Atommüll Kuschelrunde am Endlager
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Auch in Deutschland rollt der Zug wieder

Auch in Deutschland rollt der Zug wieder, die einen fahren mit, die anderen ketten sich an die Gleise. Ein paar Menschen allerdings glauben fest daran, dass auch hierzulande noch ein Konsens in der Endlagerfrage möglich ist. Zu ihnen gehört Jörg Gantzer, Tilman Bollachers Stellvertreter im Landratsamt Waldshut. Gantzer leitet das Umweltdezernat, von seinem Büro aus sieht man das Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt auf der anderen Seite des Rheins, Gantzer hat ein Ficus-Bäumchen davor gestellt. Früher, sagt er, habe er der Atomkraft »neutral bis befürwortend« gegenübergestanden. Vor zwei Jahren nahm er an einer Endlagerkonferenz in Berlin teil, wo Demonstranten Flugblätter verteilten auf Mittelhochdeutsch, die kein Mensch verstand, um zu zeigen, wie sich die Welt in nur 500 Jahren verändert. Da habe er eingesehen, sagt Gantzer, »dass diese Technologie mit menschlicher Hybris zu tun hat«. Er will jetzt wenigstens dazu beitragen, dass seine Generation den Müll noch unter die Erde bringt.

In drei Arbeitsgruppen zur Schweizer Endlagersuche ist er Mitglied, außerdem im deutschen Forum Endlager-Dialog (FED) , was anstrengend ist, weil es alle paar Wochen zu implodieren droht. Im FED sitzen Atomkritiker aus Gorleben und Atommanager an einem Tisch, der Sozialwissenschaftler Peter Hocke hat es vor zwei Jahren mitgegründet. Es gibt nichts, was diese Gruppe entscheiden könnte, aber es ist wohl das einzige Gremium in Deutschland, in dem beide Seiten – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – miteinander reden. Sie machen ähnliche Fortschritte wie die Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern.

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Gantzer, parteilos, steht zwischen den Fronten. Er weiß, wie der Kompromiss zwischen Atommanagern und gemäßigten Kritikern aussehen könnte. Noch bekennt sich kaum jemand öffentlich dazu, denn in der Endlagerfrage gilt Bürokraten-Mikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Und solange um die Laufzeitverlängerung gespielt wird, bewegt sich auch in der Endlagerfrage niemand. Der Kompromiss geht so: Gorleben wird weiter erkundet, parallel wird aber auch ein zweiter Standort gesucht und erforscht, zunächst »auf dem Papier«, dann mit Probebohrungen, später unter Tage. Außerdem wird die Bevölkerung beteiligt wie in der Schweiz, nicht gleich mit einer Volksabstimmung, aber stärker als nur durch formal-juristisches Einspruchsrecht wie im deutschen Planfeststellungsverfahren. »Nur so gewinnt man Vertrauen«, sagt Gantzer.

Die Erkundung von Gorleben für immer aufzugeben, wie viele Atomgegner fordern, ist unrealistisch. Es stimmt zwar, dass Gorleben zunächst nur als Standort für eine Wiederaufbereitungsanlage ausgewählt wurde, die Eignung als Endlager war nicht das vorrangige Kriterium. Trotzdem könnte der Salzstock als Atommülllager geeignet sein, die Fachleute wissen es einfach noch nicht. In der Horizontalen habe man schon sehr viel erkundet, sagt der Geowissenschaftler Volkmar Bräuer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) , »aber vertikal gibt es noch einiges zu tun«. Wie dick ist die Salzschicht, gibt es Laugenzuflüsse? Diese Fragen sollen bis Ende der Legislaturperiode für den ersten Erkundungsbereich geklärt sein. Nicht ausgeschlossen, dass herauskommt: Gorleben ist für Atommüll ungeeignet.

