Draußen ziehen Autohäuser und Baumärkte vorbei, doch eine halbe Stunde südlich von Berlin wechselt die Stimmung. Nach romantischen Alleen und obligatem Kopfsteinpflaster auf den letzten Metern haben wir sie erreicht: die "Fenne", einstmals bewohnt von einer der umstrittensten Gestalten, die jene daran gewiss nicht arme deutsche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Der Mais steht hoch, es blendet das gelbe Korn. Die Sonne brennt über der Mark Brandenburg."Der Hacks hat ein Schloß!" So ging die Fama in der DDR über den Landsitz, den sich der 2003 hier verstorbene Dichter und Dramatiker Peter Hacks in den siebziger Jahren bauen ließ, unweit von Mittenwalde, wo einst Paul Gerhardt sein Kirchenlied O Haupt voll Blut und Wunden schrieb. Auf der Fenne dichtete Hacks in den Sommermonaten, die er mit seiner Frau Anna Elisabeth Wiede bis zu seinem Tod hier verbrachte. Noch heute nennen die Dorfbewohner das der Öffentlichkeit nicht zugängliche Anwesen die "Burg", wie einer der besten Hacks-Kenner erzählt: Matthias Oehme, der Leiter des Eulenspiegel Verlags, in dem Hacks‘ Werk erscheint, hat uns hierher gebracht. Vor der zinnengekrönten Mauer mäht der Gärtner den Rasen; Rosen ranken an Ziegeln empor. Welche Geschichte werden wir hinter diesen Mauern finden?

Denn dieser intellektuell hochbegabte Künstler, der 1955 von München in die DDR übersiedelte, besaß durchaus widerliche politische Ansichten. Stalin habe Russland "in keinem schlechten Zustand" hinterlassen; "Die Stasi tat doch keinem was", wusste Hacks (das misstrauische MfS überwachte ihn gleichwohl). Sein Rückblick auf die DDR der sechziger Jahre: "Sie konnten machen, was sie wollten, sie kamen nicht ins Gefängnis." Gorbatschow? Ein "kaukasischer Gewohnheitslügner". Papst Johannes Paul II.? "Lange vor seiner Wahl auf der Besoldungsliste der CIA". Die 89er-Demonstranten? "Lumpenkleinbürgertum". Wer seine Werke studiert, der stößt auf eine Fülle ähnlicher Tiraden: präsentiert nicht von einem lustvollen Provokateur, sondern von einem Weltanschauungswüterich. Peter Hacks, kurz und bündig: "Ich bin an Freiheit absolut uninteressiert." Man hätte dem Kommunisten ohne Parteibuch zwecks Interesseweckung ein paar Monate Unfreiheit gegönnt, wie sie nicht wenigen Kollegen von ihm zuteil wurden.

Und vielleicht hätte man doch um des Seelenheils willen einfach woanders hinfahren sollen, vielleicht zu Brecht nach Buckow, in dessen Sommerhaus in der Märkischen Schweiz. Brecht, den Hacks als seinen "Papst" verehrte, hatte ihm 1952 auf die Frage, ob er in die DDR kommen sollte, skeptisch geantwortet: "Gute Leute sind überall gut." Der 23-Jährige reagierte auf den Rat: "Ich glaube nicht, dass die Ereignisse mir gestatten werden, ihn zu befolgen." Die Magie eines Dichterhauses – wird sie den sonderbaren Herrn Hacks erklären? Einbrecher sind wir ohnehin, in Sorge vor des Künstlers erträumter Strafe: "Ich möchte gern ein Holperstein / in einer Pflasterstraße sein. // Ich stell mir vor, ich läge dort / Jahrhunderte am selben Ort, / Und einer von den Kunsteunuchen / Aus Medien und Kritik / Käm beispielsweise Hacks besuchen / Und bräch sich das Genick."

