Schöner Wohnen ist das nicht. Campingmöbel und Zufallsmobiliar stehen herum, über dem Tisch ein Wachstuch, an den Wänden Kalenderlandschaften. Könnte auch eine mit Billigware ausgestattete Ferienwohnung sein. Oder eine Unterkunft für Sozialhilfeempfänger. Doch Ludwig A. Minelli geht so enthusiastisch von Zimmer zu Zimmer, als möchte er einem Interessenten ein Luxusappartement verkaufen: »Alles sehr gediegen.« Hier rückt er einen Bilderrahmen zurecht, dort weist er auf den verstellbaren Kopfteil des Bettes hin.

Die Waschküche – auf dem letzten Stand. Die Toilette – leider noch nicht rollstuhlgängig. Kerzen, Schokolade und Papiertaschentücher, die griffbereit herumliegen, sind im Preis inbegriffen. Für Musik, Champagner und andere Details müssen die Klienten selbst aufkommen. »Und das hier«, seine Hand schlägt auf einen abgeschlossenen Rollschrank, »gehört der Polizei«. Im Innern sind Handschuhe »und alles, was sie sonst noch so braucht«. Der Monitor etwa dient zum Abspielen des Beweisvideos: Der Tote hat den Becher mit den 15 Gramm Natrium-Pentobarbital wirklich selbst an die Lippen geführt. Oder, war er dafür zu schwach: mit eigenem Finger die Taste der Maschine gedrückt, die ihm die Mischung einflößt.

Das Letzte, was der Klient von der Welt sah, waren die Fabrikbauten im Pfäffikoner Industriegebiet und ein Fußballplatz. Scheinzypressen schirmen das Haus von der Umwelt ab, die Stufen zum Haus hat Ludwig Minelli, ganz umsichtiger Hausherr, markiert, damit niemand auf der letzten Treppe seines Lebens stolpert. Sogar einen kleinen Weiher gibt’s. Mühelos, trotz seiner 78 Jahre, lässt er sich auf das Knie seiner Leinenhose nieder und zeigt, wie ihm die Goldfische aus der Hand fressen.

Er empfiehlt den Sterbewilligen, gegen elf Uhr morgens anzureisen. Damit ist allen gedient. Die Sterbebegleiter und -begleiterinnen können ihren Tag besser einteilen und die Polizisten während der normalen Dienstzeit anrücken. Das mindert ihren Unwillen über die Mehrarbeit, die Minellis hundert Selbstmörder jährlich verursachen.

Verglichen mit Minellis früheren Lokalitäten, ist der blau angestrichene Stahlbau mit dem Flachdach, in den Dignitas-Prospekten »Blaue Oase« genannt, tatsächlich gediegen. Sogar in einer Fabrik, in einem Hotel und auf Parkplätzen ließ er seine Klienten schon sterben, weil die Nachbarn sein Treiben störte: Rollstuhl rein, Sarg raus. Er legt Wert auf die Korrektur: »Der Parkplatz lag am Waldrand und nicht an der Autobahn, wie eine deutsche Ministerin behauptete.«

Es ist der burschikose Umgang mit dem Sterben, der viele gegen Minelli aufbringt: Soll die Überreste toter Menschen im Zürichsee entsorgt haben. Beschäftigte einen als pädophil vorbestraften Arzt als Gutachtenschreiber. Experimentiert so unbekümmert mit Helium als Ersatz für das rezeptpflichtige Natrium-Pentobarbital wie ein Koch mit einer neuen Zutat. Dazu kommt sein Stil. Minelli ist laut. Lockt, wie ein gesuchter Schwerkrimineller, Kameras und Reporter an. Und klagt alle an, denen sein Tun nicht passt. Am liebsten Ämter, Sektenheinis und Journalisten. Kein Wunder, bilden ihn die Zeitungen am liebsten als Choleriker mit zerrauftem Haar und geblähten Nüstern ab.

