Aus der Tiefe des Raumes erhebt sich der Klang des Cellos, schwingt sich empor, mischt sich mit dem Sturmlauf des Klaviers und der Viola.

Draußen fließt die Elbe hinter Glas, die Gäste geben sich dem Musikerlebnis hin. Vielleicht haben sie das Trio für Bratsche, Cello und Klavier von Johannes Brahms selten so eindringlich gehört. Oder den subtilen Klangzauber EspaceI von Isang Yun. Und wie die jungen Virtuosen Schuberts Klaviertrio von null auf Opus 100 bringen, das Werk in Energie verwandeln, das ist große Kunst.

Hausmusik bei Heinemann. Geladene Gäste auf weiß überzogenen Klappstühlen, Intendanten, Ärzte, Wissenschaftler, Musiker. Die kulturelle Elite der Stadt Dresden hört einer hochkarätigen Besetzung zu: Der Pianist Andreas Hering hat internationale Preise gewonnen, Barbara Buntrock ist erste Solobratscherin beim Leipziger Gewandhausorchester, Erik Schumann ein gefragter, vielfach ausgezeichneter Violinist und Isang Enders erster Konzertmeister bei den Cellisten der Staatskapelle Dresden.

Stefan Heinemann hat gern Gäste. Der Rechtsanwalt, Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler, 1951 in Mönchengladbach geboren, kam 1991 nach Dresden. Das Grundstück an der Elbe hat er von der Bundesvermögensverwaltung ersteigert. Der Architekt Jens Zander hat das »haus h« dorthin gesetzt, sehr coole Architektur als Kontrapunkt zum Spalier denkmalgeschützter Schlösser und Villen. »Wenn man einmal hier ist, dann bleibt man auch«, sagt er. An den Wänden hängt Kunst der Gegenwart, darunter die junger Dresdner, die der Hausherr fördert. Der Wohnraum, der zum Konzertsaal taugt, beeindruckt mit einer sieben Meter hohen Bücherwand und einem mächtigen Kamin.

Der Anwalt der Künste ist die Idealbesetzung eines kultivierten Dresdner Neubürgers, unterstützt die Moritzburger Festspiele und die Skulpturensammlung im Albertinum, gründete das »Forum Kunst der Gegenwart«, ist Vorsitzender der Dresdner Kinderhilfe e.V. und unterstützt den Jugendhilfefonds »Aufwind« für Kinder und Jugendliche.

Vermutlich gibt es keine Stadt in Deutschland, in der Vergleichbares geschieht. Ist es der Aufbruch in ein neues bürgerliches Zeitalter? Steht hier eine Rekultivierung der Werte an, die im Jahrhundert der Katastrophen verloren gingen? Warum gerade in Dresden? Warum entwickeln Zugewanderte eine so intensive, zupackende Beziehung zu ihrer neuen Heimat? Was hat es zu bedeuten, wenn der Stardirigent Christian Thielemann von München nach Dresden wechselt? Und wie passt all das mit der Aberkennung des Titels »Weltkulturerbe« zusammen? Warum votieren die Dresdner in einer Volksabstimmung für eine neue Brücke, die das schöne Bild des Elbtals für alle Zeiten verschandelt? Die Nachrichtenlage ist widersprüchlich. Was ist los in dieser Stadt? Was macht ihr Selbstbewusstsein aus? Was hat Dresden, das andere Städte nicht haben?

Kultur ist das Leitmotiv. Die Landeshauptstadt des Freistaates Sachsen pflegt ihr Image als Museumsinsel kultivierter Tradition, als Barockstadt, als Wiege der Romantik, als Stadt der Künste. Und die bürgerliche Gesellschaft spielt mit. Lions Club und Rotarier, akademische Netzwerke und ehemalige Kreuzchorknaben investieren ins kulturelle Leben. Stammtische und Fördervereine widmen sich den schönen Künsten, der Literatur und dem sozialen Engagement.