Hacks verfasste innige Liebesgedichte und die zauberhaftesten Kinderbücher, ein halbes Hundert formvollendete Dramen, nach Schwierigkeiten mit der parteioffiziellen Ästhetik vorzugsweise zu klassischen und antiken Stoffen. Und der Verehrer des Monarchen Walter Ulbricht begrüßte 1976 in seinem wohl perfidesten Artikel die Ausbürgerung des "Konterrevolutionärs" Wolf Biermann, der im Bett des ihm Unterkunft gewährenden Heinrich Böll hoffentlich nicht auf "Solschenizyns Läuse" gestoßen sei. Hacks wusste, dass ihn dieser Text viel Geld kosten würde: Bis dahin einer der meistgespielten deutschen Dramatiker in Ost und West, zumal mit seinem Welterfolg Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe , verschwand er fast vollständig von den Bühnen. Fortan Außenseiter, strafte er seine Zeit mit Verachtung und schuf grummelnd unbeirrt Werk um Werk.

Die Renaissance, die Peter Hacks nach seinem Tod erfuhr, hatte mit seinen intellektuellen Reizstoffen zu tun. All jene, denen liberaldemokratische Mäßigung zu langweilig ist, genossen in seinen Essays wie sonst bei Ernst Jünger oder Carl Schmitt schneidige Urteile und elitäre Hybris, mehr oder minder verruchte Ansichten und knackige Einseitigkeiten – zumal Hacks’ ästhetisches Alternativprogramm Wohlgefälliges verhieß: Goethe, Goethe, Goethe. Seine Unzeitgemäßheit war plötzlich zeitgemäß; so gegensätzliche Herolde wie Martin Mosebach und Dietmar Dath, Frank Schirrmacher und Wiglaf Droste priesen seine versmaßsichere Kunst. Und die Partei Die Linke schenkte jüngst Oskar Lafontaine die 15-bändige Werkausgabe, perfiderweise überreicht von Gregor Gysi, der "im Auftrag der Russen die DDR gestürzt hat" (Hacks). Die Idee dürfte die stellvertretende Parteivorsitzende Sahra Wagenknecht gehabt haben; sie war die einzige kommunistische Sonne, die die späten Jahre des sie finanziell unterstützenden Hacks erhellte. Dass die Hacks-Gemeinde einer Ansammlung von Sekten ähnelt, belegen die Kämpfe um die reine Lehre, die auf einschlägigen Internetseiten geführt werden.

Als wir die Fenne betreten, sind wir also auf alles gefasst. Im gepflasterten Innenhof beginnt auch sogleich das Staunen: eine normannische Miniatur-Feste, mitten in der kargen Mark! Drei verfallene Ruinen auf 1700 Quadratmetern umfasste die ehemalige Ziegelei, die Hacks ausbauen ließ: links sein Schlaf- und Arbeitshaus mit einem Wehrturm, rechts das Haus seiner Frau, das durch einen Gang mit dem dritten Gebäude, dem "Salon", verbunden ist – und drum herum eine ausgefeilte Gartenanlage. Zu DDR-Zeiten war das eine immense organisatorische, enorm kostspielige Angelegenheit – ein Schlösschen im Sozialismus.

Der renommierte Landschaftsarchitekt Hermann Göritz schuf die Gärten nach genauen Vorgaben von Hacks. Altmodisch verspielt erscheint es uns; damals war es höchste Gartenkunst. Hibiskus, Ölweiden und Lavendel zieren den südländischen "Hofgarten"; ein Weiher mit Trauerbirke und Statue wurde angelegt, daneben eine Wiese, auf der wir uns ergehen. Amüsanter Höhepunkt ist direkt unter dem Arbeitszimmer, zu dem eine breite Freitreppe führt, ein Barockgärtchen mit Rosenstöcken und zypressenähnlichem Wacholder – Hacks wünschte sich Symmetrie und "zopfige Steifheit". Die Bronzegottheit in der Mitte zielt mit ragendem Phallus auf den Schreibtisch des Dichters drinnen: "Damit segnet uns der Gute." Inspirierendes Idyll.