Sachbuch von John Darwin Was nach Tamerlan kamSeite 3/3
Darwin bietet jedoch keine ausgefeilte Typologie unterschiedlicher Imperialismen. Auch auf die oft gewaltsamen Folgen der imperialen Unterwerfung geht er nur selten ein. Mit stupender Gelehrsamkeit hält er dagegen harte Fakten über wirtschaftliche, demografische und kulturelle Entwicklungen vor. Als erfahrener Historiker enthält er sich jeder Prognose und möchte daher auch dem amerikanischen Imperium keine Carte blanche auf die Zukunft ausstellen. Denn jede Dominanz habe bislang geradezu naturnotwendig Widerstandskräfte mobilisiert.
Darwins größte Bewunderung gilt den Chinesen, die sich am beständigsten gegen äußere Gefährdungen gewehrt, des Öfteren aber auch die Chance verpasst hätten, selbst ein transkontinentales Imperium zu schaffen. Die im 19. Jahrhundert begründete große Divergenz zwischen Europa und Ostasien schließe sich heute immer rasanter. Darwins Infragestellung aller bisherigen Erklärungsansätze gerinnt ihm gelegentlich zur Attitüde, zumal er manche Deutung nach eigener Herleitung durchaus rehabilitiert. Letztlich hat man es mit einer provokativen, enorm anregenden Lektüre zu tun. Kaum ein Stein des welthistorischen Mosaiks seit der frühen Neuzeit bleibt von Darwin ungewendet.
Zwei übergreifende Tendenzen werden an dem Werk des Briten sichtbar. Zunächst ordnet es die Ära des Nationalstaats einer ihr gebührenden Ausnahmesituation zu. Damit arbeitet es einem Geschichtsbild zu, wie es der Lebenserfahrung von immer mehr Menschen mit ihren Hybridkulturen und wechselnden Identitäten entspricht. Darwin verweist zu Recht darauf, dass die wachsende Anzahl von migrierenden Menschen eine dynamisierte und antinational geprägte historische Tradition mit sich bringt.
Zum Zweiten stellt ein derart komplex angelegtes historisches Geflecht vor neue darstellerische Herausforderungen. Obwohl Darwin jederzeit streng argumentiert und sich alles Anekdotische erspart, entsteht ein Text von starker Intensität. Getragen wird er von leitenden Themen wie dem Streben nach Imperien als einem Grundelement der Weltgeschichte, das an das "Gesetz der wachsenden Räume" der geopolitischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts erinnert. Auch bei Darwin wird fortgesetzt einem Druck nachgegeben, wandeln sich Mächtekonstellationen oder werden strategische Chancen ergriffen. Selbst die Zentralperspektive auf das eurasiatische "Herzland" ist den Geopolitikern Halford Mackinder und Karl Haushofer geschuldet.
Der Vorzug dieser Betrachtungsweise ist, dass sie eine Reihe handfester Ursachen auf komplexe Weise miteinander in Beziehung setzt: demografische Faktoren, ökonomische Interessen, räumliche Voraussetzungen sowie technische oder wissenschaftliche Entwicklungen. Ihr Nachteil ist, dass die historischen Bewegungsgesetze einer überpersönlichen Logik zu folgen scheinen. So heißt es selbst über einen der größten Weltbeweger: "Mit Napoleon Bonaparte erhielt dieser Prozess Charisma und Genie." Nach Tamerlan scheint es für Darwin nur noch solche Vollstrecker des geopolitischen Weltgeistes gegeben zu haben.
Das Buch Darwins ist ein gewichtiger Beitrag zu einer Weltgeschichte, die sich von den zyklischen Spekulationen Oswald Spenglers oder Arnold Toynbees ebenso wohltuend unterscheidet wie von den Kulturkampf-Szenarien Samuel Huntingtons. Man sollte parallel die Darstellung seines Oxforder Kollegen Felipe Fernández-Armesto lesen, der vor 15 Jahren mit seinem Werk Millennium bereits eine – sehr viel anekdotischere – Geschichte des letzten Jahrtausends vorgelegt hat. Erst solche Kombinationen von oben und unten, von Raum und Mensch lassen erahnen, wie sich die Geschichtsschreibung im Zeitalter der vielen Provinzen fortsetzen wird.
