Film "The Expendables" Bye, bye Sylvester!Seite 2/2

Vielleicht hat der Amoklauf ein Ende. Vielleicht kommt da einer langsam zur Ruhe, der sich nur im Laufrad der Superkämpfe in den Mainstream einschreiben konnte, durch paranoide Feindbilder, durch seine Verwandlung in eine Killermaschine. In dieser Getriebenheit liegt ja – unabhängig von der Qualität der Filme – die gebrochene Größe der Leinwandfigur Sylvester Stallone. Rambo ist eben kein SUV-Patriot, sondern von Patriotismus zerfressen. Rocky kämpft in Teil eins bis sechs nicht um den physischen Sieg, sondern um sein moralisches Überleben.

Will man Stallone Gerechtigkeit widerfahren lassen, dann muss man diese Kaputtheit, dieses selbstzerstörerische Enttäuschtsein des Darstellers Sylvester Stallone von seinen Filmen lösen. Jawohl, die Drehbücher waren mal reaktionär, mal revanchistisch, mal altmodisch, mal himmelschreiend blöd und manchmal alles zusammen. Etwa wenn Rambo im dritten Teil in Afghanistan immer noch die Russen bekämpfte, als die Russen schon weg waren. Wenn Stallone in City Cobra (das Drehbuch hat er angeblich in 16 Stunden geschrieben), der nun wirklich einen rechtsradikalen Beigeschmack hat, geistesgestörte Verbrecher ausmerzt, als seien es Insekten. Von Ausflügen ins schrille Komödienfach wie Stop! Oder meine Mami schießt gar nicht zu reden.

Aber Stallone kann ganz anders, auch als Autor. Man denke nur an die andere Lesart von Rocky und Rambo als bittere Amerikabilder. An die ignorante Provinzgesellschaft in Rambo , die den Soldaten, den sie nach Vietnam geschickt hat, wie Abschaum behandelt. An das Unterschicht-New-York der siebziger Jahre, all die Hehler, Fleischhauer und Boxtrainer, die Stallone in Rocky mit liebevoller Straßenprosa beschreibt.

Kein Mensch weiß, wie groß der Künstler in dem Mann ist, der sich immer so sehr nach künstlerischer Anerkennung gesehnt hat. Aber man weiß, dass Stallones größter Traum ein Projekt über Edgar Allan Poe ist, das bei ihm in der Schublade liegt. Dass er sich eine Zeit lang als Bildhauer betätigte und dabei randlose Brillen trug. Und dass er seit vielen Jahren als Maler abstrakter Bilder Erfolg hat. Er male keine Blume, sagt Stallone, "sondern was eine Blume denkt".

Nur einmal, 1997, traute sich der späte Stallone, seine zarte und verletzliche Seite auch auf der Leinwand zu offenbaren. Nur einmal übernahm er eine Rolle, die aufscheinen ließ, wohin es ihn als Darsteller eben auch hätte ziehen können. In Cop Land von James Mangold spielt er einen lethargischen Sheriff inmitten korrupter Kollegen. Man muss sich anschauen, wie Stallone gutmütig und schmerbäuchig durch diesen Film tapst, in lächerlich unvorteilhaften Polizistenhosen. Am Ende steht eine entrückte, akustisch gedämpfte Sequenz. Der Sheriff, auf beiden Ohren taub geschossen, wankt in Zeitlupe zum Haus der korrupten Kollegen. Wenn die Kugel lautlos in seinen Körper einschlägt, schaut man gebannt einer Art Apotheose zu: Die Kampfmaschine Stallone wird wieder Mensch aus Fleisch und Blut. Womöglich konnte Stallone diesen mal ganz anderen Amoklauf eines dicklichen Polizisten nur spielen, weil er ihn nicht selbst geschrieben hat.

In The Expendables ist Sylvester Stallone nun wieder Autor eines klassischen Söldnerfilms. Aber sein noch einmal mit bewundernswerter Willenskraft trainierter, immer etwas kastenförmig wirkender Körper hat nun endgültig seine Grenze erreicht. Bei den Dreharbeiten zog sich Stallone einen Haarriss im Halswirbel zu, der genagelt werden musste. Jetzt ist es wohl endgültig aus mit den Kampf- und Actionszenen. Es ist das Ende einer Ära.

Wahrscheinlich können wir, wenn wir wieder einmal schlaftrunken durchs Nachtprogramm zappen und auf einem Privatsender in einer Maschinengewehrgarbe von Rambo V landen, nur erahnen, was dieser Mann für die Physis des Kinos getan hat.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. wirklich nüchtern und objektiv geschrieben...

