Missbrauch Im Jahr des heiligen Geizes
Kirche und Missbrauch: Erst rang sie um Worte, jetzt ringt sie ums Geld.
Besonderen Jahren gibt die katholische Kirche gerne besondere Namen. Da war das »Heilige Jahr« 2000, in dem Papst Johannes Paul II. unter anderem ein Bekenntnis für die Sünden seiner Kirche ablegte, oder zuletzt das »Jahr der Priester«, das Papst Benedikt ausgerufen hatte. Das Jahr 2010 ist nun für die Kirche ganz gegen ihre Absicht zu einem außergewöhnlichen geworden – zum Jahr des heiligen Geizes.
Soll die Kirche den Opfern von Missbrauch durch Priester Schmerzensgeld anbieten? Entlang dieser Frage verläuft die neue Front im Streit um den Umgang der Kirche mit ihrer größten Verfehlung seit Langem. Seit Monaten ringen die deutschen Bischöfe nun mit dem Skandal um sexuellen Missbrauch, kommende Woche brüten sie erneut über einer Überarbeitung ihrer Richtlinien, die den Missbrauch eindämmen und Aufklärung erleichtern sollen. Die Bilanz der Kirche bisher ist keine erfreuliche: Wo sie schuldig geworden ist, schützte sie allzu lange Unschuld vor, und wo sie großzügig sein sollte, zeigt sie sich geizig.
Der Geiz der Kirche hat zwei Gesichter: Erst rang sie um Worte, jetzt ringt sie ums Geld. So droht das zweite Halbjahr 2010 ein Spiegelbild des ersten zu werden: In den zurückliegenden Monaten gestanden Bischöfe, Kardinäle und auch der Papst die Wahrheit nur quälend langsam ein. Entschuldigungen dienten eher dazu, Schuld von der Kirche abzuwälzen, statt die Taten der vielen Priester, die missbrauchten, und der vielen Hierarchen, die vertuschten, klar zu benennen. Dass der deutsche Papst dabei zu keiner starken Geste gefunden hat, die die Opfer beeindruckt hätte, bleibt ein Makel seines Pontifikats. Trotzdem markiert die bevorstehende Veröffentlichung der neuen Richtlinien durch die Bischofskonferenz einen Wendepunkt: Die Einsicht in die eigenen Vergehen ist da, das Ringen um Worte ist vorerst zu einem Ende gekommen.
In den kommenden Monaten gilt nun ein neuer Maßstab dafür, wie ernst es die katholische Kirche mit ihrem Bemühen um eigene Besserung und eine Besserstellung der Opfer meint. Und dieser Maßstab heißt Geld.
Dass sie um irgendeine Art Zahlung letztlich nicht herumkommen werden, wissen auch die Hüter der kirchlichen Schatullen. Doch dass sie sich um Großzügigkeit bemühen würden, kann man derzeit nicht behaupten. Stattdessen verschanzen sich die Zuständigen hinter Ausreden. Auch innerkirchlich würde die Frage nach der Verantwortung für Missbrauch und Vertuschung schärfer und klarer gestellt, wenn die Untaten von einst die Kirche von heute Geld kosteten.
Die umfänglichste Abwehr lautet, die Opfer wollten kein Geld. Das Gegenargument ist schlagend: Natürlich steht es jedem Opfer frei, sei es aus prinzipiellen Überlegungen oder weil es materiell gut abgesichert ist, eine Entschädigung aus Täterhand auszuschlagen. Zahllose Opfer aber haben die Folgen des Missbrauchs auch finanziell zu spüren bekommen. Die Sexual-, Beziehungs- und nicht zuletzt Glaubensnöte, unter denen die Kinder und Jugendlichen von einst als Erwachsene oft leiden, erforderten zum Teil kostspielige psychologische Behandlung.
