party wurden besagte erpresserische Briefe an die Gäste und andere Mitglieder des Hofes verschickt. Und da die Herrschaften sich die Post von ihren Bediensteten geöffnet vorlegen ließen, fielen dem Personal diese deftigen Texte entgegen samt den pornografischen Bildern, die ihnen beigelegt waren. So machte die Geschichte in Berlin schnell die Runde.

ZEIT: Weiß man, wer diese Briefe verfasst hat?

Wippermann: Nein. Verdächtigt wurde damals einer der Partygäste, der Zeremonienmeister Leberecht von Kotze. Er war eine auffällige Erscheinung: Vielen bei Hof galt er als "weibisch" und "fatzkenhaft", weil er großen Wert auf modische Kleidung legte. Im Zuge recht windiger Ermittlungen brachte man ihn hinter Gitter. Wilhelm II. hatte seine Verhaftung angeordnet – wozu er nach geltendem Recht gar nicht befugt war! Doch es wurden weiterhin Briefe verschickt. Kotze kam frei. Er kämpfte nun um seine Ehre, indem er die Männer, die ihn als "weibisch" verleumdet hatten, zum Duell forderte. Der Sittenskandal entwickelte sich zu einem Skandal um Ehr- und Männlichkeitsrituale.