Schon für diesen Fall braucht man eine Alternative. One choice is no choice, heißt es in der Schweiz, eine Option ist keine Option. Im Frühjahr sah es für einen Moment so aus, als habe auch Norbert Röttgen das begriffen. Parallel zur Erkundung des Salzstocks Gorleben werde »die wissenschaftliche Diskussion zu alternativen geologischen Formationen vorangetrieben« verkündete er. Doch nicht einmal sein Ministerium weiß gegenwärtig, was das konkret bedeutet. »Die Diskussion über Laufzeiten blockiert alles«, sagt ein Mitarbeiter. Dabei empfiehlt selbst das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) , verantwortlich für die Endlager in Deutschland und Röttgens eigene Fachbehörde, außer Gorleben mindestens einen weiteren Standort zu suchen, »partei- und legislaturübergreifend«.

Der Bundesumweltminister müsste dabei nicht von null anfangen, sondern nur ins eigene Archiv gehen. Dort liegen Studien der BGR über interessante Endlagerkandidaten. Basierend auf Tausenden Bohrungen, die im Rahmen der Erdöl- und Erdgasexploration gemacht wurden, hat die BGR eine Landkarte »untersuchungswürdiger« Salz- und Tonschichten angefertigt. Die meisten befinden sich in Norddeutschland, einige in Bayern und Baden-Württemberg – darunter dieselbe Tonschicht, die die Schweiz untersucht. Ob Ton oder Salz das bessere Wirtsgestein für ein Endlager ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Der nächste Schritt wäre, sagt Volkmar Bräuer, »dass man die Regionen eingrenzt und zusätzliche Kriterien heranzieht«. Auch das wäre bis zum Ende der Legislaturperiode machbar. Bräuer: »Ich rechne nur noch in Legislaturperioden.« Anschließend müsste man unter Beteiligung der Gemeinden einen zweiten Standort auswählen und unter Tage erkunden. Das BfS hat auch schon grob geschätzt, was das kosten würde: rund 500 Millionen Euro. Das ist der Preis für das Vertrauen, das im Fall Gorleben verspielt wurde. Zum Vergleich: In die Erkundung des Salzstocks Gorleben wurden bislang 1,5 Milliarden Euro gesteckt.

Dass man mit der Suche nach einem zweiten Endlager-Kandidaten »die Republik anzündet«, wie der CSU-Abgeordnete Max Straubinger wähnt, ist nachweislich Unsinn. In einer Umfrage von TNS Emnid für die ZEIT sprachen sich immerhin 33 Prozent der befragten Baden-Württemberger dafür aus, auch in ihrem Bundesland nach einem Standort für ein nukleares Endlager zu suchen. Das ist eine gute Basis für eine Endlagersuche mit Bürgerbeteiligung. Jetzt fehlt nur noch die Politikerbeteiligung.

 
Leser-Kommentare
    • Hontes
    • 20.08.2010 um 20:50 Uhr

    Vielleicht hat die Schweiz hinsichtlich der Endlager-Debatte aus dem Debakel um die Fluglärmbelastung des sich ebenfalls in Grenznähe befindlichen Flughafens Zürich-Kloten gelernt.

    Im dortigen Fluglärm-Streit schlagen die Wogen zwischen Deutschland und der Schweiz erheblich höher!

  1. Nein, dies hat nichts mit dem Fluglärm-Streit zu tun.

    Es handelt sich hier um ein rein demokratisches Vorgehen, bei dem zuletzt der Souverän, also das Volk, das Sagen hat.

    Das ganze kann darum so locker angegangen werden, weil die Parteien keine Versprechen einlösen müssen, sondern zusammen die beste Lösung für das Volk erarbeiten wollen. Die Vorlage muss so gut sein, dass das Volk dazu "Ja" sagt.

    Man nimmt sich also die Zeit, alle Lösungsvorschläge anzuhören, um dann die beste als Vorlage zu präsentieren.

    Für mich ist es schlicht unverständlich, wieso Deutschland oder Österreich nicht schon längst die Direkte Demokratie eingeführt haben.

