CO2-Zertifikate Kuhhandel statt Klimaschutz

Das Geschäft mit Emissionszertifikaten verhindert die Modernisierung von Kühlmittelfabriken in Indien und China.

Eine Erdöl- und Chemiefabrik in Jilin: In China wird auf eine längst fällige Modernisierung von Anlagen verzichtet

Eine Erdöl- und Chemiefabrik in Jilin: In China wird auf eine längst fällige Modernisierung von Anlagen verzichtet

Technische Entwicklungshilfe im Kampf gegen die Erderwärmung – das war das Ziel, als die Vereinten Nationen im Jahr 2006 den internationalen Emissionsrechtehandel einführten. Unternehmen aus Industriestaaten, die zu viel Treibhausgase produzieren, sollten klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern fördern, indem sie ihnen Zertifikate abkauften.

Die Idee eines Ablasses für Klimasünder war erfolgreich. Zumindest was den Handel angeht: In den Jahren 2008 und 2009 wurden laut Weltbank zwischen den Industrienationen und Entwicklungsländern Zertifikate im Wert von über neun Milliarden US-Dollar transferiert. Ob das Klima von dem Geschäft profitiert, ist aber umstritten – auch bei den Vereinten Nationen, die den Handel überwachen.

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Im Zentrum der Kontroverse steht das Treibhausgas HFKW-23, das bei der Herstellung des Kältemittels HFKW-22 entsteht. Während das Kältemittel in Kühlschränke und Klimaanlagen gefüllt wird, gelangte das HFKW-23 früher in die Atmosphäre und feuerte die Erwärmung an: Es ist 11700-mal so schädlich wie Kohlendioxid. Das macht es zugleich zum Goldesel im internationalen Emissionsrechtehandel. Denn Kältemittelfabriken, die das schädliche Gas zerstören, statt es in die Luft zu pusten, erhalten viele Zertifikate für eine kleine Menge Abfall. Eine gute Sache, könnte man meinen. 

Die Entsorgung kostet 20 Cent, für das Zertifikat gibt es 12 Euro

Einige Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind anderer Meinung. Ende Juli diskutierte der UN-Exekutivrat in Bonn eine Studie verschiedener NGOs und eine Untersuchung des UN-Expertenrats, die beide mehr oder weniger deutlich zu dem Schluss kamen: Der Handel mit HFKW-23-Zertifikaten ist reine Geschäftemacherei, es nützt nicht dem Klima, sondern nur den asiatischen Kältemittelherstellern. Die lassen sich nämlich die relativ billige Beseitigung des Klimakillers sehr teuer bezahlen. Weil HFKW-23 so klimawirksam ist, muss man weniger als 100 Gramm davon zum Preis von knapp 20 Cent entsorgen, um ein Zertifikat für eine Tonne CO₂ an die Börse zu bringen – und dafür gibt es zurzeit etwa zwölf Euro.

Doch wo mit den Mitteln des Marktes Klimaschutz betrieben werden soll, dominiert schon seit Längerem der Markt über den Schutz des Klimas. Die Folgen listen die Untersuchungen des UN-Expertenrats und der NGOs auf. So wird in den Kühlmittelfabriken auf eine längst fällige Modernisierung der Anlagen verzichtet, die zu einer Verringerung des Abfalls führen könnte. Mit neuer Technik würden bis zu einem Drittel weniger Treibhausgase produziert. Aber weniger Treibhausgase bedeuten weniger Zertifikate. Das ist auch deshalb problematisch, weil die Fabriken nur die Vernichtung des klimaschädlichen Abfalls für eine bestimmte Menge Kältemittel anrechnen dürfen. Produzieren sie mehr, wird das Treibhausgas nicht entsorgt, sondern gelangt in die Atmosphäre.

Der gewinnträchtige Handel mit den Zertifikaten erzeugt auch auf anderem Weg Schaden: Die Wissenschaftler vom UN-Expertenrat glauben, dass viele der Anlagen überhaupt nur gebaut wurden, um Emissionsrechte zu verkaufen. Wie lukrativ das Geschäft sein kann, berichtete die New York Times schon 2006: Eine Aufbereitungsanlage in China, die fünf Millionen Dollar kostete, spielte 500 Millionen Dollar Zertifikatsgeld ein. Deshalb lässt die UN schon seit einiger Zeit keine neuen Kühlmittelfabriken mehr am Zertifikatehandel teilnehmen. Die Folge: Mehr als die Hälfte des weltweit anfallenden HFKW-23 wird nicht zerstört. Denn dafür gibt es nun keine Zertifikate mehr.

