DIE ZEIT: Frau Frei, wann werden Sie sich das Leben nehmen?

Saskia Frei: Ich hoffe, ich muss es mir nie nehmen. Ich würde gerne eines Tages gesund, hochbetagt und munter einschlafen. Wie alle.

ZEIT: Unter welchen Umständen würden Sie sich das Leben doch nehmen?

Frei: Ich würde sehr darüber nachdenken, wenn meine Lebensqualität nicht mehr meinen Vorstellungen entspricht. Aber ich kann Ihnen das heute nicht genau sagen. Denn die Vorstellung von Lebensqualität ändert sich mit dem Alter.

ZEIT: Aber wenn Sie Ihr Leben nicht mehr lebenswert finden, bringen Sie sich um?

Frei: Ja.

ZEIT: Warum sind Sie sicher, dass Sie das dürfen?

Frei: Wer will mir das verbieten?

ZEIT: Sie haben keine ethischen Bedenken, dass dem Mensch eine solche Entscheidung nicht zusteht?

Frei: Nein.

ZEIT: Sie finden nicht, Sterben müsse auch erduldet werden?

Frei: Das darf jeder Mensch für sich selbst entscheiden – solange er urteilsfähig ist.

ZEIT: Sie würden es dulden, wenn Ihnen jemand beim Sterben helfen würde?

Frei: Ich würde es nicht nur dulden, ich wäre sogar froh, wenn mir jemand zur Seite stünde bei diesem großen, irreversiblen Schritt. Denn der Tod ist ja auch mit viel Ängsten verbunden. Und da kann es helfen, wenn jemand, der Erfahrung mit Sterbenden hat, einem hilft.

ZEIT: Und warum sind Sie sicher, dass Sie jemand anders helfen dürfen, sich umzubringen?

Frei: Weil in der Bundesverfassung und in der Europäischen Menschenrechtskonvention die persönliche Freiheit des Einzelnen gewährleistet ist. Und materiell hat das Bundesgericht geregelt, wann Sterbehilfe zulässig ist.

ZEIT: Sterbehilfe darf nach Artikel 115 des Schweizerischen Strafgesetzbuches nur geleistet werden, wenn der Sterbehelfer keine "selbstsüchtigen" Motive hat. Was verstehen Sie darunter?

Frei: Die selbstsüchtigen Beweggründe werden im Gesetz so definiert: Es sind Beweggründe, die der Befriedigung der eigenen materiellen oder affektiven Bedürfnisse dienen. Geld oder Hass können also selbstsüchtige Motive sein.

 

ZEIT: Dann sage ich: Sterbehilfe ist fast immer selbstsüchtig.

Frei: Wie kommen Sie denn auf diese Idee?

ZEIT: Man redet immer über die materiellen Beweggründe, aber nie über die affektiven. Kann Sterbehilfe für den Sterbehelfer nicht auch in einem psychologischen Sinn selbstsüchtig sein?

Frei: Das kann nur sein, wenn der Sterbehelfer eine Befriedigung am Tod anderer hat.

ZEIT: Und das können Sie für Ihre Sterbehelfer ausschließen?

Frei: Unbedingt. Wir haben ein Auswahlverfahren, das an Strenge und an Dauer seinesgleichen sucht. Unsere Kandidaten müssen ein Jahr lang andere Sterbehelfer begleiten. Und wenn dann alle Zwischenberichte und Gespräche positiv verlaufen sind, wird man einem Assessment am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitsdiagnostik der Universität Basel unterzogen.

ZEIT: In Gesprächen mit Sterbehelferinnen und Sterbehelfern von Exit wurde es mir regelmäßig unheimlich. Wenn diese Menschen vom Moment erzählen, in dem die Sterbewilligen das tödliche Medikament trinken, trat immer ein Leuchten in ihre Augen, und ihr Gesicht strahlte eine große Zufriedenheit aus. Ich kann den Eindruck nicht loswerden, dass hier also doch selbstsüchtige Motive vorliegen.

Frei: Das ist eine ganz gewagte Aussage. Ich kann mir das nicht vorstellen.

ZEIT: Sie können sich nicht vorstellen, dass es für einen Sterbehelfer eine existenzielle und beglückende Erfahrung sein kann, beim Sterben anderer dabei sein zu dürfen?

Frei: Ich kann mir vorstellen, dass dies ein eindrücklicher, manchmal schwer zu verarbeitender Moment ist. Wenn ich aber die Menschen sehe, die sich bei uns für ein solches Ehrenamt bewerben, dann kommen diese Dinge, die Sie erwähnen, nicht ins Spiel. Das sind oft Leute, die persönliche Erfahrungen mit dem Verlust ihnen nahestehender Menschen haben oder die der Gesellschaft einfach etwas zurückgeben wollen.

ZEIT: Wer gut sein will, ist oft gefährlich.

Frei: Das stimmt. Aber für unsere Sterbehelfer lege ich die Hand ins Feuer.

