Atomenergie Einstieg, nicht Ausstieg
Die Atomlobby drängt, aber warum sollte die Regierung nachgeben? Je länger sie die Kraftwerke laufen lässt, desto schwieriger wird der Weg ins Solarzeitalter.
© Carsten Koall/Getty Images

Aktivisten protestieren in Gorleben gegen Atomkraft (Archivbild)
Jawohl, die Atomkraft ist eine Brückentechnologie! Sie soll einen plötzlichen Energieabfall beim Übergang von der fossilen, konservativen CDU alter Schule zur solar- und vor allem windgetriebenen modernen Volkspartei der Mitte verhindern. Denn, so haben führende Christdemokraten kürzlich festgestellt, Atomkraftwerke sind konservativ, und weil die Union auf anderen Politikfeldern sonst nicht mehr viel Konservatives zu bieten hat, müssen die Meiler eben länger laufen als bisher geplant.
Dennoch trifft die Union dabei auf entschiedenen Widerstand. Allerdings nicht so sehr auf den von Grünen oder SPD, sondern auf den der Atomkraftbetreiber, ihrer besten Freunde und führenden Angestellten. In einer Anzeigenkampagne hat man die schwarz-gelbe Regierung, die man ohnehin alle Nase lang trifft, eigens wissen lassen, dass nur ein paar Jährchen Laufzeitverlängerung nicht genug seien. Drei Jahrzehnte wären ihnen wohl lieber.
Das kann man wiederum verstehen. Denn für die Herren (Frauen waren nicht darunter) geht es um viel Geld. Dass sie ihre Interessen mit Macht und mit hohem Einsatz vertreten , ist weder überraschend noch illegitim; allerdings wäre es ein Irrtum zu glauben, das Interesse der marktbeherrschenden Atomkonzerne sei mit dem Interesse der Wirtschaft identisch. Vor Kurzem beschwerten sich industrielle Großverbraucher sogar noch darüber, die Strompreispolitik der Versorger gefährde den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Besonders pikant an jener Anzeige ist übrigens, dass sie auch von dem Mann unterzeichnet wurde, der einst für die rot-grüne Regierung Energiepolitik machte. Wolfgang Clement gegen Wolfgang Clement sozusagen, der heutige Superlobbyist der Stromwirtschaft gegen den einstigen Superminister im Kabinett von Gerhard Schröder.
Um nun diesen fundamentalen Streit zwischen Laufzeitverlängerern und Laufzeitverlängerern zu schlichten, hat die Bundesregierung Gutachten in Auftrag gegeben, hochwissenschaftliche natürlich. Die sollen nun nicht etwa Aufschluss geben über die optimale Dauer bei der Laufzeitverlängerung. Vielmehr sollte Zeit gewonnen werden, die wiederum damit ausgefüllt wurde, die Frage von zehn oder zwanzig oder noch mehr Jahre länger laufenden Atomkraftwerken zu der alles entscheidenden energiepolitischen Zukunftsfrage hochzujazzen.
Das zumindest ist der Bundesregierung ganz gut gelungen. Gebannt wartet die Öffentlichkeit darauf, wie der Streit zwischen den zwei Freundeskreisen der Atomenergie ausgeht. (Und selbst der grünste Schwarze, Norbert Röttgen , will ja ordentlich verlängern.)
Auf der anderen Seite scheint, wenn man den Umfragen glauben darf, das Volk in seiner großen Mehrheit durch keine Anzeige und keinen Schaukampf der Welt von einer gewissen Atomkraftverdrossenheit abzubringen zu sein.
Vor allem aber gibt es neben dem energiepolitischen Streit in Berlin noch etwas ganz anderes: die energiepolitische Wirklichkeit nämlich. In dieser Wirklichkeit muss Energie effizienter verwendet werden; es muss zweitens mehr Energie aus Quellen stammen, die nicht versiegen können; drittens muss die Energie der Zukunft sauber sein. Das klingt einfach, ist aber politisch so schwer zu bewerkstelligen, dass es den ganzen Mann, die ganze Frau, die ganze Regierung und alle Kraft brauchte, um das umzusetzen.