Besonders peinlich berührt von Minellis Wirbeln fühlt sich Exit, die größte Schweizer Sterbehilfe-Organisation. Minelli schadet der Sache! Tatsächlich unterscheidet sich seine Dignitas von Exit wie ein bis auf die Zähne bewaffneter Partisanenhaufen von einem Pfadfindergrüppchen. Minellis 5700 Kopf starke Kampftruppe will nur eines: »Dieses letzte Menschenrecht, das Recht auf Beihilfe beim Sterben, für alle auf der ganzen Welt erkämpfen.«

Exit dagegen fühlt sich als zurückhaltender Dienstleister für seine Vereinsangehörigen, die vor allem um ihren eigenen friedlichen, schmerzfreien Tod besorgt sind. Jahrelang bezahlen die 54.000 Mitglieder ihren Exit-Beitrag so selbstverständlich ein wie das Stadttheater-Abonnement, und ist es so weit, legen sie sich ruhig zum Sterben nieder. Dass sie dies zu Hause tun können, geborgen im trauten Kreise der Familie, verdanken sie dem liberalsten Sterbehilfegesetz der Welt: Als einziger Staat erlaubt die Schweiz jedermann die Hilfe zum Selbstmord, sofern er sich nicht daran bereichert.

Von den feudalen Exit-Verhältnissen kann Minelli nur träumen. Statt einem diskreten Heimservice für ordentliche Schweizer Bürger führt er ein Feldlazarett. Todkranke und verzweifelte Menschen aus München und Mailand steuern zu jeder Stunde sein Privathaus an: »Ich bin jetzt da.« Doch auch ein Minelli kann nicht hexen. Ohne einen Lebenslauf, zwei Arztbesuche und ein Gutachten geht seit 2008, seit der Verschärfung der Sterbehilfebestimmungen, bei ihm gar nichts mehr.

»Darf ein Arzt bewerten, ob das eigene Leben die Hölle ist oder nicht?«

Viele Sterbewillige kommen aus Großbritannien, wo auf Sterbehilfe bis 14 Jahre Gefängnis stehen. Und 56 Prozent sind Deutsche. »Das deutsche Gesundheitswesen ist klerikal bevormundet. Viele Krankenhäuser gehören den Kirchen, und jeder zweite deutsche Politiker war früher mal Ministrant. Und die deutsche Christliche Patientenverfügung – völlig unwirksam. Reiner Betrug.«

Nicht alle sind im letzten Stadium von Krebs oder multipler Sklerose. Zu Minelli kommen auch Menschen, bei denen »die Bilanz gekippt ist«. Sie erkennen sich nicht mehr in diesem Wesen, das gefüttert und gepflegt werden muss, und beschließen: »Das war’s«. Dass urteilsfähige Personen mit psychischen Störungen über das Menschenrecht verfügen, selbst entscheiden zu dürfen, wann und wie sie sterben wollen, erkämpfte Minelli 2006 mit einem Bundesgerichtsentscheid. Darauf zog er die Frage »Darf ein Arzt bewerten, ob das eigene Leben die Hölle ist oder nicht?« an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof weiter. Das Urteil wird demnächst erwartet, und bereits jetzt läuft die Psychiatergilde Sturm gegen ihren Machtverlust.

Ludwig A. Minelli – das A steht für Amadeus – stammt aus einem politisch wachen Elternhaus: der Vater Malermeister in Zürich, die Mutter Kindergärtnerin und beide Migros-Genossenschafter der ersten Stunde. Schon als Handelsschüler trat er dem Landesring von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler bei. Das Parteiprogramm umfasste alles, was ihm wichtig war: individuelle Freiheit und soziale Bindung des Eigentums. Seit der Landesring aufgelöst ist, fühlt sich Minelli »politisch heimatlos«. Duttweilers Buch Eine Brücke in die Zukunft kennt er praktisch auswendig. Seinen Tipp für Unternehmer mit revolutionären Ideen setzt er seit Jahrzehnten in grimmige Tat um: »Publizität durch Prozesse ist billiger als jedes Inserat.«

Wie viele Prozesse Ludwig Minelli im Laufe seines Lebens schon geführt hat, kann er nicht mal schätzen. Lustvoll verfolgt er seine Gegner durch alle Instanzen bis zum Schweizerischen Bundesgericht in Lausanne oder an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Er klagt gegen Gemeinden und Ämter, gegen die Urteile »stümperhafter oder befangener« Richter und gegen »unanständige Journalisten, die nur eines im Sinn haben, meine Ehre zu verletzen und ein Verbrechen zu begehen«. Vom Blick erwartet er ja nichts anderes: »Der hetzt nur.« Doch selbst die BBC entpuppte sich mit ihren willkürlich verkürzten Zitaten als Enttäuschung.

