Atomenergie Einstieg, nicht AusstiegSeite 3/3

Oder setzt man auf den Egoismus der Verbraucher, die einfach nur wenig bezahlen wollen, auf Geld statt Gewissen? Nein, auch die profitieren von längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke keineswegs. Weil nicht das billigste, sondern das teuerste Kraftwerk den Strompreis bestimmt, würde sich für die Verbraucher nicht viel ändern.

Im Kern der Debatte müssten nicht alte Meiler stehen, sondern neue Netze

Anzeige

Wie immer man es dreht und wendet: Der durch die Atomdebatte verursachte Schaden nimmt ungeahnte Ausmaße an, auch deswegen, weil er andere energiepolitische Themen, wie die Zukunft der europäischen Stromversorgung von der Tagesordnung verdrängt. Im Kern der ganzen Debatte müssten nicht alte Meiler stehen, sondern neue Netze. Hier geht es um eine Jahrhundertaufgabe, nicht um die Abwicklung des 20., sondern um die Gestaltung des 21. Jahrhunderts.

Es geht ums Ganze, es geht um Netze, um die elektrische Infrastruktur, um Stromleitungen und -speicher. Das Ziel ist ehrgeizig, aber realistisch: Jede Steckdose sollte jederzeit mit dem unstet fließenden Wind- und Sonnenstrom zu beschicken sein. Neue Leitungen müssen Europa mit Nordafrikas Solar- und mit Norwegens Wasserkraftpotenzialen verbinden. Das wäre eine echte Aufgabe für richtige, für realistische Politik.

Keine leichte. Schließlich müssen diese neuen Netze nicht nur gebaut werden, man muss die Bürger auch davon überzeugen, dass die hässlichen Masten einen höheren Sinn haben. Man müsste Verträge schließen mit Norwegen und Algerien, man müsste Stromkonzerne zu ihrem Glück und zu mehr Gemeinsamkeit zwingen.

Es wäre schön, wenn die Bundesregierung die Laufzeit ihrer Laufzeitdebatte etwas begrenzen könnte. Der Ausstieg aus dem Alten kommt sowieso. Der Einstieg ins Neue nicht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Frau Merkel ist medienwirksam mit einer Kaffeefahrt für den Klimawandel in die Arktis gestartet.
    Jetzt dauert so eine Kaffeefahrt, Energiekonzept, schon wieder eine Woche.
    Beim Sonntagsinterbiew war die Frage nach den 5 wichtigsten Punkten welche diese Regierung "zu stemmen"

  2. Zu Beginn führ man wegen des Klimawandels in die Arktis. Hat bis Heute kaum etwas gebracht.
    Jetzt ist sie schon 1 Woche Energie politisch auf Dienstreise und verspricht am Sonntag im Interview das sie sich um diese wichtige Frage persönlich kümmern wolle.
    Am Montag kam dann der Teil Rückzieher gegenüber den Energieversorgern. Wahrscheinlich handelt es sich ja um ein Informationsdefizit dieser Dame.
    Gestern Abend - in den Nachrichten - will Frau Merkel die 4 Energieversorger "noch stärker zur Kasse bitten"

  3. Wers glaubt wird seelig.

  4. Norbert Röttgen, der smarte Politikdarsteller mit dem Label jugendlicher Held und einem gnadenlosen Gespür bei der Erstbesteigung der Karriereleiter ohne Rückversicherungsprämie sagte in "Hart aber Fair" auf die Frage, wie lang die Brücke sein müsse mit sybillinisch verklärter Weltgewandtheit: "So kurz wie möglich, aber so lang wie notwendig". Aha.

    Der Herr will sich nicht genau festlegen, solange seine eigene Partei im gegenseitigem Abwatschen noch keine rechte Klarheit zu diesem Thema gefunden hat. Und Wolfgang Clement, der es neben Thilo Sarrazin auch endlich geschafft hat vom verkleideten Paulus zum bösartigen Saulus zu werden, kann man nur empfehlen, sich endlich der rückhaltlosen Aufklärung seiner wankelmütigen Psyche zu widmen

    Wie lange sollen die Menschen noch von gierigen Machtpolitiker an der Nase herumgeführt werden, wenn es um die Zukunft und die zu erreichende Hoheitssicherung unserer Energie geht. Solange sie den Menschen die Pest als harmlose Kollateralerkrankung verkaufen, solange wird der Sprung in eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft mit sauberer Energie nicht zu schaffen sein.