Insgesamt sind 19 alte Kühlmittelfabriken für den Zertifikatehandel zugelassen. Zwölf stehen in China, fünf in Indien und zwei in Lateinamerika. Obwohl ihre Modernisierung nicht teuer wäre und die Regierungen in Indien und China entsprechende Auflagen verhängen könnten, gibt es für sie wenig Grund zu handeln. Denn solange in den veralteten Anlagen HFKW-23 anfällt – und entsorgt wird –, fließt über Steuern Geld aus dem Geschäft mit den Emissionsrechten in die Staatshaushalte. Eine gesetzlich vorgeschriebene moderne Entsorgung wie in den Industriestaaten würde diese Einnahmequelle versiegen lassen.

»Im Prinzip ist der Zertifikatehandel eine gute Sache, aber so, wie es läuft, ist es nicht effizient«, sagt Lambert Schneider. Der Umwelttechniker ist eines von 16 Mitgliedern im Expertenrat. »Im Moment finanzieren wir die Anlagenbetreiber und die Regierung in China. Die Ziele, die für den Zertifikatehandel festgelegt wurden, erreichen wir damit nicht.«

Dass die Einnahmen aus dem Zertifikatehandel längst das Geschäft mit den Kältemitteln übersteigen, zeigt eine andere Tatsache: Zwölf Fabriken wurden prompt abgeschaltet, als die Menge an HFKW-23, die sie in Form von Zertifikaten verkaufen durften, erreicht war.

Auch deutsche Unternehmen zahlen gerne für die zweifelhaften Zertifikate

Der Weltklimarat wies schon in einem Report von 2005 auf die geringen Entsorgungskosten des Kältemittelabfalls hin. Geändert hat das nichts. Die Rechnung bezahlen die Firmen, die Emissionen abschreiben. Allein deutsche Unternehmen kauften im Jahr 2009 für einen Börsenwert von 155 Millionen Euro HFKW-Papiere, europaweit wurde für 422 Millionen Euro eingekauft.

Das Stromunternehmen RWE zum Beispiel, listete die britische NGO Sandbag kürzlich auf, deckt seinen gesamten CO₂-Überschuss aus dem Steinkohlekraftwerk Westfalen mit Emissionsanleihen aus zwei Kühlmittelfabriken in China ab. Dass das dem Klima mehr schadet als nützt, sieht man bei RWE nicht. Die Kältemittelfabriken seien nur einige Projekte von vielen, heißt es dort. Wie viele Zertifikate aus Kältemittelfabriken das Unternehmen für deutsche Kraftwerke nutzt, macht es nicht öffentlich. Insgesamt stellen die HFKW-Zertifikate aber über die Hälfte der global gehandelten Emissionspapiere.

Das UN-Gremium konnte sich bei seinem Treffen in Bonn auf keine Linie im Umgang mit dem Treibhausgas einigen. Die Mitglieder aus den Industriestaaten hätten den Akkreditierungsprozess für die Kältemittelfabriken gern ausgesetzt, bis der Expertenrat alle Projekte überprüft hat. Auch weil sie fürchteten, dass das Kältemittelproblem den Emissionshandel insgesamt in ein schlechtes Licht rückt. Die Kommissionsmitglieder aus Indien und China, Rajesh Sethi und Maosheng Duan, sahen keine Notwendigkeit zum Handeln. Da man sich nach zweistündiger Diskussion nicht einigen konnte, wurde das Problem vertagt.

Die beratenden Wissenschaftler waren über diese politischen Schachzüge enttäuscht. Lambert Schneider fürchtet, dass das Problem frühestens im nächsten Jahr wieder verhandelt wird. »Wir könnten HFKW-23 für wenig Geld unschädlich machen. Stattdessen wird das Gas weiterhin ausgestoßen, und die Regierungen und Anlagenbetreiber handeln nicht, weil es ein gutes Geschäft ist. Es ist grotesk.«

 
Leser-Kommentare
  1. z.B.
    die Kältemittelproduktion wurde vom Montreal Protokoll gefördert,
    das Problem wird schon 5 Jahre auf Kyoto - Protokoll- ebene bearbeitet,
    die Zertifikate aus HFC-23 sind von wenigen Käufern gebunden und spielen keine Rolle
    für 95% der Marktteilnehmer,
    die Nachfrage nach dem Kältemittel ist stark preiss-rigide,
    die UN lässt keine neuen Anlagen mehr zu ist stark irreführend, es ist nicht die
    UN sondern ein Gremium aus Vertretern nationaler Umweltministerien
    und vieles mehr.

