Dresdener Kulturleben Die bürgerliche Revolution
Aus den Villen erklingt Hausmusik, Eltern vererben Konzertabos an ihre Kinder, das Volk schiebt sich durch Galerien und Museen. In Dresden blüht die klassische Kultur wie nirgends sonst in Deutschland. Was hat die Stadt, das andere Städte nicht haben?
Aus der Tiefe des Raumes erhebt sich der Klang des Cellos, schwingt sich empor, mischt sich mit dem Sturmlauf des Klaviers und der Viola.
Draußen fließt die Elbe hinter Glas, die Gäste geben sich dem Musikerlebnis hin. Vielleicht haben sie das Trio für Bratsche, Cello und Klavier von Johannes Brahms selten so eindringlich gehört. Oder den subtilen Klangzauber EspaceI von Isang Yun. Und wie die jungen Virtuosen Schuberts Klaviertrio von null auf Opus 100 bringen, das Werk in Energie verwandeln, das ist große Kunst.
Hausmusik bei Heinemann. Geladene Gäste auf weiß überzogenen Klappstühlen, Intendanten, Ärzte, Wissenschaftler, Musiker. Die kulturelle Elite der Stadt Dresden hört einer hochkarätigen Besetzung zu: Der Pianist Andreas Hering hat internationale Preise gewonnen, Barbara Buntrock ist erste Solobratscherin beim Leipziger Gewandhausorchester, Erik Schumann ein gefragter, vielfach ausgezeichneter Violinist und Isang Enders erster Konzertmeister bei den Cellisten der Staatskapelle Dresden.
Stefan Heinemann hat gern Gäste. Der Rechtsanwalt, Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler, 1951 in Mönchengladbach geboren, kam 1991 nach Dresden. Das Grundstück an der Elbe hat er von der Bundesvermögensverwaltung ersteigert. Der Architekt Jens Zander hat das »haus h« dorthin gesetzt, sehr coole Architektur als Kontrapunkt zum Spalier denkmalgeschützter Schlösser und Villen. »Wenn man einmal hier ist, dann bleibt man auch«, sagt er. An den Wänden hängt Kunst der Gegenwart, darunter die junger Dresdner, die der Hausherr fördert. Der Wohnraum, der zum Konzertsaal taugt, beeindruckt mit einer sieben Meter hohen Bücherwand und einem mächtigen Kamin.
Der Anwalt der Künste ist die Idealbesetzung eines kultivierten Dresdner Neubürgers, unterstützt die Moritzburger Festspiele und die Skulpturensammlung im Albertinum, gründete das »Forum Kunst der Gegenwart«, ist Vorsitzender der Dresdner Kinderhilfe e.V. und unterstützt den Jugendhilfefonds »Aufwind« für Kinder und Jugendliche.
Vermutlich gibt es keine Stadt in Deutschland, in der Vergleichbares geschieht. Ist es der Aufbruch in ein neues bürgerliches Zeitalter? Steht hier eine Rekultivierung der Werte an, die im Jahrhundert der Katastrophen verloren gingen? Warum gerade in Dresden? Warum entwickeln Zugewanderte eine so intensive, zupackende Beziehung zu ihrer neuen Heimat? Was hat es zu bedeuten, wenn der Stardirigent Christian Thielemann von München nach Dresden wechselt? Und wie passt all das mit der Aberkennung des Titels »Weltkulturerbe« zusammen? Warum votieren die Dresdner in einer Volksabstimmung für eine neue Brücke, die das schöne Bild des Elbtals für alle Zeiten verschandelt? Die Nachrichtenlage ist widersprüchlich. Was ist los in dieser Stadt? Was macht ihr Selbstbewusstsein aus? Was hat Dresden, das andere Städte nicht haben?
Kultur ist das Leitmotiv. Die Landeshauptstadt des Freistaates Sachsen pflegt ihr Image als Museumsinsel kultivierter Tradition, als Barockstadt, als Wiege der Romantik, als Stadt der Künste. Und die bürgerliche Gesellschaft spielt mit. Lions Club und Rotarier, akademische Netzwerke und ehemalige Kreuzchorknaben investieren ins kulturelle Leben. Stammtische und Fördervereine widmen sich den schönen Künsten, der Literatur und dem sozialen Engagement.
»Die Stadt ist verrückt nach Musik«, sagt der Cellist Isang Enders, »vor allem Dresdens Ärzte. Professor Sebastian Schellong zum Beispiel, Chef der Inneren Medizin am Krankenhaus Friedrichstadt, der hervorragend Cello spielt.« Beim Internisten gibt es Hausmusik schon am Vormittag, und es kommt vor, dass der letzte Ton erst morgens um vier verklingt. Bei größerem Interesse verlegt man sich in die Öffentlichkeit, dann pilgern Dresdens Musikfreunde zum Hauskonzert in den Piano-Salon Kirsten hinter der Frauenkirche, um ein Quartett zu hören, dessen Mitwirkende allesamt den Prof. Dr. im Namen führen.
Zwischen der Intensivpflege akademischer Hochkultur und dem großformatigen Klassikentertainment als Medien-Event liegen in Dresden nur wenige Straßenbahnhaltestellen: Zum Jahresbeginn erlebte die Stadt Kaiserwalzer und Public Viewing für einige Tausend Menschen auf dem frostkalten Theaterplatz. Die Bilder gingen um die Welt. Im vergangenen Jahr war Wladimir Putin als Stargast zum 1,3 Millionen Euro teuren SemperOpernball eingeladen. Der Russe durfte aus der Hand des CDU-Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich einen »Sächsischen Dankesorden« entgegennehmen, was hinter den Kulissen zu einigen Unruhen geführt hat, denn Putin hatte auf dieser protokollarisch bedeutsamen Geste bestanden.
Eventkultur, das wusste schon August der Starke, kann sich schon mal im Größenwahn verlieren. Der Kurfürst von Sachsen war nicht frei davon, hatte allerdings ein Gespür für Qualität. Einer der Gründe, warum er ständig Probleme mit den Staatsfinanzen hatte. Der andere: Es gab nicht genug Steuerzahler. An der Schwelle zum 18. Jahrhundert lebten in Dresden 21298 Einwohner, doch nur 1779 Stadtbewohner hatten das Bürgerrecht.
