Popsänger 99 Fragen an Enrique Iglesias
Mehr braucht kein Mensch
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Enrique Iglesias 35, ist einer der erfolgreichsten spanischen Popsänger. Zusammen mit Künstlern wie Ricky Martin trat er in den Neunzigern die Latin-Pop-Welle los, die mehrere Jahre anhielt. Er ist Sohn des Schlagerstars Julio Iglesias und seit 2000 mit der russischen Tennisspielein Anna Kournikova liiert. Iglesias sang den offiziellen EM-Song "Can You Hear Me". Sein aktuelles Album heißt "Euphoria" und wurde im Juli veröffentlicht
London, eine Suite des für seinen dezenten Luxus bekannten Hotels The Langham. Da sitzt sein Manager, ein Turnschuh-Typ, in die geblümten Polster hineingelegt, Computer auf den Knien, Handyknopf im Ohr, und tippt. 40 Minuten Interview mit dem Latin-Pop-Superstar Enrique Iglesias (in Spanien geboren, seit seinem achten Lebensjahr in Miami). Er ist der Star der kleinen Mädchen, schwulen Männer mit bürgerlichem Lebensstil, Hausfrauen, Sekretärinnen: in etwa so. Er gehört zu der Sorte total berühmter Superstars, von der kein Mensch ganz genau sagen kann, für was sie eigentlich berühmt ist.
Seine Musik ist ein Querschnitt aus allem, was ganz okay klingt und sich gut verkauft (Hip-Hop-Beats, Flamenco-Gitarren, sexuell leicht anzüglicher Schubidu-Gesang). Er ist der Sohn des Königs aller Schnulzensänger, Julio Iglesias, er führt eine Beziehung mit dem russischen Tennis-Pin-up Anna Kournikova, die schon erstaunlich lange hält (seit acht Jahren).
Die letzte Fußballeuropameisterschaft hat er mit dem Song »Can You Hear Me« eröffnet, gerade ist sein neues Studioalbum, sein fünftes, erschienen. Reicht doch. Es gibt mit ihm absolut nichts Sinnvolles zu besprechen außer den üblichen Frauenzeitschriften-Themen (Frauen, schöne Frauen, sexy Frauen, Körperpflege) – doch, halt: Mit Enrique muss man natürlich auch über seinen Vater Julio sprechen und sein Los, zu einem Leben als Sohn eines berühmten Vaters verdammt zu sein – da sollte der Interviewer ruhig ein wenig Psychologie betreiben, das könnte lustig werden. Der Typ, der da gerade das Hotelzimmer betritt und nach einigermaßen nichts aussieht – Baseballkappe, Fleecejacke, Jeans, Dreitagebart –, ist er dann auch gleich: Enrique. Er hält eine Schüssel in der Hand, in der ein Hühnerfleisch-Sandwich auf einer Portion Pommes liegt, er setzt sich, kaut, die Schüssel in seinem Schoß: Entschuldigung, er sei heute vor lauter Interviews noch nicht zum Essen gekommen. Er guckt, kauend, mit seinen schönen Augen. Der Superstar Enrique Iglesias hat schlechte Haut und Ringe unter den Augen: angenehm. Der Manager hatte vor dem Interview durchgegeben, dass wenigstens die ersten Fragen von der Musik und vom neuen Album »Euphoria« handeln sollten.
1Haben Sie in den letzten Monaten einen Gitarrenakkord dazugelernt?
Ich kann jetzt drei Akkorde auf der Gitarre spielen. Ich setze auf die klassischen spanischen Akkorde, ich setze auf Moll.
2Kann Ihre Stimme etwas, was sie auf den letzten Alben noch nicht konnte?
Ich kann meine Stimme nun gleichmäßig über ganz unterschiedliche Rhythmen hinwegfließen lassen. Das ist mir auf früheren Alben noch nicht so gut gelungen.
Er spricht mit vollem Mund, entschuldigt sich erneut, dass er den Mund voll hat. Höflicher Superstar Enrique Iglesias.
3Jemals einen Song in Ihrem Privatflugzeug geschrieben?
Das ist vorgekommen, ja.
4Wahres Gerücht, dass Sie Ihre Songs gern im Jacuzzi, eingerahmt von flackerndem Kerzenlicht, schreiben?
Das ist ein vollkommener Blödsinn. Wer hat Ihnen diesen Quatsch erzählt?
5Sind alle Enrique-Iglesias-Songs Sommersongs?
Mit der Idee, dass alle meine Songs Sommersongs sind, kann ich etwas anfangen, ja.
6Einverstanden, dass ein Enrique-Iglesias-Song sich in Los Angeles vollkommen anders anhört als, sagen wir, in Berlin oder irgendeiner trostlosen Plattenbau-Metropole in China?
Aber das gilt doch für alle Songs, nicht nur für meine. Die Qualität eines Songs verändert sich mit den Umständen, unter denen du den Song hörst, der Frage, wo du bist, wie du die Nacht zuvor geschlafen hast, wie es in deinem Zimmer riecht, ob du einen Hund oder eine schöne Frau in deiner Nähe hast.
7Ihre Definition von Latin Pop?
Das ist der Einfluss Südamerikas auf die moderne Popmusik. Keine Ahnung. Es ist warm, und Sie möchten tanzen.
8Wenn Elvis der Großvater des Rock ist, wer ist dann der Großvater des Latin Pop?
Einer der ganz großen Latin-Musiker, aber sicherlich noch kein Großvater dieser Gattung, ist Juan Luis Guerra. Ich habe auf meinem neuen Album mit ihm zusammengearbeitet.
