Industriekletterer Ganz oben
Stundenlang hängen Industriekletterer dort, wo jeder sie sieht, aber niemand sonst hinkommt
Dreißig Meter über der Erde wühlt Mirko Gleichner in einem Korb an seiner Hüfte und fischt einen Föhn heraus, akkubetrieben. Ein Riss am Rotorblatt musste mit mehreren Schichten Glasfasern verschlossen werden, Gleichner trocknet die Klebestelle und härtet sie aus. Obwohl das Dröhnen eines Föhns hier oben noch störender ist als sonst, trägt der Wind das Geräusch schnell davon, so wie er alles mit sich nimmt, was nicht irgendwie festgemacht ist. Gleichner hängt an einem der drei jeweils 13 Meter langen Rotorblätter der Windenergieanlage mit der Kennnummer V62378, Standort bei Sanitz, östlich von Rostock. Neben ihm an der Mühle, wie er und die anderen die Anlagen nennen, schwingt sein Kollege Thomas Paech. Mit einem Seil sind die beiden miteinander verbunden und stabilisieren sich. Zu zweit baumelt es sich eben besser.
16 Jahre ist die Anlage alt, in der Branche eine Ewigkeit. »Eine alte Mühle«, sagt Gleichner und wirft den Föhn in den Korb. Fast 1000 Windkraftanlagen hat der 30-Jährige schon bestiegen, und es ist kein Ende in Sicht. Die Anlagen kennen keine Ruhezeiten; solange der Wind ausreicht, laufen sie rund um die Uhr. Etwa alle zwei Jahre sind Wartungsarbeiten ratsam. Dann müssen Industriekletterer wie Gleichner hinaufsteigen, ausbessern, schleifen, neue Schichten auftragen, kleben, trocknen.
Mehr als 20.000 Windkraftanlagen stehen inzwischen in Deutschland. Trotz Wirtschaftskrise boomt das Geschäft noch immer. Hersteller gibt es viele, Kletterer, um die Anlagen zu warten und ihre Lebensdauer zu verlängern, bislang nur wenige. Das Auftragsbuch der Firma Seilpartner Windkraft, für die Gleichner und Paech arbeiten, ist über Wochen gefüllt.
Häufig erfahren die beiden erst montagmorgens, wo in Deutschland sie die Woche über arbeiten. Dann setzen sie sich in den kleinen Lieferwagen, schalten Navigationsgerät und Radio an und fahren los. Wenn der Computer den Weg nicht mehr kennt, ragen am Horizont schon die mächtigen Windräder in die Höhe. Die letzten Meter führen meist über Feldwege, bis sie am Ziel sind. Anhalten, Motor aus, eine Zigarette. Aufschließen der Anlage, die Rotorblätter stoppen und blockieren, dass sie sich nicht mehr drehen, die Leiter innen hoch, Sprosse für Sprosse, im schwachen Licht von wenigen Lampen, Fenster gibt es keine. Anschließend wieder ein paar Meter abseilen bis zu einem der Rotorblätter, und der Job beginnt.
Langsam arbeiten sie sich am Rotorblatt entlang. Die Gurte sind so angeordnet, dass die Kletterer wie in einer Art Schaukel hängen, häufig mehrere Stunden, an ihren Hüften wiederum baumeln Körbe mit den Arbeitsmaterialien. Aceton, weiß glänzende Glasfasermatten, Folie zum Ausbessern, Silikonkleber und eben ein Föhn. Am wichtigsten, sagt Paech, sei die Schadenkladde. Eine Pappscheibe mit Rädchen, auf denen sie die Höhe einstellen, anschließend halten sie sie neben die Schadensstelle und machen zwei Foto, eines bevor sie ausgebessert haben, eines danach. Die Akte der Reparatur. Nur so weiß der Auftraggeber, wie groß der Schaden ist und ob die Kletterer ihre Arbeit gemacht haben.
Mittagspause. Zügig lässt sich Thomas Paech hinab, sanft kommt er auf dem Boden auf, noch während er mit einer Hand die Seile von den Haken an seiner grünen, verfleckten Arbeitshose entfernt, greift er nach einer kleinen Metallbox. Er holt Tabak und Filterpapier heraus und dreht sich eine Zigarette. Im Gras sitzend, formt der 45-jährige, kurze Haare, Brille, braun gebrannt, Berliner Schnauze, seine Hände wie zum Gebet. »Ein Rotorblatt ist aus zwee Teilen aufgebaut wie meine Hände. Besonders anfällig sind die Stellen, an denen die beiden Komponenten aufeinandertreffen.« Vorder- und Hinterkante also. Er deutet nach oben. Mit dem Rotorblatt sind sie noch nicht fertig. »Wenn es nach dem Chef geht, sind wir immer zu langsam.«
- Datum 25.08.2010 - 17:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.08.2010 Nr. 35
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verrückte Jobs gibt es jede Menge, Industriekletterer ist sicherlich einer davon. Ich frage mich wirklich wie hoch der Frauenanteil in diesem Berufsfeld ist und was die Burschen wohl bei schlechtem Wetter, Eis und Regen machen... !?
Die kurze Suche im Internet hat mich zu einem passenden Artikel gebracht: Eine derartige Aktion macht sich sicherlich gut im Lebenslauf der nächsten bewerbung eines Industriekletterers :)
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