Margot Käßmann »Reiß dich zusammen, Margot!«

Warum Jammern unter Protestanten nicht gilt. Ein Gespräch mit Margot Käßmann über Scheitern und Weitermachen, über Eitelkeit und Sterbenmüssen – und was nach dem Ende kommt

Margot Käßmann während ihrer Buchvorstellung "Das große Du - Das Vaterunser"

Margot Käßmann während ihrer Buchvorstellung "Das große Du - Das Vaterunser"

DIE ZEIT: Frau Käßmann, seit Ihrem Rücktritt hat Ihre Anziehungskraft auf viele Menschen noch zugenommen. Ist Ihnen das manchmal ein bisschen unheimlich?

Margot Käßmann: Ich kann das schwer erklären. Aber gerade in den Postbergen, die ich in der letzten Zeit bekommen habe, erlebe ich, dass manche Frauen in meinem Alter oft das Gefühl haben: Mit der könnte ich auch befreundet sein. Letzte Woche war ich für eine ZDF-Dokumentation in Engensen, einem kleinen Ort bei Hannover. Da hatte die Kirchenvorstandsvorsitzende sich extra freigenommen, hatte die Kapelle geschmückt, die Kerzen angezündet. Das war anrührend und liebevoll.

Anzeige

ZEIT: Sie werden gar nicht in erster Linie als Pastorin wahrgenommen?

Käßmann: Vor allem als Seelsorgerin, denke ich. Da gibt es offenbar großen Bedarf. Ich könnte eine Briefseelsorge aufmachen, so groß ist die Flut.

ZEIT: Jetzt gucken Sie leidgeprüft.

Käßmann: Ich habe schon das Gefühl, den Menschen da nicht gerecht zu werden. Ich kann ja nicht jeden einzelnen Brief beantworten.

ZEIT: Wie fallen die Briefe aus, die Sie seit Ihrem Rücktritt bekommen?

Käßmann: Sie helfen mir weiter, klar, weil sie zeigen, dass die Menschen mich trotzdem mögen, obwohl ich einen Fehler gemacht habe.

ZEIT: Trotzdem oder gerade deswegen?

Käßmann: (lacht) Vielleicht gerade deswegen.

Ins neue Leben

»Käßmann privat« steht noch an der einen Klingel, »Landesbischöfin« an der anderen. Doch Wohnung und Büro in Hannover sind leer geräumt. Margot Käßmann, 52, empfängt zum Interview, ist aber nur zu Gast in ihrem alten Leben. Kommenden Samstag fliegt sie für vier Monate in die USA. Nach einer Alkoholfahrt gab die EKD-Ratsvorsitzende im Februar ihre Ämter auf. Was bleibt? Mit Sicherheit die Rosen, die sie im Garten pflanzte.

ZEIT: Gibt es einen Unterschied in der Wahrnehmung durch die Menschen und die Medien?

Käßmann: Ja, schon. Wenn ich in den Medien über mich selbst lese, habe ich das Gefühl, das ist immer irgendwie ein Versuch, das Phänomen Käßmann zu erklären. Den Menschen direkt zu begegnen ist viel einfacher, weil die mir nicht mit einem Theoriegebäude im Kopf gegenübertreten.

ZEIT: Haben Sie in diesen Tagen von der Familie Daxenberger gelesen? Am Sonntag starb der Ehemann, ein Grünen-Politiker in Bayern, am Mittwoch seine Frau, beide an Krebs.

Käßmann: Ja, wenn ein Paar so relativ jung stirbt innerhalb von wenigen Tagen und drei minderjährige Söhne zurücklässt, das ist erschütternd. In solchen Fällen hoffe ich immer besonders, dass die Familie seelsorgerlich begleitet wird. Die Auseinandersetzung gerade mit frühem Tod ist ein großes Thema, aber ich finde es schlimm, dass viele Menschen überhaupt nicht darüber sprechen. Das habe ich selbst erlebt, sogar bei Theologen. Da sagte mir die Ehefrau, ihr Mann sei krebskrank, und eigentlich ist auch klar, dass das zum Tod führt. Trotzdem wird nicht darüber gesprochen.

ZEIT: Sie haben bei Ihrem Rücktritt eine Zeile aus dem Evangelischen Gesangbuch zitiert: »Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.« Ist so ein Satz anwendbar, wenn zwei Menschen aus der Mitte des Lebens gerissen werden?