Erst 100 Jahre später begann sich akademisches Bürgertum zu etablieren, Beamte und Gelehrte, Verleger, Buchhändler, Autoren, Geistliche und Ärzte. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war Dresden eine der reichsten Industriestädte Europas, eine Stadt der Millionäre und der Künste. Doch schnell fiel Dresden unter die Barbaren, organisierten Nazis die erste Ausstellung Entartete Kunst, trieben SA-Leute den liberalen Dirigenten Fritz Busch, Generalmusikdirektor der Semperoper, vom Pult. Vor allem die bürgerlichen Viertel wählten die NSDAP. »Die Allianz mit den Nazis war der Höllensturz des Bürgertums«, sagt Hans-Peter Lühr, Herausgeber der Dresdner Hefte, die seit 1983 Kultur und Geschichte der Stadt aufarbeiten.
Die Nazis vertrieben oder vernichteten das jüdische Bürgertum. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches enteigneten die Kommunisten das verbliebene Besitzbürgertum und sprengten Kulturdenkmäler wie die Ruine der Sophienkirche, die den Bombenangriff von 1945 überstanden hatte. »Eine sozialistische Stadt braucht keine gotischen Kirchen«, fand Walter Ulbricht, der Generalsekretär im SED-Zentralkomitee der DDR. Nur die schlitzohrige Sturheit und das typisch Dresdner Beharrungsvermögen mutiger Konservatoren und Denkmalpfleger rettete einige Restposten bedrohter Kulturdenkmäler über die Zeit. Zugleich hofierte die Staatsmacht der DDR in den Jahren bis zum Mauerbau die Intelligenz, um sie im Lande zu halten. Die Gründung eines Klubs der Kulturschaffenden wurde genehmigt, der spätere »Klub der Intelligenz Victor Klemperer«. Das noble Lingnerschloss am Elbhang in Loschwitz war Sitz des Klubs.
Während die Arbeiterklasse in Westdeutschland in der Konsumgesellschaft aufging, sickerten im Osten bürgerliche Einstellungen in Funktionärsschichten und ins Arbeitermilieu. Aufsteiger übernahmen die Kulturpraktiken der verdrängten Besitzbürger, und das klassisch-humanistische Erbe erfuhr staatliche Pflege. Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende der DDR, ließ es sich nicht nehmen, 1985 die aufwendig restaurierte Semperoper einzuweihen. Während die Achtundsechziger im Westen bürgerliche Werte und Normen lustvoll zerzausten, setzten sich im Osten vor allem Geistliche, Künstler und Denker für sie ein.
Dieses »Refugiumsbürgertum«, wie es der Dresdner Soziologe Karl-Siegbert Rehberg nennt, wohnte am Elbhang. Eine Seilbahn fährt dort hinauf. Sie braucht heute keinen Schaffner mehr, aber der Tunnel, die Bergstation, die Szene ist vertraut, das »schieferige Knarren und Ächzen, das Knacken der Stahlseile«. So ist es im Turm beschrieben, in Uwe Tellkamps Roman über die letzten Jahre der DDR und die Nischengesellschaft in den Villen von Loschwitz und auf dem Weißen Hirsch. Ostrom, Mondleite, Planetenweg. Der Dichter hat Straßennamen verändert, Brücken erfunden, Spuren gelegt und verwischt.
Der Historiker Albrecht Hoch lässt sich dadurch nicht beirren. Er kennt sich hier aus, hat als Student mit seinen Stadtführungen angefangen. Inzwischen ist ein Unternehmen daraus geworden: »Hochtouren Dresden«. Hoch trägt eine Umhängetasche, holt Bilder heraus, Plastikmappen mit Zitaten und Belegen. Dann und wann bleibt er stehen, rezitiert aus dem Turm.
Die Bäckerei Walther hat Tische vor die Tür gestellt. Ideal für eine kleine Pause. Dort lässt Hoch seine Gruppen gern Platz nehmen, kauft eine Semmel, hält sie bedeutungsschwer in der Hand und deklamiert im hohen Ton klassischer Dichtkunst:
»Dich, o vollblütige Dresdner Semmel, will ich besingen … von volkseigenem Backblech geschabt … Doch wie, o sprich, du teigiges Dresdner Ereignis, soll dich nennen des Sängers gierig gefräßiger Mund, … Stolz und elastisch wie Mädchenbrüste? … O! Wie! Wie nur nenne ich dich, du gebackene Bratsche, Gummigaumen, Dampfdattel, Dresdner Dudelsack, kunstgesüßte Knuddelkuppel …«
Im letzten Sommer geschah es: Mitten im Gelächter ging der Autor des Turms am Zaun vorbei, mit Söhnchen Meno an der Hand. Tief zog der Dichter die Mütze ins Gesicht, seine Schritte wurden schneller. In seinem Roman hatte Tellkamp bürgerliches Leben sichtbar gemacht, das im real existierenden Sozialismus möglich war. Ärzte, Wissenschaftler, Künstler und Geistliche pflegten Salonkultur als geschlossene Gesellschaft. Die Bildungselite nutzte ihre Privilegien diskret.
Der Stadtführer Albrecht Hoch ist der jüngste Sohn des Pfarrers Karl-Ludwig Hoch. Sein Vater, Kunsthistoriker, Theologe und 30 Jahre lang Pfarrer in der Dresdner Gemeinde Plauen, hatte 1989 den Ruf aus Dresden verfasst, der zum Wiederaufbau der Frauenkirche aufrief und in der ganzen Welt gehört wurde.
Die »Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden e.V.« war der erste Verein, der nach der Wende ins Vereinsregister eingetragen wurde. Im Jahr der Wiedervereinigung gründeten sich annähernd 500 Vereine, heute sind es über 5000. »Die meisten kulturellen Initiativen nach 1990 hatten eine Vorgeschichte in der DDR«, meint der Soziologe Rehberg. »Die Kraft, die aus diesen Zusammenschlüssen von Bürgern hervorging, verwandelte Dresden.«
Die Wende. Neustart. »Wir sind von der kollektiven Denkhemmung in die Erkenntnislust geraten«, erinnert sich der Publizist Hans-Peter Lühr, »der Verzicht auf Individualität war zu Ende. Die DDR-Betriebe waren nicht viel wert. Das wirkliche Kapital sind die Menschen. Das Besitzbürgertum kam aus dem Westen. Die haben die Villen gekauft, die Leitung in den Betrieben übernommen. Anders ging es auch nicht. Über viele kluge Leute haben wir uns nur gefreut.«
Ein neues Bürgertum siedelt sich in Dresden an, Rechtsanwälte, Steuerberater, Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft. Unternehmen kommen in Fahrt. Von AMD bis ZMD, Chiphersteller, Zukunftslabors, Hersteller von Mikroelektronik und Halbleitern. Volkswagen baut in der Gläsernen Manufaktur am Rande des Großen Gartens seinen Phaeton. Das Forum Tiberius, ein neu gegründeter Klub für Kultur und Wirtschaft, organisiert ein World Culture Forum, das Wissenschaft und Kunst, Politik, Religion, Ökonomie und Medien zusammenführen soll. Der Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Frey, Spielmacher des SemperOpernballs und bis vor Kurzem noch Generalintendant des Theaters Bremen, will Dresden zum Treffpunkt des europäischen Geisteslebens pushen. Ein zweites Davos, darunter macht er es nicht.
