Es muss ein seltsamer Moment gewesen sein. Damals, als ein Kinomythos realpolitische Geschichte schrieb. Als Sylvester Stallone im Fernsehen eine Pressekonferenz von Ronald Reagan sah. Und als der US-Präsident plötzlich ein Plakat von Rambo II hochhielt. So wie der hier müsse man die Sache mit Libyen erledigen, sagte Reagan. Selbst Stallone fand es unheimlich, dass ein Präsident für seine Außenpolitik eine Macheten werfenden, Granaten speiende Killermaschine mit Zottelfrisur und rotem Vollstrecker-Stirnband konsultierte.

Es ist aber auch irgendwie folgerichtig. Rocky und Rambo, der italoamerikanische Boxer und der deutsch-indianische Vietnamveteran, sind nicht nur die erfolgreichsten amerikanischen Kinofiguren aller Zeiten. Bis heute sind sie die tapfersten Jungs des Landes, schiefmäuliger Inbegriff der amerikanischen Kulturpsychologie, verschmolzen zu einer Art populärkultureller Nationalerzählung. Rocky (1976), der erste große Kinohit der Carter-Ära, schenkte dem von verlorenen Konflikten und politischen Skandalen gebeutelte Land das Märchen vom unschuldigen Helden, der sich mit ehrlicher Muskelkraft aus der Gosse boxt. Rambo I und II verlängerten diesen Traum ballernd in die Reagan-Jahre, als politische Bodybuilding-Fantasie und Mythos der Unbezwingbarkeit. Und der Schauspieler, Autor, Regisseur Sylvester Stallone träumt diesen Traum noch immer.

Seit mehr als drei Jahrzehnten überdauert der nun 63-jährige König des Körperkinos auf der Leinwand mit diesen Figuren. Auf fast rührende Weise durchstehen seine proletarischen Modernisierungsverlierer alle Krisen und weltpolitischen Konstellationen mit schweißglänzenden Oberkörpern, furchterregend gebeultem Bizeps und ihrem spirit to win . Stallone verkörperte diesen Rollentypus in ungefähr fünfzig Filmen, als Cop, als Agent, als Soldat, als Killer. Sein neuer Film The Expendables , in dem er Regie führt, die Hauptrolle spielt und für den er das Drehbuch geschrieben hat, ist ein letztes Aufbäumen dieses physischen Kinos. Ein Aufmarsch der Muckibuden-Dinosaurier gegen die Computereffekte. Stallone hat dafür frühere Freunde und Konkurrenten versammelt, unter anderem Mickey Rourke, Jet Li und Dolph Lundgren. Selbst seine alten Konkurrenten Arnold Schwarzenegger und Bruce Willis haben kleine Gastauftritte. Gemeinsam erinnern sie uns an die Zeit, als auf der Leinwand die vernichtende Materialität des Körpers gefeiert wurde.

Stallones Amoklauf hat nie aufgehört, auch nicht im Kino

Die Geschichte ist allerdings eine Art Discount-Version der Rambo- Serie: Eine Söldnertruppe erledigt einen Killer-Auftrag in einer lateinamerikanischen Diktatur. Als danach die schöne Rebellenführerin des Landes verhaftet wird, entschließt sich der Obersöldner (Stallone) zurückzukehren, um sie zu retten. Es ist die alte Stallone-Geschichte von einem, der so lange geärgert wird, bis er alles zu Klump haut. Und wie eigentlich immer bei Stallone verbirgt sich eine andere, seine eigene biografische Geschichte dahinter.

Es ist die Geschichte des kleinen Sylvester, der in einer Wohlfahrtsklinik des New Yorker Stadtteils Hell’s Kitchen zur Welt kommt. Der bei der Geburt fast erstickt wäre, eine halbseitige Gesichtslähmung und einen Sprachfehler zurückbehält (Stallones manchmal kaum zu verstehendes Genuschel ist keineswegs ein Manierismus). Der Junge wird wegen seiner Behinderung vom Vater verachtet, von den früh zerstrittenen Eltern vernachlässigt, von seinen Altersgenossen gehänselt. Nach zwölf Schulwechseln landet er in einer Einrichtung für schwer erziehbare Kinder. Einmal läuft der Junge Amok und zerbeult ein Dutzend Autos in der Nachbarschaft. Im Grunde hat dieser Amoklauf nie aufgehört, auch nicht auf der Leinwand.

Stallone lief Amok mit Fäusten und im Boxring, mit Flammenwerfern, Macheten und Granatwerfern, er lief Amok im gewalttätigen, dreckigen New York der siebziger Jahre, in Indochina, im sowjetisch besetzten Afghanistan, in den Dschungeln von Birma und jetzt, in The Expendables, im südamerikanischen Kleinstaat Vilena, was so viel wie Bösewichtland heißt.

Es ist der Amoklauf eines Mannes, der ein großer Künstler und ernsthafter Schauspieler werden wollte und doch immer Rocky blieb. Der um den Ritterschlag der Hollywood-Aristokratie buhlte, um die Anerkennung der Pacinos, Redfords, Nicholsons, de Niros. Und als diese Anerkennung ausblieb, trat er ihnen mit Rambo in den Arsch.

Als Bildhauer trug Stallone eine Weile randlose Brillen

The Expendables erzählt noch einmal diese Geschichte vom einsamen Vollstrecker. Leider verliert sich die Physis der Kämpfergarde in einem großen Schnittgeschnipsel, und mit ihrer unironischen Art erinnert die Story über weite Strecken an ein Kommando-Movie der achtziger Jahre. Aber es herrscht auch eine gewissen Melancholie, eine vorpensionäre Abschiedsstimmung. Stallone ist müde geworden. Die martialischen Posen sind inzwischen wirklich Posen, früher waren sie geronnene Wut und Gewalt.