In erster Linie aber wünschen sich die meisten Opfer eine Anerkennung ihres Schicksals. In diesem Sinne kann Geld auch Genugtuung bedeuten. So wie vielen Würdenträgern lange gar keine Entschuldigung zu entlocken war, so kommt sie jetzt manchen irritierend routiniert über die Lippen. Worte zum Missbrauch sind eine allzu weiche Währung geworden in der katholischen Kirche.
Es müssen also mindestens zwei Sorten von Zahlungen zusammenkommen, die sich auch nicht gegeneinander aufrechnen lassen: Hilfsmaßnahmen einerseits, Schmerzensgeld andererseits. Die Abwehr der Böswilligen in der Kirche wendet sich gegen jedwede solcher Zahlungen. Die Abwehr der Gutwilligen verweist darauf, wie schwer individuelles Leid zu taxieren sei. Einen Ausweg aus dem Dilemma erproben die Bischöfe in Österreich. Dort hat eine Kommission ein Modell entwickelt, das gestaffelte Zahlungen zwischen 5000 und 25.000 Euro vorschlägt und in besonders schweren Fällen die Grenze nach oben offen lässt. Man kann es auch anders machen als im Nachbarland. Aber das Beispiel zeigt: Entschädigung ist machbar.
Ein denkbar schlechtes Versteck für zögerliche Bischöfe bietet der Runde Tisch zum Missbrauch, den die Bundesregierung eingerichtet hat. Dessen Moderatorin, die frühere Familienministerin Christine Bergmann, rief gerade erst allen Zauderern zu: »Sie sagen, Sie müssen auf den Vorschlag des Runden Tisches warten. Ich antworte: Ihr müsst nicht warten. Geht vorweg.« Es wäre ein Sieg der Großzügigkeit über den Geiz.
- Datum 24.08.2010 - 10:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.08.2010 Nr. 34
- Kommentare 94
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Wäre nicht Konkurs anmelden billiger ???
Gelten die Haftungsmaßstäbe des § 813 BGB nicht auch für die Kirchen? Man sollte da ruhig mal jeden Einzelfall durchgehen, bevor man pauschale Forderungen aufstellt.
Für Priester gelten natürlich die gleichen Gesetze wie für andere Personen auch. Wie man aber auf die Kirchen kommt beibt schleierhaft, denn die sind erstmal nur die Arbeitgeber der Täter.
Für Priester gelten natürlich die gleichen Gesetze wie für andere Personen auch. Wie man aber auf die Kirchen kommt beibt schleierhaft, denn die sind erstmal nur die Arbeitgeber der Täter.
Wieviele junge Menschen haben diese Gewalttaten
seelisch nicht verkraftet?
Wieviele dieser Menschen wurden daraufhin in
psychiatrischen Anstalten eingeliefert?
Werden diese Menschen, welche sehr viel Leid zu
ertragen hatten, von den dafür verantwortlichen
Organisationen betreut?
Ihnen wurde die Zukunft ihres Lebens genommen.
Mit Geld ist dies nicht gutzumachen.
Nur mit der Einsicht,daß sich dies nicht wiederholen
darf.
vergessen Sie die Buße nicht. Es reicht nicht, nur zu versichern, daß diese Gewalttaten nicht wieder vorkommen werden.
vergessen Sie die Buße nicht. Es reicht nicht, nur zu versichern, daß diese Gewalttaten nicht wieder vorkommen werden.
Dieses Wort will sagen, dass es schon mal gut war und Geld in der Lage, etwas anderes zu bewirken als die Wahrung des Scheins, dafür beide Institutionen - Familie und Kirche - seit Jahrtausenden verantwortlich zeichnen. Denn Regeln - wie jeder sehen kann, der dazu bereit ist - werden gemacht, um gebrochen und umgangen zu werden... Erstens von ihren Machern selbst, die dabei an andere denken...
Wie die Tatsachen in der Odenwaldschule und anderswo zeigen, wirken auch die Institutionen des Staates auf der gleichen Wellenlänge.
