Staatsverschuldung Geld für lau

Die langfristigen Zinsen für Staatsanleihen fallen auf neue Tiefststände. Das ist bitter für die Sparer, aber ein Segen für die Regierungen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht auf dem G-8-Gipfel in Huntsville mit US-Präsident Barack Obama und dem britischen Premier David Cameron

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht auf dem G-8-Gipfel in Huntsville mit US-Präsident Barack Obama und dem britischen Premier David Cameron

Von Bill Clintons früherem Strategen James Carville stammt der Ausspruch, er wolle nicht als Papst oder Präsident wiedergeboren werden, sondern als Anleihemarkt: »Da kannst du jeden einschüchtern.«

Carville sprach aus leidvoller Erfahrung. Kurz nachdem Clinton 1993 als Präsident ins Weiße Haus einzog, schossen die Zinsen für amerikanische Staatsanleihen nach oben, weil die hohen Staatsschulden in den USA die Geldgeber verschreckten. Bald galten die Anleihehändler als »bond vigilantes«, als Wächter über die Staatsfinanzen. Sie zwangen die neue Regierung auf einen strammen Sparkurs. Statt Wahlgeschenken gab es für die Bürger Kürzungen und Steuererhöhungen.

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Zinsen

Borgt sich ein Staat Geld, indem er Anleihen ausgibt, muss er eine Art Leihgebühr bezahlen: den Zins. Je länger die Laufzeit der Anleihe, desto höher in der Regel der Zins, weil die Geldgeber länger auf ihr Kapital verzichten müssen. Die ausgegebenen Anleihen werden am Markt gehandelt. Die Verzinsung oder Rendite, die sich dort herausbildet, ist ein Indikator für die Gebühr, die der Staat bei der Ausgabe weiterer Bonds zahlen muss

Und heute? Steigen die Schulden wieder, nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt – und den Kapitalmarkt scheint das nicht zu interessieren. Die Zinsen sinken auf immer neue Tiefststände. Am Dienstag dieser Woche fiel die Rendite auf bereits ausgegebene zehnjährige amerikanische Staatsanleihen im Handel auf 2,51 Prozent. In Deutschland warfen dreißigjährige Staatsanleihen zeitweise weniger als drei Prozent Rendite ab.

Das Zinsrätsel ist nicht nur Topthema an den Finanzmärkten, sondern ein Politikum – geht es doch auch um die Frage, ob sich der Staat neue Schulden leisten kann. Angesichts der wachsenden Furcht vor einer neuen Rezession in den USA treibt sie auch die Chefs der großen Notenbanken um, die am Wochenende ihren Sommerkongress im US-Ferienort Jackson Hole abhalten.

Für die Sparer sind die Niedrigzinsen ein Desaster: Wer mit deutschen Staatsanleihen sein Vermögen erhalten will, der muss es nach Berechnungen der Deutschen Bank hierzulande mindestens für sechs Jahre fest anlegen. Bei kürzeren Investments reichen die Renditen nicht, um Inflation und Steuern wettzumachen. Auch die Versicherungsunternehmen haben zu kämpfen. Im Schnitt haben sie ihren Kunden einen Zins von 3,4 Prozent versprochen, weit mehr, als Bundesanleihen – die beliebteste weil sicherste Anlage – abwerfen.

Für die Staaten ist das Zinstal ein Segen. Obwohl sie bereits hoch verschuldet sind, können sich die Industrienationen praktisch umsonst mit noch mehr geliehenem Geld vollsaugen. Das stürzt die Ökonomenzunft in Erklärungsnöte. Sie wurde von der Entwicklung an den Anleihemärkten größtenteils überrascht. Die Investmentbank Morgan Stanley etwa hatte noch im Dezember einen kräftigen Anstieg der zehnjährigen Anleihenrendite auf 5,5 Prozent vorhergesagt. Kleinlaut mussten die Banker nun ihre Prognose korrigieren. »Wir lagen falsch und haben eine große Gelegenheit verpasst«, schieb vergangene Woche James Caron, der Zinsstratege des Investmenthauses.

Auch Barack Obama hatte sich von den Anleiheinvestoren einschüchtern lassen. Die Gefahr eines höheren Zinsniveaus war für sein Beraterteam um den früheren Harvard-Professor Larry Summers ein wichtiger Grund, das amerikanische Konjunkturprogramm nicht zu groß werden zu lassen. Allein die cleveren Zocker von Goldman Sachs haben die besondere Dynamik der Krise frühzeitig erkannt und früher als andere niedrige Zinsen prognostiziert.

Dabei steigen die Zinsen in der Regel, wenn der Staat Schulden macht. Leiht sich die öffentliche Hand Geld, um damit zum Beispiel Konjunkturprogramme zu finanzieren, wird Kapital gebunden. Der Zins ist der Preis des Kapitals – und der Preis eines Gutes steigt, wenn es knapper wird. Darunter würden die Unternehmen und die Haushalte leiden, weil auch für sie die Finanzierungskosten steigen. Schlimmstenfalls verdrängen die staatlichen Ausgaben die privaten Ausgaben, die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck.