ZEIT: Sie waren auch einmal bei einer Sterbebegleitung dabei. Das erfuhren Sie nicht als einen Kick?

Frei: Um Gottes willen! Ich habe das mit Demut erlebt.

ZEIT: Hat es Sie erschüttert?

Frei: Es ging ganz tief. Man nimmt diesen Menschen wahr und setzt sich vor allem mit sich selbst auseinander.

ZEIT: Würden Sie nochmals dabei sein wollen?

Frei: Nein. Ich sehe meine Aufgabe eher in strategischen Fragen.

ZEIT: Es ging Ihnen also zu nahe?

Frei: Ja. Darum habe ich auch so großen Respekt vor denjenigen, die das können.

ZEIT: Bundesrätin Widmer-Schlumpf würde Sterbehilfeorganisationen am liebsten verbieten. Was würde der Schweiz so verloren gehen?

Frei: Ich finde es immer schlecht, wenn Politik und Wirklichkeit diametral auseinanderlaufen. Ein überwiegender Teil der Schweizer Bevölkerung ist gegen ein Verbot der Sterbehilfe. Weil die Menschen wissen, dass ein solcher Dienst besser einer im Umgang mit Sterbenden erfahrenen außenstehenden Person überlassen wird als einem persönlich betroffenen Verwandten. Und die Vernehmlassung bei Parteien und Verbänden hat jetzt gezeigt, dass das Verbot vom Tisch ist. Aber auch die Einschränkung, dass man nur bei Todkranken Sterbehilfe leisten darf, wird von der Eidgenössischen Ethikkommission und der Ärzteschaft abgelehnt. Wir leben in einer Verbots- und Bevormundungsgesellschaft, da braucht es nicht noch zusätzliche Gesetze.

 

ZEIT: Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist?

Frei: Genau. Aber ich verstehe auch, dass der Bundesrat etwas machen musste. Es gab ja viele Vorstöße von Parlamentariern und in den letzten Jahren auch ein paar diskussionswürdige Vorfälle im Zusammenhang mit der Sterbehilfe.

ZEIT: Sie sprechen von Ludwig A. Minelli, dem Gründer und Geschäftsführer von Dignitas. Er bietet auch Menschen, die nicht in der Schweiz wohnen, Sterbehilfe an. Er ließ sie in Hotels, Autos oder Wohnwagen auf öffentlichen Parkplätzen sterben und soll die Asche von einigen im Zürichsee versenkt haben.

Frei: Herrn Minelli konnte man nie eine Straftat nachweisen. Das heißt aber nicht, dass alles, was strafrechtlich möglich wäre, ethisch auch vertretbar ist. Der Dignitas-Gründer hat immer wieder ungeschickt, unschön und für viele unwürdig gehandelt.

ZEIT: Deshalb droht jetzt eine "Lex Minelli"?

Frei: Hätte es diese Vorfälle und die reißerischen Aufmacher in den Medien nicht gegeben, hätte man nicht mehr über die Sterbehilfe diskutiert. Denn als Herr Blocher Bundesrat war, kam er 2006 zum Schluss, alles beim Alten zu lassen – weil er sah, dass es gut ist, wie es ist.

ZEIT: Bei Exit ist also alles wunderbar?

Frei: Auch wir können uns noch verbessern. Ich will transparente Finanzen, korrekte Abläufe, eine Geschäftsprüfungskommission und eine ausführliche Dokumentation der Begleitungen. Das soll alles geregelt werden, dazu biete ich gerne Hand. Aber so etwas gehört nicht ins Strafgesetzbuch.

ZEIT: Warum bieten Sie nicht auch Sterbehilfe für Menschen an, die nicht in der Schweiz wohnen?

Frei: Wir verstehen Sterbebegleitung als sehr lange dauernden Prozess, der sorgfältig vorbereitet werden muss. So etwas kann man bei Menschen, die mal schnell in die Schweiz kommen, nicht gewährleisten. Und wir meinen, diejenigen, die auf das Recht der Selbstbestimmung pochen, sollten in ihren eigenen Ländern mehr politischen Druck machen.

ZEIT: Warum also schreibt man nicht wie überall anderswo ins Gesetz, dass nur Menschen Sterbehilfe in Anspruch nehmen dürfen, die einen Wohnsitz in der Schweiz haben?

Frei: Ich bin gegen Verbote.

ZEIT: Der Sterbehilfetourismus ist aber ein wesentlicher Grund, warum viele immer noch Bedenken gegenüber Organisationen wie der Ihren haben.

Frei: Mag sein. Wir von Exit beschränken uns auf Menschen, die hier wohnen, um sorgfältig arbeiten zu können.

ZEIT: Warum überlässt man Sterbehilfe nicht den Ärzten?