    Der Artikel ist ein Fall für eine Identitätsprüfung der Zeit, will man Schreckstories
    erfinden und Auflagen mit Angst stärken oder Kompetenzkriterien verfolgen ?

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    • joG
    • 20.08.2010 um 7:33 Uhr

    ....dass Zertifikathandel nicht immer so gut funktioniert, wie die Politiker uns weis machen wollen. Auch hier bedeuteten die CO2 Zertifikate eine Subventionierung einer monopolistischen Industrie.

    • joG
    • 20.08.2010 um 7:33 Uhr

    ....dass Zertifikathandel nicht immer so gut funktioniert, wie die Politiker uns weis machen wollen. Auch hier bedeuteten die CO2 Zertifikate eine Subventionierung einer monopolistischen Industrie.

    • joG
    • 20.08.2010 um 7:33 Uhr

    ....dass Zertifikathandel nicht immer so gut funktioniert, wie die Politiker uns weis machen wollen. Auch hier bedeuteten die CO2 Zertifikate eine Subventionierung einer monopolistischen Industrie.

  2. Man muß sich fragen, was die Beseitigung von HFKW-23 mit der Beseitigung von CO2 zu tun hat - nämlich nichts. Damit wird auch klar, daß es eine unzulässige Vermischung von Zielen und Maßnahmen ist, wenn man die Verrechnung von Umweltzertifikaten in völlig unterschiedlichen Produktionen zuläßt oder sogar noch fördert.

    Es wäre eine klare Regelung zu sagen, ein Zertifikat zur Freisetzung einer bestimmten Menge eines schädlichen (oder giftigen) Stoffes bezieht sich auf diesen Stoff, nicht aber auf andere. Dann würden sämtliche Produktionen betroffen sein, bei denen dieser Schadstoff entsteht. Aber man könnte eben nicht in anderen Produktionen das Entstehen anderer Schadstoffe dagegen aufrechnen und somit das Zertifikat mißbrauchen.

    Ein anderes und weitergehendes Thema ist, ob der Emissionshandel im Vergleich zu einer Pigousteuer oder zu einem schlichten grundsätzlichen Verbot wirklich grundsätzlich der bessere Weg ist.

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    Großen Dank an Thomas Ernst, der in der Tat das zentrale Kriterium zur
    Bewertung des Emissionshandels, entwickelt von Pigou um 1920, einbringt.

    Das was JoG "einfach mitnimmt", böse Monopole, ist typisch für die
    Kurzschlüße welche mangelnde Kompetenz von schnellen Journalisten
    so erzeugen.

    Was kann man über die Anwendung von Pigou auf den tatsächlichen
    Handel im ETS und von CDM sagen ? googlen sie mal Herr Reuter !

    Großen Dank an Thomas Ernst, der in der Tat das zentrale Kriterium zur
    Bewertung des Emissionshandels, entwickelt von Pigou um 1920, einbringt.

    Das was JoG "einfach mitnimmt", böse Monopole, ist typisch für die
    Kurzschlüße welche mangelnde Kompetenz von schnellen Journalisten
    so erzeugen.

    Was kann man über die Anwendung von Pigou auf den tatsächlichen
    Handel im ETS und von CDM sagen ? googlen sie mal Herr Reuter !

  3. Großen Dank an Thomas Ernst, der in der Tat das zentrale Kriterium zur
    Bewertung des Emissionshandels, entwickelt von Pigou um 1920, einbringt.

    Das was JoG "einfach mitnimmt", böse Monopole, ist typisch für die
    Kurzschlüße welche mangelnde Kompetenz von schnellen Journalisten
    so erzeugen.

    Was kann man über die Anwendung von Pigou auf den tatsächlichen
    Handel im ETS und von CDM sagen ? googlen sie mal Herr Reuter !

    • joG
    • 20.08.2010 um 18:50 Uhr

    ...sondern nur eine Anekdote aus unserer Erfahrungswelt genommen. Pigou-Steuern können selbstverständlich einen Erfolg haben, wenn man sie richtig Entwirft, die Steuer richtig adjustiert wird usw. Wenn alles richtig funktioniert, ist ein Zertifikatenhandel uU die effizienteste Möglichkeit der Regulierung. Da wir aber bspw im Energiesektor eine staatlich bedingte Monopolstruktur haben, muss man davon ausgehen, dass Effizienz nicht im Fordergrund hiesiger politischer Ziel rangiert.