Die Atomkraft ist also in erster Linie eine Ablenkung vom Wesentlichen und gewiss keine Brückentechnologie.
Nach geltendem Recht muss das letzte Kernkraftwerk 2022 abgestellt werden
Das Märchen von der Atomenergie als Brückentechnologie wird den Deutschen nun schon seit Monaten erzählt. Von ebenjenen Unionspolitikern, die Atomkraft zum letzten unschwulen, konservativen Markenkern von CDU und CSU stilisiert haben. Und von den Betreibern der Atomkraftwerke, die sich vom längeren Betrieb ihrer Meiler Milliardengewinne versprechen.
Es ist absurd zu glauben, ausgerechnet die Atomenergie könnte Deutschland den Weg in die Energiezukunft weisen. Die 17 Meiler sind nicht zukunftsfähig. Kein einziger von ihnen würde heute noch genehmigt, übrigens wegen einer Änderung des Atomgesetzes, für die 1994 die Union sorgte. Mehr als 40 Jahre nach Inbetriebnahme des ersten deutschen Kernkraftwerkes fehlt noch immer ein Endlager für die ständig wachsende Menge Nuklearmüll. Und dass am Weiterbetrieb der Meiler, die im vergangenen Jahr gerade mal elf Prozent zum Energieverbrauch beisteuerten, Deutschlands Wohl und Wehe hängen soll, ist schon rein arithmetisch ausgeschlossen.
Nach geltendem Recht, auch das ist eine Wirklichkeit, die Schwarz-Gelb öffentlich gern ausblendet, muss das letzte deutsche Kernkraftwerk um das Jahr 2022 abgestellt werden, also in mehr als zehn Jahren. Bis dahin kann Strom aus Wind und Sonne, aus Erdwärme und Biomasse den Atomstrom vollständig ersetzen, wie aus aktuellen Regierungsdokumenten hervorgeht. Allerdings wird das nur dann geschehen, wenn die Politik den Investoren die richtigen Anreize schafft. Die Genehmigung längerer Laufzeiten wäre das Gegenteil davon. Es wäre das Signal, erst einmal nicht in Wind- und Sonnenkraftwerke zu investieren.
Das Signal würde nicht nur unabhängige Stromanbieter und Investoren abschrecken. Auch für die Betreiber der Atomkraftwerke, ohne deren Finanzkraft die Energiewende kaum zu schaffen ist, wäre der finanzielle Anreiz immens, den notwendigen Ausbau der regenerativen Stromerzeugung zu verzögern oder zu verhindern. Warum sollten sie mit Strom aus Windparks in der Nordsee ihrem Atomstrom Konkurrenz machen?
Die Brücke ist also keine Brücke, sie ist eine Gasse, eine Sackgasse: Je mehr die Bundesregierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängern wird, desto schwieriger wird der Weg ins regenerative Zeitalter. Schwieriger Weg? Das hört sich zunächst nach Energieunsicherheit an, das jedoch muss es keineswegs sein. Zwar werden auch in zehn Jahren die erneuerbaren Energien noch nicht ausreichen, um rund um die Uhr und nicht nur in windigen, sonnigen Zeiten für Spannung in jeder Steckdose zu sorgen. Allerdings könnte bereits dann häufig so viel regenerativer Strom im Netz sein, dass die Betreiber der Kraftwerke ihre Meiler ebenso oft drosseln oder gar abschalten müssten. Sie müssten also bereit sein, ausgerechnet von jenem Produkt weniger zu produzieren, das ihnen den höchsten Gewinn beschert. Sich damit freiwillig einverstanden zu erklären ist keinem Vorstandsvorsitzenden einer Aktiengesellschaft zuzumuten. Dass sie auf längere Meilerlaufzeiten drängen, ist insofern logisch. Aber warum sollte die Politik dem nachgeben? Um konservative Wähler zu gewinnen, die indes oft schon längst ökologischer sind als die CDU?
Oder setzt man auf den Egoismus der Verbraucher, die einfach nur wenig bezahlen wollen, auf Geld statt Gewissen? Nein, auch die profitieren von längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke keineswegs. Weil nicht das billigste, sondern das teuerste Kraftwerk den Strompreis bestimmt, würde sich für die Verbraucher nicht viel ändern.