    ...man sollte nich über dinge schreiben (müssen), denen man nichts abgewinnen kann

    werde mir den film dennoch auf jeden fall ansehen und ihn genießen...popkornkino

    un dem autor diesen beitrages solltet ihr lieber texte zu sendungen auf arte verfassen lassen, da hätte er/sie dann sicher auch mehr freude und der artikel wär nich so "agressiv"

  2. "...versteht, als er ihm gleich steht, oder wenigstens ihm homogen ist: was also jeder an Jedem sicherlich wahrnimmt, ist das Allen Gemeinsame, das Gemeine, das Kleinliche, das Niedrige unserer Natur(...)" hier beende ich mal das Zitieren von Schopenhauer und werfe ein:
    Ein Deutscher Journalist sollte sich nicht am Thema amerikanische Fernsehleute versuchen, so er doch weder im Thema ist, noch eine Ahnung hat.
    Und werfe weiter ein:
    Sylvester Stallone bekam für das Drehbuch an seinem ersten Film einen Dollar - und 10 Oskarnominierungen (3 gewann er, davon sogar Bester Film)! Des Weiteren, und hier kommt nun des Deutschen liebstes Kind: Statistiken! - gewann er den Britischen Akademy Award, den Golden Globe, Peoples Choice Award, den Cesar, den französischen Orden der Künste und der Literatur, er wurde als "Star unter Stars" geehrt, für seine Hauptrolle in Copeland bekam er in Stockholm eine Auszeichnung als bester Hauptdarsteller, seine Figur "Rambo" steht schon seit Jahrzehnten in amerikanischen Lexika, er hat 13 Filmdrehbücher geschrieben und vier Mal Regie geführt. Er studierte in der Schweiz und in Miami und ging dann ans Theater. So. Ich bin noch nicht einmal ein Stallone-Fan, aber als ich in New York an einer Filmhochschule studierte, traf ich ihn und ich kann nur sagen, dass die Deutschen ihn total unterschätzen. Die Amis hingegen nicht! Und lieber Autor dieses Artikels: ICH VERSTEHE JEDES WORT dieses Mannes mit der tiefen Stimme.

  3. Einfach klasse!

    Martialisch, männlich, unkorrekt. Noch ist nicht jeder Mann ein Wallach. Und quer durchs Bildungsspektrum hat Sly seine Fans.

    Die alten Recken spielen, bis sie tot umfallen.

    Siehe Clint E. oder Sean C.
    Es liegt einfach an dem Charme der heutigen Schauspieler, daß der Bedarf nach diesen alten Herren, immer noch groß ist.

    Johnny Depp, Keanu Reeves, oder Tom Cruse wirken oft wie ein lahmer Händedruck und hinterlassen den gleichen Eindruck!

    Wir müssen Filme wie "Frida" über uns ergehen lassen um den häuslichen Frieden zu wahren. Spaß machen sie keinen, was folgt auf jeden Fall.

    Oh mein Gott, wie unreif war das denn? Und ehrlich dazu. :-)

    • Wels
    • 26.08.2010 um 19:39 Uhr

    Sylvester Stallones Filme sind hochkarätiges Kulturgut! Als Beispiel sei hier auf folgenden Aufsatz zur Rambo-Reihe hingewiesen:

    http://nichtidentisches.m...

    Möglicherweise wird auch der neue Film seine wahre Gewalt erst in der Retrospektive entfalten.

    • Guido3
    • 26.08.2010 um 19:39 Uhr

    ... noch mal täglich eine Senioren-Monatsration an Testosteron und Wachstumshormonen eingeworfen, um die Muskeln noch mal aufzupumpen. Hoffentlich verkürzt es seine Lebenserwartung nicht allzu sehr.

    Der Stallone-Schinken ist ansonsten sicher nicht schlechter als hochgejubelter, zeitgemäßer Kitsch wie Avatar.

  4. Er mag zwar alt sein aber er ist und bleibt immer noch einer der besten Actionstar. Schon aus diesen Grund will ich den Film sehen und wenn der Film vielleicht aussehen sollte wie aus den 80er 90er jahren um so besser. Dann kommt die Melancholie noch so richtig auf lieber ein paar muskeln, wenige worte und Martial Arts einlagen zu viel. Besser als ewiges jammern und selbstmitleid. (Was sich scheinbar immer mehr Kerle gerne aneignen)

    Ich geh jetzt ins Kino und freue mich auf ein wunderschönes Hintern treten von BÖsewichten mit popcorn und coke und hoffe noch einmal das feeling eines rambo, kiss of the dragon oder stirb langsam film sehen zu kriegen

  5. Nun, dies ist wohl das Ende des "wahren Männerkinos"...

    Ade Rambo, Robocop, Terminator und co... ihr habt ausgedient...

    Oder gibt es ein "sag niemals nie"??

    Das Kino lebt auch von solchen Geschichten, und wir sollten uns nicht einreden, das die o.g. Filme uns nicht begeistert haben und auch bzgl. der Trick- und Actiontechnik Maßstäbe gesetzt haben.

  6. vor einer solchen Vita wäre sogar in einem solch schmalspurigen Artikel angebracht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • carol
    • 26.08.2010 um 22:58 Uhr

    sie meckern wohl auch nur zum spass.

    • carol
    • 26.08.2010 um 22:58 Uhr

    sie meckern wohl auch nur zum spass.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service