Obdachlose in Berlin werden in Jenny De la Torres Behandlungszentrum für Obdachlose medizinisch behandelt © Arno Burgi/dpa

Als Erstes musste sie neu atmen lernen. Das ist wichtig, wenn man am Bahnhof als Ärztin arbeitet – flach durch den Mund atmen oder kurz die Luft anhalten, wenn ein Patient ganz schlimm riecht. Damit sie nicht umkippt. Zu Jenny De la Torre kommen Menschen, die manchmal jahrelang keinen Arzt gesehen und monatelang nicht geduscht haben. Die gebürtige Peruanerin arbeitet als Obdachlosenärztin in Berlin. Zufällig ist sie da reingerutscht, und jetzt will sie nicht mehr damit aufhören.

De la Torre ist 56 Jahre alt, eine kleine, energische Frau mit Perlenohrringen und Sommersprossen. Eine Hand steckt in der Hosentasche, die Schultern sind leicht nach vorn gebeugt wie bei jemandem, der schnell zupackt und nicht lang zaudert. Sie redet ruhig, ohne zu bevormunden. Es wirkt, als spräche sie mit einem Kumpel, nicht mit einem Obdachlosen.

Heute sitzt ein Mann vor ihr, Mitte 50, sein Gesicht ist rot, und seine Augen wirken glasig. Er hat blonde Haare, vorne kurz, hinten lang, er trägt eine Krücke und ein gestreiftes T-Shirt, das sich über seinen Bierbauch spannt. »Sie haben ein Loch im Fuß«, sagt die Ärztin. Ihre Mitarbeiter waschen dem Obdachlosen die Füße, cremen sie ein, verbinden sie und geben ihm frische Socken. Als der Mann am Tag zuvor zum ersten Mal in der Praxis aufgetaucht war, mussten sie ihn erst in die Dusche stellen und von Kopf bis Fuß gründlich waschen. Er hatte zuvor mehrere Wochen unter freiem Himmel geschlafen, kaum gegessen, aber viel getrunken, die Kleidung nicht gewechselt. Sie wollte ihn eigentlich sofort ins Krankenhaus schicken. Aber er weigerte sich: »Nicht ohne Geld«, hatte er gesagt. »Soll ich da schon wieder betteln müssen?«

Er ging stattdessen in eine Notunterkunft für Obdachlose. Doch heute Morgen wurde er hinausgeworfen. »Ich war gestern wieder alkoholisiert, das gebe ich zu«, sagt er. Aber nett und höflich sei er gewesen. »Ich will nicht wieder auf dem Friedhof schlafen.« Ob Frau Doktor nicht ein gutes Wort für ihn einlegen könnte?

Eine Viertelstunde später ruft sie in der Notunterkunft an. Der Patient zeige sich kooperativ, sagt sie am Telefon. Und: »Ich bin ein bisschen zuversichtlich. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben.« Dann legt sie auf. Ihr Patient hat wieder ein Bett. »Ich bedanke mich ganz herzlich«, sagt der und verbeugt sich leicht.

Jenny De la Torre bietet ihren Obdachlosen vieles – aber keine Betten. Bei ihr arbeiten ein Augen-, ein Haut- und ein Zahnarzt, ein Orthopäde, ein Internist, ein Psychologe, ein Anwalt und ein Friseur. Unter dem Dach werden Essen und Kleider verteilt. Die meisten Mitarbeiter kommen ehrenamtlich in das Gesundheitszentrum für Obdachlose , das Jenny De la Torre im September 2006 eröffnet hat. Mit Preisgeldern und Spenden hat sie die gemeinnützige Jenny De la Torre Stiftung gegründet und in Berlin-Mitte ein denkmalgeschütztes Haus mit einem großen Garten für das Zentrum gekauft. Das Haus und ihr Gehalt finanzieren sich vollständig durch Spenden.

In der Straße parken die BMWs, Smarts und VWs der Anwohner, in der Nachbarschaft hat die Werbeagentur Scholz & Friends ein Büro. Im Treppenhaus stehen Kakteen im Übertopf, die Wände sind frisch gestrichen, im kleinen Wartezimmer liegen die Berliner Zeitung und eine alte Ausgabe der Bahnzeitschrift Mobil. Wenn ein Patient vom Stuhl aufsteht und Schmutz kleben bleibt, kommt ein Mitarbeiter mit Desinfektionsspray.

Anfangs träumte sie oft von ihren Patienten

Angefangen hat alles vor 18 Jahren im Wartezimmer einer Organisation für arbeitslose Ärzte. Dort lernte Jenny De la Torre zufällig eine Frau vom Hilfsprojekt »Schwangere und Mütter in Not« kennen, die für eine ABM-Stelle eine Ärztin suchte. De la Torre sagte: »Hier bin ich!« Doch die Frau wollte eine Gynäkologin, und Jenny De la Torre wollte lieber als Kinderchirurgin im Krankenhaus arbeiten. Schließlich hatte sie das einst gelernt. »Außerdem, ABM-Stelle? Was ist das? Kenne ich nicht.« Doch eine Woche später bekam sie dann überraschend einen Anruf von der Hilfsorganisation: »Wir möchten Sie unbedingt haben. ABM erkläre ich Ihnen. Machen Sie das!«

Also arbeitete Jenny De la Torre zunächst in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bei dem Schwangerenprojekt. Dabei kümmerte sie sich auch erstmals um obdachlose Menschen. Um schwangere Frauen ohne Schuhe beispielsweise. Seither hat sie kaum noch Kinder operiert. »Kinderchirurgie ist aber immer noch so eine Art Heimat«, sagt sie. »Ich bekomme schon manchmal etwas Heimweh.«

