Udo Jürgens "Wiedererkennen ist Wohlbefinden"
Der Komponist und Sänger Udo Jürgens erklärt, wie seine Lieder funktionieren – und warum ihm selbst noch beim 100. Konzert die Tränen kommen
DIE ZEIT:
Herr Jürgens, hat
Lena
den Eurovision Song Contest verdient gewonnen?
Udo Jürgens:
Ein Mädchen wie die hätte das Telefonbuch singen können. Ihre Ausstrahlung an diesen Tagen war einfach überwältigend, da kam es nur darauf an, wie sie gelächelt hat, wie sie rauskam, dass der Rhythmus gestimmt hat und dass sie sich so wunderbar zickig bewegt hat.
ZEIT: Sie waren sogar jünger als Lena, als Sie Ihren ersten Grand Prix gewonnen haben. Was ist aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen Udo damals und Lena heute?
Jürgens: Wir haben damals tollen Musikern aus Frankreich und Italien nachgeeifert. Bei meinem Lied Je t’aime war gleich der erste Akkord ein verminderter – vollkommener Schwachsinn, da muss man erst mal drauf kommen! Ich habe gedacht, ich muss gleich zeigen: Ich verstehe was von Musik. Heute kehrt man Schritt für Schritt zur Infantilität zurück. Die Lieder haben immer weniger Harmonien, Rap-Songs haben zum großen Teil nur noch eine Harmonie. Nur noch einen Groove, der wird aus der Maschine geholt, dann lege ich so einen Jazzakkord drüber, und dazu redet einer. Und ein Mädchen macht uuuuuh. Ich bin ein Anhänger des Quintenzirkels.
ZEIT: Vielleicht sind aber 550 Jahre Quintenzirkel irgendwann einmal an ihr Ende gekommen.
Jürgens: Ich sage das ja auch nicht verächtlich, ich bewundere das eigentlich sogar, und ich glaube, es gibt in ganz Deutschland keinen einzigen Menschen, der so viel Ahnung vom Showbusiness hat wie Stefan Raab. Der ist sehr musikalisch, der hört einen Song und weiß genau, was Sache ist.
ZEIT: Sie haben die klassische Harmonielehre noch am Salzburger Mozarteum gelernt.
Jürgens: Ich war da nicht ordentlicher, sondern unordentlicher Schüler. Weil ich etwas getan habe, was damals verboten war: Ich habe in einer Bar gespielt. Aber dadurch hatte ich den anderen Schülern auch schon einiges voraus. Ich habe andere harmonische Wendungen gefunden als die, die im Unterricht gelehrt werden. Das ist eine Spezialität von mir. In meinen Liedern sind kleine versteckte Kostbarkeiten drin, auf die mich Musiker ansprechen: Mensch, der Übergang ist aber wirklich ungewöhnlich!
ZEIT: Können Sie uns anhand eines Ihrer großen Hits erklären, wie Ihre Lieder wirken?
Jürgens: Nehmen wir Ich war noch niemals in New York. Das ist eigentlich eine Kurzgeschichte: Ein Mann hat die Schnauze voll, zu Hause schreit das Baby, die Frau meckert, und er sagt: Ich gehe mal eben Zigaretten holen. Dann denkt er sich: Mensch, ich habe die Kreditkarte in der Tasche, ich könnte jetzt zum Flughafen fahren und abhauen… So eine lange Geschichte in einem Lied, das ist eigentlich verrückt.
ZEIT:U nd warum mögen das die Leute?
Jürgens: Weil ich es in der Art, wie ich es vertont habe, verständlich gemacht habe. Das Lied ist aufgeteilt in drei musikalische Themenkreise. Erst eine wiedererkennbare Melodie mit der Mundharmonika, die vier Takte dauert (singt). Die hat eine ganz große Funktion: Mundharmonika klingt immer einsam. Ich habe lange darüber nachgedacht, soll ich eine Flöte nehmen oder eine Oboe, aber Oboe ist zu intellektuell. Dann kommt die Erzählung der Strophe mit einer ausgearbeiteten Bridge, ziemlich komplexe Harmonien. Und dann der volkstümliche Refrain, den jeder mitsingen kann (singt): »Ich war noch niemals in New York…«
ZEIT: Ist der musikalisch anspruchsvolle Udo Jürgens der in den Strophen?
Jürgens: Ich würde sagen: In den Strophen versuche ich das zu zeigen, was der Komponist draufhat. Im Refrain versuche ich das zu geben, was dann letztlich den großen Erfolg ausmacht. Das hat George Gershwin auch getan.
ZEIT: Beim wievielten Mal hat ein Hörer Ihren Refrain verinnerlicht?
Jürgens: Wenn der Refrain gut ist, beim zweiten Mal. Er freut sich schon im Unterbewusstsein, wenn der Refrain das zweite Mal kommt. Das ist ein ganz wichtiges Gefühl. Was da chemisch vorgeht, weiß ich nicht, aber es ist ein Wohlbefinden. Wiedererkennen ist immer Wohlbefinden.
- Datum 27.08.2010 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.08.2010 Nr. 35
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"...so sind einige meiner Lieder unvergessen, jedes Kind kann die heute noch. Was ich dir sagen will kennt jeder Japaner."
Mag ja sein. Ich kenn es nicht. Und das ist wohl gut so.
ich kenne das auch nicht!
aber es hat andere Gründe!