Ein Abend im Frühling. Das Forum Tiberius lädt zum Salon in das barocke Herz der Stadt. Diesmal treffen sich Dresdens Führungskräfte im alten Gewandhaus, das heute ein Radisson-Hotel ist. Hauptredner Peter Schu, Geschäftsführer des Sächsischen Serumwerkes von GlaxoSmithKline, spricht zum Thema »Pandemie – Globale Verantwortung«. Seine Firma hat das Serum gegen die Schweinegrippe hergestellt und weltweit sehr gut verkauft. Gesellschafter, Geschäftsführer, Senatoren, Professoren und der ehemalige Ministerpräsident Georg Milbradt kommen an Stehtischen ins Gespräch. Der Sauerländer Milbradt sagt: »Die Dresdner empfinden sich als Bürger einer Kulturstadt. Völlig zu Recht. Kultur hat ihnen Halt gegeben, als alles zusammenkrachte. Nach der Wende war für viele die Frage: Woran kann man sich festhalten? Und sie erkannten: In der Kultur stellen wir noch etwas dar, die kann uns keiner nehmen. Über dieses unzerstörbare Erbe kam die Erkenntnis: Wir sind etwas Besonderes.«
Der Freistaat habe dem Rechnung getragen, sagt Milbradt. Allein im Staatsdienst arbeiten 3800 Menschen für die Kultur. »Kultur ist in Dresden der wichtigste Arbeitgeber. Die Staatlichen Kunstsammlungen ziehen jährlich zwei Millionen Besucher nach Dresden, die Wirtschaftskraft der Semperoper ist enorm.«
Die Semperoper ist guter Hoffnung. Aus München naht Christian Thielemann, um von 2012 an Deutschlands ältestes Orchester zu dirigieren: die 462 Jahre alte Staatskapelle Dresden, deren Klang Herbert von Karajan mit dem »Glanz von altem Gold« verglich. Thielemann sieht sich mit den Dresdnern auf einer Wellenlänge. Romantische Tiefe und Klangschönheit als unverwechselbares Markenprofil, das passt.
Allenfalls in Prag oder Wien gebe es diesen samtigen Klang der Streicher, sagt der Violinvirtuose Frank Peter Zimmermann. »Ich freue mich schon Monate vorher auf die Anspielprobe. Es ist fantastisch: Sie brauchen die Instrumente nur zu streicheln, und die Wolke kommt. In Dresden stimmt alles. Es ist berührend, wenn man die Semperoper betritt. Jeder Stein atmet Musik. Dresden hat ein Publikum, wie man es sich nur wünschen kann. Es zeigt stilles Interesse, konzentriert auf die Musik.«
Anders als die Berliner Philharmoniker, bei denen Musiker aus fast 20 Nationen zusammenspielen, ist die Dresdner Staatskapelle bis auf wenige Ausnahmen immer noch ein rein deutsches Orchester. Ost und West spielen zusammen. Isang Enders zum Beispiel, in Frankfurt am Main geboren und in Darmstadt aufgewachsen, wurde mit 20 als jüngster Solocellist in Deutschland zum Konzertmeister der Staatskapelle gewählt. Die Position war seit über einem Jahrzehnt unbesetzt.
Inzwischen hat er sich eingelebt, aber zu Hause fühlt er sich nicht. »Dresden hat ein Toleranzproblem«, sagt Enders. »Es gibt kaum Ausländer hier, nur etwa 20.000, bei einer halben Million Einwohnern sind das gerade mal vier Prozent. Die Stadt lebt von ihren Gästen, hält es aber nicht aus, wenn Menschen anders aussehen.«
Isang Enders sieht anders aus. Seine Mutter ist Koreanerin. Es gibt Straßen und Viertel in Dresden, die er meidet. Er steigt in keine Straßenbahn, nimmt keinen Bus. Als er ins Theater ging, wurde er als »Fidschi« verhöhnt. Als er am Hauptbahnhof in ein Taxi stieg, pöbelten ein paar Leute, weil der Fahrer den »Kanaken« mitnahm, statt erst mal die Deutschen einsteigen zu lassen. Sollte er sich umdrehen und den Leuten sagen: Der Kanake ist in Deutschland geboren, hat eine deutsche Schule besucht und in Deutschland studiert? Und jetzt arbeitet er für eine der ältesten deutschen Kulturinstitutionen? Es gibt Momente, in denen Isang Enders sich schämt, ein Deutscher zu sein.
Die Konzerte der Staatskapelle sind zu 90 Prozent »ausabonniert«, wie die Dresdner sagen. Das Abonnement wird nicht gekündigt, sondern im Todesfall vererbt. Vergleichbare Treue zeigen die Dresdner nur für ihren Fußballklub. Wenn Dynamo Dresden spielt, ist das neue Stadion voll. Doch anders als bei der Staatskapelle fehlt es dem Spiel an Glanz. 1:0 gegen Braunschweig, 0:3 gegen Heidenheim, 1:1 gegen die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart. Platz 10 in der dritten Liga. Vielleicht ist dem Dresdner das Siegreiche fremd.
Es braucht keine Elf, das Gemeinschaftsgefühl der Dresdner zu wecken. Wenn die Gruppe Polarkreis 18 um den Sänger Felix Räuber im Alten Schlachthof, einer Konzerthalle mit werktätiger Aura im Stadtteil Pieschen, auftritt und 1500 Menschen Allein, allein singen, haben die Gäste schnell Gänsehaut. Die Jungs treten in schneeweißen Monturen auf, wie die Monteure, die in der Gläsernen Manufaktur den Phaeton zusammenschrauben.
Auch Annamateur singt vom Alleinsein. Um nicht allein zu sein, schlafe ich mit dir heißt eines ihrer Lieder. Annamateur heißt eigentlich Anna Maria Scholz und wohnt in der Dresdner Neustadt. Das Haus, in dem sie lebt, sieht wie ein Irrtum aus. Es tanzt aus der Reihe der Respekt gebietenden Straßenfront und liegt zurückgezogen hinter einer kleinen Wiese. Hier lebt sie in einer unaufgeräumten Wohnung, die man kreativ nennen kann – mit gelben Wänden und warmen Farben.
