Angelina Jolie Alles beim Alten
Jolie! Andrew Morton hat aus lauter Illustrierten eine Biografie gemacht
© Francois Durand/Getty Images

Angelina Jolie vor der Premiere ihres neuen Films "Salt" in Paris
Lesen und lesen ist zweierlei. Das heißt: Es ist einerseits eine Kulturtechnik, die Erstklässler nach einem Jahr halbwegs draufhaben. Lesen ist andererseits eine Erfahrungsweise, die kennenlernt, wer die Technik mit etwas Ausdauer anwendet. Denn um zu erleben, wie das Gelesene sich im eigenen Kopf weiter entwickelt, braucht es eine bestimmte Lesestrecke. Nach wie vor eignen sich dafür Bücher am besten. Das hat nichts mit oberlehrerhafter Bildungsmoral zu tun. Das ist eine Tatsache.
Sie lässt sich einfach an der Lektüre eines Buches überprüfen, in dem nur Sachen stehen, die man schon mal gelesen hat. Aber eben nicht in einem Zug, sondern in kleinen Portionen in Illustrierten. Andrew Mortons Biografie über Angelina Jolie eignet sich für das Experiment sehr gut. Denn in diesem Buch steht wirklich gar nichts, was aus dem Leben der atemberaubend attraktiven, abenteuerlustigen, adoptionsfreudigen US-Schauspielerin nicht bekannt wäre. Allein deshalb, weil Angelina Jolie nie geizte mit Auskünften über problematische Kindheit, Drogenabhängigkeit, Magersucht, Faible für Tattoos, Liebhaber und Liebhaberinnen, Engagement in Entwicklungsländern, Kindersippe und natürlich Filme. Sie versorgt uns verlässlich alle paar Wochen mit einer Neuigkeit und ist, seit es Lady Di nicht mehr gibt, die Frau mit den meisten Schlagzeilen auf den meisten Zeitschriftencovern. Man musste den Eindruck gewinnen: Im Leben von Angelina Jolie ist der Bär los. Die Frau lebt so schnell, so einfallsreich, so forciert, dass sie sich selbst immer schon zwei Schritte voraus ist. Gestern noch Männermörderin, heute schon Muttertier.
Das Seltsame ist nun, wie anders das alles wirkt, wenn man es über 478 Buchseiten hin als Gesamtschau geboten bekommt. Man merkt plötzlich: Die Frau ist sich keineswegs immer zwei Schritte voraus. Die lebt im Gegenteil allem hinterher, was es in der Geschichte extrovertierter Divenhaftigkeit schon gegeben hat. Die absolviert ein Pensum, das sich aus Josephine Baker, Rita Hayworth, Kate Moss und Mia Farrow zusammensetzt. Man wird müde beim Lesen. Hier das Heroin, dort die Liebschaft mit Mick Jagger, dazwischen Auftritt beim Weltwirtschaftsgipfel, dann das Rumgereise mit Brad Pitt. Ab Seite 300 hat man für Nachrichten aus der Welt der Fesselspiele und der luststeigernden Würgetechniken einfach keine Verwendung mehr.
Man schaut aus dem Buch auf und denkt: Kann da nicht mal was Neues passieren? Gibt es nicht eine interessantere Idee für das Leben einer Glamourfrau? Uma Thurman, sexy, sophisticated und gelassen, zeigt doch, wie es gehen kann, als Gesicht des Weltkinos und der Massenmedien präsent zu sein und doch einigermaßen diskret die Kinder aufzuziehen. So denkt man, weil man ein paar Stunden mit dem Buch verbracht hat. Nach ein paar Minuten denkt man so noch nicht.
- Datum 20.08.2010 - 09:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.08.2010 Nr. 34
- Kommentare 6
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So "atemberaubend attraktiv" finde ich die Frau gar nicht.
Vor allem scheine viele nicht den Unterschied zwischen ihr und den Rollen, die sie eben nur (noch dazu mittelmäßig bis schlecht) spielt zu sehen.
Powerfrau, weil Sie aufgrund ihres fragwürdigen Sexsymboldstatus die Rolle der Lara Croft u.ä. spielt?
Wer wes nicht weiß: Die Gute wurde schon für sieben goldene Himbeeren nominiert.
so wichtig kann eine frau aus amerika nicht sein, zumal wir im alten europa sorgfäliges gedankengut im kopf haben
und nicht nur den dollar, da wo der amerikanischen unterschicht die zähne ausfallen.
nach hollywood kann man sterben, nicht leben.
Josephine Baker und Angela Jolie. Ist ein gleiches Verhältnis wie Elvis und Gary Glitter, gemessen an den glitzernden Overalls.
Gibt es so wenige wichtige oder erwähnenswerte Künstler, dass man die Boulevard-Ikone Jolie jetzt auch in der ZEIT medial verbraten muss? Reicht es wirklich nicht aus, wenn sich die gesamte Regenbogenpresse und die Promipräsentierformate im TV sich um derartige Protagonisten der Glitzerwelt kümmern, die einem ZEIT-Leser weniger interessieren als Jolly Jumper in the death valley?
Die Leistung von Frau Jolie summiert sich lediglich aus einer einfachen Formel, Relativ attraktive Frau mit einem relativ begabten Schauspielergatten (der immerhin schon sehr gutes Können abgeliefert hat: Babel, Magnolia, aus der Mitte entspringt ein Fluss etc.) plus einer international zusammenadoptierten Kinderschar plus einem sehr hübschen Wohnort in Südfrankreich dividiert durch meistbietendes Lebensverschachern. Für die nachhaltige Bereicherung der Kultur hat sie sehr wenig beigetragen. Immerhin muss man Frau Jolie zugestehen in Eastwoods Filmdrama "Der fremde Sohn" leidlich agiert zu haben. Ansonsten fiel sie eher durch hollywoodeskes Grimassenschneiden auf.
Aber leben und leben lassen, auch Lothar Matthäus ist ein glänzender Rhetoriker und Damien Hirst ein begnadeter Kunsterneuerer.
Wenn ich in der ZEIT weiter blättere und dann sehe, dass man Frau Potente ebenso eine ganze Seite gewidmet hat, frage ich mich, was aus dem Kulturanspruch der ZEIT geworden ist.
Es kaum vorstellbar, dass es die ZEIT inzwischen nötig hat, in Revieren zu wildern, in denen nur Attrappen zu erlegen sind.
W. Neisser
sollte eingerichtet werden.
Verstehe sowas nicht. Oder gilt es, den Frust über die lesend vertane Zeit in klingende Münze umzulenken?
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