Derzeit aber passiert etwas Ungewöhnliches: Zwar gibt der Staat mehr Geld aus, zugleich aber spart die verunsicherte private Wirtschaft massiv. Nach Daten der amerikanischen Notenbank Fed machte die öffentliche Hand in den USA im vergangenen Jahr 1551 Milliarden Dollar neue Schulden, stolze 1123 Milliarden Dollar mehr als zwei Jahre zuvor. Die Haushalte und Unternehmen aber, die sich damals noch 2096 Milliarden Dollar geliehen hatten, reduzierten ihre Schuldenaufnahme jetzt um 521 Milliarden Dollar.

Der Staat springt also praktisch nur dort ein, wo der Privatsektor sich zurückzieht. Weil das Geld ansonsten überhaupt nicht genutzt würde, kann er zusätzliche Nachfrage schaffen, statt bestehende Nachfrage zu verdrängen. Insgesamt nimmt die US-Volkswirtschaft heutzutage sogar weniger neue Kredite auf als während der Boomzeiten.

Gründe für die Zurückhaltung der Unternehmen gibt es genug. Die Weltkonjunktur schwächt sich ab, lohnende Investitionsprojekte sind rar. Besonders schlimm steht es um die USA. Experten fürchten eine Deflation, eine Abwärtsspirale aus fallenden Preisen und niedrigem Wachstum. Die Sorge davor drückt das Zinsniveau zusätzlich, denn Anleihen sind in einem Umfeld fallender Preise attraktiv: Anders als Aktien oder Immobilien gewinnen sie dann sogar an Wert, weil die jährlichen Zinszahlungen festgeschrieben sind.

Dazu kommt, dass die Fed die Anleihemärkte stützt. Allein im vergangenen Jahr hat sie US-Staatspapiere im Wert von 300 Milliarden Dollar aufgekauft und damit für eine zusätzliche Nachfrage nach Schuldtiteln der öffentlichen Hand gesorgt. Die Banken können sich überdies bei der Notenbank billig mit Geld versorgen – und dieses Geld in Staatsanleihen investieren.

Ein weiterer Punkt: Die Investoren leihen ihr Geld nicht jedermann, sondern bevorzugt den ersten Adressen. Neben Japan, Deutschland und Großbritannien gelten die USA als sicherer Hafen. Amerikanische Bonds sind im Ausland immer noch ein Renner. Zwar hat China seinen Bestand an US-Papieren innerhalb eines Jahres um 96 Milliarden Dollar auf 844 Milliarden Dollar reduziert. Dafür haben etwa Japan oder Großbritannien ihre Dollar-Portfolios kräftig aufgestockt.

Die alles entscheidende Frage ist allerdings: Wie lange bleibt das noch so?

Nicht sehr lange, glaubt der frühere amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan. Die USA dürften sich von den gegenwärtig niedrigen Zinsen nicht in die Irre führen lassen: »Die Regierung könnte schon bald die Grenzen ihrer Kreditfähigkeit erreicht haben.« Viele sehen das ähnlich. Die Märkte, so Joachim Fels, Volkswirt bei Morgan Stanley, unterschätzten die mit Anleiheinvestments verbundenen Risiken. Komme statt einer Deflation aufgrund der lockeren Geldpolitik und der hohen Schulden eine Inflation, werde die große Bondblase platzen: »Man dachte lange Zeit auch, Pearl Harbour sei ein sicherer Hafen«, so Fels.

Tatsächlich ist Inflation Gift für die Besitzer von Staatsanleihen. Die Investoren würden als Ausgleich für den Kaufkraftverlust bei der Ausgabe von neuen Staatspapieren höhere Zinsen verlangen, die alten niedrig verzinsten Anleihen würden entsprechend an Wert verlieren, und die Staaten säßen in der Schuldenfalle – so wie die amerikanischen Hauskäufer, die sich im Vertrauen auf dauerhaft niedrige Zinsen Geld geliehen hatten und Probleme bekamen, als die Refinanzierungskosten doch stiegen.

Allerdings warnen viele Ökonomen schon ziemlich lange vor einer steigenden Inflation, ohne dass die bisher gekommen ist. Nicht überall wird die These von den irrationalen Märkten daher geteilt. Für viele Experten spiegeln die niedrigen Zinsen schlicht die miserablen wirtschaftlichen Aussichten wider. Ganz ähnlich wie in Japan: Die Japaner sparen so viel, dass die Regierung in Tokyo für einen zehnjährigen Kredit weniger als ein Prozent Zinsen bezahlt, obwohl die Schuldenquote bereits fast 200 Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt. »Es gibt keine Blase am Anleihemarkt«, sagt Bradford Delong, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Kalifornien.

Dass es in den USA so kommt wie in Japan, glaubt derzeit niemand, doch bei Goldman Sachs geht man davon aus, dass die Rendite auf zehnjährige US-Anleihen in den kommenden Monaten bei 2,5 Prozent verharrt. Hält der Strom des billigen Geldes an, wäre die Sanierung des Staatsetats weniger dringlich und Washington könnte schon bald über neue Konjunkturprogramme diskutieren.