Anna Maria Scholz, 1977 in Dresden geboren, hat mit Straßenmusik angefangen. Als 13-Jährige spielte sie vor dem Zwinger Querflöte – aber die Kassiererinnen in den Supermärkten fühlten sich gestört. Heute tritt sie in kleiner Besetzung auf, mit einem Gitarristen und einem Cellisten, singt Lieder mit eigenen Texten, covert aber auch Songs von Ray Charles, den Beatles und Tom Waits. Sie wuchs behütet im fast schon ländlichen Teil der Südvorstadt auf. »Weil ich in einem christlichen Kindergarten war, mussten wir nicht gemeinsam auf den Topf.« Anna Maria Scholz kann aber auch zum Fürchten sein. Manchmal hat sie einen Auftritt in der Schule ihres neunjährigen Sohnes Kaspar und fragt, warum die Kinder immer noch in Zweierreihen antreten müssen.
Die Neustadt ist ihr Quartier. »Neustadt, das ist, wo man hingeht, wenn man weggeht«, sagt sie, »freitags und samstags ist in der Neustadt Hully-Gully, dann kommt von den Rändern die Pubertät.« Neustadt, Insel der Alternativkultur im bürgerlichen Dresden. Kaum war die Mauer gefallen, riefen die befreiten Neustädter kühne Alternativen zur sozialistischen Gesellschaft ins Leben. Am 22. Juni 1990 wurde die »Bunte Republik Neustadt« proklamiert, das andere Deutschland in Dresden, ein alternativer Staat für drei Sommertage.
Nur: Warum hat das Oberlandesgericht in Bautzen den Neonazis erlaubt, am 13.Februar dieses Jahres ausgerechnet durch die Dresdner Neustadt zu marschieren? Das macht die Sängerin wütend. Warum nimmt man ein Viertel, in dem viele Familien leben und außerdem der größte Widerstand zu erwarten ist? Dresdens einziger aktiver Vulkan bricht aus: »Die Stadtregierung von Dresden hat durch jahrelanges Wegschauen dafür gesorgt, dass hier jährlich der größte Nazi-Aufmarsch in Europa stattfinden kann.«
Der 13. Februar 1945, der Tag, an dem Dresden in den letzten Kriegsmonaten von alliierten Bombern zerstört wurde, ist der Tag, auf den sich die ganze Erinnerungskultur der Stadt richtet. Dresden als Opfer, als stille Sonderzone des Gedenkens an einen archaischen Akt der Zerstörung. Aber dieser Tag ist auch ein Gedenktag, den Neonazis für sich reklamieren, und die sind alles andere als still. Zum ersten Mal wurde am 13. Februar 2010 Dresdens historische Altstadt gesperrt, wurden die Frauenkirche und die Einkaufspassagen unter Schutz gestellt.
Doch diesmal war alles anders. Tausende Rechte waren angereist, konnten aber nicht marschieren, weil das Bündnis »Dresden Nazifrei« Straßen und Gleise blockiert hatte. Künstlerbund, Gewerkschaften und Die Linke, Jusos und Bündnis 90/Die Grünen, das Antifabündnis No Pasarán und der Zentralrat der Muslime hatten die Menschen zusammengeholt.
Im Zentrum der Stadt hatte Dresdens Oberbürgermeisterin, Helma Orosz von der CDU, zu einer Menschenkette aufgerufen, an der sich rund 15.000 Menschen beteiligten. Ein historischer Tag. Zum ersten Mal hatte sich Dresdens Bürgertum offen gegen die braunen Invasoren gestellt, Seite an Seite mit der alternativen Szene. Nur die Elbe lag dazwischen, als Grenze des Erlaubten.
Dresden ist groß, nach Berlin zweitgrößte Stadt in Ostdeutschland. Dresden hat neun Hochschulen; die Technische Universität Dresden ist mit 36.000 Studierenden und 105 Studiengängen die größte ihrer Art in Deutschland. Viele Studenten bleiben, gründen Familien. Mit 110 Geburten pro 10.000 Einwohner ist Dresden die geburtenreichste Stadt Deutschlands. Im Szeneviertel Äußere Neustadt liegt das Alter der Bewohner im Schnitt bei 30 Jahren.
Wird Dresden eine internationale Stadt? Viele der hoch qualifizierten Wissenschaftler an den drei Max-Planck-Instituten oder den Forschungsstätten der Fraunhofer-Gesellschaft kommen aus dem Ausland. Das Forum Tiberius richtet internationale Gesangswettbewerbe für Opernnachwuchs aus, zuletzt in St. Petersburg und New York, Buenos Aires, Santiago de Chile und Mexico City. Die Palucca Schule am Großen Garten, einzige Hochschule für Tanz in Europa, lädt zu Eignungstests in Rom, Madrid, Düsseldorf und Dresden.
In diesem Jahr war die Palucca Schule sogar in Hollywood vertreten, durch Maria-Victoria Dragus, Schülerin der Klasse 8. Die 15-jährige Tänzerin ist ausgebildet in klassischem Gesang, begabt im Cello- und Klavierspiel. Schon ihre Mutter war Schülerin der Palucca Schule. Maria-Victoria spielte im Film Das weiße Band des Österreichers Michael Haneke die Tochter des Pfarrers, eine Charakterrolle, für die sie mit dem Deutschen Filmpreis als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde. Beim 62. Filmfestival in Cannes schritt sie über den roten Teppich, als der Regisseur die Goldene Palme erhielt, und in Hollywood war sie dabei, weil der Film für den Oscar nominiert worden war. Die Drehtage für den Schwarz-Weiß-Film, der das Leben in einer norddeutschen Stadt vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schildert, haben sie tief beeindruckt. »Man kommt aus einer modernen Welt, aber man sieht die Parallelen: das Verbergen der Gefühle. Das Introvertierte, das nicht zeigen, was vorhanden ist.«
Die Enge eines in Konventionen erstarrten Milieus, Mutlosigkeit und ein ängstlicher Konservativismus, der sich ans Alte klammert - manchmal sind sie noch spürbar, ebenso wie ein vitaler subversiver Trotz. Holger John, Künstler und Impresario des Filmballs im Festspielhaus Hellerau, vergleicht Dresden mit einer Tupperdose: »Wenn man sie öffnet, müffelt es.«
Wenn Dresdner gegen etwas sind, schalten sie auf stur. Um jede Veränderung wird verbiestert gestritten. Die Gläserne Manufaktur von VW entstand unter Protest, die Gestaltung des Neumarkts als Puppenstube unter Tränen. Die Stadt hat bei vorsichtiger Zählung so viele Konfliktfelder wie Bushaltestellen.
