NaturkatastrophenSpenden allein reicht nicht

Megakatastrophen nehmen zu – warum wir ein globales Hilfswerk brauchen.

Die Stadt Sukkur in der südlichen Provinz Sindh: Ein Laster mit Hilfsgütern kommt

Die Stadt Sukkur in der südlichen Provinz Sindh: Ein Laster mit Hilfsgütern kommt

Die gute Nachricht zuerst: Private Spendenfreudigkeit hat weltweit nicht nachgelassen – auch wenn offenbar gerade die Deutschen derzeit nur zögerlich für die Flutopfer in Pakistan spenden wollen. Spenden sind eben immer auch ein Mittel, Verbundenheit und Menschlichkeit im Angesicht überwältigender Fernsehbilder und empfundener Hilflosigkeit zum Ausdruck zu bringen.

Aber Megakatastrophen wie das Erdbeben in Haiti oder die Flut in Pakistan können mit Wohltätigkeit allein nicht angemessen beantwortet werden.

Anzeige

Wir leben in einer Ära, da 24-Stunden-Sender die Nachrichten von Katastrophen in Sekundenschnelle auf die Bildschirme bringen, während die Ursachen dieser Desaster immer komplexer werden: Klimawandel, globale Finanzkrise, rapides Bevölkerungswachstum, Wasser- und Energieverknappung, Urbanisierung, Migration, Welternährungskrise und endemische Armut. In diesen Zeiten wäre es fatal, humanitäre Hilfe als Wohltätigkeit zu verstehen oder gar als Gelegenheit, das Ansehen des Westens in Entwicklungsländern oder dem Nahen Osten zu verbessern. Humanitäre Hilfe ist eine Investition in ein immer vernetzteres System globaler Stabilität und Gerechtigkeit. Was wir brauchen, ist ein tragfähiges globales Hilfsnetzwerk. Dieses Netzwerk muss auf der Zusammenarbeit von multilateralen, bilateralen, regionalen und nationalen Einrichtungen und Initiativen beruhen. Es muss gut analysieren und mit politischem Gespür schnell reagieren. Wenn die Grundlagen der Entwicklung eines Landes durch Kriege oder Naturkatastrophen zerstört worden sind, kann adäquate humanitäre Hilfe den Grundstein für raschen Wiederaufbau legen und dazu beitragen, dass die Krise nicht zu politischen Zwecken ausgenutzt wird.

Im letzten Jahrzehnt allein haben die UN im Schnitt über 392 Naturkatastrophen pro Jahr registriert – mehr als eine pro Tag. Der angerichtete strukturelle Schaden hat in vielen dieser Länder die (manchmal zarten) sozio-ökonomischen Errungenschaften um Jahre zurückgeworfen oder gar ausradiert. In Chile erwartet man eine Verringerung des Bruttoinlandsprodukts von 17 Prozent als Folge des Erdbebens. In Haiti wird der wirtschaftliche Schaden gar auf 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes geschätzt. Besonders betroffen sind jene Länder, die ohnehin schon als Krisengebiet galten oder deren schwache Regierungsstrukturen von den Folgen mehrerer globaler Herausforderungen völlig überfordert sind. Dort sind die Auswirkungen von Naturkatastrophen jahre- oder jahrzehntelang zu spüren. Am schlimmsten trifft es dabei immer die Schwächsten: vor allem Frauen und Kinder, für die schon vor der Katastrophe jeder Tag ein Kampf ums Überleben war.

Humanitäre Hilfe ist komplex und kompliziert. Sie muss verlässlich, nachhaltig und über das schnell schwindende Medieninteresse hinaus geleistet werden. Das kann nicht auf der Basis privater Spenden geschehen. Hier müssen verantwortliche Staaten und Regionalorganisationen Mittel zur Verfügung stellen: zum Beispiel, indem endlich die von der OECD seit Jahren geforderten 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe bereitgestellt werden. Gebraucht werden aber auch Kapazitäten für Analyse und Frühwarnsysteme, Geräte und technologisches Know-how. Auch Bürger können hier viel erreichen: durch beständiges Interesse, Engagement und Druck auf Parlamentarier und Regierungen – auch dann, wenn gerade keine schockierenden Bilder über den Bildschirm laufen.

Jeden Tag sterben auf der Welt zwischen 25.000 und 30.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung. Diesen Zustand kann man mit Fug und Recht als einen Skandal und eine moralische Bankrotterklärung bezeichnen. Aber er zeigt auch eine der großen Herausforderungen auf: angemessene Hilfe dort zu leisten, wo keine Kameras stehen. Dort, wo, wie in Kenia oder Ghana, der Zusammenbruch der Finanzmärkte von einem auf den anderen Tag Erwerbsmöglichkeiten zerstört hat – ohne soziales Netz. Dort, wo, wie in Niger, Dürre oder die Auswirkungen von Klimawandel zusammentreffen mit hohem Bevölkerungswachstum, Mangel an Nahrungsmitteln, Wasser und Rohstoffen. Die Zusammenhänge sind oft kompliziert und vernetzt – ein genauer Zeitpunkt oder Auslöser (so wie bei Kriegen oder Erdbeben) kann nicht festgestellt werden. Ganze Regionen und ihre Bevölkerungen schlittern über Jahre hinweg immer tiefer in strukturelle Krisen, chronische Vulnerabilität und zunehmend akute Notlagen. Als Folge leiden und sterben mehr Menschen in diesen sogenannten »vergessenen Krisen« als in vielen der medial prominent präsentierten Konflikte und Katastrophen.

