Eine fünfzehn Meter hohe Eiche mit einer breiten Krone überschattet die Terrasse eines Starbucks-Cafés an der Sandhill Road in Stanford. Auf jedem zweiten Tisch steht ein Laptop. Die Gäste haben ihre Stimmen gedämpft, man hört nur Wortfetzen: »My company…«, »I show you…«. Das Silicon Valley geht seiner Arbeit nach.

Hinter der nächsten Hecke hat der Risikokapitalgeber Sequoia seine Zentrale. Er finanzierte einst den Internetkonzern Google, als der wenig mehr als eine Idee war. Jetzt finanziert er Girish Benguela, aber Benguela will nicht sagen, woran er arbeitet. Das Start-up sei noch im stealth mode, alles geheim, sagt er, und lässt sich nieder.

Girish Benguela ist gekommen, um über seine große Sorge zu reden: Privatsphäre. Er hat kein iPhone und auch sonst kein internetfähiges Handy. Er versteht zu viel davon. »Wer einmal drin ist, dessen Daten verschwinden nie. Irgendwo tauchen sie wieder auf. Immer.«

Zu den datengierigen Diensten, denen Benguela misstraut, gehört auch Google Street View, jener in Deutschland umstrittene Stadtplandienst. Dabei ist Street View nur ein Anfang. Dem Programm werden andere, mächtigere folgen. Eine technologische Welle baut sich auf. Sie wird genährt von sogenannten Geodatendiensten, die Internet und Handy mit dem Standort des Benutzers verbinden und in deren Sog auch Menschen in die Datenbanken großer Internetunternehmen geraten können, die sich bewusst von ihnen fernhalten.

Derzeit testen Hunderte von Start-ups neue Programme, die den Menschen orten, sein Verhalten und seine Bewegungen analysieren, ihn durchsichtig – und manchmal öffentlich machen. Sie heißen Gowalla, Foursquare, myRete oder Pelago, und ihr Einfallstor sind moderne Handys und digitale Kameras, in die ein GPS-Chip zur Ortung eingebaut wurde. Geld haben diese Startups genug. Mehrere Milliarden Dollar Wagniskapital sind an sie geflossen. Einige von ihnen bergen wahrlich sozialen Sprengstoff.

Nur, warum macht Google da mit? Angetreten mit dem Motto »Sei nicht böse« ( Don’t be evil ), riskiert der Weltkonzern gerade seinen Ruf. Warum hält er an Street View fest?

In einem hundert Jahre alten Lagerhaus in der Innenstadt von San Francisco ist das Industriezeitalter lange vergangen. Frankreich gilt hier nicht mehr als Ort der Revolution, sondern der guten Küche. Im Restaurant Townhall liegt der Backstein hübsch frei, und der Wein ist so französisch wie die Charcuterie. Matt Cohler kommt gerne hierher, wenn er einen anstrengenden Tag hinter sich hat. Auf der Suche nach Erfolg ist Cohler als junger Mann nach Kalifornien gegangen. Und er hat es geschafft. Heute dienen ihm andere, neue junge Männer ihre Geschäftsideen an – und Cohler entscheidet, was sie wert sind.

Der Mann trägt ein schwarzes, leicht ausgewaschenes T-Shirt und eine Jeans, die Arbeitsuniform des Silicon Valley. 2005 war er einer der ersten Angestellten beim Sozialen Netzwerk Facebook und lange Zeit dessen Entwicklungschef. Doch dann hat er die Seite gewechselt und ist Partner beim Wagniskapitalgeber Benchmark Capital geworden. Die Manager dieses Fonds gelten als exzellente Spürhunde. Unter anderem haben sie früh in den populären Kurznachrichtendienst Twitter investiert, und Cohler sucht nun das »nächste große Ding«.

Cohler macht eine Handvoll Megatrends aus, und Google verbindet drei davon. Der erste heißt cloud computing (Daten werden auf Rechnern in den Tiefen des Internets gespeichert, nicht mehr zuhause), der zweite consumer internet (Soziale Netzwerke), der dritte ist der Trend zu mobilen Angeboten. Wie Google das vorantreibe, sagt Cohler, sei »begeisternd«. Dazu reißt er die Augen ein wenig auf, kneift den Mund zusammen und wackelt mit dem ganzen Oberkörper. Es ist seine Art, etwas zu unterstreichen. Denn er hat eine leise Stimme und sieht für Anfang dreißig noch immer sehr jung aus.