Dirk van Laak ist Professor für Zeitgeschichte in Gießen. Zu seinen letzten Büchern gehören »Über alles in der Welt« (Beck Verlag 2005) und "Imperiale Infrastruktur" (Schöningh 2004)
- Datum 26.08.2010 - 18:33 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.08.2010 Nr. 34
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Obgleich dieser Artikel wohl eher als Werbeeinblendung zu verstehen ist, möchte ich doch in einem Aspekt näher darauf eingehen.
Es stimmt, die euro-amerikanischen Imperien sind historisch gesehen einige von vielen. Was freilich ausgeblendet wird ist, dass sie bislang die wirkmächtigsten waren. Das kann man hervorragend von der kulturellen Dominanz des euro-amerikanischen Raums ableiten.
Man darf davon ausgehen, dass mehr asiaten Cola, Whysky und Bier trinken als der Rest der Welt Reiswein trinkt. Ferner darf man davon ausgehen, dass mehr Asiaten Mozart hören als der Rest der Welt sich Musik von der Kniegeige anhört. Ebenso verhält es sich mit Produkten des täglichen Bedarfs oder der Hochtechnologie, deren Ursprung im euro-amerikanischen Raum liegen.
Auch ein weiterer Aspekt wird in dem Artikel fehlgedeutet. Auch wenn beispielsweise China jahrhundertelang und unangetastet die maßgebliche territoriale Macht war, hat es doch nie das Weltgeschehen dominiert.
Die euro-amerikanischen Imperien haben es über 500 Jahre getan.
Ob das so bleibt, stelle ich den Auguren anheim.
Genausogut kann man sagen, es benutzen mehr
Europäer arabische Zahlen, als Araber römische.
Ohne außereuropäische Erfindungen wie Kompass,
Schwarzpulver, Christentum usw. hätte sich Europa
niemals so rasant entwickelt.
Mal sind die einen vorne, mal die anderen,
und im Moment setzt Ostasien zum überholen an.
Genausogut kann man sagen, es benutzen mehr
Europäer arabische Zahlen, als Araber römische.
Ohne außereuropäische Erfindungen wie Kompass,
Schwarzpulver, Christentum usw. hätte sich Europa
niemals so rasant entwickelt.
Mal sind die einen vorne, mal die anderen,
und im Moment setzt Ostasien zum überholen an.
Genausogut kann man sagen, es benutzen mehr
Europäer arabische Zahlen, als Araber römische.
Ohne außereuropäische Erfindungen wie Kompass,
Schwarzpulver, Christentum usw. hätte sich Europa
niemals so rasant entwickelt.
Mal sind die einen vorne, mal die anderen,
und im Moment setzt Ostasien zum überholen an.
Wenn ich Europa sage ist das inklusive des Mittelmeerraums. Also auch Nordafrika und der nahe Osten, weil das historisch zusammenhängt.
Da haben Sie natürlich Recht,
aber der nahe Osten hängt auch mit dem mittleren Osten
zusammen usw.
Irgendwie geht es in Eurasien von links nacht rechts,
und von rechts nach links.
Nur die Afrikaner und die Indianer hatten das Pech
von dieser "Seidenstraße" der großen Erfindungen
abgeschnittten zu sein.
Bier ist übrigens auch keine europäische Erfindung.
Da haben Sie natürlich Recht,
aber der nahe Osten hängt auch mit dem mittleren Osten
zusammen usw.
Irgendwie geht es in Eurasien von links nacht rechts,
und von rechts nach links.
Nur die Afrikaner und die Indianer hatten das Pech
von dieser "Seidenstraße" der großen Erfindungen
abgeschnittten zu sein.
Bier ist übrigens auch keine europäische Erfindung.
Da haben Sie natürlich Recht,
aber der nahe Osten hängt auch mit dem mittleren Osten
zusammen usw.
