Es gehört zum politischen Geschäft, mitunter jene des Opportunismus zu bezichtigen, die ihre Meinung ändern. So geht es gegenwärtig der SPD. Die Partei versucht, sich der Rente mit 67 zu entledigen, eines Vorhabens, das von ihrem Ex-Vorsitzenden durchgesetzt wurde und inzwischen von den meisten Sozialdemokraten als Fehler betrachtet wird. Der Mehrzahl der Experten, fast allen Medien und dem politischen Gegner gelten sie deshalb als Umfaller, schlimmer noch: als uninformiertes politisches Personal, das der Linkspartei aus billigen Motiven nach dem Munde redet.

Allerdings denken nach einer gerade veröffentlichten Umfrage 70 Prozent der Deutschen genauso wie die SPD. Natürlich haben Mehrheiten nicht schon deshalb recht, weil sie die Mehrheit haben. Trotzdem lohnt es, sich näher damit zu beschäftigen, welche Einwände es gegen ein späteres Renteneintrittsalter eigentlich gibt.

Im Wesentlichen werden von den Gegnern einer Reform zwei Gründe ins Feld geführt: Erstens glauben sie, dass die Folgen der demografischen Entwicklung (weniger Beitragszahler, mehr Rentner und eine längere Lebensdauer) überschätzt und durch Wirtschaftswachstum, steigende Produktivität und eine hohe Erwerbstätigkeit auch in zwei oder drei Jahrzehnten aufgefangen werden können. Und zweitens verweisen sie darauf, dass die Betroffenen nur geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. Von 2012 an soll die Rente mit 67 sukzessive eingeführt werden. Also müssen ab diesem Jahr auch genügend Jobs für Ältere zur Verfügung stehen. Was aber kaum der Fall sein dürfte.

Gegenwärtig arbeiten nur 21,5 Prozent aller Deutschen zwischen 60 und 64 Jahren in einem sozialversicherungspflichtigen Job. Selbst das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft sieht bei den Beschäftigungschancen Älterer die »Unternehmen in Verzug«; nur knapp die Hälfte der Betriebe kümmerten sich etwa um ihre Fortbildung. Journalisten oder Ökonomen mögen jenseits der 65 relativ problemlos eine Arbeit finden, Schlosser und Schreiner dagegen müssen schon aus gesundheitlichen Gründen oft weit vor diesem Termin aufgeben. Für sie wäre eine Verschiebung des Renteneintrittsalters nichts anderes als eine Rentenkürzung.

Deshalb ist es sinnvoll, die Reform so lange auszusetzen, bis die Betriebe bewiesen haben, dass 65-Jährige für sie nicht zum alten Eisen gehören – bis also das tatsächliche Renteneintrittsalter von gegenwärtig rund 62 auf 65 Jahre angestiegen ist. Damit bliebe auch Zeit, noch einmal darüber nachzudenken, ob die Rente mit 67 wirklich so alternativlos ist, wie es von ihren Befürwortern dargestellt wird.

Dass Zweifel daran durchaus angebracht sind, zeigt ein kleines Gedankenexperiment: Wer hätte vor 50 Jahren die Einführung der Pille, die Wiedervereinigung und die Osterweiterung der EU vorausgesehen? Diese drei Vorgänge hatten wesentliche Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung Deutschlands, damit aber auch auf die Zahl der Erwerbstätigen und die Rentenversicherung. Prognostizierbar waren sie nicht. Wie kann also mit Sicherheit vorausgesagt werden, wie viele Menschen 2040 oder 2050 in der Republik leben und arbeiten werden, wie sich bis dahin die Wirtschaft entwickelt und um wie viel produktiver jeder einzelne Arbeitnehmer in einigen Jahrzehnten seinen Job versieht? Wirklich sicher kann das niemand sagen, aber jeder einzelne dieser Faktoren beeinflusst die Funktionsfähigkeit des Rentensystems. Soll man also Ökonomen vertrauen, die selbst kurz vor ihrem Ausbruch die weltweite Finanzkrise nicht vorausgesehen haben, die nun aber fordern, dass die Deutschen im Jahr 2030 bis 67 und später bis 70 arbeiten müssen?

Jede Rentenreform der vergangenen Jahre war eine Rentenkürzung. Von dem früher gültigen Versprechen einer den Lebensstandard sichernden und armutsfesten Rente hat sich die Republik längst verabschiedet. In wenigen Jahren wird es in Deutschland wieder Altersarmut geben, weil die Billiglöhner von heute gar keine Chance haben, ausreichend für morgen vorzusorgen. Wenn in dieser Situation eine Mehrheit der Deutschen und große Teile der SPD die Rente mit 67 ablehnen, ist das nicht opportunistisch. Es ist klug.