Der achtjährige Kieron Williamson wird von manchen als Großbritanniens momentan spannendster Künstler bezeichnet © AP

Alles weg, alles verkauft. Es gibt keine Bilder mehr von Kieron Williamson, und wer doch noch eines will, muss sein Glück bei einer Internetauktion versuchen, die an diesem Freitag endet. Dort versteigert seine Galerie zwei Bilder: das letzte, das Kieron als Siebenjähriger gemalt hat. Und das erste, das nach seinem achten Geburtstag Anfang August entstand. Erwarteter Preis pro Werk: mehr als 18.000 Pfund.

Wohl noch nie gab es einen so großen Rummel um einen so kleinen Künstler. Ende Juli war Kierons Galerieausstellung – bereits seine dritte – in nur 27 Minuten ausverkauft, wie britische Zeitungen aufgeregt vermeldeten. 150.000 Pfund zahlten die Käufer, für Aquarelle und Ölstudien eines Kindes! Einige Kunstbegeisterte hatten vor der Tür der Galerie übernachtet, um eines der Landschaftsbilder erwerben zu können. Und sogar aus den USA und aus Taiwan reisten Sammler an die englische Ostküste, ins kleine Örtchen Holt, wo Kieron mit seinen Eltern lebt und wo auch seine Galerie liegt. Fast täglich schauen nun Zeitungsreporter und Fernsehteams bei den Williamsons vorbei, beobachten den Jungen beim Malen und berichten derart begeistert, als wäre der Kunstwelt ein Messias geboren. Alle sind sich einig: Kieron Williamson ist ein Malgenie, der »neue Picasso«.

Tatsächlich hat Picasso oft von seiner Sehnsucht erzählt, so unbefangen und unverbildet malen zu können wie ein Kind. Das Kind Kieron allerdings wird dafür bestaunt, dass es besser malen kann als viele Erwachsene. Erst seit gut zwei Jahren übt es sich mit Pinsel und Pastellkreiden, doch zeigen seine Bilder ein verblüffendes Gespür für Licht- und Farbstimmungen, für spannungsvolle Kompositionen, für die Balance aus flüchtig hingewischten Bildpartien und penibel ausgeführten Details. Keines seiner Bilder ist sonderlich originell, im Gegenteil, oft ahmt Kieron bekannte Landschaftsmaler wie Edward Seago oder Tony Garner nach. Doch nicht als ängstlicher Kopist, sondern als wissbegieriges Kind beugt er sich über die Bildbände, die ihm die Eltern besorgen. Ganz offenkundig malt er, um zu lernen, seine Bilder werden vielschichtiger, und noch die feinste Nuancierung im Wolkengrau scheint ihn zu begeistern.

Aber ein Wunderkind? Wäre Kieron nicht 8, sondern 28, er könnte von seinen Bildern kaum leben. Vermutlich wäre er ein Straßenmaler, der seine Werke als Souvenir an Touristen verkauft. Nicht Kierons Kunst wird also teuer bezahlt, sondern sein Kindsein. Anders als in der Musik oder im Schauspiel gibt es junge Hochbegabte in der Kunst sehr selten (oder sie werden selten erkannt). Umso größer sind die Hoffnungen, wenn doch einmal eines dieser Wunderkinder auftaucht.

Schon die Renaissance war davon überzeugt, dass die Kunst mehr sei als ein Handwerk, das mühevoll erlernt werden muss. Ein Künstler ist von höheren Mächten beschenkt, ist ein Genie, das als Genie geboren wird. So wurde von dem italienischen Maler Giotto (1266 bis 1337) berichtet, er habe bereits als armer Hütejunge seine Schafe derart lebensnah und naturgetreu abgezeichnet, dass man ihm später kaum mehr etwas beibringen konnte.

Auch das 20. Jahrhundert begeisterte sich noch für die Idee des Genies. Ob Picasso, Balthus oder Bernhard Heisig – über viele wurden Wunderkind-Geschichten kolportiert. Allerdings lag für die Künstler der Avantgarde das Geniehafte zumeist nicht im Können, sondern im Wollen. Sie waren Genies, weil sie die akademischen Regeln außer Kraft setzten und behaupten konnten, die Kunst allein aus sich selbst heraus zu schöpfen. Das meinte Picasso, als er sagte, er wolle wieder so malen wie ein Kind: Er träumte vom Zwanglosen und Naiven, er strebte zurück zur Ursprünglichkeit.

Hingegen werden die Bilder des Kieron Williamson nicht zuletzt deshalb so hoch gehandelt, weil sie von diesem Traum nichts wissen. Sie künden nicht von einem ungestümen, befreiten Künstler, sondern von einer unschuldig-ungebrochenen Neugier auf Tradition und Konvention. In ihnen, so scheinen viele Sammler zu hoffen, kommt die Kunst zu sich selbst. Alles, was ihm die Lehrer zeigten, verinnerlichte Kieron derart rasch, als hätte er es gar nicht lernen müssen. Als wäre die Kunst in ihm und müsste nur noch zum Vorschein kommen, ganz wahr und authentisch.

Seine Bilder kennen keine postmodernen Relativismen, keine Egomanien, keine theoretischen Aufgeblasenheiten – hier ist die Kunst, was sie immer war und immer sein wird. Jedenfalls laden seine Landschaftsidyllen zu solchen Projektionen ein. Hier lässt sich von einer Kunst träumen, in der die Sehnsucht wieder einen Ort hat und in der Könnerschaft wieder zählt. Ein naturhaft unverbildeter Junge malt vorbildlich schöne Natur. Dafür scheint kein Preis zu hoch.