Im Kern der Debatte müssten nicht alte Meiler stehen, sondern neue Netze
Wie immer man es dreht und wendet: Der durch die Atomdebatte verursachte Schaden nimmt ungeahnte Ausmaße an, auch deswegen, weil er andere energiepolitische Themen, wie die Zukunft der europäischen Stromversorgung von der Tagesordnung verdrängt. Im Kern der ganzen Debatte müssten nicht alte Meiler stehen, sondern neue Netze. Hier geht es um eine Jahrhundertaufgabe, nicht um die Abwicklung des 20., sondern um die Gestaltung des 21. Jahrhunderts.
Es geht ums Ganze, es geht um Netze, um die elektrische Infrastruktur, um Stromleitungen und -speicher. Das Ziel ist ehrgeizig, aber realistisch: Jede Steckdose sollte jederzeit mit dem unstet fließenden Wind- und Sonnenstrom zu beschicken sein. Neue Leitungen müssen Europa mit Nordafrikas Solar- und mit Norwegens Wasserkraftpotenzialen verbinden. Das wäre eine echte Aufgabe für richtige, für realistische Politik.
Keine leichte. Schließlich müssen diese neuen Netze nicht nur gebaut werden, man muss die Bürger auch davon überzeugen, dass die hässlichen Masten einen höheren Sinn haben. Man müsste Verträge schließen mit Norwegen und Algerien, man müsste Stromkonzerne zu ihrem Glück und zu mehr Gemeinsamkeit zwingen.
Es wäre schön, wenn die Bundesregierung die Laufzeit ihrer Laufzeitdebatte etwas begrenzen könnte. Der Ausstieg aus dem Alten kommt sowieso. Der Einstieg ins Neue nicht.
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- Datum 27.08.2010 - 10:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.08.2010 Nr. 35
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Frau Merkel ist medienwirksam mit einer Kaffeefahrt für den Klimawandel in die Arktis gestartet.
Jetzt dauert so eine Kaffeefahrt, Energiekonzept, schon wieder eine Woche.
Beim Sonntagsinterbiew war die Frage nach den 5 wichtigsten Punkten welche diese Regierung "zu stemmen"
Zu Beginn führ man wegen des Klimawandels in die Arktis. Hat bis Heute kaum etwas gebracht.
Jetzt ist sie schon 1 Woche Energie politisch auf Dienstreise und verspricht am Sonntag im Interview das sie sich um diese wichtige Frage persönlich kümmern wolle.
Am Montag kam dann der Teil Rückzieher gegenüber den Energieversorgern. Wahrscheinlich handelt es sich ja um ein Informationsdefizit dieser Dame.
Gestern Abend - in den Nachrichten - will Frau Merkel die 4 Energieversorger "noch stärker zur Kasse bitten"
Wers glaubt wird seelig.
Norbert Röttgen, der smarte Politikdarsteller mit dem Label jugendlicher Held und einem gnadenlosen Gespür bei der Erstbesteigung der Karriereleiter ohne Rückversicherungsprämie sagte in "Hart aber Fair" auf die Frage, wie lang die Brücke sein müsse mit sybillinisch verklärter Weltgewandtheit: "So kurz wie möglich, aber so lang wie notwendig". Aha.
Der Herr will sich nicht genau festlegen, solange seine eigene Partei im gegenseitigem Abwatschen noch keine rechte Klarheit zu diesem Thema gefunden hat. Und Wolfgang Clement, der es neben Thilo Sarrazin auch endlich geschafft hat vom verkleideten Paulus zum bösartigen Saulus zu werden, kann man nur empfehlen, sich endlich der rückhaltlosen Aufklärung seiner wankelmütigen Psyche zu widmen
Wie lange sollen die Menschen noch von gierigen Machtpolitiker an der Nase herumgeführt werden, wenn es um die Zukunft und die zu erreichende Hoheitssicherung unserer Energie geht. Solange sie den Menschen die Pest als harmlose Kollateralerkrankung verkaufen, solange wird der Sprung in eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft mit sauberer Energie nicht zu schaffen sein.