    Regulierung ist also mit Pigousteuern nicht immer ganz so einfach und im Falle der Zertifikate, die man politisch bestimmt verkauft bzw ausgibt, grenzüberschreitende Wirkungen haben, emotionale Themen berühren und vieles mehr noch weit schwieriger als es zunächst klingt. Wir haben eine mehrjährige Erfahrung mit den Dingern und da klappte es nur begrenzt; böse Menschen würden sagen, das hiesige Programm wäre eine reine Subventionsaktion gewesen.

    Zudem gibt es eine ganze Latte Abfallprodukte, die ähnliche Externe Effekte erzeugen und alle letztlich reguliert werden müssten. Das bedeutet eine ziemlich schwerwiegende Verschiebung der Preise in einem Bereich, der alle Teile der Wirtschaft und des persönlichen Lebens hinein greift. Da können die Verwerfungen aus falsch gesetzten Incentives verheerend sein. Diese Erfahrung haben wir in einem anderen hochregulierten Bereich, dem Finanzmarkt, gerade gemacht.

    Ob man da die Politik und Bürokratie, wie sie heute existieren das anvertrauen will?

  4. Pigou mag sicher einem verzerrten Emissionshandel überlegen sein. Problematisch hierbei ist jedoch die korrekte Bemessung. Eine global adjustierte Steuer, die den Schattenpreis des Kohlendioxids exakt trifft, wird vergleichsweise schwer zu installieren sein.
    Die HFC-23 Problematik ist aber auch keine neue und meines Erachtens in Zukunft vernachlässigbar. Die CDM-Pipeline hat sich stark zu Projekten der erneuerbaren Energien verschoben.

    Die andere, unweigerlich mit HFC-23 verbundene Frage ist: Welchen Zertifikate-Preis würde man in Europa in Kauf nehmen? Sollten die Projekte wegfallen, würde sich vermutlich kein Preis nahe bei 12€ einstellen. Einem knapperen Angebot wird schon seit langem von einer starken Lobby (zB IETA) entgegengewirkt.

    Sicherlich sind HFC-23 Projekte auf Dauer kein Weg, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Und sicher bedarf es auch deutlicher Nachbesserungen im CDM. Aber der Mechanismus bleibt bei allen Problemen einer globalen CO_2-Steuer meines Erachtens überlegen.

  5. Sie schreiben: "Der Handel mit HFKW-23-Zertifikaten ist reine Geschäftemacherei, es nützt nicht dem Klima, sondern nur den asiatischen Kältemittelherstellern."

    Diese Lücke im Clean Development Mechanism (CDM) des Kyoto-Protokolls ist aber nicht einfach nur eine Quelle ungeahnter Mehreinnahmen für die betreffenden Anlagenbetreiber. Denn es werden hier zusätzliche Zertifikate ausgestellt, die eigentlich nach den CDM-Regeln gar nicht ausgestellt werden dürften. Die CDM-Regeln sehen vor, dass die auszustellenden Zertifikate auf Grundlage der Emissionen berechnet werden, die bei Fortbetrieb der Anlage ohne Klimaschutzprojekt entstehen würden. Die Anlagenbetreiber haben ihre HFC-23 Produktion nach Start des CDM-Projekts entgegen voriger Auslastungsgrade weitestgehend auf Maximalkapazität gefahren (also mehr produziert, als sie ohen Klimaschutzprojekt höchstwahrscheinlich produziert hätten).

    Das führt dazu, dass auf Seiten der reduktionsverpflichteten Zertifikatskäufer mehr emittiert werden kann, als vorgesehen. Die ökologisch wertlosen Zertifikate können zur Rechtfertigung von Mehremissionen genutzt werden. Damit ist diese Lücke im System nicht klimaneutral, sondern klimaschädlich.

    Verhehrend ist, dass die UNFCCC-Gremien diesen Missstand auch erkannt haben, aber nach vorübergehendem Einfrieren der Zertifikatsausstellung seit einigen Wochen die zweifelhaften Projekte wieder bedienen. Im CDM-Exekutivrat sitzen Vertreter Chinas, Japans, Indiens...

    Interessenskonflikt?

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