Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Kinder aus türkischen Familien schlecht in der Schule abschneiden? Die Türken selbst! – behaupten die einen. Anatolische Einwanderereltern interessierten sich eben nicht genügend für die Bildung ihrer Kinder. Man findet diese Logik etwa im neuen Buch von Thilo Sarrazin. Die deutschen Pädagogen! – lautet dagegen die gutmenschelnde Auslegung der türkischen Bildungsmisere: Selbst wenn Ayşe und Achmet gute Zeugnisse hätten, würden ihnen Lehrer die Empfehlung fürs Gymnasium vorenthalten.

Beide Vorurteile sind falsch. Eine neue Studie der Universität Mannheim zeigt, sowohl Sarrazinianer als auch Multikultisten liegen daneben. Die Bildungsforscher fanden heraus: Bei gleichen Leistungen und ähnlichem sozialen Hintergrund wechseln türkische Grundschüler sogar häufiger auf höhere Schulen als ihre deutschstämmigen Alterskollegen – und kein Lehrer hindert sie daran.

Dass ein türkisches Arbeiterkind in diesen Fällen bessere Aufstiegschancen hat als ein deutsches, schreibt die Untersuchung ausdrücklich den "hohen Bildungsambitionen" türkischer Eltern zu. Ähnlich wie Einwanderer überall auf der Welt wollen auch sie, dass es der nächsten Generation besser geht. Und sie wissen, dass ein guter Schulabschluss das Sprungbrett zum Aufstieg ist. Die Befunde widersprechen der kulturchauvinistischen These, dass es "dem Türken" schon genüge, wenn seine Tochter einen (islamischen) Mann findet, der Sohn den Koran lesen kann.

Warum zeigt die Statistik dann dennoch, dass der deutsch-türkische Nachwuchs im Durchschnitt überproportional oft Haupt- und Sonderschulen besucht, aber vergleichsweise selten das Abitur schafft? Weil viele Migranteneltern ihren Kinder viel mehr als guten Willen nicht bieten können. Weder Vorlesestunden auf Deutsch noch anregende Literatur im Bücherschrank, weder einen eigenen Schreibtisch noch Geld für Nachhilfe, weder Unterstützung bei den Hausarbeiten noch Vorbilder in der Familie. Kurzum, ihnen fehlen intellektuelle wie materielle Ressourcen, um ihre Bildungsansprüche umzusetzen. Oder simpel: Sie sind die "falschen Eltern" für ihre Kinder.

Wie entscheidend gerade der Schulabschluss der Eltern für die Bildungskarriere der Kinder ist, beweist der – häufig falsch verwendete – Vergleich zwischen türkischen und vietnamesischen Einwanderern, dem Positivbeispiel für Schulerfolg. Genauso wie viele Deutschtürken leben auch viele der zugezogenen Ostasiaten unter sozial prekären Umständen, abgeschottet von der Mehrheitsgesellschaft. Zu Hause wird kaum Deutsch gesprochen. Der Unterschied aber: Die ehemaligen (DDR-)Vertragsarbeiter brachten einst aus ihrer vietnamesischen Heimat einen guten Bildungsabschluss mit. Aus Anatolien hingegen kamen meist Zuwanderer ohne Ausbildung.

Wenn dies die Ausgangslage ist, nützt es wenig, über eine angebliche Verweigerungshaltung türkischer Eltern zu lamentieren. Viel helfen würde es dagegen, den Kindern möglichst früh den Weg in die Welt außerhalb der Familie zu ebnen. Jede Minute in Krippe, Kindergarten oder Schule erhöht die Chance auf ein besseres Zeugnis. Und je besser die Lernbedingungen – sprachbewusste Erzieher, kleine Klassen, Pädagogen aus Migrantenfamilien, Extrastunden Deutsch –, desto größer die Chancen, das Schicksal zu korrigieren. Unterprivilegierte bevorzugen und Ungleiches ungleich behandeln: Das muss die bildungspolitische Leitlinie der Zukunft sein. Nützen würde sie am Ende der ganzen Gesellschaft.

Veröffentlicht ist die Studie im Buch von Jörg Dollmann: Türkischstämmige Kinder am ersten Bildungsübergang. Primäre und sekundäre Herkunftseffekte