Kein Streit hat Dresden so tief gespalten wie der um die Waldschlösschenbrücke über die Elbe, deren Planung die Unesco inzwischen bewog, dem Elbtal den Titel »Weltkulturerbe« abzuerkennen. Der Konflikt geht bis in die Familien. »Meine Frau ist gegen die Waldschlösschenbrücke«, sagt Jürgen Mülder, 72, »ich bin absolut dafür. Allerdings war die Ausschreibung so detailliert und klein kariert, dass sich nur drittklassige Architekten beworben haben. Solche Hemmnisse sind typisch. Dabei hätte die Chance bestanden, dass die besten Brückenarchitekten der Welt sich für diese Aufgabe interessiert hätten.«
Mülder, Grandseigneur unter den internationalen Headhuntern, hat zwar immer noch ein Büro in Frankfurt am Main, ist aber mit seiner Familie nach Dresden gezogen. Seine elegante Villa liegt an der Elbe, am gegenüberliegenden Ufer sind Weinberge zu sehen, etwas weiter stromaufwärts erhebt sich Schloss Pillnitz.
Dass die Planung der Waldschlösschenbrücke so viel internationale Beachtung fand, hat möglicherweise den Volksentscheid für dieses Bauwerk beeinflusst. Mit welchem Recht kann die Unesco verfügen, dass Dresdner Bürger im Stau stehen? Da machte sich etwas Luft, ein Widerspruch gegen Fremdbestimmung ortsfremder Besserwisser.
Auch Martin Roth zählt zu den Zielpersonen solcher Reflexe. Der Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen sieht sich einer verdeckten Widerstandsbewegung meinungsbildender Kräfte gegenüber, die gern über Bande spielen. Musste der Schlosshof unbedingt ein Glasdach erhalten? Darf das Denkmal »Der große Trauernde« verrückt werden? Kann es unwidersprochen bleiben, dass künftig ein einziger Direktor für die Gemäldegalerie Alte Meister und das Kupferstichkabinett zuständig ist? Roth ficht das nicht an. Der promovierte Kulturwissenschaftler aus Stuttgart mit bald 20-jähriger Erfahrung in Dresden dreht ein großes Rad. Nach den spektakulären Eröffnungen des Kupferstichkabinetts und des Grünen Gewölbes zünden die Staatlichen Kunstsammlungen ein Feuerwerk festlicher Veranstaltungen.
Die Kulturstadt feiert Geburtstag, begeht den Festakt zum 450-jährigen Bestehen der Staatlichen Kunstsammlungen. Die Gäste versammeln sich im Kleinen Schlosshof unter dem neuen gläsernen Kuppeldach. Grußworte, Dankadressen, Festreden. »Die Sammlungen sind ein Stück Heimat«, sagt Ministerpräsident Stanislaw Tillich ins Mikrofon, und Dresden sei die Kulturhauptstadt der Herzen.
Die Ehrengäste strömen ins Innere des Schlosses, nachtwandeln durch die geheimnisvoll illuminierte »Türckische Cammer« in die Ausstellung mit dem Titel Zukunft seit 1560. In sieben Sälen erleben sie von Adam und Eva von Lukas Cranach bis zu unschätzbaren Leihgaben aus Louvre und Eremitage Kostbarkeiten und Kuriositäten in einmaliger Zusammenstellung. Und eine Wiedervereinigung gibt es auch: Zum ersten Mal seit 420 Jahren wird Dürers aus München hergebrachte Maria als Schmerzensmutter zusammen mit Dürers Sieben Schmerzen Mariä aus Dresdner Besitz in einem Altarbild gezeigt.
Zwei Stunden vor Mitternacht strömt die Bevölkerung in die Schau, der Eintritt ist frei, der Andrang groß, Rentner, Studenten, kritische Sachverständige und verträumte Einzelwesen, niemand fremdelt hier. Draußen hat die stille Lightshow begonnen. Taghell leuchten die Bauten, die schwarze Hofkirche als Königin der Nacht. Und über dem Schloss strahlt die Glaskuppel discoblau.
Planet Dresden. Ein letzter Blick auf die Sonnenseite. An der Sonnenleite 15, am hohen Ufer der Elbe, haben Barbara Bauer, Juristin aus Hagen in Westfalen, und ihr Mann, der Wirtschaftsanwalt Axel Bauer, 1993 Haus und Grund erworben und das Nachbarhaus mit den vielen Fenstern gleich mit. Es steht im Ruf, das »Tausendaugenhaus« in Uwe Tellkamps Turm zu sein. Einiges passt, einiges nicht. Der Autor hat nicht wenige Häuser in seinem Roman verbaut.
Die Bauers mussten einiges lernen. »Ossis bleiben gern unter sich, man wird nicht eingeladen. Irgendwann ziehen die Wessis sich dann auch zurück. Das ist schade. Aber meine Erfahrung ist: Ich kann jederzeit bei den Nachbarn klingeln. Und wenn ich sage: Ich bin gerade allein, wollen wir nicht zusammen ein Bier trinken?, dann geht das fast immer.«
Barbara Bauer hat einen Skulpturengarten angelegt. Jeder kann ihn sich ansehen. Sie nimmt keinen Eintritt, bittet nur um telefonische Voranmeldung, dann läuten auf ihrem iPhone Kirchenglocken, und die passen zum Gezwitscher der Vögel. Steile Treppen führen hinab in den Skulpturengarten, eher Zauberwald als Freilichtmuseum, verwunschen, schräg und kurvenreich. Objekte aus blinkendem Stahl und schroffem Stein widerstehen sperrig den Umarmungen der Vegetation.
