Günter GrassEs war einmal

Günter Grass verabschiedet sich mit einem Porträt der Brüder Grimm und letzten, strengen Ermahnungen. von 

Der Schriftsteller Günter Grass auf der Frankfurter Buchmesse, 2009

Der Schriftsteller Günter Grass auf der Frankfurter Buchmesse, 2009  |  © JOHN MACDOUGALL/AFP

Er nennt es sein »wahrscheinlich letztes Buch«. Es ist, so der Untertitel, eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, sein Handwerkszeug. Das Titelblatt schmücken von Autors Hand gemalte Buchstaben, die signalisieren, dass Buchkörper und Buchgeist hier nicht in neumodischer Arbeitsteilung getrennt wurden. Alles soll sich runden. Nach der »Danziger Trilogie«, den großen Romanen der jungen Jahre, hat Günter Grass nun eine autobiografische Trilogie vollendet, zu der seine Jugendautobiografie Beim Häuten der Zwiebel, die nachgetragene Familiengeschichte Die Box und nun auch das Doppelporträt der Gebrüder Grimm und Grass gehören.

Vorderhand handelt es sich um eine erzählende Biografie, wie sie sich, insbesondere wenn es um die prägenden Gestalten der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts geht, großer Beliebtheit erfreuen. Grass erzählt einfühlsam von der Herkunft der beiden Märchensammler und Philologen Jacob und Wilhelm Grimm , von ihrem Professorenmut vor Königsthronen seinerzeit in Göttingen , ihrer Ausweisung und erzwungenen Übersiedlung ins Hessische nach Kassel , ihrer herkulischen Arbeit am Grimmschen Wörterbuch, vom Alltag in ihren Berliner Gelehrtenstuben, ihren Spaziergängen im Tiergarten, er kennt sich bestens aus in ihrer Verlagskorrespondenz und ihren Familienangelegenheiten. Der Form nach ist das Buch selber ein Wörterbuch, das sich gemeinsam mit den Grimms an den Buchstaben A bis F sowie den Buchstaben K, U und Z abarbeitet, was man daran leicht erkennt, dass in dem A-Kapitel sehr viele A-Worte, im E-Kapitel ein E-Gedicht und so weiter vorkommen.

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In zweiter Linie ist das Wörterbuch aber auch eine politische Autobiografie des Autors. Das erkennt man daran, dass Grass die Brüder Grimm bei ihrer Suche nach den A- bis F-Wörtern (weiter sind die Brüder in ihrem Wörterbuch selber nicht gekommen) nicht nur begleitet, sondern seinerseits Worte beibringt, die das eigene Jahrhundert und das eigene Werk ihm zuspielen. So ergänzt er die Grimmschen Bestände schon beim A nicht nur um das neumodische Arbeitsamt , die Arbeiterbewegung und den Arbeiteraufstand, sondern auch um das »Achachach!« der Knipsmarie in seinem Roman Die Box.

Gegenwart und Vergangenheit sind nach allen Richtungen durchlässig, so ein vielfach erprobtes Grasssches Schreibrezept, das schon Fontane als Fonty ins wiedervereinigte Berlin geführt hat. Hier durchschreitet der Autor Seite an Seite mit den Brüdern Grimm deren letzte Lebensjahrzehnte, weiß, wann ihnen die Leselampe qualmt, wer ihnen die Röcke bügelt und wie unmöglich sich Bettine von Arnim in ihrem Hause aufführt. Dann, nachdem erst Wilhelm über dem Buchstaben D, dann Jacob über dem F gestorben ist und die Wörterbucharbeit von anderen fortgeführt wird, bittet der Autor die beiden immer wieder zu kollegialen Totengesprächen in den Berliner Tiergarten.