 
Leser-Kommentare
  1. Vor ein paar Tagen war ein Artikel in der Zeit, das die meisten Menschen in Deutschland dem Kapitalismus nicht mehr trauen.
    Sieht so aus als wären die Deutschen da nicht allein.
    Denn wem soll man sein Geld anvertrauen wenn man nicht mehr an die private Wirtschaft glaubt?
    In anderen Worten, wir erleben eine Glaubenskrise.
    Da bleibt nur noch der Staat übrig.
    Und wenn der einmal nicht mehr zahlen kann ist sowieso vorbei.
    Die Regierungen mögen sich freuen, aber sie spielen ein ähnliches Spiel wie die Banken vor ein paar Jahren.
    Sie leihen sich massenweise billiges Geld in der Hoffnung das die Wirtschaft sich erhohlt und wächst um später dank Mehreinnahmen die Kredite zurück zu zahlen.
    Das Problem ist das es sich um die gleiche Wirtschaft handelt an die die meisten nicht mehr Glauben.

  2. Der Zins kann ab einem bestimmten Geldvermögen uninteressant werden. Nehmen wir mal an, man besitzt ein Vermögen von einer Milliarde Euro. Dieses legt man und erhält dafür nur zwei Prozent also 20 Millionen Zinsen. Monatlich belaufen sich die eigenen Ausgaben bei 500.000 Euro, macht im Jahr 6 Millionen. Der Überschuss der bleibt sind weitere 14 Millionen.

    Bezieht man jetzt die Inflationsrate auf die Ausgaben und nicht auf das Gesamtvermögen, dann ergibt sich selbst bei höherer Inflation immer noch eine saftige Rendite. Verlierer bei dem Spiel sind immer die unteren Vermögensklassen.

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  3. Ich dachte zuerst daran, dass der Staat auf dem Kreditmarkt so gut wie keine Zinsen bezahlen muss und dass dies eine prima Gelegenheit wäre, laufende (höher verzinste Kredite) mit diesen Krediten abzulösen.

    Allerdings handelt es sich um Staatanleihen, für die man als Käufer so gut wie keine Zinsen bekommt. Was im Endeffekt fast auf das gleiche hinaus läuft, da der Staat weniger für die Verzinsung ausgeben muss. Allerdings braucht es dafür auch erst einmal Käufer.

  4. Die Basiszinsen (= Zinssatz für risikofreie Staatsanleihen) werden in den Promillebereich fallen, wenn das eintritt, was als sicher erkannt werden kann – der Exodus aus dem Wachstumszwang-Regime der KAPITALSTOCKMAXIMIERER mit anschließendem Übergang unter die Fortschrittsordnung des KREATIVEN Akzelerationsweg im Evolutionsprozess-System. Angela Merkels G20-Initiative ‚CHARTA für nachhaltiges Wirtschaften‘ zielt auf diesen Epochenwechsel.

    Alle !!! sollten sich auf dieses Ende der globalen System- und Steuerungskrise des 2%Wachstumszwang-Regime einstellen – oder sie werden viel Geld verlieren.

  5. Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH

    http://www.deutsche-finan...

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  7. Habe den Eindruck, dass hier der Nominalzins für Neuemissionen mit der Umlaufrendite für bereits emittierte Anleihen vermengt wird.

    Der Nominalzins ist das, was der Staat dem Anleger tatsächlich bezahlen muss. Die Umlaufrendite ergibt sich aus dem Kurs (Preis) gehandelter Anleihen und deren Nominalzins. Sie sinkt, wenn die Kurse steigen, weil viele Anleger diese Papiere haben wollen. Das ist dann der Fall, wenn deren Nominalzins über dem Nominalzins für Neuemissionen liegt.

    Sowohl der Nominalzins neu emittierter Anleihen, wie die Umlaufrendite von Altanleihen hängen von der Zinspolitik der Zentralbank und dem Anlegervertrauen in den Staat ab.

    Sinkende Nominalzinsen für Neuemissionen und eine sinkende Umlaufrendite sind ein Zeichen für das Vertrauen der Anleger in den Staat als Schuldner. Dieses steigt auch dann, wenn andere Anlagen zunehmend als vergleichsweise unsicherer beurteilt werden. Es ist also relativ.

    Die Beobachtung mag derzeit für die USA zutreffen, sie mag für die USA auch überraschen (Obwohl: Eigentlich auch nicht, weil die Fed das Geld ja massiv verbilligt hat). Für die Anleihen anderer Staaten, wie unserer europäischen PIGS, dürfte der Trend aber eher umgekehrt sein.

  8. Als der amerikanische Staat das letzte Mal über mehrere Administrationen hinweg massiv Geld zur Vermögensbildung an die Armen weitergegeben hat, ist dies ziemlich schief gegangen. Stichworte: US Housing Policy, Subprime Mortgages, Immobilienblase, Finanzkrise. Merke: Gut gemeint ist oft nicht gut, sondern das krasse Gegenteil davon.

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