Wieder gut machen im engsten Sinne des Wortes kann nur der Betroffene für sich ganz persönlich, indem er wahr nimmt, dass dieses drei Seiten der gleichen Medaille sind... die Familie die verbindende Seitenkante zwischen Religion und Staat: für sich einnehmen und für die eigene Sache zu Lasten von Echtsein.
Gut war es für die Seele - die ich im Angesicht des Missbrauchs dieses Wortes als SELBST bezeichne und damit als ureigenes Eigentum jedermann betrachte- VOR dem Fall in die Körperlichkeit, wo der Dienst an anderen und der Sache anderer auf sie wartet.
Echtsein statt Schein wahren wollen.
Offen sagen, was man fühlt.
Meinen, was man sagt.
Verantworten, was man tut.
Leben als Chance, Schein zu überwinden...
Dennoch. Diesen drei Institutionen kann jeder dankbar sein, dem Wahrnehmen etwas wert ist, und der das Bild seines Selbst höher einschätzt als die Rahmen, in dem sein Leben sich zwangsläufig entfaltet, um tatsächlich frei und friedlich zu sein.
Der Täter muss die Strafe ja auch eine eine solche empfinden.
Da ist der Entzug von Geld immer noch am besten.
Auch und ganz besonders für die Religionen.
Der Täter muss die Strafe ja auch eine eine solche empfinden.
Da ist der Entzug von Geld immer noch am besten.
Auch und ganz besonders für die Religionen.
Der Täter muss die Strafe ja auch eine eine solche empfinden.
Da ist der Entzug von Geld immer noch am besten.
Auch und ganz besonders für die Religionen.
... und das ist auch richtig so, obwohl es nicht Mainstream-kompatibel ist.
Warum sollte eine Institution für verjährte Straftaten von Leuten bezahlen, die gegen die sich gegen die Regeln der Institution stellen? Schuld ist immer individuell und nicht kollektiv. Ansprüche sind an die überführten "Priester" zu richten.
Ich sehe nicht ein, warum meine Kirchensteuergelder für so etwas ausgegeben werden sollen. Weder bin ich schuld noch die 99,9999% der Mitarbeiter der Kirchen die ihren Dienst vollkommen schuldfrei verrichten.
Also schön das Geld da lassen wo es hingehört: in die Kirche!
Gruß,
Joe
Wer eine Straftat aktiv und bewusst verschleiert und Mithilfe zur Vereitlung der Strafverfolgung im Amt leistet, ist genau so schuldig und muss dafür zur Verantwortung gezogen werden.
Oder sind die Kirchenfürsten, welche auffällig gewordene Priester wissentlich einfach kommentarlos zur nächsten Schule, Kindergarten oder Pfarrei weitergereicht haben, außerhalb des Gesetzes?
Natürlich kann Schuld auch kollektiv sein. Der Grad der Schuld, diese kollektive auf das bdes Einzelnen mag dabei unterschiedlich sein und schlägt sich dann im individuellen Strafmaß nieder. Was den in manchen Institutionen der KK systemischen Missbrauch angeht, hätte der in dem Ausmaß gar nicht statt finden können, wenn die Strukturen dieser Institutionen, das in ihnen herrschende Agieren und Denken nicht so gewesen wären, wie sie waren. Sie haben den systemischen Missbrauch begünstigt! Bei Ihrer Haltung zu Missbrauch könnte ich es nachvollziehen, wenn Sie sich nun in Ihrer Kirchensteuerzahlung betrogen fühlten, da ich davon ausgehe, sie wollten damit nicht dieses Schlimme unterstützen. Auch Sie sollten sich dann an die Richtigen, die Verursacher dieses Übels wenden, nämlich die, die nicht für die Strukturen gesorgt haben, dass sowas nicht passiert. Und das sind nicht die Opfer! Es klingt etwas wie ein zynischer Trick, wenn Sie schreiben „Warum sollte eine Institution für verjährte Straftaten von Leuten bezahlen, die gegen die sich gegen die Regeln der Institution stellen?“ Jahrzehnte stand sie auf Seiten der Täter, hat vertuscht, die Opfer ausgegrenzt und in schlimmen Fällen verhöhnt, sie der Lüge und Verleumdung bezichtigt. Jetzt möchte sich die Institution auch gerne zum Opfer dieser „Regelbrecher“ hochjazzen, das finde ich ziemlich „parasitär“.