Irgendwie geht es in Eurasien von links nacht rechts,
und von rechts nach links.
Nur die Afrikaner und die Indianer hatten das Pech
von dieser "Seidenstraße" der großen Erfindungen
abgeschnittten zu sein.
Bier ist übrigens auch keine europäische Erfindung.
Der Punkt ist einfach, das China oder Indien niemals die hälfte der Welt Kolonialisiert hat. Und in der Summe des Kulturexports nicht gleichziehen kann.
Bis jezt jedenfalls.
China und Indien haben niemals die Hälfte der Welt
kolonisiert, aber sie sind schon die halbe Welt.
Ich habe das Gefühl sie überschätzen die Bedeutung
Europas.
Man denke nur an die zahlreichen Elektrogeräte, Zusatzteile und dergleichen. Shimanobremsen an unseren Fahrrädern, Spielzeuge unserer Kinder, unsere PCs und dergleichen stammen alle aus China. Wenn man andere Kulturexporte sehen möchte, schaue man sich nur die Tattoos an, die aus Indien importiert wurden oder der Kaffee.
Sicherlich wird der eine oder der andere jetzt sagen, aber unsere Philosophie, unsere Weltdeutung... Die Renaissance des Abendlandes hätte es nie gegeben, wenn ihr nicht die islamische Tradierung vorausgegangen wäre - eine Tatsache, der in der derzeiten Philosphiegeschichte (noch) keine Rechnung getragen wird.
China und Indien haben niemals die Hälfte der Welt
kolonisiert, aber sie sind schon die halbe Welt.
Ich habe das Gefühl sie überschätzen die Bedeutung
Europas.
Man denke nur an die zahlreichen Elektrogeräte, Zusatzteile und dergleichen. Shimanobremsen an unseren Fahrrädern, Spielzeuge unserer Kinder, unsere PCs und dergleichen stammen alle aus China. Wenn man andere Kulturexporte sehen möchte, schaue man sich nur die Tattoos an, die aus Indien importiert wurden oder der Kaffee.
Sicherlich wird der eine oder der andere jetzt sagen, aber unsere Philosophie, unsere Weltdeutung... Die Renaissance des Abendlandes hätte es nie gegeben, wenn ihr nicht die islamische Tradierung vorausgegangen wäre - eine Tatsache, der in der derzeiten Philosphiegeschichte (noch) keine Rechnung getragen wird.
China und Indien haben niemals die Hälfte der Welt
kolonisiert, aber sie sind schon die halbe Welt.
Ich habe das Gefühl sie überschätzen die Bedeutung
Europas.
Oder ordnet die Bedeutung Europas, das ja eben nicht die halbe Welt ist für die letzten drei bis vier Jahrhunderte richtig ein....Das Fleckchen Erde ist dann doch sehr einflussreich geworden, vor allem, wenn man "Sekundäreuropa" vor Augen hat...
Oder ordnet die Bedeutung Europas, das ja eben nicht die halbe Welt ist für die letzten drei bis vier Jahrhunderte richtig ein....Das Fleckchen Erde ist dann doch sehr einflussreich geworden, vor allem, wenn man "Sekundäreuropa" vor Augen hat...
und ich habe das Gefühl sie übershätzen Asien. Tja, was machen wir da.
Indien wurde zuerst von den Arabern erobert und dann von den Europäern. Bezüglich Chinas war da der Opiumkrieg. Keiner von besagten Nationen ist jemals in Europa oder die USA eingefallen, außer als Einwanderer.
Schon mal was vom Mongolischen Reich gehört ?
Sind immerhin bis nach Schlesien gekommen.
Schon mal was vom Mongolischen Reich gehört ?
Sind immerhin bis nach Schlesien gekommen.
Oder ordnet die Bedeutung Europas, das ja eben nicht die halbe Welt ist für die letzten drei bis vier Jahrhunderte richtig ein....Das Fleckchen Erde ist dann doch sehr einflussreich geworden, vor allem, wenn man "Sekundäreuropa" vor Augen hat...
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