»Das ist halt Schicksal!«, sagen manche. Und: »Warum tun denn die Regierungen in den Krisenländern nichts? Wir können doch nicht überall helfen!« Falsch. Es geht nicht darum, immer und überallhin zu spenden. Aber wir können gegen die Ursachen dieser Krisen sehr viel mehr tun, als wir glauben. Denn wir wissen, dass der gegenwärtige Anstieg des Getreidepreises Millionen von Menschen in armen Ländern zwingt, ihre Mahlzeiten von täglich zwei auf eine zusammenzustreichen – mit verheerenden Auswirkungen auf Kindersterblichkeit und Wachstum. Wir wissen, dass der Anstieg des Ölpreises auf um die 80 Dollar pro Barrel unzählige Kleinbauern dieser Welt ruiniert – mit nachhaltigen Auswirkungen auf Nahrungsmittelsicherheit und Erwerbsfähigkeit in ganzen Landstrichen. Wir wissen auch, dass bis 2025 zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben werden aufgrund des gestiegenen Verbrauchs durch Bevölkerungszunahme, Urbanisierung, Nutzung durch Landwirtschaft und andere Wirtschaftszweige.

Leserkommentare
  1. ... der sich an den immer wiederkehrenden Spendenmarathons beteiligt.

    "Die Mitleidsindustrie: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen" dürfte einige Fragen vor allem auch an die Hilfsorganisationen aufwerfen. Deren Beantwortung müssen wir als Spendennationen einfordern und mit ihnen Konsequenzen. Es geht nicht an, dass wir Täter finanzieren und die eigentlich Hilfsbedürfigten vielfach nichts von den Geldern sehen.

    Aber vermutlich ist es am Ende doch die Hauptsache, dass die NGOs ihre Stellen und Budgets erhalten...

  2. viel mehr eine vernünftige Umweltpolitik und vernünftige Wirtschaftspolitik.

  3. 11. Zweifel

    "Wir wissen, dass der Anstieg des Ölpreises auf um die 80 Dollar pro Barrel unzählige Kleinbauern dieser Welt ruiniert..."
    Ach wirklich? Ist es nicht vielmehr so, dass der Protektionismus der westlichen Länder und deren hochsubevntionierte Landwirtschaft jegliche Chancen der Bauern der dritte Welt Länder zunichte machen, selbst und mit eigenen Produkten auf den Markt zu kommen? Und ist es nicht auch so und immer wieder von Hilfsorganisationen beklagt, dass die regelmäßigen und reichhlichen Lieferungen an Nahrungsmitteln in z.B. afrikanische Katastrophengebiete und Länder großflächig zum Verlust der Initiative des Eigenanbaus von Getreide führten und führen (Beispiel Äthiopien)? Globale Netztwerke der Hilfe gut und schön. Doch effektiv und wirklich wirksam können die nur sein, wenn den für die katastrophalen Folgen natürlicher Prozesse in extremmer Form Verantwortlichen konsequent der Zugriff auf die Hilfsmittel entzogen wird. was sonst geschieht, ist drzeit in brutaler Form in Haiti zu sehen.

  4. genau, wieder etwas, wo man ohne zu fragen ungestraft Milliarden an Steuergeldern "Spenden" kann

    • xoxox
    • 23.08.2010 um 16:13 Uhr

    Wieviel Schaden hat die diesjährige Oderflut angerichtet? Ich hörte von ca. 180 Millionen Euro.

    Wieviele Deiche könnte man für 180 Millionen Euro neu bauen oder sanieren. Wieviel zusätzliche Überflutungswiesen schaffen? Wieviele Flussabschnitte entgradigen?

    'Ne Ganze Menge würde ich sagen. Aber nichts passiert. In schöner Regelmäßigkeit kommt eine Flut (das ist erstmal normal), richtet zig Millionen Euro Schäden (dagegen kann man was tun) und jedes Mal stehen die Politiker davor und tun völlig überrascht (dagegen muss man was tun).

    Kostet ja auch jetzt Geld. Bis in ein paar Jahren die neue Flut kommt, ist eh wer an der Macht und ich bin in Pension...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen an der Diskussion des Artikelthemas. Provokationen bringen eine Diskussion selten weiter. Danke, die Redaktion/fk

    Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen an der Diskussion des Artikelthemas. Provokationen bringen eine Diskussion selten weiter. Danke, die Redaktion/fk

  5. vielleicht hätten Sie nicht nur die glücklichen Gesichter auf den Bildern studieren sollen, sondern auch die Bildunterschrift, die erklärt,
    WAS das glückliche Lächeln auf die Gesichter dieser Menschen
    "zauberte"

    !!! ???

    • pevo
    • 24.08.2010 um 13:37 Uhr

    ..auf Kindersterblichkeit und Wachstum.

    Ja wieviel Wachstum wollen Sie denn in unserer Bakterienschale namens Erde noch fördern ?

    Die Ursache für diese Misere ist nicht das Klima oder das Wetter. Die Ursache ist das Bevölkerungswachstum und damit verbunden die Überlastung unserer natürlichen Ressourcen. Hätte Pakistan 50Mio Einwohner, wäre die aktuelle Situation sehr viel unkritischer.

    Leider hat sich noch keine Hilfsorganisation gegründet, die Verhütungsnachweise als Spendenbescheinigung verteilt.

    Verständlich, denn dies würde ja das eigene langfristig wachsende Geschäftsmodell mit der Not von zig Milliarden Menschen untergraben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte verzichten Sie auf menschenfeindliche Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

    Bitte verzichten Sie auf menschenfeindliche Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

  6. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen an der Diskussion des Artikelthemas. Provokationen bringen eine Diskussion selten weiter. Danke, die Redaktion/fk

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service