»Die Stadt ist verrückt nach Musik«, sagt der Cellist Isang Enders, »vor allem Dresdens Ärzte. Professor Sebastian Schellong zum Beispiel, Chef der Inneren Medizin am Krankenhaus Friedrichstadt, der hervorragend Cello spielt.« Beim Internisten gibt es Hausmusik schon am Vormittag, und es kommt vor, dass der letzte Ton erst morgens um vier verklingt. Bei größerem Interesse verlegt man sich in die Öffentlichkeit, dann pilgern Dresdens Musikfreunde zum Hauskonzert in den Piano-Salon Kirsten hinter der Frauenkirche, um ein Quartett zu hören, dessen Mitwirkende allesamt den Prof. Dr. im Namen führen.

Zwischen der Intensivpflege akademischer Hochkultur und dem großformatigen Klassikentertainment als Medien-Event liegen in Dresden nur wenige Straßenbahnhaltestellen: Zum Jahresbeginn erlebte die Stadt Kaiserwalzer und Public Viewing für einige Tausend Menschen auf dem frostkalten Theaterplatz. Die Bilder gingen um die Welt. Im vergangenen Jahr war Wladimir Putin als Stargast zum 1,3 Millionen Euro teuren SemperOpernball eingeladen. Der Russe durfte aus der Hand des CDU-Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich einen »Sächsischen Dankesorden« entgegennehmen, was hinter den Kulissen zu einigen Unruhen geführt hat, denn Putin hatte auf dieser protokollarisch bedeutsamen Geste bestanden.

Eventkultur, das wusste schon August der Starke, kann sich schon mal im Größenwahn verlieren. Der Kurfürst von Sachsen war nicht frei davon, hatte allerdings ein Gespür für Qualität. Einer der Gründe, warum er ständig Probleme mit den Staatsfinanzen hatte. Der andere: Es gab nicht genug Steuerzahler. An der Schwelle zum 18. Jahrhundert lebten in Dresden 21298 Einwohner, doch nur 1779 Stadtbewohner hatten das Bürgerrecht.

Erst 100 Jahre später begann sich akademisches Bürgertum zu etablieren, Beamte und Gelehrte, Verleger, Buchhändler, Autoren, Geistliche und Ärzte. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war Dresden eine der reichsten Industriestädte Europas, eine Stadt der Millionäre und der Künste. Doch schnell fiel Dresden unter die Barbaren, organisierten Nazis die erste Ausstellung Entartete Kunst, trieben SA-Leute den liberalen Dirigenten Fritz Busch, Generalmusikdirektor der Semperoper, vom Pult. Vor allem die bürgerlichen Viertel wählten die NSDAP. »Die Allianz mit den Nazis war der Höllensturz des Bürgertums«, sagt Hans-Peter Lühr, Herausgeber der Dresdner Hefte, die seit 1983 Kultur und Geschichte der Stadt aufarbeiten.

Die Nazis vertrieben oder vernichteten das jüdische Bürgertum. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches enteigneten die Kommunisten das verbliebene Besitzbürgertum und sprengten Kulturdenkmäler wie die Ruine der Sophienkirche, die den Bombenangriff von 1945 überstanden hatte. »Eine sozialistische Stadt braucht keine gotischen Kirchen«, fand Walter Ulbricht, der Generalsekretär im SED-Zentralkomitee der DDR. Nur die schlitzohrige Sturheit und das typisch Dresdner Beharrungsvermögen mutiger Konservatoren und Denkmalpfleger rettete einige Restposten bedrohter Kulturdenkmäler über die Zeit. Zugleich hofierte die Staatsmacht der DDR in den Jahren bis zum Mauerbau die Intelligenz, um sie im Lande zu halten. Die Gründung eines Klubs der Kulturschaffenden wurde genehmigt, der spätere »Klub der Intelligenz Victor Klemperer«. Das noble Lingnerschloss am Elbhang in Loschwitz war Sitz des Klubs.