Ja, man kann die Debatte über Street View führen, indem man über das Verpixeln von Gesichtern streitet oder über die Höhe von Gartenzäunen. Das sind wichtige Fragen. Aber sie allein werden dem Problem nicht gerecht, mit dem uns Street View konfrontiert. Die Einführung dieses neuen Dienstes des kalifornischen Internetgiganten Google ist Teil eines gewaltigen sozialen Experiments, an dem seit ein paar Jahren die ganze Welt teilnimmt.

Die Frage, um die es dabei geht, ist fundamental. Sie lautet: Wie verhalten wir uns in einer Welt, in der das Internet alles aufzeichnet, jederzeit jede Information bereithält und nichts vergisst – kein noch so peinliches Onlinefoto, keinen Twitter-Eintrag, keinen blöden Kommentar in einem Chatroom? Oder, anders formuliert: Wie lebt es sich in einer Welt ohne Geheimnisse? Ist das dann die Hölle? Oder das Paradies?

Es ist eine teuflische Frage. Denn jeder Schritt hinein in diese Welt ohne Geheimnisse ist verlockend. Genauso verlockend wie Street View. Natürlich ist es faszinierend, zu Hause am Rechner wie ein sagenhafter Vogel um die Welt schweben zu können und an jedem beliebigen Ort durch die Wolken zu stoßen, um hinabzutauchen in die Straßenschluchten der großen Metropolen. Ein alter Traum wird da gerade wahr: die ganze Welt – auf einen Blick.

Aber dennoch – wer kann ernsthaft das Problematische dieses virtuellen Riesenauges ignorieren? Die computergestützte Totalerfassung unserer Städte zeigt eben nicht nur Fassaden, wie die Verteidiger des Dienstes behaupten. Street View zeigt Menschen auf den Straßen, beim Einkaufen, im Gespräch. Verliebte, die sich küssen, Betrunkene vor der Kneipe, Freier und Prostituierte auf dem Strich. In den meisten Fällen sind die Gesichter der Menschen elektronisch unkenntlich gemacht, aber ihre Körper, ihre Kleidung, ihre Gesten sind deutlich zu erkennen. Es sind lauter Alltagsszenen, harmlos meist, aber doch privat. Jetzt sind sie weltweit in Sekundenbruchteilen abrufbar, auf einem Rechner in Kalifornien gespeichert für die Ewigkeit. Und gehören Google.

Auch das ist neu. Street View räumt mit der Illusion auf, man müsse selbst ins Netz gehen, um darin aufzutauchen. Ein Irrtum: Wenn wir nicht zu Google gehen, dann kommt Google halt zu uns.

Nein, es ist nicht hysterisch, sich über Street View aufzuregen. Der Wirbel ist berechtigt. Er ist auch kein »typisch deutsches« Phänomen. Gerade eben erst hat die südkoreanische Polizei die Google-Büros in Seoul durchsucht, wegen möglicher Datenlecks bei Street View. Kein anderes Angebot des Suchmaschinengiganten, resümierte unlängst die US-Zeitschrift Foreign Policy, habe Google derart viele Proteste und Prozesse eingetragen wie Street View. Das ist kein Wunder. Denn Street View zwingt uns, über die Macht der Datenmultis zu reden. Über die Ohnmacht der Politik. Und über die Zukunft des Privaten.

Dafür muss man sich wieder auf den umgekehrten Weg machen, muss sich hinauszoomen aus Street View, heraus aus dem Gewirr der Straßen und Plätze, immer weiter nach oben, durch die Wolken hindurch, bis man das große Bild sieht, den Blauen Planeten. Und Googles weltumspannende Ambition.

Dass das Unternehmen Großes will, daran hat es nie einen Zweifel gelassen. Seine offizielle Philosophie ist ziemlich einfach, nachzulesen auf seiner Homepage: »Das Ziel von Google besteht darin, die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen.« Nicht diese oder jene Information, sondern: alle. Weltweit. Das ist keine größenwahnsinnige Werbelyrik, sondern Firmenpolitik.

