Eine Frau vom Turkana-Stamm in Nordkenia besorgt Trinkwasser für ihre Familie. Im vergangenen Herbst herrschte in der Region eine Dürre. Manche Menschen mussten meilenweit gehen, um Wasser zu finden © Christopher Furlong/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Brabeck-Letmathe, der Weizen wird knapp. Droht der Welt eine neue Hungersnot?

Peter Brabeck-Letmathe: Ich glaube nicht, dass eine neue Hungersnot droht. Der Weizenpreis ist in den letzten Wochen um 50 Prozent gestiegen, aber längst nicht so stark wie bei der Krise vor zwei Jahren.

ZEIT: Dass die Weltbank jetzt vor einer Nahrungsmittelkrise warnt, ist also Panikmache?

Brabeck: Die Weltbank sagt, dass eine Krise drohen könnte, wenn einige politische Entscheidungen nicht zurückgenommen werden.

ZEIT: Dass Russland die Weizenexporte gestoppt hat? Und die Ukraine das gleiche erwägt?

Brabeck: Die Trockenheit in Russland wird nicht ewig dauern. Eine bessere Ernte in Australien, und alles ist wieder halb so schlimm…

ZEIT: …aber Nestlé muss doch auch mehr zahlen, wenn der Weizenpreis steigt. Oder nicht?

Brabeck: Wir kaufen gar nicht so viel Weizen, dafür aber große Mengen Kaffee und Kakao. Und da sind die Preise wirklich stark gestiegen.

ZEIT: Weil ein Hedgefonds kürzlich 200.000 Tonnen Kakao gekauft hat, um schnelles Geld zu machen. Das kann Sie doch nicht kalt lassen.

Brabeck: Bei Nestlé planen wir unseren Kakaobedarf bis zu zwei Jahre im Voraus und sichern uns so stabile Preise. Dass sich die Firma Armajaro jetzt ein Viertel der Welternte gesichert hat, darf nicht dazu führen, dass man Hedgefonds-Aktivitäten verbietet. Der Einfluss von Spekulanten auf die Preise von Agrarrohstoffen wird ohnehin völlig überschätzt. Politische Entscheidungen sind viel bedeutender.

ZEIT: Welche denn?

Brabeck: Die Förderung von Biodiesel zum Beispiel hängt direkt mit dem Markt für Lebensmittel zusammen…

ZEIT: …weil auf Feldern voller Biospritpflanzen kein Weizen mehr angebaut werden kann?

Biodiesel verstärkt die Lebensmittel- knappheit

Brabeck: Richtig. Die Weltbevölkerung wächst jede Sekunde um zwei Menschen, und die Fläche für den Anbau von Lebensmitteln wird politisch gewollt knapper. Kein Wunder, dass Hedgefonds auf steigende Preise spekulieren.

ZEIT: Da können Sie ja froh sein, dass wir in den letzten Jahren weniger über Biosprit und mehr über Elektroautos reden.

Brabeck:Europa will jetzt nur noch zehn Prozent Biodiesel, in Deutschland wollen sie mehr Erntereste verwenden. Es bleibt aber dabei: Biodiesel verstärkt die Lebensmittelknappheit.

ZEIT: Sie erwarten auch eine Wasserknappheit innerhalb der nächsten zehn Jahre. Warum?

Brabeck: Gemeinsam mit der Weltbank und McKinsey haben wir die 154 großen globalen Wasserreservoirs analysiert und geschaut, ob sie nachhaltig genutzt werden. Sie werden es nicht.

ZEIT: Und warum nicht?

Brabeck: Wir brauchen Wasser zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wenn wir hier einen Liter sparen, hilft das der Sahelzone wenig. In Bangladesch bohren die Bauern inzwischen so tief, dass sie Wasser nur noch aus den mit natürlichem Arsen vergifteten Grund holen. Fünf der größten Flüsse der Welt bringen über Monate kein Wasser mehr ans Meer, und der Aralsee hat nur noch ein Viertel seines ehemaligen Volumens.

ZEIT: Wer ist schuld daran?

Brabeck: Die Landwirtschaft. 93 Prozent des weltweit gebrauchten Frischwassers werden von der Landwirtschaft verwendet.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Brabeck: Regierungen beachten bislang zu sehr die Angebotsseite. Sie bauen größere Staudämme, bohren tiefere Brunnen. In China wollen sie den Jangtse über Tausende von Kilometern umleiten. Weltbank, McKinsey und wir haben jetzt aber gezeigt, dass wir das Problem vor allem von der Nachfrageseite aus lösen können.