Ein Bauer bei der Heu-Ernte © Andreas Gebert/dpa

Schachendorf, Bezirk Oberwart im Burgenland, Seehöhe 286 Meter, ist ein unscheinbares Straßendorf nahe der ungarischen Grenze, in dem hauptsächlich Burgenland-Kroaten wohnen. Die Ackerflächen ringsum liegen wie am Reißbrett gezogen auf dem platten Land. In einiger Entfernung ragt der Gschriebenstein empor. Auf dieser mit 884 Metern höchsten Erhebung der Grenzregion befindet sich ein Naturpark. Bürgermeister Adalbert Resetar (ÖVP), ist ein besonders erfinderischer Geist. Der Funktionärsmulti (er wirkt unter anderem maßgeblich im ÖVP-Bauernbund, in der Landwirtschaftskammer und im Bezirksbauernrat mit) bezog 2008 für seinen Agrarbetrieb Fördergelder in der Höhe von 153.528,30 Euro – und das ausgerechnet aus dem Bergbauernprogramm, das mit pannonischer Magie offensichtlich selbst einem Flachländer die Mühsal des alpine Lebens aufzubürden versteht.

Für sein Schwarzbuch Landwirtschaft – Die Machenschaften der Agrarpolitik hat der Sachbuchautor Hans Weiss sowohl den österreichischen wie den europäischen Förderdschungel durchforstet, beides ein ziemlich undurchdringliches Gehölz. Dabei stieß er, wie beim Beispiel Schachendorf, auf eine Vielzahl von Absurditäten ebenso wie auf fette Privilegien und Pfründe sowie auf regelrechte Unverschämtheiten, bei denen sich Millionäre vom Schlag eines Julius Meinl, eines Dietrich Mateschitz, eines Wolfgang Porsche oder eines Christian Schwemberger-Swarovski ihr landwirtschaftliches Hobby durch Subventionen zusätzlich vergolden lassen (Meinl kassierte 2008 insgesamt 34.445 Euro, teilweise aus der Bergbauernhilfe, bei Mateschitz waren es lediglich läppische 4715 Euro).

Hans Weiss: Schwarzbuch Landwirtschaft. Deuticke Verlag. Wien 2010. 18,40 Euro © Deuticke

Der Vorstoß der SPÖ, die den Wildwuchs in der Agrarförderung zurückstutzen möchte, brachte unlängst den gesamten, schwer überschaubaren Komplex ins Gerede. Vor allem auch, da der Koalitionspartner ÖVP sofort gequält aufjaulte. Nicht nur, weil der schrumpfende Bauernstand zur Kernklientel der Konservativen zählt. Wohl auch, weil mit Parteiobmann und Generalsekretär zwei mächtige Bauernbündler an der Parteispitze stehen, und viele der landwirtschaftlichen Funktionäre neben adeligen Großgrundbesitzern zu den Hauptnutznießern des Systems zählen. Vor allem die Funktionäre der Landwirtschaftskammern, überwiegend Bauernbund-Mitglieder, ernten reichlich Subventionen ab. 216 der insgesamt 277 Landkammerräte in Österreich bringen es gemeinsam auf ein Zubrot von rund 5,75 Millionen Euro. »Zieht man alle in der Landwirtschaft tätigen Politiker und Funktionäre in Betracht«, rechnet Weiss nun in seinem Schwarzbuch vor, »dann kommt man auf eine geschätzte Subventionssumme von jährlich hundert Millionen Euro, die in diese Richtung fließt.« Dem Begriff Bauernschläue widerfährt dadurch ein sehr österreichischer Bedeutungswandel.

Mit umfangreichem Zahlenmaterial belegt Weiss, dass eine Flurbegradigung in dem auf zumindest 2,2 Milliarden Euro gewucherten Förderbudget (die genau Höhe lässt sich nicht feststellen) nottut. Drei Arbeitnehmer, kalkuliert Weiss, würden einen Bauern finanzieren. Dabei werden aber nicht nur viele Millionen verschwendet, das System bewirkt insgesamt genau das Gegenteil von dem, was es öffentlichkeitswirksam vorgibt, erreichen zu wollen, und wodurch es gesellschaftliche Akzeptanz erworben hat: die Existenz der um ihr Überlebenden ringenden Landwirte zu sichern. Tatsächlich profitieren zu vier Fünftel die Angehörigen des Milliardärsklubs, Privatstiftungen, Konzerne, Großgrundbesitzer und Politiker überproportional, während die viel beschworenen Landschaftspfleger in der kleinteilig strukturierten bäuerlichen Welt mit dem Brosamen des restlichen Fünftels abgefunden werden. Davon haben die Steuerzahler dank des kunstvoll konstruierten Förderlabyrinths bloß keine Ahnung.

Er habe kein Aufdeckerbuch geschrieben, beteuert der Autor, der sich mit Enthüllungen über die Pharmaindustrie (Bittere Pillen) einen Namen gemacht hat. Vielmehr seien alle Zahlen öffentlich zugänglich, man müsse sie nur zu finden wissen und ihnen zäh nachspüren.

Sein Schwarzbuch Landwirtschaft zerstört aber nicht nur die gängigen Klischees der Subventionspraxis. Allgemein genießt der Bauernstand in Österreich das treuherzige Image eines heimatverbundenen und naturbewussten Nährstandwahrers, das auch von den Medien des dominierenden Agrarkonzerns Raiffeisen (siehe Vorabdruck) liebevoll gepflegt wird. Korrekturen an dieser grünen Idylle sind angebracht: Weiss erzählt unter anderem von überdüngten Ackerflächen, von Almwiesen, die mit einem Breitbandvertilgungsmittel namens Harmonie gepflegt werden, von technisch hochgerüsteten Landwirten, von der illegalen Landaneignung der Agrargenossenschaften in Tirol, von Bioschwindel und davon, dass das Bauernsterben unaufhaltsam voranschreitet (täglich stellen zwölf Bauern den Traktor ab), gleichgültig wie ergiebig die Fördermillionen sprudeln. Im Gegenteil: Das System begünstigt den Konzentrationsprozess zusätzlich durch ein Programm, das den sinnigen Titel Grundaufstockung trägt. Ein geschickter Großbauer muss dann für einen Hektar oft nur mehr ein Drittel des tatsächlichen Kaufpreises selbst bezahlen.