Fördertürme sind in Niedersachsen keine Seltenheit. Mehr als 13 Milliarden Kubikmeter Erdgas werden hier im Jahr gefördert, rund 90 Prozent der deutschen Eigenproduktion. Doch der 30 Meter hohe Bohrturm, der fünf Monate lang neben dem Sportplatz der kleinen Gemeinde Niedernwöhren an der Landesgrenze nach Nordrhein-Westfalen stand, war etwas Besonderes. Zum ersten Mal in Deutschland hatte ExxonMobil damit in einem Kilometer Tiefe nach Schiefergas gesucht. So nennt man Erdgas, das sich nicht in einer großen unterirdischen Blase angesammelt hat, sondern in den winzigen Poren einer dicken Schieferschicht versteckt ist.

Noch vor wenigen Jahren wäre es unmöglich gewesen, diese Ressource zu fördern. Denn um an Schiefergas heranzukommen, muss das Gestein aufwendig horizontal durchbohrt und mit Wasserdruck und Chemikalien aufgesprengt werden. Eine neue Technik aber macht seit einigen Jahren das gezielte Bohren in jede beliebige Richtung möglich. Während die Suche nach Schiefergas in Europa gerade erst begonnen hat, strömt es in Texas schon aus mehr als 6000 Löchern und hat dazu beigetragen, dass die USA im vergangenen Jahr Russland als weltweit wichtigsten Erdgasproduzenten überholen konnten. Weltweit bahnt sich ein regelrechter Gas-Hype an.

Kein Wunder: Bei Schiefergas und anderen unkonventionellen Erdgasvorkommen in Kohleflözen, Sandschichten oder unterseeischen Methanhydraten haben die neuen technischen Verfahren die Menge der weltweit geschätzten Energieressourcen steil in die Höhe schießen lassen. Inzwischen betragen sie nach Angaben der Internationalen Energie Agentur (IEA) das Zehnfache des verbliebenen Öls. Der Erdgasverbrauch hat sich schon in den vergangenen 30 Jahren verdreifacht.

Weltweit wird deshalb erforscht, wie ein stark wachsender Erdgasanteil am besten in den Energiemix integriert werden könnte. Das würde auch der Umwelt nützen. Denn unter den fossilen Energiequellen ist Erdgas die mit Abstand sauberste. Bei der Verbrennung entstehen weder Ruß noch Asche, fast kein Schwefeldioxid und sehr viel weniger Stickoxide als bei Kohle oder Öl. Die Verbrennung von Erdgas emittiert auch deutlich weniger Klimagase . Bei Kraftwerken sinkt der CO₂-Ausstoß je erzeugter Kilowattstunde im Vergleich mit der Kohle auf die Hälfte. Werden Heizöl, Benzin oder Diesel durch Erdgas ersetzt, spart das immerhin ein Viertel der Treibhausgasemissionen.