Im Jahr 1994 landete sie schließlich als Obdachlosenärztin am Ostbahnhof im Keller. Ein Raum, zwölf Quadratmeter, ohne Telefon, ohne Fenster, direkt neben der Küche. Es roch nach Erbsen- und Kartoffelsuppe. »Manchmal habe ich mich nicht getraut, die Tür aufzumachen«, sagt sie. »Die Leute saßen vor der Tür und aßen, und ich hatte einen Patienten da, dem die Socken eingewachsen waren, der sich monatelang nicht gewaschen hatte.«

Anfangs träumte sie oft von ihren Patienten. Und von Läusen, Würmern und Milben. »Einmal habe ich geträumt, das Ungeziefer würde mich auffressen«, erzählt sie. »Ich habe mich gefragt: Wie lange wirst du das ertragen können, jeden Tag so einen Menschen zu sehen?« Anfangs wollte sie noch weglaufen. »Aber das hätte mich nie wieder losgelassen«, sagt sie. »Ich hätte trotzdem immer an diese Menschen gedacht und mir Vorwürfe gemacht, dass ich ihnen nicht geholfen habe.«

Im Jahr 2008 lebten in Deutschland etwa 20.000 Menschen auf der Straße, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe . In Berlin waren es nach Angaben des Berliner Senats rund 2000. Einige hat Jenny De la Torre schon von der Straße geholt. 15 bis 20 Prozent schaffen den Absprung, schätzt sie. Einen ihrer ehemaligen Patienten hat sie vor Jahren zufällig getroffen. »Ich habe ein Bild von Ihnen an der Wand hängen«, sagte er. »Da hängt meine Tochter, und da hängen Sie.« Und einmal rief eine frühere Patientin an. Jenny De la Torre hatte sie und ihren drogenabhängigen Freund lange behandelt, dann aber jahrelang nicht mehr gesehen, weil sie in einer eigenen Wohnung lebten. Die Patientin reichte den Telefonhörer weiter an ihre sechsjährige Tochter. »Tante Jenny«, sagte die, »ich wollte dir nur sagen, mein Papa ist jetzt im Himmel.«

Seit 16 Jahren betreut sie jeden Tag bis zu 30 Patienten. Dafür hat Roman Herzog sie 1997 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und im Mai dieses Jahres erhielt sie von der Berliner Charité die Ehrendoktorwürde verliehen. Als Gastdozentin bringt sie dort seit zwölf Jahren den jungen Studenten bei, wie sie Obdachlose richtig behandeln müssen. Patienten, die sich nur einmal untersuchen lassen, die vier Monate lang ihren Verband nicht wechseln oder eine ganze Packung Antibiotika auf einmal schlucken. Einige der Studenten haben nach dem Seminar bei Jenny De la Torre hospitiert oder ehrenamtlich gearbeitet.

Geboren wurde De la Torre in einem kleinen Dorf in den Anden im Süden Perus. Sie habe immer schon Ärztin werden wollen, erzählt sie. Anfang der siebziger Jahre begann sie dann mit ihrem Medizinstudium in der Hauptstadt Lima. Sie wollte ihr eigenes Geld verdienen, schließlich wollten ihre drei Geschwister auch studieren. Deswegen strickte sie nachts Babysachen und verkaufte sie tagsüber auf dem Markt.

»Schöne Grüße aus Rostock, ich studiere hier Medizin«

Eines Tages las eine Kommilitonin im Seminarraum eine Grußkarte aus Deutschland von einer Mitstudentin vor: »Schöne Grüße aus Rostock, ich studiere hier Medizin«, stand da. »Da habe ich gehört, dass es diese Stipendien gibt, und meine drei besten Freundinnen und ich haben gesagt: Das machen wir auch. Einfach so, ganz spontan.« Letztlich ging Jenny De la Torre als Einzige in die DDR. Sie dachte an Robert Koch und Albert Einstein und dass es fantastisch sein muss, in Deutschland zu studieren. Als sie ankam, verstand sie kein Wort. »Ich konnte nur ›Milch‹. Ich dachte, dass ist ja wie Englisch – milk.«

Nach dem Studium folgte eine Facharztausbildung zur Kinderchirurgin, dann eine Promotion an der Charité, abgeschlossen summa cum laude. Mitte der achtziger Jahre wollte sie zurück nach Peru, doch dort wurde ihr DDR-Abschluss in Medizin nicht anerkannt. Also kam sie zurück, arbeitete hier und da, war irgendwann arbeitslos. Dann traf sie die Frau vom Schwangerenprojekt.

Den Patienten mit der Krücke und dem Loch im Fuß kennt »Frau Doktor« noch vom Ostbahnhof. Er schwärmt von ihr. Kein Arzt sei so gut wie sie. Ein wahrer Engel! Da lacht sie verlegen und schaut auf den Boden. So viel Lob hört sie nicht gern. Ob er denn schon gegessen habe, fragt sie. »Ihr Körper verträgt den Alkohol viel schlechter, wenn sie so wenig essen.« Essen sei nebensächlich, sagt er. »Ich lebe von Alkohol. Es stellt sich nur die Frage, wie lange noch.«

Jenny De la Torre hofft, dass irgendwann keine Obdachlosen mehr auf Berlins Straßen leben. »Zumindest nicht in diesem Zustand«, sagt sie. Was ihr Hoffnung macht, sie durch den Alltag trägt? »Ich kann nicht nur die Patienten behandeln, sondern ein bisschen auch die Gesellschaft.«

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