Käßmann: Heute wollen die meisten Menschen plötzlich und unerwartet sterben. Doch dieses unvorbereitete Sterben ist für die Hinterbliebenen wesentlich schwieriger. In früheren Jahrhunderten galt der angekündigte Tod als der bessere Tod, weil man sich vorbereiten konnte. Ich möchte mich ja auch verabschieden können.

ZEIT: Aber der Tod ist der tiefste vorstellbare Fall.

Käßmann: Natürlich bleiben Tod und Sterben schmerzhaft. Trotzdem glaube ich, dass ich selbst im Tod nicht tiefer falle als in Gottes Hand. Ich glaube, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, in welcher Form auch immer. Die Bibel ist da nicht sehr konkret, aber die Zusage der Auferstehung, die bleibt.

ZEIT: Verstehen Sie den Reflex der meisten Menschen: Herrgott, wie kannst du so etwas zulassen?

Käßmann: Dass ich den Schmerz auch hinausschreien kann zu Gott, ist mir als Christin wichtig. Interessant ist doch, dass mit Blick auf den Tod bei vielen Leuten auf einmal die Vorstellung herrscht, Gott verfüge über uns wie Marionetten, dem einen schenkt er ein langes Leben, den anderen schickt er in den frühen Krebstod. In unserem Alltag aber würden wir uns schön bedanken für einen Gott, der uns wie Marionetten führt. Nehmen Sie Tschernobyl – wie kann Gott das zulassen? Dabei haben dieses Unglück Menschen gemacht. Ich sehe Gott nicht als den alten Mann auf dem Himmelsthron, der Menschenschicksale entscheidet.

Leser-Kommentare
  1. Das hieß aber mal anders, als wir mit Torwartwitwen noch beim Trauern zuschauen mussten.

  2. Entfernt. Bitte regen Sie mit konstruktiven Beiträgen eine Diskussion an. Danke. Die Redaktion/sh

  3. Wie ich gelesen habe, soll Frau Käßmann auch noch eine
    Sendung im ZDF erhalten. Eigentlich hätte ich gedacht, daß
    eine Alkoholsünderin, noch dazu eine Theologin, nicht so sehr mit Professuren, Interviews und Fernsehauftritten an
    die Öffentlichkeit drängen, sondern eine Zeitlang reuig in
    sich gehen würde. Daß Straftaten sich nicht lohnen, wird
    durch dieses Beispiel leider nicht bestätigt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • WHF
    • 30.08.2010 um 9:10 Uhr

    Sie sprechen mir aus der Seele.

    Danke

    • WHF
    • 30.08.2010 um 9:10 Uhr

    Sie sprechen mir aus der Seele.

    Danke

  4. Frau Käßmann ist ein Beweis:

    Sowohl Katholiken als auch der Islam liegen richtig: Eine Frau sollte kein Priester oder Imam werden.

    Sie ist beruflich gescheitert(musste ihr Amt niederlegen), sie ist privat gescheitert (geschieden), sie ist intellektuell gescheitert ("Nichts ist gut ..." ) und sie schafft es nicht, nach diesem Scheitern auf ganzer Linie in Demut im Privaten zu leben. Trotz anderslautender Bekundungen beglückt sie alles und jeden, den sie in die Finger bekommen kann, mit ihre Interviews.

    Gab es zudem nicht gerade noch eine Bischöfin, die bei den Evangelen mit dem Amt überfordert war und zurücktrat?

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie sind mir aber ein sehr Gescheiterter, wenn sie oft mit diesem Wort auf Frau Käßmann drauf hauen zu Glauben müssen.

    Frau Käßmann, bitte machen Sie weiter so. Bleiben Sie auch weiterhin so gradlinig, und treffen Sie auch weiterhin so akkurat den Nerv der Zeit.

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich in Ihren Kommentaren zu den Inhalten des Gesprächs. Danke. Die Redaktion/sh

    • dth
    • 29.08.2010 um 21:53 Uhr

    Wie ist das nun? Männer scheitern nicht oder wenn sie es tun, verschwinden sie reuig im Privatleben?
    Das würde ich dann aber doch gerne bei anderen Geistlichen oder auch Politikern mal beobachten...

    Die genannten zwei Personen seien der Beweis; da ist der Beweis des Gegenteils so simpel, dass ein Einlassen nicht lohnt.

