Udo Jürgens "Wiedererkennen ist Wohlbefinden"Seite 3/3

ZEIT: Sie haben eigentlich immer versucht, genau auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch zu wandern.

Jürgens: Wir müssen uns trennen von den Begriffen Kitsch und Banalität, all das gehört zu unvergänglicher Musik dazu. Gott sei Dank habe ich auch ein bisschen Lieschen Müller in mir, Volkstümlichkeit, und habe auch ein harmonisches Wissen, das ich anwende, und all das verdichtet sich zu dem, was ich musikalisch ausdrücke. Die gesamte italienische Opernliteratur ist auch Kitsch. Schlechte Bücher, miserable Abläufe, Sterbeszenen, über die man lachen muss – aber eine Musik, die uns aufwühlt und emotional zutiefst berührt. Komponiert von Genies.

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ZEIT: Die große Szene in dem Film E.T., die mit dem Finger: »Nach Hause telefonieren!« – ist das Kitsch?

Jürgens: Wer da nicht weint, dem kann man nicht mehr helfen. Gott sei Dank haben wir Reaktionen in uns, die über das Nachdenken hinausgehen. Deshalb bin ich so glücklich, dass ich einen Beruf habe, wo ich das auslösen kann, ohne darüber nachzudenken.

ZEIT: Sie machen ja meistens zuerst die CD, dann gehen Sie damit auf Tour. Wenn Sie ein Lied zum ersten Mal vor 2000 Leuten singen, ist das noch mal etwas anderes?

Jürgens: Das ist ein ganz spannender Augenblick, und eigentlich lernt man selbst das Lied dann erst kennen, wenn man es vor Publikum spielt. Dann merkt man zum Beispiel, dass man es in einem anderen Tempo spielen muss, weil sonst die Textverständlichkeit leidet. Auf der kommenden Herbsttournee werde ich ein oder zwei Stücke spielen, die noch nicht produziert sind. Da werde ich sicherlich einiges draus lernen.

ZEIT: Muss man den Sachen auch emotional noch einen ganz anderen Kick geben?

Jürgens: Klar, das ist eine ganz andere Situation.

ZEIT: Müssen Sie die Emotion in Ihren Stücken jedes Mal selber fühlen, wenn Sie sie singen?

Jürgens: Ich sehe unten erwachsene Männer und Frauen in Tränen aufgelöst – dann packt es mich selbst auch. Mir passiert es, dass ich Tränen in den Augen habe und Probleme, die Töne zu kontrollieren, weil es im Moment zu stark wird.

ZEIT: Sie müssen also auch beim 100. Konzert der Tournee eher Ihr Gefühl bremsen, als dass Sie sich noch mal emotional peitschen müssen?

Jürgens: Absolut, ich muss mich wirklich im Zaum halten.

ZEIT: Man sagt doch immer, der Künstler ist für seine eigene Emotion nicht zuständig, er muss die Emotionen unten auslösen.

Jürgens: Ach, das ist mir egal. Ich habe es ja nicht in der Schauspielschule gelernt, sondern durch die eigene Erfahrung.

ZEIT: Ist Emotion bei Ihnen immer an einen Text gebunden, oder kann auch eine Melodie alleine so einschlagen, dass Sie sagen: Tolles Stück?

Jürgens: Das Tolle an Liedern ist, dass sie immer aus Text und Musik bestehen, Hirn und Herz ansprechen. Oft stört der Text die Musik oder umgekehrt. Wenn aber ein guter Text und die passende Musik zusammenkommen, dann löst das die stärksten Emotionen aus.

Noch bis zum 12. September gibt Udo Jürgens einige Solokonzerte in deutschen und österreichischen Städten

 
Leser-Kommentare
  1. "...so sind einige meiner Lieder unvergessen, jedes Kind kann die heute noch. Was ich dir sagen will kennt jeder Japaner."
    Mag ja sein. Ich kenn es nicht. Und das ist wohl gut so.

  2. 2. @1....

    ich kenne das auch nicht!

  3. Ich hasse Schlager und besitze auch nicht eine einzige Udo Jürgens CD. Aber sowohl bei der musikalischen als auch textlichen Qualität ragen viele Lieder von U. J. meilenweit aus dem prophanen Genre heraus.

    • Harzer
    • 27.08.2010 um 18:04 Uhr

    Mich haben Udos Lieder immer zuerst an Schmalz denken lassen.