Frei: Weil die das nicht wollen. Wissen Sie, Sterbehilfe liegt in einem Spannungsfeld. Wir haben zwei Pole von extremen Haltungen. Es gibt diejenigen, die meinen, nicht mal ein Arzt habe dabei etwas mitzureden. Die andern finden, der Mensch habe gar nicht das Recht, über sein Ende zu entscheiden, das müsse er höheren, nicht weltlichen Instanzen überlassen.

ZEIT: Und Exit steht in der Mitte?

Frei: Ja, aufgrund der geltenden Gesetze. Man kann sich natürlich überlegen, ob künftig generell Menschen im fortgeschrittenen Alter bestimmen können, ob sie ihr Leben beenden wollen – und dann einen erleichterten Zugang zum Sterbemittel bekommen.

ZEIT: Warum nicht gleich das Sterbemittel am Kiosk abgeben?

Frei: Das ist nicht sinnvoll. Es gilt natürlich schon, den Mensch zu beschützen. Der liebeskranke Teenager soll nicht einfach zum Kiosk gehen können.

ZEIT: Das wäre die absolute Selbstbestimmung. Warum kämpfen Sie nicht dafür?

Frei: Weil es kein Grundrecht ohne Schranken geben kann, sei es, dass man anderen nicht schadet, sei es, dass der Staat seine Bürger beschützen muss vor Sachen, die ihnen nicht guttun.

ZEIT: Sie sind im Hauptberuf Scheidungsanwältin und im Nebenamt Exit-Präsidentin. Ist das nicht ein bisschen viel Leid für einen einzelnen Menschen?

Frei: Ich mache gerne, was ich tue. Ich mag die Menschen. Das hilft.

ZEIT: Sie suchen existenzielle Situationen?

Frei: Möglich.

 

ZEIT: Die Menschen lassen sich heute schneller scheiden, und sie möchten leichter sterben. Beides ist heute akzeptierter als früher. Stehen Sie an der Spitze einer gesellschaftlichen Entwicklung?

Frei: Das ist jetzt aber ein gewagter Vergleich. Die Scheidungsrate nimmt zu, weil sich die ökonomische Situation der Frauen verbessert hat, aber auch, weil die Leute heute schneller den Bettel hinschmeißen. Die Leute haben heute keine Geduld mehr miteinander.

ZEIT: In der Schweiz versuchen pro Jahr 67.000 Menschen, sich das Leben zu nehmen. Wie erklären Sie sich diese hohe Zahl?

Frei: Auch wenn die Zahl in ihrer Absolutheit erschreckt, ist sie nicht höher als in anderen westlichen Ländern. Aber wir von Exit führen pro Jahr rund 1500 Gespräche mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen, und wir begleiten rund 200 Menschen pro Jahr in den Tod. Sie sehen also, dass wir vor allem Suizide verhindern – indem wir zuhören. Was Ärzte aus zeitlichen Gründen heute oft nicht mehr können.

ZEIT: Exit macht also die Drecksarbeit, die die andern nicht mehr machen wollen oder können.

Frei: Das ist doch keine Drecksarbeit! Der Selbsthilfeverein Exit ist jetzt 28 Jahre alt. Die Zunahme der Mitgliederzahlen auf heute 54.000 zeigt mir, dass es ein Bedürfnis für unsere Arbeit gibt.

ZEIT: Finden Sie, unsere Gesellschaft gehe heuchlerisch mit dem Tod um?

Frei: Das ist wieder eine Wertung. Aber wir verdrängen den Tod – auch wenn er uns alle ereilen wird. Gleichzeitig ist der medizinische Fortschritt enorm. Es gibt Ärzte, die mir sagen, man werde eines Tages den Krebs überwinden. Dann kommt halt was anderes. Denn irgendwann sterben wir alle. Also wird es Organisationen wie Exit immer brauchen.

ZEIT: Sie haben öffentlich gemacht, dass Ihre Mutter an Alzheimer leidet. Wann ist bei Ihnen die Grenze erreicht, wo Sie sagen: Jetzt könnte Exit meiner Mutter die Leidenszeit verkürzen?

Frei: Sie hatte ganz tolle Jahre, auch dank Medikamenten. Jetzt ist sie in einem Pflegeheim, wo sie sich wohl fühlt. Aber es gibt Momente, in denen sie merkt, dass etwas nicht stimmt. Das ist sehr schwierig.

ZEIT: Was können Sie tun?

Frei: Ich nehme ihr alles ab, was möglich ist. Aber das langsame Sterben kann ich ihr nicht abnehmen. Sie ist zwar Exit-Mitglied, aber Sterbehilfe war für sie kein Thema, als sie noch urteilsfähig war. Und deshalb ist es auch für mich kein Thema. Für mich selbst aber weiß ich jetzt: Sollte ich je an Alzheimer erkranken, werde ich meinem Leben ein Ende setzen.

ZEIT: Wie ertragen Sie das Schicksal Ihrer Mutter?

Frei: Das tut sehr weh. Aber der Mensch wächst auch an dem, was nicht schön ist.