    Deutschland ist ja ein freies Land, da können sie auch eine solche Meinung vertreten. Allerdings sollten sie eines Sachen bedenken:
    Männer sind als Geistliche absolut nicht unfehlbar
    1. gab grade einen Skandal der einen muslimischen Geistlichen und ein Prostituierte involvierte
    2. der Papst mit seiner kein-Kondom-Politik trägt u.a. ganz wunderbar zur Verbreitung des HI-Virus bei
    3. siehe Iran/Saudi-Arabien, bevor sie Frau Käßmann kritisieren, sollten sie einmal überlegen was dort geschieht, als Homosexueller kann man gesteinigt werden, Mädchen mussten im Feuer sterben weil sie keinen Hidschab trugen
    Und das alles unter der Herrschaft von Männern...
    also wenn sie mir allen Ernstes sagen können, dass Frau Käßmann das größere der genannten Probleme darstellt (mir fällt kein Ausdruck ein, der meine Meinung wiedergibt, ohne sofort zensiert zu werden)... [...]

    Achten Sie bitte auf einen respektvollen Umgangston. Danke. Die Redaktion/sh

    ist ein Beweis von Gegensatz!!!

    Sie sind mir aber ein sehr Gescheiterter, wenn sie oft mit diesem Wort auf Frau Käßmann drauf hauen zu Glauben müssen.

    Frau Käßmann, bitte machen Sie weiter so. Bleiben Sie auch weiterhin so gradlinig, und treffen Sie auch weiterhin so akkurat den Nerv der Zeit.

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich in Ihren Kommentaren zu den Inhalten des Gesprächs. Danke. Die Redaktion/sh

    • dth
    • 29.08.2010 um 21:53 Uhr

    Wie ist das nun? Männer scheitern nicht oder wenn sie es tun, verschwinden sie reuig im Privatleben?
    Das würde ich dann aber doch gerne bei anderen Geistlichen oder auch Politikern mal beobachten...

    Die genannten zwei Personen seien der Beweis; da ist der Beweis des Gegenteils so simpel, dass ein Einlassen nicht lohnt.

    Deutschland ist ja ein freies Land, da können sie auch eine solche Meinung vertreten. Allerdings sollten sie eines Sachen bedenken:
    Männer sind als Geistliche absolut nicht unfehlbar
    1. gab grade einen Skandal der einen muslimischen Geistlichen und ein Prostituierte involvierte
    2. der Papst mit seiner kein-Kondom-Politik trägt u.a. ganz wunderbar zur Verbreitung des HI-Virus bei
    3. siehe Iran/Saudi-Arabien, bevor sie Frau Käßmann kritisieren, sollten sie einmal überlegen was dort geschieht, als Homosexueller kann man gesteinigt werden, Mädchen mussten im Feuer sterben weil sie keinen Hidschab trugen
    Und das alles unter der Herrschaft von Männern...
    also wenn sie mir allen Ernstes sagen können, dass Frau Käßmann das größere der genannten Probleme darstellt (mir fällt kein Ausdruck ein, der meine Meinung wiedergibt, ohne sofort zensiert zu werden)... [...]

    Achten Sie bitte auf einen respektvollen Umgangston. Danke. Die Redaktion/sh

    ist ein Beweis von Gegensatz!!!

  5. dass nach Ihren Kriterien so ziemlich jeder irgendwo "gescheitert" ist, wo ist der Zusammenhang zwischen Käßmanns Lebensweg und Ihrem Geschlecht?

    Es gibt zum Beispiel exakt genauso viele Männer die geschieden sind.

    Sind desshalb Männer allgemein nicht als Pfarrer geeignet? Was haben Scheidungen (Die Tatsache, dass eine Beziehung nicht so verläuft wie man sich das vorstellt) überhaupt mit Berufseignung zu tun?

    • MaxII
    • 29.08.2010 um 19:34 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf beleidigende Bemerkungen. Die Redaktion/sh

  6. dass Frau Käßmann es einfach nicht schafft, mindestens eine zeitlang ohne von ihr erzeugte mediale Aufmerksamkeit zu leben. Eine für eine Geistliche doch wohl eher nicht zu herausragende Eigenschaft. Nun ist sie allerdings seinerzeit ganz gewiß nicht Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende durch demütiges Verhalten geworden, sondern durch sehr "weltliche" Eigenschaften. Im Grunde halte ich Frau Käßmann als Geistliche am völlig falschen Platz, aber da ist sie in den evang. Amtskirchen nicht allein.

  7. 8. Na ...

    Sie sind mir aber ein sehr Gescheiterter, wenn sie oft mit diesem Wort auf Frau Käßmann drauf hauen zu Glauben müssen.

    Frau Käßmann, bitte machen Sie weiter so. Bleiben Sie auch weiterhin so gradlinig, und treffen Sie auch weiterhin so akkurat den Nerv der Zeit.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service