9Wenn Sie sich für einen Song im Werk Ihres Vater entscheiden möchten, welcher wäre es?
Das wären eine Menge Songs.
Sie sollen sich jetzt bitte für einen entscheiden.
Dann nehme ich gleich seinen ersten Song,
La Vida Sigue Igual.
Er hat ihn selbst geschrieben. Und er ist in diesem Song noch ganz er selbst.
Er hat, spätestens jetzt, verstanden, dass das hier ein bisschen komisch wird: anders als die anderen Gespräche, die er heute noch gibt. Es kostet ihn keine besondere Anstrengung. Aber es nervt ihn, es stört den Medienprofi, den Kontrollfreak, den international agierenden Pop-Unternehmer, dass er noch nicht abschätzen kann, worauf die Sache hier hinausläuft. Blick zum Manager auf dem Blumensofa: Der guckt in den Computer. Enrique hat beide Hände in der Pommes-Schüssel. Die Stirn des Popstars wirft Falten.
10Welches Kompliment Ihres Vaters, Ihre Musik betreffend, werden Sie nie vergessen?
Ich habe mit meinem Vater nie über meine Musik gesprochen. Das mag schwer zu glauben sein, aber es ist mein Ernst. Ich habe überhaupt nur ein einziges Mal mit meinem Vater über Musik gesprochen. Das war am Morgen meines 18. Geburtstags.
11Wann zuletzt mit Ihrem Vater an einer Bar gesessen und zwei, drei große Gläser Whisky zusammen ausgetrunken?
Machen Söhne das mit ihren Vätern? Bei uns ist das jedenfalls noch nie vorgekommen. Lassen Sie es mich so beantworten: Ich habe nie mit meinem Vater zusammengesessen und hatte auch nur einen Tropfen Alkohol in meinem Körper.
12Ganz andere Frage: Wann haben Sie Ihren Vater zuletzt gesehen?
Vor zwei Jahren. Beim Tod meines Großvaters.
13War es für Sie eine wichtige Entscheidung, anders als Ihr Vater nicht spanisch, sondern englisch zu singen?
Auf meinem neuem Album befinden sich englisch- und spanischsprachige Songs. Das war eine bewusste Entscheidung – und ein ganz natürlicher Vorgang. Die Songs, die ich schreibe, stellen sich in einem frühen Stadium als englisch- oder spanischsprachige Songs heraus.
14Richtig, dass Sie niemals im weißen Jackett auf die Bühne treten würden, weil Ihr Vater seine Weltkarriere barfuß und im weißen Jackett beschritten hat?
Nein. Das würde ich durchaus tun. Das habe ich auch schon getan.
15Stimmt das irre Gerücht, dass Sie mittlerweile doppelt so viele Platten wie der Hitparaden-Millionär Julio Iglesias verkauft haben?
Ich weiß nicht, wie viele Platten mein Vater verkauft hat: Sind es mehr als Elvis? Mehr als die Beatles?
Pause. Orientierung. Die Fragen über den Vater hat er wie eine Eins genommen, locker, freundlich, äußerst konzentriert, aufmerksam und effizient, also ohne auch nur ein Gramm mehr Gefühl oder Information herauszulassen, als unbedingt nötig ist (auf Vater Julio werden wir, weil es zu schön ist, später noch zurückkommen). Der Fairness halber kündigt der Interviewer an, dass es nun in das Reich der grauenhaft seichten Fragen geht. Ihm ist das gleich. Er ist gerade fertig mit essen. Er beteuert, auch wenn das keineswegs stimmen muss, dass er sich absolut großartig fühlt.
16Ihre Größe in Zentimeter?
190.
17Ihre Schuhgröße?
11.
18
Der Name Ihres Eau de Cologne?
Azzaro.
19Der Name Ihrer Nachtcreme?
Hängt davon ab, was im Hotel gerade so herumliegt.
20Nass rasieren oder trocken rasieren?
Trocken.
21Deodorant oder kein Deodorant?
Deodorant. Ich putze mir auch die Zähne, falls Sie das noch wissen wollen.
22Wie lautet die Firma Ihrer Unterhosen?
Hugo Boss.
23Welche Sportart bildet Ihrer Erfahrung nach den schönsten männlichen Körper?
Schwimmen. Gut für die Muskeln, gut für die Knochen.
- Datum 25.08.2010 - 16:05 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 26.08.2010 Nr. 35
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Seit wann macht sich ein Interviewer über den Interviewten lustig? Sehr unsympathisch.
Tolles Interview. Hätte Enrique Iglesias nicht für so schlagfertig gehalten.
Enrique Iglesias ist ja richtig cool!! Warum hatte der Interviewer überhaupt das Ziel, ihn mit provokanten Fragen zu demütigen und bloß zu stellen?? Welche niederen Instinkte seines vermeintlichen Publikums wollte er denn da befriedigen? Auf jeden Fall hat sich das Opfer gut und schlagfertig aus der Affäre gezogen und kam dabei noch als supersympathischer Typ mit soliden Grundeinstellungen rüber.
Oh Mann. Der Interviewer ist ja ein richtiger Sympathieträger. Iglesias muss gute Ohren haben, dass er vom derart hohen Ross herunter noch was verstanden hat. Mäßig interessante Fragen, teils sehr witzige Antworten und wieder einmal die Gewissheit, dass Selbstverständnis und Umsetzung in einer ZEITung zwei Paar Schuhe sind.
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