Marc Gutermanns Arbeit fängt an, wenn nichts anderes mehr geht. Der Bauingenieur wird gerufen, wenn alle Berechnungen und Theorien nicht helfen, um die Einsturzgefährdung eines Gebäudes vorherzusagen. Dann bringen er und sein Team große Stahlträger an. Indem sie regelrecht das Dach "runterziehen", können sie nachmessen, wie viel Last es noch aushält.

Der Flakbunker im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg ist eines der Projekte, an dem Gutermann derzeit mitarbeitet. Das mächtige Gebäude sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als ob es irgendetwas erschüttern könnte. 1943 errichteten die Nazis das als "unverwundbar" titulierte Bauwerk zum Schutz der Anwohner und zur Luftverteidigung. Angeblich suchten 30.000 Menschen in den Bombennächten dort Zuflucht. Nach dem Krieg zerstörten die Briten das Innere des Bunkers, um ihn unbrauchbar zu machen.

Über sechzig Jahre lang blieb der Flakbunker ungenutzt, nur ein paar Funkmasten auf dem Dach zeugen von menschlicher Anwesenheit, ein paar Kritzeleien an den Wänden von der Vergangenheit. Dazwischen wuchern Moos und Unkraut. Seit Mai dieses Jahres tut sich hier jedoch etwas. Die Stadt Hamburg hat das Gebäude ihrer Tochtergesellschaft, der Internationalen Bauausstellung Hamburg, für ein ehrgeiziges Projekt zur Verfügung gestellt. Bis 2013 soll der Bunker zu einem kleinen Kraftwerk nachhaltiger Energie werden. Geplant sind eine Solarenergieanlage auf dem Dach und an der Südfassade, ein Wärmespeicher und ein Biomassekessel im Inneren.

Sechs große Pfeiler stützten ursprünglich die Bunkerdecke. Nach der gezielten Sprengung blieben nur die Außenwände und die oberen zwei Etagen erhalten. Das Tragwerk funktionierte nicht mehr so, wie es einst gedacht war. Der Statiker Peter Bartram grübelte sechs Jahre lang, um herauszufinden, warum die Decke trotzdem hielt. Pläne gab es nicht mehr. Also rechnete Bartram sich an das ursprüngliche Modell heran. Schließlich hatte er seine Theorie, die beruht jedoch auf Annahmen. Zu unsicher, um damit den Umbau zu planen. Bartram brauchte Daten, um seine Theorie zu bestätigen.

Diese beschafft ihm nun Marc Gutermann, denn neben den Belastungstests kann er auch durch eine Baustoffanalyse Rückschlüsse über den Zustand des Gebäudes ziehen. Beton und Stahl haben sich im Lauf der Jahre verändert. Gutermann erkennt anhand entnommener Proben, welche gigantischen Kräfte in den 80.000 Kubikmetern Stahlbeton wirken: wo es zieht, wo es sich zusammenstaucht. "Das ist der besondere Reiz meiner Arbeit. Ich untersuche die physikalische Wirklichkeit und überprüfe das Bauwerk so, wie es ist. Manchmal sind die Gebäude nämlich besser, als die Rechnung voraussagt", erklärt Gutermann.