Der Weg von Grimm zu Grass und von Grass zu Grimm ist dabei stets der denkbar kürzeste. Müht sich Jacob beim F mit dem »Flechtmoos« und dem »Fleck« ab, steuert Grass den »Fernsehphilosophen« bei und sorgt auch selbst für ein Zitat, das man dem Wörterbuch hinzufügen könnte: Ein »Fernsehphilosoph« ist, wem »die Seifenblasen bonbonfarben vom Munde fliegen und schillern, bis sie platzen: wohlfeiles Gefasel, das bis ins Feuilleton Widerhall findet«. Hält Jacob Grimm eine Rede vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften, hält Günter Grass eine vor der Berliner Akademie der Künste . Spricht Grimm in der Paulskirche, spricht auch Grass in der Paulskirche. Die Grass-Grimm-Vergleiche fliegen von Jahrhundert zu Jahrhundert wie Echos von Berggipfel zu Berggipfel. Die Einsicht in den Maßstab des Vergleichs wird beim Leser stillschweigend vorausgesetzt.

Diese Parallelführung bringt, solange sie von Einfühlung begleitet wird, eine erzählerische Patina ins Spiel, die – besonders in der von Grass selbst gesprochenen CD-Version – altfränkisches Wohlbehagen verströmt. Die sprachliche Wohlsortiertheit des Grimmschen Universums, das Füllhorn aus beigebrachten Zitaten und Fundstücken, die heitere Zugeneigtheit, mit der Grass sich den Brüdern empfiehlt, verbreitet den Glanz der guten alten Dinge. Die gelungene Nachahmung des biedermeierlichen Schmuckstils der Epoche sorgt für literarische Entschleunigung. Man taucht die Stahlfeder erst ins Fässchen und streift hernach »der Tinte Überfluß ab«. Man spricht nicht im Dialekt der Obergrafschaft Hanau, sondern es bleibt einem »der dort übliche Zungenschlag bis ins Alter anhänglich«. Man »waltet seines Amtes« und übersieht »des Todes Nähe«. Das ist sprachliche Denkmalpflege durchaus im Grimmschen Sinn.

Auch nimmt die gepflegte Verlotterung, die den Fortgang des Erzählens angenehm behindert und zu ständigen Abschweifungen Anlass gibt, die leidenschaftlich unsystematische Arbeitsweise der Brüder wieder auf. Beim Buchstaben A kommt Grass über die Stichworte Asche und Arbeitervertreter ganz zwanglos zu seinen Wahlkampfreisen in den Jahren 65 und 68, von dort zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und seiner ausführlich wiedergegebenen Rede in Gelsenkirchen oder Wanne-Eickel vor Kuchen essenden Bergarbeitergattinnen. Und so immer weiter. Das B bietet Gelegenheit, auf eine dem Autor weiland in der Künstlergarderobe des Berliner Ensembles entwendete Brieftasche samt Fotos der »schönbrüstigen Ute« zu sprechen zu kommen. Vom Eid, den die Brüder einst in Göttingen nicht brechen wollten, gelangen wir zu einem anderen Eid, den der Autor siebzehnjährig auf den Reichsführer der Waffen-SS leisten musste und nachträglich gerne gebrochen hätte. Die Verfassungstreue der Brüder Grimm wiederum ist willkommener Anlass, das in der Bundesrepublik geänderte »Verfassungsrecht auf Asyl« zu geißeln, diesen »Rückfall« in die Barbarei«.

Leserkommentare
  1. Wenn das "Werk" so strukturiert ist, wie es scheint, will er sich damit anscheinend selbst ein Denkmal setzen als eine der deutschen Geistesgrößen. Auf einer Augenhöhe mit den Gebrüdern Grimm. Vermutlich denkt er, die meisten Leute merken das nicht.

    Nur weil es schon spät ist, tippe ich jetzt keine Generalabrechnung zusammen ;).

