Das Wort war wie ein Schock. Es klang nach verwahrlosten Straßen und leeren Bierdosen, nach Hoffnungslosigkeit und Verfall. Von Leipzig als »Armutshauptstadt« schrieb Ende Juni die überregionale Presse. Das Statistische Bundesamt hatte herausgefunden, dass in Leipzig – relativ gesehen – mehr Menschen von Armut bedroht sind als in irgendeiner anderen deutschen Stadt: 27 Prozent; der bundesweite Schnitt liegt bei 14 Prozent. Etwa zur selben Zeit legte das Sozialamt der Stadt seinen Lebenslagenreport 2009 vor: Danach gelten 18,9 Prozent der Bevölkerung als arm.

Nun sind Armutsquoten immer problematisch, weil sich das Einkommen niemals ganz genau erfassen lässt. Und vergleichbar sind die Zahlen nur schwer, weil jede Stadt andere Daten zugrunde legt. Eine Erkenntnis vermitteln die Statistiken dennoch: nämlich dass Armut in Leipzig – nach deutschen Maßstäben – dramatische Ausmaße angenommen hat. Dass sie dazugehört und so schnell nicht wieder verschwindet. Was bedeutet das für Leipzig? Wie tickt eine Stadt, in der Armut längst nicht mehr nur die Ränder der Gesellschaft berührt? Und welchen Effekt hat sie auf jene, die nicht arm sind?

Die Suche nach Antworten führt zu Hausbesitzern und Stadtentwicklern, zu Studenten wie auch zum Chefregisseur der Leipziger Oper und dem Intendanten des MDR. Sie alle sind nicht arm, aber sie müssen sich damit auseinandersetzen, dass es beträchtliche Armut in Leipzig gibt. Es beeinflusst ihr Privatleben oder ihre Arbeit. Und trotzdem antworten viele, wenn man sie fragt, ob Leipzig eine Stadt des Prekariats sei, mit »Nein«. Woran liegt das? Ist die Armut in Leipzig unsichtbar? Oder gilt es einfach, die gängigen Vorstellungen über arme Menschen zu hinterfragen?

Die Unterschiede wachsen – bei Bildung, Einkommen, Teilhabe

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern aus Andersens Märchen, das manchem in den Träumen der Kindheit begegnet ist, existiert nicht mehr. Armut sieht heute anders aus. Laut einer EU-weiten Definition ist davon bedroht, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Monatseinkommens zur Verfügung hat. Die Summe beläuft sich für einen Einpersonenhaushalt in Deutschland momentan auf 787 Euro. Die Zahlen für Leipzig sind drastisch niedriger: Bei einem durchschnittlichen Nettohaushaltseinkommen von gerade einmal 1067 Euro liegt die Grenze hier bei 640 Euro. Ein Student kann von 640 Euro gut leben – zumal in Leipzig. Studierende gibt es hier sehr viele. Wer aber meint, sie drückten die Statistik, liegt falsch. Denn auch andere Kommunen wie Jena oder Münster mit einem noch größeren Anteil an Studenten stehen weit besser da. Etwa 1000 Euro für eine drei- oder vierköpfige Familie aber sind nicht viel.

Läuft man durch die Innenstadt und ihre Passagen, schlendert durch das grüne Schleußig oder lässt sich in den Cafés der Südvorstadt nieder, dann scheint die Armut nicht nur weit weg. Laut dem Sozialbericht 2009 ist sie es auch. Wurde Leipzig lange als relativ sozial homogene Stadt wahrgenommen, so driften die Stadtteile mittlerweile sozioökonomisch auseinander. Die Unterschiede wachsen – bei Bildung, Einkommen, Teilhabe.

Um zu verstehen, welche Effekte Armut auslösen kann, muss man zunächst den prosperierenden Stadtvierteln den Rücken kehren und dorthin gehen, wo die Armut am größten ist. Nach Osten zum Beispiel. Neben Grünau und einigen anderen Stadtteilen im Westen ist da die soziale Struktur besonders problematisch. Wer sich dort als Nicht-Armer niedergelassen hat, der weiß, welche Auswirkungen die Not haben kann.

Michael Behling, ein privater Wirtschaftsgutachter, ist fast jede Woche im Leipziger Osten. Er sitzt in einer ehemaligen Bankfiliale, deren Tresore noch da sind – leer. Unter den Stuckdecken stehen graue Bürotische, Aufstellwände mit Bauzeichnungen des Stadtteils und Informationstafeln über Mikrojobs. Ein »kleines Wirtschaftsministerium«, so nennt er die amtliche Informationsstelle an der Eisenbahnstraße, kurz IC-E. Hier kommen alle her, die am wirtschaftlichen Leben in der Gegend teilnehmen wollen; als Arbeiter, Unternehmer, Gründer, Freiwillige, Lernende. Es geht dort um Stadtentwicklung auf niedrigstschwelligem Niveau, aber auch um die Frage, was Armut für ein Viertel bedeutet.