  4. Zwei Dinge sollte man voneinander trennen: den rein persönlichen Geschmack und die Qualitaet von Musik. Udo Jürgens arbeitet absolut professionell und versteht mehr vom musikalischen Know-How als die meisten seiner vorschnellen Kritiker. In der klassischen Musik gilt dasselbe: Niemand muss Bach mögen, aber seine Musik als schlecht zu bezeichnen zeugt von totaler Ignoranz.
    Oder im Entertainmentbereich: Man musste die Peter-Alexander-Shows nicht lieben, aber fairerweise zugeben, dass da ein Show-Profi am Werk war, wie es heute leider kaum noch welche gibt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Also, ich habe als Teenie für Peter Alexander geschwärmt, ja, habe sogar einige Male mit ihm pers. und seiner Frau gesprochen und durch Kontakt zu seiner Chorleiterin am Anfang meines Gesangsstudiums im Backgroundchor für eine seiner Weihn. Platten gesungen... Inzw. bin ich ausgebildete Sopranistin und nun könnte man meinen - ich rümpfe die Nase. Aber weit gefehlt. So professionell wie er war und als Autodidakt !!! sogar Operette singen konnte, das soll ihm erstmal einer nachmachen. Wie intelligent er seine Stimme führte (auch wenn diese nicht im oberen Stimmbereich gestützt war); seine wunderbare Art mit MENschen umzugehen und sein Talent zu moderieren, sich zu bewegen.

    Die Leute sehen immer nur den kommerziellen Peter Alexander. Ich bewundere den Hobby Pianisten, den Mann, der grosse Vorbilder hatte und hat.

    Herr Alexander - Danke für Alles

    Und um auf Gershwin, den Udo Jürgens hier erwähnte - zurückzukommen - zwar hat in meinem Fall mein Vater meine Liebe zum Swing und insbesondere zu Gershwin gefördert und mir die Liebe zu diesem Genre vermittelt - aber auch Herr Alexander hat meinen Swing-Horizont bereichert.

    Schliesslich liess er ab und an Gershwin Lieder erklingen und verehrte Frank Sinatra.

    So, so sehr ich das heutige Leben von PA bedauere, nicht überwundener Tod seiner Frau und letztes Jahr Unfalltod seiner Tochter und sein totaler Rückzug bis ins Eremitenleben - so sehr erinnere ich mich von Herzen gern an den Alexander der 70/80/90er Jahre.

    Also, ich habe als Teenie für Peter Alexander geschwärmt, ja, habe sogar einige Male mit ihm pers. und seiner Frau gesprochen und durch Kontakt zu seiner Chorleiterin am Anfang meines Gesangsstudiums im Backgroundchor für eine seiner Weihn. Platten gesungen... Inzw. bin ich ausgebildete Sopranistin und nun könnte man meinen - ich rümpfe die Nase. Aber weit gefehlt. So professionell wie er war und als Autodidakt !!! sogar Operette singen konnte, das soll ihm erstmal einer nachmachen. Wie intelligent er seine Stimme führte (auch wenn diese nicht im oberen Stimmbereich gestützt war); seine wunderbare Art mit MENschen umzugehen und sein Talent zu moderieren, sich zu bewegen.

    Die Leute sehen immer nur den kommerziellen Peter Alexander. Ich bewundere den Hobby Pianisten, den Mann, der grosse Vorbilder hatte und hat.

    Herr Alexander - Danke für Alles

    Und um auf Gershwin, den Udo Jürgens hier erwähnte - zurückzukommen - zwar hat in meinem Fall mein Vater meine Liebe zum Swing und insbesondere zu Gershwin gefördert und mir die Liebe zu diesem Genre vermittelt - aber auch Herr Alexander hat meinen Swing-Horizont bereichert.

    Schliesslich liess er ab und an Gershwin Lieder erklingen und verehrte Frank Sinatra.

    So, so sehr ich das heutige Leben von PA bedauere, nicht überwundener Tod seiner Frau und letztes Jahr Unfalltod seiner Tochter und sein totaler Rückzug bis ins Eremitenleben - so sehr erinnere ich mich von Herzen gern an den Alexander der 70/80/90er Jahre.

  5. 7. banal

    er wäre nicht wirklich übel, wenn er sich nicht mit wirklich Großen vergliche..
    So bleibt nur: was hat er nochmal Welt bewegendes gesungen?

  6. @tomassevo: Müssen Schlager und Chansons (Udo Jürgens bewegt sich irgendwo zwischen diesen beiden Genres) denn weltbewegend sein? Mit "Ein ehrenwertes Haus" hat er immerhin einen Beitrag gegen Spießigkeit und Intoleranz geleistet. "Lieb Vaterland, magst ruhig sein" kommt zwar im Gewand einer Schnulze daher, aber vielleicht hat der Song gerade deshalb bei der breiten Masse etwas bewirkt. Der breiten Masse muss man nämlich einen Köder hinwerfen, damit sie eine Message "fressen". Und genau das versteht Udo Jürgens meisterhaft, indem er Aussagen populär "verpackt"!

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