ZEITmagazin: Herr Ōe, haben Sie jemals eine negative Erfahrung gemacht, aus der Sie gerettet werden mussten?

Kenzaburo Ōe: Ich glaube, dass alle Erfahrungen einen gewissen Wert haben und deshalb nicht negativ sind. Auch mit einem tragischen Vorfall lernen wir zu leben, wir wachsen damit und drehen das in etwas Positives. Für mich war so ein tragisches Ereignis die Geburt meines Sohnes. Ich war damals 29. Meine Frau lag im Krankenhaus, um unseren Sohn zu gebären. Dann erhielt ich einen Anruf vom leitenden Arzt: Das Kind habe eine schwerwiegende Behinderung. Es war das gravierendste Erlebnis in meinem Leben.

ZEITmagazin: Wie sind Sie mit dieser Nachricht umgegangen?

Ōe: Ich bin mit dem Fahrrad hingefahren. Das Krankhaus ist etwa einen Kilometer entfernt, und in den fünf Minuten, die ich unterwegs war, habe ich mich entschieden, das Kind anzunehmen. Der Arzt sagte zu mir: Wollen Sie die Sache sehen? Und ich antwortete: Ja, ich will das Ding sehen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich bereits, dass ich alles, was mein Leben betrifft, in die Waagschale legen würde für dieses »Ding«. Das war die größte Entscheidung meines Lebens.

ZEITmagazin: Auch in Ihrem Roman »Eine persönliche Erfahrung« entscheidet sich der Protagonist, mit einem behinderten Kind zu leben. Er jedoch ist voller Zweifel und findet erst nach einem langen Prozess Klarheit für sich.

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Ōe: Hätte ich mein Leben eins zu eins auf diesen Roman projiziert, wäre er nur drei Zeilen lang geworden. Ich habe mich wirklich in diesem einen Moment entschieden. Und wenn ich meinen Sohn heute Nacht auf die Toilette führe, werde ich damit zufrieden sein und mich an diesen Moment erinnern. Erst als ich dieses Buch schrieb, ist mir der Gedanke gekommen, dass man auch Bedenken haben kann.

ZEITmagazin: Was hilft Ihnen, das alles zu ertragen?

Ōe: »Ertragen« ist ein Wort, das ich sehr schätze. Denn es herrscht jeden Tag Chaos. Mein Sohn ist jetzt 46 Jahre alt. Lange fiel ihm das Gehen schwer. Vor einem halben Jahr ist er gestürzt und hat sich eine Rippe gebrochen. Diese Probleme existieren seit seiner Geburt, und meine Frau und ich haben jeden Tag zu kämpfen. Aber meine Entscheidung von damals hilft mir, es zu ertragen. Menschen, die sich entschließen, mit diesem Chaos zu leben, haben die Fähigkeit, solche Dinge zu ertragen. Aus ihrem Entschluss erwächst diese Fähigkeit. Und ich möchte gerade stehen. »Gerade stehen« ist ebenfalls ein Begriff, der sehr wichtig für mich ist. Mein Vater, der Faschist war, hat sich nach dem Krieg ertränkt. Er ist einer, der eingebrochen ist. Ich dagegen will gerade stehen, um meinem Sohn Sicherheit zu geben. Als ich sechs war, habe ich mich oft im Wald in einem hohlen Baum versteckt. Nur darin habe ich mich wirklich geborgen gefühlt, wie in einer Gebärmutter. Diese Geborgenheit will ich auch meinem Sohn geben. Ich darf mir nicht erlauben, einzubrechen.