 

Auch das zeigt Street View, deutlicher als jedes bisherige Projekt von Google. Hier ist ein Unternehmen, das die Technik besitzt, das Geld, die Leute und – vor allem – den Willen, die ganze Welt zu fotografieren, Straße für Straße, Haus für Haus. Kein Konkurrent, keine internationale Organisation hat je etwas Vergleichbares versucht. Es ist, ohne Übertreibung, ein historisches Projekt.

Aber eben keines, das für sich allein steht. Die Datenmassen, die bei Street View anfallen, fließen auf den Servern von Google zusammen mit den Datenströmen, die jede Sekunde durch die Suchanfragen der Millionen Google-Nutzer entstehen. Google verfilmt alle Bücher der Weltliteratur, scannt die E-Mails seiner Kunden, wertet ihre Kalender aus und schöpft aus zahllosen anderen Datenquellen. Und das ist erst der Anfang. Längst arbeitet das Unternehmen – wie viele Konkurrenten – an Geolokalisierungsprogrammen, die es möglich machen werden, jeden Nutzer ständig in Echtzeit zu orten. So entsteht unter Kontrolle eines einzigen Unternehmens ein Ozean an Informationen, der in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel ist. Und die Menschheit sehr wahrscheinlich verändern wird.

Dabei ist Google beileibe nicht allein. Zahllose Firmen sammeln, horten, nutzen Daten und handeln damit. Mark Zuckerberg etwa, der 26 Jahre junge, immer leicht schüchtern wirkende Gründer von Facebook, sitzt auf den persönlichen Daten von 500 Millionen Nutzern aus aller Welt. Auf atemberaubende Weise definieren sie die Grenzen des Intimen neu, indem sie auf Zuckerbergs Seiten bereitwillig alles offenlegen, was ihnen so in den Sinn kommt: Name, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Freunde, Exfreunde, Musikgeschmack, Lieblingsmarken, Reiseziele, jede Menge Trivialitäten – und Fotos, Fotos, Fotos. Schätzungsweise 25 Milliarden Inhalte – Nachrichten, Bilder, Kaufempfehlungen – tauschen die Facebook-Nutzer – nicht im Jahr, sondern jeden Monat. Und jeder Tausch wird von Zuckerbergs Rechnern registriert, potenziell für immer.

Wohl kein Geheimdienst dieser Welt – der chinesische vielleicht ausgenommen – verfügt über ein derart präzises, vielfältiges, ständig aktualisiertes Bild dessen, was in der Bevölkerung vorgeht. Keine staatliche Behörde besitzt auch nur annähernd so viele statistische Informationen. Die schiere Masse der Daten, die bei Internetgiganten wie Facebook oder Google zusammenströmen, stellt die Machtfrage neu. Sollen, dürfen diese Firmen – oder irgendwelche anderen Unternehmen – derart viele Informationen auf ihren Rechnern sammeln, verarbeiten, kontrollieren und an Geschäftskunden weitergeben? Und wer kontrolliert die Datensammler? Der Markt? Die Nutzer? Die Regierung?

Die Reaktionen auf die Markteinführung von Street View dürften in Deutschland auch deshalb so heftig ausgefallen sein, weil das Vorgehen von Google die politische Hilflosigkeit der Bundesregierung geradezu gnadenlos offengelegt hat. Es fehlt nicht nur an Konzepten für den Umgang mit den Netzmultis, es fehlt an einer Sprache, die den Bürgern ihre Sorgen zu nehmen weiß. Und es fehlt weithin an juristischen Instrumenten, um den völlig neuen Problemen, die durch die private Datenvermassung für Individuen und den Staat entstehen, halbwegs gerecht zu werden.

Google ist ja nicht zum ersten Mal nach dem Prinzip »Erst sammeln, dann fragen« verfahren. Nur wegen der wütenden Proteste fand sich die Firma überhaupt bereit, den Bürgern eine Widerspruchsmöglichkeit gegen die Abbildung des eigenen Hauses im Netz anzubieten. Und diesen Widerspruch gewährte das Unternehmen so breitbeinig, wie es einer digitalen Weltmacht gebührt – als bloße Selbstverpflichtung, ohne rechtliche Verbindlichkeit.