    Die Physikerin Merkel müsste es eigentlich genau wissen und taktiert trotzdem halbherzig zwischen potentieller Wählergunst und Lobbyistenbeschwichtigung.
    Ihr wahres Gesicht zeigen Politiker ohnehin nach ihrer Demission, wenn man die Papiertiger Schröder, Clement und Fischer in ihrem derzeitigem Wirkungskreis beobachtet.

    Da erfreut nur der Greis Helmut Schmidt.

    W. Neisser

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 30.08.2010 um 2:35 Uhr

    Nun muss der auch hier noch angemacht werden. Das scheint ja neuer Volkssport zu werden.
    Ihn dann auch noch mit dem Trümmerhaufen Clement zu vergleichen, muss das sein?

    • dacapo
    • 30.08.2010 um 2:35 Uhr

    Nun muss der auch hier noch angemacht werden. Das scheint ja neuer Volkssport zu werden.
    Ihn dann auch noch mit dem Trümmerhaufen Clement zu vergleichen, muss das sein?

  5. Also das ist mal ein echt guter Artikel... muss den Autor mal loben! thumps up!!!
    Nicht nur wegen der Zusammenfassung der aktullen Situation und der Gemütslage der Otto-Normal-Menschen sondern vor allem wegen dem Schluss...

    ...Sie vertreten ~80Mio. Rechnungsbezahler => Augen zu und durch!
    Kommt immer drauf an wie man in den Geschichtsbüchern stehen will... als Erste Frau als Bundeskanzlerin oder als diejenige Person die den Umstieg eingeleitet hat... weg mit dieser nervenaufreibenden, sinnlosen Diskussion!

  6. Angucken! Erschreckend, unfassbar, ohne Worte: http://www.youtube.com/wa...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vieles war zwar schon - jedenfalls mir - bekannt, was aber "Wiederaufbereitung" wirklich bedeutet, leider noch nicht. Vom Ausmaß der "Ausdünstungen" und "Einleitungen in den Ärmelkanal" der Wiederaufbereitungsanlage in Le Haque allerdings auch nicht, ebenso nicht das 90% "Müll" übrigbleiben, die nach Sibirien gehen.

    In Sewersk liegen übrigens nicht nur französische Abfälle sondern auch welche aus Deutschland.

    Insgesamt zeigt der Film in hervorragenderweise den äußerst verantwortungslosen Umgang von Industrie und Politik mit der Atomkraft und ihren Folgen.

    Vieles war zwar schon - jedenfalls mir - bekannt, was aber "Wiederaufbereitung" wirklich bedeutet, leider noch nicht. Vom Ausmaß der "Ausdünstungen" und "Einleitungen in den Ärmelkanal" der Wiederaufbereitungsanlage in Le Haque allerdings auch nicht, ebenso nicht das 90% "Müll" übrigbleiben, die nach Sibirien gehen.

    In Sewersk liegen übrigens nicht nur französische Abfälle sondern auch welche aus Deutschland.

    Insgesamt zeigt der Film in hervorragenderweise den äußerst verantwortungslosen Umgang von Industrie und Politik mit der Atomkraft und ihren Folgen.

  7. Der "Ausstieg aus dem Ausstieg" ist industriepolitisch die absurdeste Idee auf die man überhaupt verfallen konnte!
    Im beschlossenen, und auch von den jetzt um "Laufzeitverlängerung" jammernden Atomstromanbietern unterschriebenen Ausstiegsvertrag, ist jetzt schon ein so großes Zeitfenster vorhanden, dass der Umstieg in eine dezentrale und auf regenerative Ernergien gründende Energieversorgung auf jeden Fall zu schaffen ist!
    Wer Laufzeiten verlängern will, blockiert die energiewirtschaftliche Zukunftsfähigkeit Deutschlands.
    ( Von der Atomhaftung und Lebenswegblockade der uns folgenden Generationen ganz zu schweigen )

  8. Würde man nur einen Bruchteil der Energie, die in der deutschen Politik darauf verwendet wird, mit aller Macht auf der Stelle zu treten, nutzen können, wären sämtliche Energiesorgen des Landes gelöst und Deutschland könnte sich getrost zu den Energy Superpowers des 21. Jdhts zählen können.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service