  2. Anders als in korrupten autokratischen Bananen-Republiken mit mafiösen Strukturen in welchen eine kleine Clique von Plutokraten selbstherrlich regiert und die Bevölkerung vom Meinungsbildungsprozess ausgeschlossen ist.

    Wie z.B. in, nun ja, hier.

    • Varech
    • 21.08.2010 um 6:43 Uhr

    Endlagersuche als Gesellschaftsspiel. Die da jetzt Entscheiden spielen, wie und wie lange wollen die denn die Verantwortung tragen? Wissen die denn, wovon sie reden, wenns so schön "spannend" ist? Das ist nicht Demokratie, das ist Volksverdummung!
    Hoch radioaktives Zeugs der Mutter Natur unter den Teppich zu kehren, kann niemand verantworten, das darf deshalb nicht getan werden.
    Stimmt, die Abfälle der ach so billigen Stromproduktion sind nun schon mal da. Die Lenker (oder Manipulierer?) unserer Geschicke könnten ja erst mal versuchen, das zu verantworten.
    Ob das Lager nah an der Grenze sein soll, oder nicht, ist völlig ohne Belang. Auch diese Frage ist nur plumpe Problem-Vernebelung
    Wenn da jetzt kuschelig im kleinen Kreis entschieden werden soll, ist das extreme Amtsanmassung, meine Worte nur mal ganz klein und auf die kleinen Leute zugeschnitten.
    Die Anstifter der Sache wissen was ich meine.

  3. Das passt alles ganz gut in die kuschelige Besänftigungsnummer von RWE,EON...bei Bild und Co. Jetzt bekommt die Kanzlerin noch Druck von Ackermann, METRO, Bertelsmann und DFB. Da gehört auch dieser ZEIT-Artikel leider hin. Genau auf diese Schiene.Und soll doch nur die Mär erzählt werden das man den Atommüll ganz friedlich und sauber irgendwo ablädt, wenn man nur nicht so stur ist.
    Für mich steckt da eine ganz perfide Strategie dahinter. Die BILD-Leser bekommen das auf ihrem Niveau, Zeit-Leser eben ein wenig intellektueller serviert! Nein Danke.

    • Kiira
    • 21.08.2010 um 12:27 Uhr

    Warum bringen wir unseren Atommüll nicht auch in das geplante schweizer Endlager?! Ist bestimt nur eine Geldfrage. Es liegt so dicht an der Grenze, da kann man leicht einen Tunnel unter dem Rhein hindurch bohren als direkten Zugang. Vielleicht reicht die Gesteinsschicht ja unterirdisch sowieso bis nach Deutschland. Dann kann unser Teil des Endlagers ja auf deutscher Seite entstehen.

    Und wenn in den nächsten hunderttausend Jahren das Lager mal undicht wird, schwemmt der Rhein das Plutonium und den ganzen strahlenden Müll nach Holland. Falls es Holland dann überhaupt noch gibt. Ob sich dann noch jemand an das Wort Demokratie einnert?

    Bestimmt! Man wird man sich noch erinneren: Damals, vor hunderttausend Jahren, da haben irgendwelche Homo Sapiens Vormenschen das ganz vorbildlich demokratisch entschieden, dass der tödliche Müll in den Flußauen verbuddelt wird.

    • Crest
    • 21.08.2010 um 12:45 Uhr

    Ein stellvertretender Landrat, der flott hingescribbelte Änderungen in der Oberflächenmorphologie innerhalb der letzten 500 Jahre einfach mal nassforsch überträgt auf geologische Langfristformationen und den dabei das Gefühl der Hybris erfasst, der hat seine Emotionen falsch kalibriert.

    Herzlichst Crest

  4. wir vergraben unseren Müll möglichst nah am Schweizer Endlager, dann wird niemand zusätzlich belastet. Die Schweizer können sich kaum beschweren , und wenn die deutschen das Schweizer Endlager akzeptieren , machts auch keinen unterschied wenn da 2 sind

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