Die Erscheinungsdaten der wenigen »vernünftigen« Artikel dagegen kennt er auswendig. »Eigentlich«, Minelli legt eine Kunstpause ein wie ein Anwalt im Gericht vor dem entscheidenden Argument, »eigentlich müsste auch hierzulande eine Zeitung zu einer derart hohen Summe verurteilt werden, dass sie existenzgefährdend wirkt.« Man kann zusehen, wie der Gedanke hinter seiner knochigen Stirn Formen annimmt. »Irgendwann probier ich das aus. Schließlich bleiben mir noch gute 23 Jahre, um Leute zu ärgern. Meine Familie ist langlebig, und ich bin guet zwäg.«

»Du hast natürlich auch nie ein Blatt vor den Mund genommen«, wirft seine Lebensgefährtin ein. Wohl wahr. Minelli beschimpfte, erst als Blick-Journalist, dann als Schweizer Spiegel-Korrespondent, die Schweizer Parlamentarier als »aufgeblasene Provinznullen« und Schweizer Beamte als »Schweine-Bürokraten«. Doch Ludwig Minelli wischt das Argument vom Tisch. Heute sei alles viel schlimmer. Diese Emotionalisierung in der Presse! Zerstöre damit ihre eigene Grundlage, die Glaubwürdigkeit. Dieses Wühlen nach immer neuen Skandalen.

Jetzt beispielsweise stürzen sich alle Medien auf sein Einkommen. Minelli – vor zehn Jahren null Vermögen! Jetzt zweifacher Millionär. Minelli – fast so schlimm wie die Boni-Banker! Publiziert weder Budget noch Rechnung noch Jahresbericht. Verlangt Wucherpreise. 2005 kostete das Sterben bei ihm 3000 Franken, jetzt sind es 7500. Vermutlich jagt er Legate. Wie sonst könnte er gleich zwei neue Häuser im Zürcher Oberland kaufen? Mal im Schuss, macht die Presse aus seinem Einfamilienhäuschen eine »Luxusvilla« und aus seinem Gärtchen einen »Park«.

Minelli winkt ab. Legate bekomme er »nur ganz selten«. Und wenn, dann hätten die Angehörigen oft schon abgeräumt, wenn er das Geld abholen wolle. Große Legate erhalte nur Exit. Auf 10 bis 15 Millionen Franken schätzt er das Vermögen der Konkurrenz. Er kennt die Verhältnisse, schließlich war er selbst Exit-Mitglied. Doch als er auch Rechtsberater der Vereinigung hätte werden sollen, karrten die Gegner zur Generalversammlung 1998 »elf Busladungen heran«, um ihn auszubuhen und auszubooten. Schon am nächsten Tag gründete Minelli seine eigene Sterbehilfeorganisation.

Und dort hat er alles viel, viel besser organisiert. Bei Dignitas muss er sich nicht mehr mit nörgelnden Mehrheiten herumschlagen. Hier gibt es nur zwei Aktivmitglieder. Eines war zu Beginn eine seiner Töchter. »Heute ist es eine nicht mit mir verwandte Person.« Dass diese widerspricht, wenn er sich als Dignitas-Generalsekretär ein Jahresgehalt von geschätzten 150000 Franken genehmigt, ist kaum anzunehmen. Das Geld bekommt er keineswegs für aktive Sterbebegleitungen – das wäre strafbare Bereicherung. Den Lohn bekommt er für Telefonberatungen – bis dreißig täglich –, für Suizidprophylaxe und verwandte Dienstleistungen. Den eigentlichen Job, die Beihilfe zum Selbstmord, leisten seine 16 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die auf Spesenbasis arbeiten, wie es das Gesetz verlangt.

Das Sterben interessiert Minelli nicht. Er kämpft gegen die Mächtigen

Minelli bevorzugt Helfer mit »gebrochenen Biografien«. Die Arbeit ist einfach. Cocktail mischen, Cocktail reichen, warten, bis die Polizei und der Bestatter kommen. Und sie ist mit hohem emotionalem Wert verbunden. Erlöser von unerträglichen Schmerzen sein. Zeuge werden, wie sich Paare für immer trennen. Letzte Worte hören. Über Leben und Tod gebieten. Besonders Helfer, in deren eigenem Dasein sich wenig Interessantes abspielt, bekommen hier eine Wichtigkeit, die sie sonst nirgendwo haben.

