Karrieren Fischers viertes Leben
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Fischer ist jetzt auch Ü60

Was ist Fischer jetzt? Jetzt, sagt Cohn-Bendit, gehört er zur gesellschaftlichen Elite und zu denen, die ihren gesellschaftlichen Einfluss paaren mit geschäftlichem Nutzen. »Jetzt ist er wirklich so ne Ich-AG. Er lässt sich vergolden, was er geschafft hat.« Cohn-Bendit würde das nicht machen, aber er meint das auch nicht vorwurfsvoll. Wenn Fischer es vertreten kann, kann er es auch. Er kenne so viele Leute bei den Grünen, die jeden Tag gegen ihre moralischen Grundsätze im Umgang mit Frau und Kindern verstießen, die sollten mal nicht so auf dem hohen Ross sitzen, findet Cohn-Bendit, früher Dany le Rouge genannt.

Politiker werden bei Wahlen gewogen, sie sind die Währung der Demokratie. Die Währung der Geschäftswelt ist Geld. Für Dostojewskij war Geld gemünzte Freiheit. Ist Geld also wichtig? Nein, sagt Fischer, nicht wirklich. Klar, jetzt sei er dabei, Geld zu verdienen. Andererseits: »Wenn ich Instinkte an der Börse hätte wie in der Politik, wäre ich steinreich.« Ärgert ihn so ein Satz wie der von Großmann, er habe ihn gekauft? Ehrlich wirkende Gelassenheit: Kein bisschen! Großmann habe nicht ihn gekauft, könne der gar nicht, sondern eine Dienstleistung, und auf die habe er einen Anspruch.

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Kein klitzekleines bisschen Ärger? Höchstens über die Frage. Die zeigt in seinen Augen mal wieder, dass es in Deutschland ein ungesundes Verhältnis zum Geschäft gibt, als sei das per se etwas Unanständiges. Ist es also umgekehrt: Wenn er jetzt für Unternehmen dasselbe macht wie früher als Außenminister, ist das Unternehmen dann das, was früher seine Partei war, ein Vehikel der Einflussnahme? Auch nicht, sagt Fischer. Sein Unternehmen, das sei eine kühl-rationale Geschäftsbeziehung. Das sei es mit seiner Partei nie gewesen, das sei doch eher eine Art St.-Pauli-Syndrom gewesen: ein Scheißverein, den man trotzdem liebt.

Aufgeräumter Fischer, er sitzt beim Italiener in der Nähe seines Hauses, Ende Juli. Am Nebentisch arbeitet ein Vater daran, seinen Mut zusammenzunehmen, um den »Herrn Minister« beim Rausgehen um ein Foto mit seinem Sohn zu bitten, der an diesem Tag 35 werde. Da ist sie wieder, die Öffentlichkeit, die man nicht so leicht verlassen kann.

Aber wenn sie so nett daherkommt wie diese, dann lässt sich das sogar ein Joschka Fischer gefallen. Vierte Sozialisation, ja, kann sein, das gefällt ihm. Was hat ihn am meisten verändert im Leben? Das Alter, sagt Fischer, sei letztlich die Kraft, die einen am stärksten verändere. Alter, nicht als Verfall, nicht nur, sondern als unvermeidlicher Prozess. Älter werden, wachsen, lernen, sich irren, etwas Neues lernen, Kinder kriegen, Enkel kriegen, vor Kurzem ist er Großvater geworden. Evolution statt Revolution, das Schicksal jedes Revolutionärs, der überlebt.

Neulich ist ihm aufgefallen: Wenn sie bei den Wahlanalysen im Fernsehen von der Gruppe Ü60 sprechen, den über 60-Jährigen, dann meinen sie ihn – ist das zu fassen? Ü60, das waren für Fischer die Typen, die den Dackel ausführten und im Zweifel aus Versehen »Heil Hitler!« schrien. Und jetzt ist er einer von denen. Er schlägt die Hände vor die Augen, gespielte Verzweiflung, listige Augen, die sagen: Glauben Sie mir kein Wort!

Er schreibt den zweiten Band seiner Memoiren. Er hält Vorträge, um Geld zu verdienen, aber nicht nur. Er will immer noch Einfluss nehmen. Ihn treibt das Gefühl um, dass im Moment etwas passiert. Die Welt so instabil, Deutschland so stark wie nie, und so führungsschwach! Andererseits: Wie in einer Nacht alle Regeln über Bord geworfen wurden, um Europa zu retten, das hat ihm gefallen. Vielleicht haben die Schnarchnasen ja doch schon mehr Europa verinnerlicht, als er befürchtet hat.

Die Lernmaschine Fischer brummt wieder, und das macht ihm großes Vergnügen. »Ich habe das Gefühl, dass ich im Moment wieder unglaublich viel lerne, etwas, das ich gar nicht erwartet habe.« Er sei ziemlich fit derzeit in diesen ganzen Wirtschaftsfragen. Er könne arbeiten wie ein Journalist, aber mit viel besseren Zugängen. »Ich kann mit Leuten reden, die mit Ihnen nie reden würden. Ich lerne wieder – und das alles nur aus Ärger über die Regierung!«

Wer hätte gedacht, dass Joschka Fischer Angela Merkel noch mal würde dankbar sein müssen?

 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Wer ist nicht käuflich? Auf jeden Fall ist der Mensch käuflich, war es schon immer und wird es auch immer sein. Jede Regierungsform, egal ob Kommunismus, Demokratie oder Monarchie, hat das gleiche Probleme: Der Mensch ist schwach.

    Gekürzt, bitte achten Sie auf Ihre Ausdrucksweise. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.

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    Fragen zur Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de Die Kommentarfunktion ist der Diskussion von Artikelinhalten vorbehalten. Danke, die Redaktion/fk.

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  2. "Zu Fischers Kunden gehören RWE, BMW und Siemens." Fischer kassiert jetzt die zi-Millionen €-Belohnung für die Zerstörung der gesetzlichen Rentenversicherung und den Privatisierungswahn, den er gegen den Willen der Mehrheit durchgesetzt hat. Es besteht kein Unterschied zu den anderen aus der Schröder-Clique, z. B. Clement.
    Den Grünen hat er jede Identitätund Glaubwürdigkeit geraubt, auch wenn es die meisten Wähler noch nicht durchschaut haben. