Das Prinzip der Doppelbiografie Grass/Grimm, so charmant es sich zunächst anlässt, büßt seine spielerische Eleganz jedoch ein, wenn, was bald geschieht, aus den alten Reden, Essays und Zeitungsartikeln des Autors allzu ausführlich zitiert wird. Wer sich nicht mehr genau an Günter Grassens Kommentar zum geplanten Programmheft des Münchner Dramaturgen Heinar Kipphardt im Mai 1971 erinnert, wird hier noch einmal sorgfältig in das Problemfeld eingeführt. Wer vergessen haben sollte, was Grass gegen die schnelle Wiedervereinigung einzuwenden hatte, dem wird durch lange Zitate aus einer Tutzinger Rede geholfen. An die Sitzblockade in Mutlangen wird genauso erinnert wie an das meiste, was Günter Grass 1988 beim deutsch-deutschen Schriftstellertreffen am Schwielowsee gegen Hermann Kant vorzubringen hatte (»in meiner Antwort an Kant wies ich auf sein Ausblenden der sowjetischen Hochrüstung hin«) und so weiter. Am Ende gibt man sich bereitwillig geschlagen. Es stimmt ja: Günter Grass hat oft und viel und sowieso recht behalten. Sein Mahnen und Schimpfen ist zwar dem Land, das er liebt und das ihn bis heute offenbar quält, gut bekommen. Aber nicht unbedingt der Literatur. Auch in diesem Abschiedsbuch bringt der verständliche Veteranenstolz das feine biografische Vexierspiel aus der Balance.

Aber vergessen wir die Balance. Eigentlich ist es eher beruhigend, dass sich Günter Grass, wenn seine Ankündigung denn ernst gemeint ist, von uns nicht mit einer literarischen Schloss-Attrappe in Form eines ausbalancierten biedermeierlichen Gelehrtenromans, sondern mit dem alten leidenschaftlichen Zorn und den alten strengen Ermahnungen verabschiedet. So ist er, so soll er uns in Erinnerung bleiben.

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