Das ist ärgerlich. Aber wirklich beunruhigend ist, wie wenig Politik und Gesellschaft vorbereitet sind auf die Veränderungen, die auf die Welt im digitalen Zeitalter zurollen. Auch dafür ist Street View nur ein Beispiel. Demnächst werden Google und andere Anbieter eine Funktion für Handys einführen, die in Sekundenbruchteilen Bilder identifiziert: zum Beispiel ein rasch geknipstes Foto des Menschen, der uns im Bus gegenübersitzt. Den Namen dieses Menschen wird das Smartphone dann ausspucken, seinen aktuellen Facebook-Status, vielleicht den jüngsten Eintrag in einem Blog. Spätestens dann wird es mit dem Konzept der Anonymität vorbei sein. Spätestens dann werden wir in der Welt ohne Geheimnisse angekommen sein. Wie werden wir dann leben?

Die bislang kürzeste und brutalste Antwort hat Scott McNealy, einer der Gründer von Sun Microsystems, schon 1999 gegeben: »Sie haben keine Privatsphäre mehr. Finden Sie sich damit ab.« Das war vor über zehn Jahren. Seither sind die Nutzerzahlen im Netz explodiert, Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit der Rechner haben sich vervielfacht, das Datamining, die automatisierte Auswertung großer Datenbestände, lässt gerade erst seine Potenziale ahnen.

 

Warum Leute wie McNealy das Ende der Privatsphäre propagieren, liegt auf der Hand. Sie leben von den Daten, die wir ihnen überlassen. Und sie leben umso besser, je mehr Daten sie bekommen. Aber das ist es nicht allein. Wenn nicht alles täuscht, steht hinter der Forderung nach immer größerer Offenheit wenigstens bei einigen Vordenkern des Silicon Valley so etwas wie eine Vision. Man könnte sie als digitalen Puritanismus bezeichnen.

So erklärte Google-Chef Eric Schmidt Ende vergangenen Jahres in einem Fernsehinterview, wer etwas tun wolle, von dem andere nichts erfahren sollten, möge es besser gleich bleiben lassen. Ausgerechnet ein Kommentator des stets wirtschaftsfreundlichen Wall Street Journal schrieb daraufhin, Schmidts Ratschlag lasse sich nur als Warnung von Google verstehen: »Achtung, wir werden jetzt anfangen, Sie zu überwachen.« Aber das stimmt nicht. Man kann Schmidts Bemerkung auch als Ermahnung lesen, künftig ein regelkonformes Leben zu führen.

Niemand vertritt diesen moralischen Rigorismus so entschieden wie Mark Zuckerberg, der Erfinder von Facebook. Er will die Welt offener machen – und ehrlicher. Durch das Internet. »Die Zeiten, in denen man seinen Kollegen bei der Arbeit eine Persönlichkeit präsentieren konnte und seinen Freunden eine ganz andere, diese Zeiten werden ziemlich bald vorbei sein.« Zuckerberg hält das für eine erfreuliche Perspektive: »Zwei oder mehr Identitäten zu haben beweist einen Mangel an Integrität.«

Zuckerberg, schreibt sein Biograph David Kirkpatrick, »glaubt daran, dass es die Gesellschaft besser macht, wenn wir alle offen zeigen, wer wir sind, und uns allen unseren Freunden auf dieselbe Weise präsentieren«. Es wäre das Ende des Ambivalenten, des Schillernden, des Wechsels zwischen diesem und jenem Image.

Bei Facebook heißt dieses Konzept radical transparency – radikale Transparenz. In einer »offenen und transparenten« Welt, glaubt Zuckerberg, müssten die Menschen zu den Konsequenzen ihres Handelns stehen und würden sich daher verantwortungsvoller verhalten – und toleranter. Weil sie sich daran gewöhnen würden, dass jeder irgendwann mal etwas Falsches oder Lächerliches mache. »Die Menschen zu dieser Offenheit zu bewegen – das ist eine große Herausforderung«, sagt Zuckerberg, »aber ich glaube, wir schaffen das. Es kostet nur Zeit.«

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