  2. Vielleicht bin ich schon zu müde oder grundsätzlich nicht linksintellektuell genug.
    Aber wenn er im Zusammenhang mit der Bundesrepublik und Asyl von "Barbarei" spricht, kann er damit nur meinen, dass wir in barbarischer Weise zu wenige reinlassen.^^

    Antwort auf "Wie jetzt?"
    • yogys
    • 19. August 2010 20:27 Uhr

    verschonen - wert ist gleich null - ist wohl nur
    für die sandalenfraktion interessant

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Varech
    • 20. August 2010 21:58 Uhr

    Da müssen wir jetzt aber auch aufpassen, dass wir nicht zu gestiefelten Denkern werden. Die Sorte hat uns schon mehrmals ganz schön reingeritten. Also immer kühlen Kopf bewahren und Schuhwerk je nach Temperatur! Besser Sandalen als Stinkstiefel.

  3. Eines sieht der alte Sozialdemokrat graß verkehrt: Es gibt genügend junge politische Autoren, aber krass zu wenige Verlagshäuser, die diese jungen politischen Autoren verlegen. Gleichwohl sich immer noch ein paar engagierte Verleger sehr verdient machen – im krassen Gegensatz zu den postmodernen Bookmanagern. Warum z. B. liegt die politische Belletristik zu Afghanistan nicht auf den Büchertischen? Dem Land des Kriegs und des Opiumanbaus, wo auch der `Drache unterm Halbmond´ sein zerstörerisches Feuer faucht? Und dass er es nicht mit `new ebooks´ hat: Womöglich hat sich Goethe auch nicht vorstellen können, einmal als kleines dünnes Reclam-Heftchen zu erscheinen ...

    • Varech
    • 20. August 2010 20:38 Uhr

    ... das zeigt den Kenner. Aber wer schon mal beigetreten war, der musste den Eid leisten.
    Ansonsten wissen wir doch, dass bei jungen Menschen sich die Tugend noch mehr im Bereuen von Fehlern manifestiert, als in ihrem Vermeiden. Im Alter kann sich beides wieder verlieren.

    Gekürzt, bitte diskutieren Sie sachlich. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.

    • Varech
    • 20. August 2010 21:42 Uhr

    ... auf Nr.6 und Nr.9 soll das hier sein, aber hochschreiben, tun Sie das nicht vielleicht auch? Absichtlich?
    Waren die Insassen der DDR denn Bürger im ganzen Sinne des Wortes?
    Waren die, die aus den Pâckchen der Leute genommen haben (entnehmen hiess das damals) wirklich der Zoll, wie es ihn an legitimen Grenzen gibt?
    Zum Glück ist "die" Zeit nicht über Günter Grass hinweggegangen, sondern war es eher umgekehrt.
    Dass Grass dem Buchhandel immer wichtig war, ist nur natürlich. Haben Sie den noch gekannt? "Jetzt kaufst du Günter Grass, sonst setzt es was! Jetzt kaufst du Herrmann Hesse, sonst gibts eins in die Fresse! Jetzt kaufst du mir den Simmel ab, sonst schneid ich dir ... ins Ohrläppchen!"

    Nr.15, Pardon, das sollte nur Spott auf die sein, die ihre Kennerschaft gerade noch dadurch beweisen, dass sie die alte Geschicht mit den 2 S wieder und wieder aufwärmen. War, das stimmt, wohl etwas zweischneidig zu schneidig.

    • Varech
    • 20. August 2010 21:58 Uhr
    15. Stuss

    Da müssen wir jetzt aber auch aufpassen, dass wir nicht zu gestiefelten Denkern werden. Die Sorte hat uns schon mehrmals ganz schön reingeritten. Also immer kühlen Kopf bewahren und Schuhwerk je nach Temperatur! Besser Sandalen als Stinkstiefel.

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    • yogys
    • 21. August 2010 7:53 Uhr

    noch in ein dilemma reiten dessen ausmass
    in 20ig,30ig jahren nicht mehr zu zügeln sein wird -
    schland-so herrlich bunt und was für eine seltsame sprache wird dann gesprochen - ist das schland?

    • yogys
    • 21. August 2010 7:53 Uhr

    noch in ein dilemma reiten dessen ausmass
    in 20ig,30ig jahren nicht mehr zu zügeln sein wird -
    schland-so herrlich bunt und was für eine seltsame sprache wird dann gesprochen - ist das schland?

    Antwort auf "Stuss"

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