Zwei Arbeiter blicken auf den Offshore-Windpark Alpha Ventus in der Nordsee © Sean Gallup/Getty Images

Brückentechnologie: Mit dieser neuen Rolle für Kernkraftwerke begründen die Atomkonzerne ihre Forderung, die Meiler länger am Netz zu halten. Erst ihr Viadukt über den noch spärlichen Fluss der erneuerbaren Ressourcen mache die klimafreundliche Zukunft erreichbar, und die malen sie gern spektakulär aus. Da sieht man Geschwader mächtiger Windkraftmasten auf hoher See, sturmumbraust, wellenumtost. Die Botschaft: Wir sind es, die beim Ökostrom endlich klotzen statt kleckern.

Der Flensburger Energiewirtschaftler Olav Hohmeyer hingegen befürchtet das Gegenteil: Indem die Atomkraftbetreiber zunehmend Windkraft-Standorte in der Nord- und Ostsee kontrollierten, hielten sie sich auch die Möglichkeit offen, "den notwendigen Ausbau der regenerativen Stromerzeugung zu verhindern oder zu verzögern". Wie beim Brettspiel Malefiz könnten sie ihren grünen Konkurrenten so lange Blockaden in den Weg stellen, wie die Bundesregierung sie an den Atommeilern weiter verdienen lasse, warnt der Ökonom in einer neuen Studie für den Ökostromanbieter Lichtblick.

Das bisherige Schneckentempo bei Offshoreprojekten erhärtet Hohmeyers Verdacht, dass es mit der Hochglanzwirklichkeit für die Windkraft bei den Energiekonzernen so weit nicht her ist. Zwar hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie 26 Windpark-Pläne teils seit Jahren genehmigt. Doch obgleich alle Regierungen seit Rot-Grün den Windstrom aus dem Meer mit Vorrang fördern, etwa mit einer um sechs Cent pro Kilowattstunde höheren Einspeisevergütung als an Land, speist noch immer fast allein der Pilot-Windpark Alpha Ventus von Vattenfall und E.on Strom ins Netz – ganze 60 Megawatt statt der längst angestrebten Gigawattmengen.

Als Grund für die Lähmung beklagen die Konzerne Proteste gegen die Rotoren auf See, die kaum weniger heftig ausfielen als die gegen Rotoren an Land. Naturschützer wollen Vögel und Schweinswale schonen, Kiesunternehmer ihr Baumaterial schürfen oder Hotelbesitzer den Blick aufs Meer offen halten. In der Folge müssen Windmüller ihre Anlagen weit draußen aufstellen, oft 40 und mehr Meter tief im Wasser stehend. Das erfordert einen gigantischen Konstruktionsaufwand.

Solche Hindernisse warfen aber vor allem die mittelständischen Initiatoren der Offshoreprojekte zurück. Die Pioniere sind nun auf Partner angewiesen, die für riskante Investitionen Kredite erhalten. Und da bieten sich die reichen Energiekonzerne an: Erst waren sie die Nachzügler bei den erneuerbaren Energieträgern – und auch bei den Claims auf hoher See spät dran. Wie oft sie dann mit ihrem Werben Erfolg gehabt hätten, sei schwer zu beziffern, meint Olav Hohmeyer, "aber dass da viel läuft, ist klar". Der Bundesverband Windenergie schätzt den Anteil der Offshorestandorte, bei denen sich die Konzerne Einfluss gesichert haben, auf annähernd 70 Prozent.

Im Arkona-Becken in der Ostsee zum Beispiel wollte der Berliner Energiefachmann Andreas Brockmöller 200 Windräder errichten. Gern schlug er ein, als ihm E.on viel Geld für seine Planungen bot: "Ich dachte wirklich, es läuft jetzt." Stattdessen erlebte er seit 2005 Genehmigungsfristen, die verstrichen, einen zähen Rechtsstreit, schließlich: den Stillstand.