Alfi Seliger (Markus Hering): jüdischer Filmemacher, Hypochonder und Familienvater © X Verleih

Mit 50, wenn die große Sanduhr des Männerlebens nur noch zu einem Drittel gefüllt ist, hört der Spaß erst einmal auf. Wenn er dann noch einmal anfangen soll, muss der Mann sich ziemlich anstrengen. Will man das im Kino sehen? Einen Film über einen 50-jährigen Nebbich, einen Normalversager, einen, dem sich das Leben unter den Händen auflöst, bloß noch krasser hier, jüdisch überzeichnet, also verzweifelt?

Dani Levy ist in dieser Hinsicht furchtlos, er fürchtet sich nicht, die in jenem Alter sich aufdrängenden Klischees richtig krachen zu lassen, vor allem aber hat er keine Angst, seine Geschichte sehr subjektiv zu erzählen. Mit einem Wort: Sein neuer Film ist ausgesprochen amüsant, er hat ein hohes Tempo und gute Pointen. Er ist nicht ganz so gut wie Alles auf Zucker, und das liegt daran, dass Levy damals seinen bösen Blick auf den Menschen länger hatte ruhen lassen. Hier blitzt dieser George Grosz-hafte Wille zur Wahrheit nur momentweise auf. Stattdessen nutzt Levy Das Leben ist zu lang, um einen selbstreflexiven Diskurs über das Kino anzustrengen. Das haut nicht hin.

Aber seine Hauptfigur trägt die Geschichte, das muss man ihr lassen: Alfi Seliger ist ein Filmemacher, dessen große Zeit vorbei ist. Man erinnert sich noch an eine ziemlich gute Komödie von ihm, aber eigentlich ist er aus dem Geschäft. Seit Jahren arbeitet er an einem Drehbuch über die Mohammed-Karikaturen. Denn Humor, sagt er, sei die letzte Form der Freiheit. Ein alter Filmproduzent nimmt das Projekt tatsächlich an. In Wirklichkeit hat er aber kein Geld mehr und würde viel lieber eine TV-Serie daraus machen, selbstverständlich ohne muslimisches Ärgerpotenzial. Alfis Bank geht pleite, seine Frau langweilt sich in der Ehe und bändelt mit einem anderen an. Seine Kinder hassen ihn, seine Mamme nervt. Er hat Krebs. Sein Psychiater sagt: Wer nicht mehr kann, der will einfach nicht. Das ist genug für einen 50-Jährigen, und so schluckt Alfi einen Cocktail aus Schlafmitteln, Schnaps und Allzweckreiniger.

Und dann ist er trotzdem nicht tot. Er wacht wieder auf und merkt, dass er buchstäblich im falschen Film ist, will sagen, er rebelliert gegen diese ganze klischeehafte Verstrickung, die sein altes Leben gewesen war. Er spürt diesen "Levy" auf, der ihn an den Regie-Fäden hält, und bleibt doch der Schwächere in dieser filmischen Lebensfiktion, der er nicht entkommt. Das Leben des anderen bleibt immer das eigene.

Zum Glück hat Dani Levy einen Hauptdarsteller, Markus Hering, der auch den zweiten Teil des Films rettet. Hering ist ein grandioser Komödiant, weil er in dem ganzen Heckmeck nicht überspielt. Die anderen – ein Staraufgebot des deutschen Films – spielen, was sie sollen: schablonenhafte Filmleute wie Hans Hollmann als Produzent oder Gottfried John als Schauspielerlegende Georg Maria Stahl. Meret Becker spielt eine überforderte Ehefrau und Udo Kier einen ziemlich seltsamen shrink. Nur Veronika Ferres als Russin geht einem auf den Keks wie stets.

Ohne Hering wär’s alles nur Klamauk. Markus Hering ist in diesem Film jener, der daran erinnert, dass es ums Leben geht, was eigentlich gar nicht lustig ist. Er rettet den Film, nicht Levys Botschaft, dass Kino und Leben nur scheinbar dasselbe sind, das Kino aber am Ende doch Trost spendet. Da helfen auch keine Fellini-Zitate. Es ist Alfi, der seinen Humor nicht verliert und deswegen frei bleibt. Und deswegen sieht man diesen Film über einen alternden Nebbich gern.