Barbara Bauer zückt eine Fernbedienung, kaltweiße Neonzylinder irrlichtern nach einer verborgenen Choreografie durch die Bäume, eine Maßanfertigung des Dresdner Objektkünstlers Sebastian Hempel. Ein Panther duckt sich ins Unterholz, eine verirrte Schaufensterdekoration aus massiver Bronze, das Werk eines Kunstprofessors. 80 Prozent der Besucher, schätzt Bauer, seien »Ossis«. »Es gibt eine Sehnsucht nach nichtkommerziellem Bildungsbürgertum«, sagt die Sammlerin, »Kunst ist hier wie das Wasser zum Trinken. Bei der Kunst gibt es nicht die Berührungsangst, wie wir sie aus dem Westen kennen.«
Annäherung durch Wandel, kann das gelingen? Bald werde es die Unterschiede zwischen Ost und West nicht mehr geben, davon ist Jürgen Mülder, der Headhunter, überzeugt. »Ich glaube an das Verschmelzen durch Engagement.« Und wie verfährt Stefan Heinemann, der Anwalt der Künste, wenn er seine Einladungen zu Ausstellungseröffnungen schreibt? »Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Und ich habe auch nicht vor, das zu tun.«
- Datum 30.08.2010 - 16:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.08.2010 Nr. 35
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"Im Zentrum der Stadt hatte Dresdens Oberbürgermeisterin, Helma Orosz von der CDU, zu einer Menschenkette aufgerufen, an der sich rund 15.000 Menschen beteiligten. Ein historischer Tag. Zum ersten Mal hatte sich Dresdens Bürgertum offen gegen die braunen Invasoren gestellt, Seite an Seite mit der alternativen Szene. Nur die Elbe lag dazwischen, als Grenze des Erlaubten."
... war diese Kette in der Altstadt unterwegs - die Blockade in der Neustadt wurde von anderen Leute erzwungen... das war auch gut so!
p.s. CDU mit ihrer OB wollte doch jahrelang am besten gar keine richtige Gegendemo sondern nur ein "stummes Schweigen um den Rechten keine Angriffsfläche zubieten" - die haben so gar keinen Anteil am Verhindern des rechten Marsches!
Inzwischen hat er sich eingelebt, aber zu Hause fühlt er sich nicht. »Dresden hat ein Toleranzproblem«, sagt Enders. »Es gibt kaum Ausländer hier, nur etwa 20.000, bei einer halben Million Einwohnern sind das gerade mal vier Prozent. Die Stadt lebt von ihren Gästen, hält es aber nicht aus, wenn Menschen anders aussehen.« .. Genauso empfinden meine Freudin und auch ich diese Stadt, deshalb ziehen wir nun wieder nach West-Deutschland zurück. Eine Stadt wo es nicht einmal einen gescheiten Döner gibt, und wo Ausländer grundlos zusammengeschlagen werden, hat für mich keine Kultur, egal ob sie tagein und tagaus "Kultur" aus dem 18.Jh nachzuspielen versucht. Die Menschen machen Kultur, und eine Kultur aus elitären Snobs, die sich auf Privatevents abschotten, wärend der grossteil der Bevölkerung hier biertrinkend und wurstfressend vor der Glotze abhängt ist mir auf dauer einfach zu niveaulos. Kultur lebt vom ausstausch mit neuen, mit fremden Ideen, und das ist hier einfach nicht gegeben.
Döner muss ich widersprechen - als ich noch in Dresden unterwegs war, konnte man im Babos in der Neustadt hervorragenden Döner bekommen - sehr viel besseren als jetzt in Braunschweig ;)
das Toleranz-Problem existiert natürlich, aber ich bezweifle, dass die Mehrheit so denkt... (wobei das natürlich natürlich je nach Stadtteil auch wieder unterschiedlich sein kann)
nur diese Menschen, die ein Problem mit unterschiedlichen Nationalitäten haben, treten jedoch sehr laut und gewalttätig auf - was wiederum von der Politik komplett ignoriert wird...
p.s. auch wenn intollerantes bzw. rechtslastiges Denken im Westen Deutschlands nicht so laut nach außen getragen wird, existiert das Problem trotzdem auch dort... für mich ein bundesdeutsches Problem, das gerne verleugnet wird - und "nur" weil es im Osten zu mehr rechten Gewalttaten kommt, darf man das Problem darauf nicht redzieren, sondern muss es ernst nehmen als Problem in den Köpfen...
ansonsten vllt ein etwas lokalpatriotischer Artikel - der mir trotzdem gut gefällt und nett zu lesen ist!
Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde inzwischen moderiert. Die Redaktion/cs
Wir haben Ihren berichtigten Einwand zur Kenntnis genommen und den Kommentar wiederhergestellt. Die Redaktion/sh
"»Dresden hat ein Toleranzproblem«, sagt Enders. »Es gibt kaum Ausländer hier, nur etwa 20.000, bei einer halben Million Einwohnern sind das gerade mal vier Prozent. Die Stadt lebt von ihren Gästen, hält es aber nicht aus, wenn Menschen anders aussehen.«"
Wenn Enders so etwas sagt, dann hat er ein Wahrnehmungsproblem, oder er lügt bewußt. Dresden hat inzwischen nicht mehr nur 20.000, sondern mindestens 50.000 Einwohner mit nichtdeutscher Herkunft, also etwa 10 %, von denen man das vielen auch äußerlich ansieht und die friedlich und unbehelligt in der Stadt wohnen.
"Isang Enders sieht anders aus. Seine Mutter ist Koreanerin. Es gibt Straßen und Viertel in Dresden, die er meidet. Er steigt in keine Straßenbahn, nimmt keinen Bus. Als er ins Theater ging, wurde er als »Fidschi« verhöhnt."
Da hätten die Dresdner viel zu tun, würden sie sich tatsächlich über jeden Ausländern oder Menschen nichtdeutscher Herkunft mokieren.
"Als er am Hauptbahnhof in ein Taxi stieg, pöbelten ein paar Leute, weil der Fahrer den »Kanaken« mitnahm, statt erst mal die Deutschen einsteigen zu lassen."
Offen gestanden: Ich glaube nicht, daß Enders so etwas regelmäßig oder des öfteren passiert ist. Wenn überhaupt. Dumpfbacken gibt es sicher überall. Aber diese Darstellung der Dresdner ist eine böswillig pauschalisierende und diffamierende Verzerrung.
"Es gibt Momente, in denen Isang Enders sich schämt, ein Deutscher zu sein."
Daher weht der Wind.
Döner muss ich widersprechen - als ich noch in Dresden unterwegs war, konnte man im Babos in der Neustadt hervorragenden Döner bekommen - sehr viel besseren als jetzt in Braunschweig ;)
das Toleranz-Problem existiert natürlich, aber ich bezweifle, dass die Mehrheit so denkt... (wobei das natürlich natürlich je nach Stadtteil auch wieder unterschiedlich sein kann)
nur diese Menschen, die ein Problem mit unterschiedlichen Nationalitäten haben, treten jedoch sehr laut und gewalttätig auf - was wiederum von der Politik komplett ignoriert wird...
p.s. auch wenn intollerantes bzw. rechtslastiges Denken im Westen Deutschlands nicht so laut nach außen getragen wird, existiert das Problem trotzdem auch dort... für mich ein bundesdeutsches Problem, das gerne verleugnet wird - und "nur" weil es im Osten zu mehr rechten Gewalttaten kommt, darf man das Problem darauf nicht redzieren, sondern muss es ernst nehmen als Problem in den Köpfen...
ansonsten vllt ein etwas lokalpatriotischer Artikel - der mir trotzdem gut gefällt und nett zu lesen ist!
Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde inzwischen moderiert. Die Redaktion/cs
Wir haben Ihren berichtigten Einwand zur Kenntnis genommen und den Kommentar wiederhergestellt. Die Redaktion/sh
"»Dresden hat ein Toleranzproblem«, sagt Enders. »Es gibt kaum Ausländer hier, nur etwa 20.000, bei einer halben Million Einwohnern sind das gerade mal vier Prozent. Die Stadt lebt von ihren Gästen, hält es aber nicht aus, wenn Menschen anders aussehen.«"
Wenn Enders so etwas sagt, dann hat er ein Wahrnehmungsproblem, oder er lügt bewußt. Dresden hat inzwischen nicht mehr nur 20.000, sondern mindestens 50.000 Einwohner mit nichtdeutscher Herkunft, also etwa 10 %, von denen man das vielen auch äußerlich ansieht und die friedlich und unbehelligt in der Stadt wohnen.
"Isang Enders sieht anders aus. Seine Mutter ist Koreanerin. Es gibt Straßen und Viertel in Dresden, die er meidet. Er steigt in keine Straßenbahn, nimmt keinen Bus. Als er ins Theater ging, wurde er als »Fidschi« verhöhnt."
Da hätten die Dresdner viel zu tun, würden sie sich tatsächlich über jeden Ausländern oder Menschen nichtdeutscher Herkunft mokieren.
"Als er am Hauptbahnhof in ein Taxi stieg, pöbelten ein paar Leute, weil der Fahrer den »Kanaken« mitnahm, statt erst mal die Deutschen einsteigen zu lassen."
Offen gestanden: Ich glaube nicht, daß Enders so etwas regelmäßig oder des öfteren passiert ist. Wenn überhaupt. Dumpfbacken gibt es sicher überall. Aber diese Darstellung der Dresdner ist eine böswillig pauschalisierende und diffamierende Verzerrung.
"Es gibt Momente, in denen Isang Enders sich schämt, ein Deutscher zu sein."
Daher weht der Wind.
Die meisten Menschen in Dresden sind gebürtige Dresdner, welche einen Großteil ihres Lebens in dieser Stadt verbrachten. Durch die Lage Dresdens, gab es hier knapp 40 Jahre lang kein Westfernsehen. Kein Wunder, dass viele Menschen in dieser Stadt immer noch misstrauisch sind, gegenüber Fremden. Woher sollte es auch kommen. Wer in der DDR eingesperrt war, war dies in Dresden im doppelten Sinne. Die Grenzen die sich in manchen Köpfen in dieser Zeit aufbauten, konnten bisher nicht eingerissen werden. Den Ausdruck „Fidschi“ hört man hier fast täglich. Damit sind die Vietnamesen gemeint, die in den 80zigern die Wirtschaft in der DDR ankurbeln sollten. Die Diskriminierung in dieser Äußerung nimmt hier kaum einer wahr.
Dass sich in Dresden etwas ändert, kann man nur hoffen. Die Stadt besitzt potential, auch ohne Weltkulturerbetitel. Erste Anzeichen sieht man hier und dort. Doch leider gibt es in dieser Stadt immer noch zu viele „alte Kader“ die mit alten Werten die Stadt beeinflussen.
Wer trotzdem einen Nachtbummel durch Dresden genießen möchte, sollte mal hier einen Blick rein werfen.
http://www.ploync.de/bild...
"Die meisten Menschen in Dresden sind gebürtige Dresdner, welche einen Großteil ihres Lebens in dieser Stadt verbrachten."
Im Unterschied zu den meisten westdeutschen Großstädten. Das hat mit sich gebracht, daß sich Dresden noch seine Eigenarten und seinen Charakter bewahrt hat, und das ist gut so.
"Durch die Lage Dresdens, gab es hier knapp 40 Jahre lang kein Westfernsehen."
Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, daß diese Zeit seit 20 Jahren vorbei ist und seit der Wende schon sehr viel Wasser die Elbe hintergeflossen ist? Übrigens hatte man schon vorher in Teilen der Stadt das Westfernsehen, ist aber in diesem Zusammenhang irrelevant.
"Kein Wunder, dass viele Menschen in dieser Stadt immer noch misstrauisch sind, gegenüber Fremden."
Das machen Sie bitte woran fest? Gegenüber Fremden ist man überall zunächst erst einmal zurückhaltend; zur Info, auch wenn es nicht in das eigene multikulturelle Raster paßt: Nicht alles Fremde ist gleich gut, und nicht alles eigene ist schlecht.
"Den Ausdruck „Fidschi“ hört man hier fast täglich."
Wenn dieser Ausdruck Ihr einziger Beweis der Fremdenfeindlichkeit der Dresdner sein sollte, ist Ihre Argumentation eher dürftig. Ich als Dresdner gehe durch die Stadt und höre ihn nicht täglich.
"Die Stadt besitzt potential, auch ohne Weltkulturerbetitel. Erste Anzeichen sieht man hier und dort."
Man sieht nicht nur erste Anzeichen, und das Potential Dresdens war und ist immer unbestritten. Auch ohne Leute wie Sie.
"Die meisten Menschen in Dresden sind gebürtige Dresdner, welche einen Großteil ihres Lebens in dieser Stadt verbrachten."
Im Unterschied zu den meisten westdeutschen Großstädten. Das hat mit sich gebracht, daß sich Dresden noch seine Eigenarten und seinen Charakter bewahrt hat, und das ist gut so.
"Durch die Lage Dresdens, gab es hier knapp 40 Jahre lang kein Westfernsehen."
Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, daß diese Zeit seit 20 Jahren vorbei ist und seit der Wende schon sehr viel Wasser die Elbe hintergeflossen ist? Übrigens hatte man schon vorher in Teilen der Stadt das Westfernsehen, ist aber in diesem Zusammenhang irrelevant.
"Kein Wunder, dass viele Menschen in dieser Stadt immer noch misstrauisch sind, gegenüber Fremden."
Das machen Sie bitte woran fest? Gegenüber Fremden ist man überall zunächst erst einmal zurückhaltend; zur Info, auch wenn es nicht in das eigene multikulturelle Raster paßt: Nicht alles Fremde ist gleich gut, und nicht alles eigene ist schlecht.
"Den Ausdruck „Fidschi“ hört man hier fast täglich."