Die Physikerin Merkel müsste es eigentlich genau wissen und taktiert trotzdem halbherzig zwischen potentieller Wählergunst und Lobbyistenbeschwichtigung.
Ihr wahres Gesicht zeigen Politiker ohnehin nach ihrer Demission, wenn man die Papiertiger Schröder, Clement und Fischer in ihrem derzeitigem Wirkungskreis beobachtet.
Da erfreut nur der Greis Helmut Schmidt.
W. Neisser
Nun muss der auch hier noch angemacht werden. Das scheint ja neuer Volkssport zu werden.
Ihn dann auch noch mit dem Trümmerhaufen Clement zu vergleichen, muss das sein?
Nun muss der auch hier noch angemacht werden. Das scheint ja neuer Volkssport zu werden.
Ihn dann auch noch mit dem Trümmerhaufen Clement zu vergleichen, muss das sein?
Also das ist mal ein echt guter Artikel... muss den Autor mal loben! thumps up!!!
Nicht nur wegen der Zusammenfassung der aktullen Situation und der Gemütslage der Otto-Normal-Menschen sondern vor allem wegen dem Schluss...
...Sie vertreten ~80Mio. Rechnungsbezahler => Augen zu und durch!
Kommt immer drauf an wie man in den Geschichtsbüchern stehen will... als Erste Frau als Bundeskanzlerin oder als diejenige Person die den Umstieg eingeleitet hat... weg mit dieser nervenaufreibenden, sinnlosen Diskussion!
Angucken! Erschreckend, unfassbar, ohne Worte: http://www.youtube.com/wa...
Vieles war zwar schon - jedenfalls mir - bekannt, was aber "Wiederaufbereitung" wirklich bedeutet, leider noch nicht. Vom Ausmaß der "Ausdünstungen" und "Einleitungen in den Ärmelkanal" der Wiederaufbereitungsanlage in Le Haque allerdings auch nicht, ebenso nicht das 90% "Müll" übrigbleiben, die nach Sibirien gehen.
In Sewersk liegen übrigens nicht nur französische Abfälle sondern auch welche aus Deutschland.
Insgesamt zeigt der Film in hervorragenderweise den äußerst verantwortungslosen Umgang von Industrie und Politik mit der Atomkraft und ihren Folgen.
Vieles war zwar schon - jedenfalls mir - bekannt, was aber "Wiederaufbereitung" wirklich bedeutet, leider noch nicht. Vom Ausmaß der "Ausdünstungen" und "Einleitungen in den Ärmelkanal" der Wiederaufbereitungsanlage in Le Haque allerdings auch nicht, ebenso nicht das 90% "Müll" übrigbleiben, die nach Sibirien gehen.
In Sewersk liegen übrigens nicht nur französische Abfälle sondern auch welche aus Deutschland.
Insgesamt zeigt der Film in hervorragenderweise den äußerst verantwortungslosen Umgang von Industrie und Politik mit der Atomkraft und ihren Folgen.
Der "Ausstieg aus dem Ausstieg" ist industriepolitisch die absurdeste Idee auf die man überhaupt verfallen konnte!
Im beschlossenen, und auch von den jetzt um "Laufzeitverlängerung" jammernden Atomstromanbietern unterschriebenen Ausstiegsvertrag, ist jetzt schon ein so großes Zeitfenster vorhanden, dass der Umstieg in eine dezentrale und auf regenerative Ernergien gründende Energieversorgung auf jeden Fall zu schaffen ist!
Wer Laufzeiten verlängern will, blockiert die energiewirtschaftliche Zukunftsfähigkeit Deutschlands.
( Von der Atomhaftung und Lebenswegblockade der uns folgenden Generationen ganz zu schweigen )
Würde man nur einen Bruchteil der Energie, die in der deutschen Politik darauf verwendet wird, mit aller Macht auf der Stelle zu treten, nutzen können, wären sämtliche Energiesorgen des Landes gelöst und Deutschland könnte sich getrost zu den Energy Superpowers des 21. Jdhts zählen können.
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