Am Akt des Sterbens ist Minelli nicht interessiert. Hin und wieder schaut er zwar vorbei, wenn alles vorüber ist. Aber eher wie ein Wirt, der im Restaurant eine Runde dreht und sich bei seinen Gästen erkundigt, ob der Service zufriedenstellend war. Sein Kick liegt anderswo: Alle ausgetrickst, die bestimmen wollen, wie und wo jemand stirbt. Die Bevormunder und Machthaber. Die Heuchler und die Moralisten. Den Staat, der sich schon immer die Oberherrschaft über Leben und Tod ausbedungen hat, sei es bei der Abtreibung, im Krieg oder beim Sterben. Die Ärzte, die sich in ihrer Rolle als Gebieter über Schmerzmittel gefallen. Die Sittenrichter, denen das einsame Sterben in Altersheimen und Spitälern egal ist. Und die Kirchen, die auf der Angst vor dem letzten Stündchen ihr Süppchen kochen und alles Interesse daran haben, dass sich der Mensch vor dem Tod fürchtet.

Heute ist assistierter Suizid nur in der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und in den amerikanischen Staaten Oregon, Washington und Montana erlaubt. Doch mit Ausnahme der Schweiz muss man überall im Land wohnhaft und unheilbar krank sein. »Nur in der Schweiz«, staunte das amerikanische Magazin The Atlantic, »darfst du, ohne strafbar zu werden, jemandem eine Pistole reichen und zusehen, wie er sich in deinem Wohnzimmer erschießt.«

Die Merkblätter mit den einschlägigen Zahlen liegen, hübsch gefächert, im Entree der »Blauen Oase« auf einer Bar mit weißen Barhockern, wer weiß, aus welcher Konkursmasse ersteigert. In der Schweiz, so liest man, gibt es 67000 versuchte Selbstmorde jährlich, in Deutschland gar 588000. Das Risiko, dass etwas schiefläuft, liegt bei 1:49. Und es wird immer höher. Die einst tödlich wirkende Überdosis Pillen ruiniert nur noch die Leber. Der Auspufffilter der neuen Autos verursacht einen Hustenanfall statt den Tod. Die Frau, die aus dem Fenster springt, sitzt, dank hochmoderner Unfallmedizin, im Rollstuhl. Der Mann, der sich unter den Zug warf, hat keine Beine mehr. Gescheiterte Suizidversuche kosten die Schweiz 2,4 Milliarden Franken jährlich. »Doch das scheint niemanden in Politik und Gesellschaft zu interessieren«, sagt Minelli. Ebenso wenig wie der Umstand, dass seine Dignitas eigentlich ein Lebensverlängerungsverein ist. »70 Prozent aller Menschen, die von uns grünes Licht für den assistierten Suizid bekommen haben, melden sich nicht mehr. Sobald sie wissen, dass er möglich ist, wird aus dem Lebenmüssen ein Lebenkönnen. Das ist eine enorme Verbesserung der Lebensqualität.«

Der Kampf für den Anspruch auf einen selbstbestimmten Tod ist sein vorläufig letzter Kampf von vielen, die er schon gegen Ungerechtigkeiten jeglicher Art geführt hat. Die erste erfuhr er am eigenen Leib, als Baby: »Meine Vergewaltigung an einem katholischen Taufstein.« Er rächte sich mit der Gründung der Aktion »Trennung von Kirche und Staat«. Später kämpfte er für die Grauen Panther und für entwichene Heiminsassen, und wann immer er eine Zeitung aufschlug, sprang ihn ein neues Unrecht an. Gegen die Schikane, dass Gefangene in der Schweiz tagsüber ihre Pritsche hochklappen mussten, klagte er mit einem Gesetz aus dem Tierschutz: Wirbeltiere sind so zu halten, dass sie sich artgemäß verhalten können. Ein Mensch aber, der nichts zu tun hat, legt sich naturgemäß nieder. Auch hier gab ihm das Bundesgericht recht, freilich mit einer anderen Begründung.