Ich hasse Schlager und besitze auch nicht eine einzige Udo Jürgens CD. Aber sowohl bei der musikalischen als auch textlichen Qualität ragen viele Lieder von U. J. meilenweit aus dem prophanen Genre heraus.
Mich haben Udos Lieder immer zuerst an Schmalz denken lassen.
Zwei Dinge sollte man voneinander trennen: den rein persönlichen Geschmack und die Qualitaet von Musik. Udo Jürgens arbeitet absolut professionell und versteht mehr vom musikalischen Know-How als die meisten seiner vorschnellen Kritiker. In der klassischen Musik gilt dasselbe: Niemand muss Bach mögen, aber seine Musik als schlecht zu bezeichnen zeugt von totaler Ignoranz.
Oder im Entertainmentbereich: Man musste die Peter-Alexander-Shows nicht lieben, aber fairerweise zugeben, dass da ein Show-Profi am Werk war, wie es heute leider kaum noch welche gibt.
Also, ich habe als Teenie für Peter Alexander geschwärmt, ja, habe sogar einige Male mit ihm pers. und seiner Frau gesprochen und durch Kontakt zu seiner Chorleiterin am Anfang meines Gesangsstudiums im Backgroundchor für eine seiner Weihn. Platten gesungen... Inzw. bin ich ausgebildete Sopranistin und nun könnte man meinen - ich rümpfe die Nase. Aber weit gefehlt. So professionell wie er war und als Autodidakt !!! sogar Operette singen konnte, das soll ihm erstmal einer nachmachen. Wie intelligent er seine Stimme führte (auch wenn diese nicht im oberen Stimmbereich gestützt war); seine wunderbare Art mit MENschen umzugehen und sein Talent zu moderieren, sich zu bewegen.
Die Leute sehen immer nur den kommerziellen Peter Alexander. Ich bewundere den Hobby Pianisten, den Mann, der grosse Vorbilder hatte und hat.
Herr Alexander - Danke für Alles
Und um auf Gershwin, den Udo Jürgens hier erwähnte - zurückzukommen - zwar hat in meinem Fall mein Vater meine Liebe zum Swing und insbesondere zu Gershwin gefördert und mir die Liebe zu diesem Genre vermittelt - aber auch Herr Alexander hat meinen Swing-Horizont bereichert.
Schliesslich liess er ab und an Gershwin Lieder erklingen und verehrte Frank Sinatra.
So, so sehr ich das heutige Leben von PA bedauere, nicht überwundener Tod seiner Frau und letztes Jahr Unfalltod seiner Tochter und sein totaler Rückzug bis ins Eremitenleben - so sehr erinnere ich mich von Herzen gern an den Alexander der 70/80/90er Jahre.
Also, ich habe als Teenie für Peter Alexander geschwärmt, ja, habe sogar einige Male mit ihm pers. und seiner Frau gesprochen und durch Kontakt zu seiner Chorleiterin am Anfang meines Gesangsstudiums im Backgroundchor für eine seiner Weihn. Platten gesungen... Inzw. bin ich ausgebildete Sopranistin und nun könnte man meinen - ich rümpfe die Nase. Aber weit gefehlt. So professionell wie er war und als Autodidakt !!! sogar Operette singen konnte, das soll ihm erstmal einer nachmachen. Wie intelligent er seine Stimme führte (auch wenn diese nicht im oberen Stimmbereich gestützt war); seine wunderbare Art mit MENschen umzugehen und sein Talent zu moderieren, sich zu bewegen.
Die Leute sehen immer nur den kommerziellen Peter Alexander. Ich bewundere den Hobby Pianisten, den Mann, der grosse Vorbilder hatte und hat.
Herr Alexander - Danke für Alles
Und um auf Gershwin, den Udo Jürgens hier erwähnte - zurückzukommen - zwar hat in meinem Fall mein Vater meine Liebe zum Swing und insbesondere zu Gershwin gefördert und mir die Liebe zu diesem Genre vermittelt - aber auch Herr Alexander hat meinen Swing-Horizont bereichert.
Schliesslich liess er ab und an Gershwin Lieder erklingen und verehrte Frank Sinatra.
So, so sehr ich das heutige Leben von PA bedauere, nicht überwundener Tod seiner Frau und letztes Jahr Unfalltod seiner Tochter und sein totaler Rückzug bis ins Eremitenleben - so sehr erinnere ich mich von Herzen gern an den Alexander der 70/80/90er Jahre.
er wäre nicht wirklich übel, wenn er sich nicht mit wirklich Großen vergliche..
So bleibt nur: was hat er nochmal Welt bewegendes gesungen?
@tomassevo: Müssen Schlager und Chansons (Udo Jürgens bewegt sich irgendwo zwischen diesen beiden Genres) denn weltbewegend sein? Mit "Ein ehrenwertes Haus" hat er immerhin einen Beitrag gegen Spießigkeit und Intoleranz geleistet. "Lieb Vaterland, magst ruhig sein" kommt zwar im Gewand einer Schnulze daher, aber vielleicht hat der Song gerade deshalb bei der breiten Masse etwas bewirkt. Der breiten Masse muss man nämlich einen Köder hinwerfen, damit sie eine Message "fressen". Und genau das versteht Udo Jürgens meisterhaft, indem er Aussagen populär "verpackt"!
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