Wenn dieser Ausdruck Ihr einziger Beweis der Fremdenfeindlichkeit der Dresdner sein sollte, ist Ihre Argumentation eher dürftig. Ich als Dresdner gehe durch die Stadt und höre ihn nicht täglich.
"Die Stadt besitzt potential, auch ohne Weltkulturerbetitel. Erste Anzeichen sieht man hier und dort."
Man sieht nicht nur erste Anzeichen, und das Potential Dresdens war und ist immer unbestritten. Auch ohne Leute wie Sie.
Döner muss ich widersprechen - als ich noch in Dresden unterwegs war, konnte man im Babos in der Neustadt hervorragenden Döner bekommen - sehr viel besseren als jetzt in Braunschweig ;)
das Toleranz-Problem existiert natürlich, aber ich bezweifle, dass die Mehrheit so denkt... (wobei das natürlich natürlich je nach Stadtteil auch wieder unterschiedlich sein kann)
nur diese Menschen, die ein Problem mit unterschiedlichen Nationalitäten haben, treten jedoch sehr laut und gewalttätig auf - was wiederum von der Politik komplett ignoriert wird...
p.s. auch wenn intollerantes bzw. rechtslastiges Denken im Westen Deutschlands nicht so laut nach außen getragen wird, existiert das Problem trotzdem auch dort... für mich ein bundesdeutsches Problem, das gerne verleugnet wird - und "nur" weil es im Osten zu mehr rechten Gewalttaten kommt, darf man das Problem darauf nicht redzieren, sondern muss es ernst nehmen als Problem in den Köpfen...
ansonsten vllt ein etwas lokalpatriotischer Artikel - der mir trotzdem gut gefällt und nett zu lesen ist!
Ich kann mich spassmagnet nur anschließen,
jahrelang haben sich ganz andere Menschen den Nazis in den Weg gestellt, da hat sich dieses hochgelobte Bürgertum nicht blicken lassen. Im alltäglichen, teils lebensgefährlichen Ringen mit Rechts
müssen sich Engagierte und Menschenrechtler sogar noch als Unruhestifter bezeichnen lassen, und sehen sich Gewalt von rechts und Ignoranz von Polizei und Politik ausgesetzt.
@gee81
Dresden ist eine große und vielfältige Stadt, aber sie ist nichts besonderes. Sie ist genauso gut oder schlecht wie andere Städte, egal ob Ost oder West, so jedenfalls meine Erfahrung. Schlechte Döner und Nazis gibt´s auch anderswo. Aber in einem Punkt gebe ich dir recht: die in diesem Artikel beschworene Hochkultur ist tatsächlich elitär und grenzt Menschen, die nicht in diese Kreise geboren wurden, aktiv aus, und verschanzt sich auf Privatveranstaltungen oder erhebt Eintrittsgelder, die sich nur wenige Leisten können oder wollen. Es ist eine kleine Elite, die sich ein eigenes, kleines Kultur-Disneyland erschaffen hat, in dem versucht wird ein fades Abbild des 18. und 19. Jahrhunderts zu konservieren.
Das zumindest ist mein Bild als gebürtiger Dresdner von meiner Heimatstadt.
Und mal unter uns: ich hab es satt, wie sich Menschen über diese Stadt äußern, die nur mal hier zu Besuch waren, und uns vorschreiben wollen wie wir zu wählen und zu handeln haben. Ich mische mich auch nicht in Stuttgart oder Hamburg ein.
Im Westen gibt es genauso viele rechtsradikale Übergriffe wie im Osten. Aber die Medien berichten eben gern wenn so etwas im Osten passiert, weil das so schön ins Bild paßt. Die Nazis die sich alljährlich im Februar in Dresden versammeln kommen aus ganz Deutschland, auch aus dem Westen und wenn ein Gericht versucht die Naziaufmärsche zu verbieten, gibt ein höheres Gericht den Nazis recht, der rechtliche Spielraum der Stadt ist also denkbar gering. Ich kenne übrigens viele Ossis die wieder aus dem Westen zurückkehrten, gerade weil sie dort diskriminiert wurden. Wenn ein Ossi über Ausländer das sagt was ein Wessi über die Ossis sagt, bekommt er eine Anzeige wegen Volksverhetzung. Die Seilschaften die so beklagt werden, haben kaum noch was mit der SED zu tun, vor allem nicht der sogenannte Sachsensumpf, da sind viele Westimporte dabei.
Ach ja, die elitäre Kultur, wer in Deutschland klasssische Musik hört und Bücher liest die etwas anspruchsvoller sind als die von Coelho und Hera Lind gilt schon als elitär und abgehoben. Gerade weil ich in einer bildungsbürgerfreien Kleinstadt lebe genieße ich es, wenn ich in Dresden mal wieder mit Menschen sprechen kann die bei Wagner nicht nur an Pizza denken und Heine nicht für den Gründer eines Versandhauses halten.
Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde inzwischen moderiert. Die Redaktion/cs
Der Artikel beschreibt einen Bereich des Lebens in Dresden, der für die meisten Einwohner nicht zur täglich erlebten Realität gehört. Gezeichnet wird hier das Bild einer Stadt, die offensichtlich nur aus kulturell hochgradig interessierten Bürgern besteht. Ein überproportional vorhandenes Interesse in der Bevölkerung ist nicht zu bestreiten. Doch haben diese Bevölkerungsgruppen keinesfalls die kritische Masse, den öffentlichen Raum in der Stadt maßgeblich zu prägen. Denn dazu zählt mehr als nur das historische Stadtzentrum.
In erheblichen Maße wird rückwärtsgewandte Kulturkonservierung betrieben. Bestes Beispiel ist der neu entstandene "Neumarkt". Neu im wahrsten Sinne des Wortes. Ein wirklich sehr hübsch anzusehendes Stück Stadt. Das leider keinen größeren Nährwert hat, als ein nachgebauter Eiffelturm in Las Vegas. Es dient lediglich zur Ergötzung der Touristen, denen sicher in der Regel nicht bekannt sein dürfte, das sie vor Neubauten stehen, die ihnen eine barockes Stadtbild vorgaukeln sollen. Hier wird sich bequem auf Bewährtes verlassen. Der Blick in die Zukunft fällt komplett aus.
Diese "neue Architektur" kann man sehr wohl als
Spiegel der Stimmung in Dresden begreifen. Eine wirklich Lockerheit und ein zukunftsorientiertes Denken ist in großen Bevölkerungsteilen nicht vorzufinden. Ein Toleranzproblem ist nicht von der Hand zu weisen.
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