»Ein Drittel meiner Lebensarbeitszeit«, schätzt er, »habe ich für die res publica, vor allem für Menschenrechte aufgewendet.« Richtig gepackt hatte es ihn »am 29. November 1973«, nach einem Vortrag über die Europäische Menschenrechtskonvention. Wie ein Blitz durchfuhr ihn die Erkenntnis: »Genau das, was die verkrustete Schweiz braucht!« Wenig später stand seine »Schweizerische Gesellschaft für europäische Menschenrechte«. Die erste Verurteilung der Schweiz in Straßburg trägt seinen Namen. Weitere folgten. Als er merkte, »dass Juristen nur andere Juristen akzeptieren«, schrieb er sich mit 44 Jahren an der Uni Zürich ein. »Am liebsten hätte ich mit dem Abschlussexamen begonnen, um herauszufinden, wo noch Lücken sind.« Reich geworden sei er auch als Anwalt nicht. »Am besten verdient habe ich als Texter von Denner-Inseraten.«

Noch nie aber gelang es ihm, so viele Menschen gegen sich aufzubringen wie mit seiner Dignitas. Die Psychiater werfen ihm vor, er idealisiere die Selbsttötung und werte fremdes Leben ab. Die Politiker rechnen den Steuerzahlern die Kosten vor, die Minellis ausländische Kundschaft verursacht. Ethiker empören sich, dass er den Tod zu einer banalen, schnellen Angelegenheit ohne weitere Bedeutung macht. Sterben als Do-it-yourself – einfacher als das Zusammensetzen eines Ikea-Gestells. Dazu kommt der Imageverlust: Zürich sieht seinen Ruf beschmutzt. Kaum hat sich der Ort vom Renommee der Welthauptstadt der Drogen und der Bankenskandale halbwegs erholt, wird er, dank Minellis Sterbetourismus, zum »unangefochtenen Weltzentrum des assistierten Selbstmords« (Guardian).

»Dort, wo der Couchtisch steht, haben wir auch schon Sterbehilfe geleistet«

Doch der Widerstand scheint ihn eher zu beleben denn zu bedrücken. Dass ihn Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf mit einem verschärften Schweizer Sterbehilfegesetz, das sich nur auf unheilbar Kranke beschränken sollte und bereits wieder abgeblockt wurde, an die Kandare nehmen wollte, kommt ihm gerade recht: »Eine Impertinenz! Den Willen der Mehrheit blockieren!« Schließlich sind 85 Prozent aller Schweizer und Schweizerinnen für die assistierte Sterbehilfe. Die sich am Horizont zusammenballenden politischen Gewitterwolken lassen die alten Widersacher Exit und Dignitas wieder näher zusammenrücken. »Wir sind on speaking terms«, sagt Ludwig Minelli.

Beim Interview in seinem Heim im zürcherischen Forch stehen zwei Tee-Hotpots im Kantinenformat auf dem Esstisch. Minelli hat fünfzig Teesorten im Sortiment und ein Zubereitungszubehör, mit dem er jeden Tee auf angemessene Weise aufbrühen kann. »Die Teeologie ist die einzige Theologie, die ich anerkenne«, kalauert er über die überraschend zarte Seite seines Wesens. An diesem brütend heißen Sommernachmittag tischt er einen Japan Sencho auf. Dazu serviert seine Lebensgefährtin luftiges, neapolitanisches Blätterteiggebäck.

Das Paar ist seit 33 Jahren zusammen und hat sich in einem außerehelichen Vertrag gegenseitige Sterbehilfe zugesichert. Da die Partnerin in einem anderen Dorf wohnt, hindert niemand Ludwig A. Minelli daran, sein Heim nach den praktischen Regeln eines Junggesellen einzurichten. Der Lift ist auch Kühlschrank: »Hier gibt’s immer einen Luftzug.« Minelli-Besucher fahren in Begleitung von Äpfeln und Bananen jeden Reifegrades von der Garage in sein Büro.

Das dunkel verschattete Esszimmer nutzt er als Gewächshaus für seine Orchideen. »Und dort, wo der Couchtisch steht«, sagt er und deutet zur schottisch karierten Sitzecke, »haben wir auch schon Sterbehilfe geleistet.« Belastend? Keineswegs. »In kosmischen Zeitspannen gerechnet, geht der andere nur eine Zehntausendstelsekunde vor mir aus dieser Welt.« Danach ist Schluss. Das hat er, als Hobby-Astronom, selbst gesehen. Noch nie sind ihm in seinem Spiegelteleskop im Weltall herumfliegende Seelen begegnet, geschweige denn ein bärtiger, lieber Gott. Statt ewigem Frieden herrscht dort ewiger Krieg. Sterne explodieren, Sonnensysteme verdampfen, schwarze Löcher zermalmen ganze Galaxien. Die Vorstellung erfüllt ihn mit sichtlicher Genugtuung. Dann befördert er, sicher und unfallfrei, die nächste Gabelladung Blätterteiggebilde vom Teller in den Mund.