Sterbehilfe Dienstleister in tödlicher Mission
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»Dort, wo der Couchtisch steht, haben wir auch schon Sterbehilfe geleistet«

Doch der Widerstand scheint ihn eher zu beleben denn zu bedrücken. Dass ihn Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf mit einem verschärften Schweizer Sterbehilfegesetz, das sich nur auf unheilbar Kranke beschränken sollte und bereits wieder abgeblockt wurde, an die Kandare nehmen wollte, kommt ihm gerade recht: »Eine Impertinenz! Den Willen der Mehrheit blockieren!« Schließlich sind 85 Prozent aller Schweizer und Schweizerinnen für die assistierte Sterbehilfe. Die sich am Horizont zusammenballenden politischen Gewitterwolken lassen die alten Widersacher Exit und Dignitas wieder näher zusammenrücken. »Wir sind on speaking terms«, sagt Ludwig Minelli.

Beim Interview in seinem Heim im zürcherischen Forch stehen zwei Tee-Hotpots im Kantinenformat auf dem Esstisch. Minelli hat fünfzig Teesorten im Sortiment und ein Zubereitungszubehör, mit dem er jeden Tee auf angemessene Weise aufbrühen kann. »Die Teeologie ist die einzige Theologie, die ich anerkenne«, kalauert er über die überraschend zarte Seite seines Wesens. An diesem brütend heißen Sommernachmittag tischt er einen Japan Sencho auf. Dazu serviert seine Lebensgefährtin luftiges, neapolitanisches Blätterteiggebäck.

Das Paar ist seit 33 Jahren zusammen und hat sich in einem außerehelichen Vertrag gegenseitige Sterbehilfe zugesichert. Da die Partnerin in einem anderen Dorf wohnt, hindert niemand Ludwig A. Minelli daran, sein Heim nach den praktischen Regeln eines Junggesellen einzurichten. Der Lift ist auch Kühlschrank: »Hier gibt’s immer einen Luftzug.« Minelli-Besucher fahren in Begleitung von Äpfeln und Bananen jeden Reifegrades von der Garage in sein Büro.

Das dunkel verschattete Esszimmer nutzt er als Gewächshaus für seine Orchideen. »Und dort, wo der Couchtisch steht«, sagt er und deutet zur schottisch karierten Sitzecke, »haben wir auch schon Sterbehilfe geleistet.« Belastend? Keineswegs. »In kosmischen Zeitspannen gerechnet, geht der andere nur eine Zehntausendstelsekunde vor mir aus dieser Welt.« Danach ist Schluss. Das hat er, als Hobby-Astronom, selbst gesehen. Noch nie sind ihm in seinem Spiegelteleskop im Weltall herumfliegende Seelen begegnet, geschweige denn ein bärtiger, lieber Gott. Statt ewigem Frieden herrscht dort ewiger Krieg. Sterne explodieren, Sonnensysteme verdampfen, schwarze Löcher zermalmen ganze Galaxien. Die Vorstellung erfüllt ihn mit sichtlicher Genugtuung. Dann befördert er, sicher und unfallfrei, die nächste Gabelladung Blätterteiggebilde vom Teller in den Mund.

 
Leser-Kommentare
  1. ...abgeben und bei einer Behörde einreichen können, dass die Angehörigen die Frage nach der Sterbehilfe nach einem beratendem Gespräch mit einem Arzt beantworten dürfen. Die Sterbehilfe findet jedoch nur dann statt, wenn _alle_ nächsten Angehörigen die Zustimmung gegeben haben.

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    Oft genug sind die Nachkommen heillos zerstritten. Und soll man dahinsiechen, nur weil jemand anderes ein Problem mit dem Tod hat?

    Selbstmord ist egoistisch und daran ist nichts Negatives. Jeder muss selbst entscheiden dürfen, wann er aus dem Leben tritt.

    Oft genug sind die Nachkommen heillos zerstritten. Und soll man dahinsiechen, nur weil jemand anderes ein Problem mit dem Tod hat?

    Selbstmord ist egoistisch und daran ist nichts Negatives. Jeder muss selbst entscheiden dürfen, wann er aus dem Leben tritt.

  2. Oft genug sind die Nachkommen heillos zerstritten. Und soll man dahinsiechen, nur weil jemand anderes ein Problem mit dem Tod hat?

    Selbstmord ist egoistisch und daran ist nichts Negatives. Jeder muss selbst entscheiden dürfen, wann er aus dem Leben tritt.

  3. Margrit Sprecher schreibt:

    "Ethiker empören sich, dass er den Tod zu einer banalen, schnellen Angelegenheit ohne weitere Bedeutung macht. Sterben als Do-it-yourself – einfacher als das Zusammensetzen eines Ikea-Gestells."

    Aus diesen zwei Sätzen spricht besonders deutlich der Tenor des gesamten Artikels: die Kränkung, dass menschliches Leben nur noch wenig wert sein kann, wenn sein Träger es selbst als nicht mehr lebenswert empfindet, es beenden will und ihm das auch noch erlaubt wird. Offenbar gehört die Autorin zu denjenigen, für die jedem Mensch als Ebenbild Gottes eine uneingeschränkte und uneinschränkbare Würde zukommt, so dass sein Leben nie, unter keinen Umständen, seinen Wert verlieren kann. Für solche Menschen ist es dann auch eine schwere Kränkung, dass man ein Menschenleben im "Do-it-yourself"-Verfahren, einfacher als das "Zusammensetzen eines Ikea-Regals" als ungewollt verhüten oder vor der Geburt abtreiben kann. Es ist die Mentalität konservativer US-Abtreibungsfeinde aus dem Bible Belt, die dieser Artikel atmet, oder die Mentalität konservativer CSU-Wähler in den 70er Jahren der BRD, für deren "Rassestolz" als Angehörige der Spezies homo sapiens die Erkämpfung der Freigabe der Abtreibung eine schwere Kränkung war.