Das Aussage, dass ich doch nicht´s für die Taten anderer Menschen kann, werfe ich der Erbsünde auch immer vor.
Komischerweise hört keiner zu....
Wer eine Straftat aktiv und bewusst verschleiert und Mithilfe zur Vereitlung der Strafverfolgung im Amt leistet, ist genau so schuldig und muss dafür zur Verantwortung gezogen werden.
Oder sind die Kirchenfürsten, welche auffällig gewordene Priester wissentlich einfach kommentarlos zur nächsten Schule, Kindergarten oder Pfarrei weitergereicht haben, außerhalb des Gesetzes?
Natürlich kann Schuld auch kollektiv sein. Der Grad der Schuld, diese kollektive auf das bdes Einzelnen mag dabei unterschiedlich sein und schlägt sich dann im individuellen Strafmaß nieder. Was den in manchen Institutionen der KK systemischen Missbrauch angeht, hätte der in dem Ausmaß gar nicht statt finden können, wenn die Strukturen dieser Institutionen, das in ihnen herrschende Agieren und Denken nicht so gewesen wären, wie sie waren. Sie haben den systemischen Missbrauch begünstigt! Bei Ihrer Haltung zu Missbrauch könnte ich es nachvollziehen, wenn Sie sich nun in Ihrer Kirchensteuerzahlung betrogen fühlten, da ich davon ausgehe, sie wollten damit nicht dieses Schlimme unterstützen. Auch Sie sollten sich dann an die Richtigen, die Verursacher dieses Übels wenden, nämlich die, die nicht für die Strukturen gesorgt haben, dass sowas nicht passiert. Und das sind nicht die Opfer! Es klingt etwas wie ein zynischer Trick, wenn Sie schreiben „Warum sollte eine Institution für verjährte Straftaten von Leuten bezahlen, die gegen die sich gegen die Regeln der Institution stellen?“ Jahrzehnte stand sie auf Seiten der Täter, hat vertuscht, die Opfer ausgegrenzt und in schlimmen Fällen verhöhnt, sie der Lüge und Verleumdung bezichtigt. Jetzt möchte sich die Institution auch gerne zum Opfer dieser „Regelbrecher“ hochjazzen, das finde ich ziemlich „parasitär“.
Das Aussage, dass ich doch nicht´s für die Taten anderer Menschen kann, werfe ich der Erbsünde auch immer vor.
Komischerweise hört keiner zu....
Nachdem der Mixa jetzt gut 'versorgt' ist ..
.. gibts kein Geld mehr um den Opfern zu helfen!
Wer eine Straftat aktiv und bewusst verschleiert und Mithilfe zur Vereitlung der Strafverfolgung im Amt leistet, ist genau so schuldig und muss dafür zur Verantwortung gezogen werden.
Oder sind die Kirchenfürsten, welche auffällig gewordene Priester wissentlich einfach kommentarlos zur nächsten Schule, Kindergarten oder Pfarrei weitergereicht haben, außerhalb des Gesetzes?
Natürlich sind sie nicht ausserhalb des Gesetzes. Aber das sollte doch beweisen, dass es für Entschädigungen keine Grundlage gibt.
Natürlich sind sie nicht ausserhalb des Gesetzes. Aber das sollte doch beweisen, dass es für Entschädigungen keine Grundlage gibt.
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