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    • hareck
    • 30.08.2010 um 12:23 Uhr

    Ich habe den Tenor des Artikels keineswegs als "gekränkt" erlebt, sondern eher als angenehm neutral, teilweise sogar leicht bewundernd. Vielen Dank an die Autorin.

    Besonders bemerkenswert fand ich folgenden Satz:

    "70 Prozent aller Menschen, die von uns grünes Licht für den assistierten Suizid bekommen haben, melden sich nicht mehr. Sobald sie wissen, dass er möglich ist, wird aus dem Lebenmüssen ein Lebenkönnen."

    Die Einsicht, dass ich sterben darf/kann/muss, macht das Leben erst richtig lebenswert.

    • hareck
    • 30.08.2010 um 12:23 Uhr

    Ich habe den Tenor des Artikels keineswegs als "gekränkt" erlebt, sondern eher als angenehm neutral, teilweise sogar leicht bewundernd. Vielen Dank an die Autorin.

    Besonders bemerkenswert fand ich folgenden Satz:

    "70 Prozent aller Menschen, die von uns grünes Licht für den assistierten Suizid bekommen haben, melden sich nicht mehr. Sobald sie wissen, dass er möglich ist, wird aus dem Lebenmüssen ein Lebenkönnen."

    Die Einsicht, dass ich sterben darf/kann/muss, macht das Leben erst richtig lebenswert.

  4. Wieso Ressentiments gegenüber der Freiwilligkeit des Todes?
    Die Betonung liegt auf Freiwilligkeit, jeder sollte das für sich selbst bestimmen dürfen.
    Sind Sie gefragt worden, ob Sie überhaupt in diese Welt kommen wollten?
    Entweder die Leute haben alle verdammt viel Angst vor dem Tod, der Strafe oder das Vermeidbare ist so lukrativ, dass es mit allen Mitteln zu verhindern gilt die Opfer aus dem Wirkungskreis zu verlieren.
    Die Medizin erlaubt uns heute hundertfach noch zu leben, wo früher der Tod wartete.
    Wieso ist die Straße zur Vermeidung mit allen Mitteln erlaubt, aber die eigene Erlösung unbedingt zu verhindern?
    Der Wille des Menschen zur Selbstbestimmung sollte unantastbar sein.

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    Ich glaube an Gott und die Erlösung und die Wiederauferstehung durch Jesus Christus.
    Ich glaube aber nicht an die Allmacht der Medizin, auch wenn sie beeindruckende Leistungen vollbringt, nur manchmal dort des Guten zu viel.
    Gott hat uns einen verdammt guten Denkapparat mitgegeben, den wir ab und zu auch einsetzen sollten. Gerade als Gläubige kann ich in dieser Sache der Allmacht der Medizin keine Absolution erteilen.

    Ich glaube an Gott und die Erlösung und die Wiederauferstehung durch Jesus Christus.
    Ich glaube aber nicht an die Allmacht der Medizin, auch wenn sie beeindruckende Leistungen vollbringt, nur manchmal dort des Guten zu viel.
    Gott hat uns einen verdammt guten Denkapparat mitgegeben, den wir ab und zu auch einsetzen sollten. Gerade als Gläubige kann ich in dieser Sache der Allmacht der Medizin keine Absolution erteilen.

  5. Ich glaube an Gott und die Erlösung und die Wiederauferstehung durch Jesus Christus.
    Ich glaube aber nicht an die Allmacht der Medizin, auch wenn sie beeindruckende Leistungen vollbringt, nur manchmal dort des Guten zu viel.
    Gott hat uns einen verdammt guten Denkapparat mitgegeben, den wir ab und zu auch einsetzen sollten. Gerade als Gläubige kann ich in dieser Sache der Allmacht der Medizin keine Absolution erteilen.

    Antwort auf "Selbstbestimmung"
  6. "Über Leben und Tod gebieten".

    Eigentlich hätte es die Beschreibung von Minelli schon mit diesem einen Satz getan, werte Frau Sprecher.

    Anleitung zur Unterlassung von Hausaufgaben. Der Hausaufgabenberg wird sich im nächsten Leben leider anhäufen. Tja. Fatal. Und erst der ewiglange Aufenthalt auf dem Pausenhof zwischen den beiden Schulstunden, zu dem Herr Minelli den Menschen verhilft.

    Also, ich beneide keine Partei von beiden. Weder Herrn Minelli noch die Schäflein, die er mit einem angeblichen Gnadenschuss ins Weltall knallt.

    Völlig durchgeknallt schwebt das Raumschiff, scheinbar schwerelos.

    Tja, Raumschiff Erde, was wärest Du ohne deine Durchgeknallten.

    Kopfschüttel !!!

  7. "Sind Sie gefragt worden, ob Sie überhaupt in diese Welt kommen wollten?"

    Also, ich bin nicht gefragt worden.

    Tja - eben! Schluchz!
    Aber es hilft ja nun alles nichts.

    Und manchmal ist es schließlich ja auch ganz nett hier.

    In Freude und Leid Gleichmut erlangen. Ein hohes Ziel.

    Und für die, für die das diesmal nicht das Ziel ist, wenigstens wiegesagt schon mal Hausaufgäbchen erledigen. Auch nicht schlecht. Dann hat man nämlich im nächsten Leben weniger.

  8. http://www.youtube.com/wa...

    Frage:
    und ... was macht ne Seele wenn sie da rauskatapultiert wird?

    Antwort:
    Sie weiß gar nicht, wo sie sich befindet - kein guter Zustand!

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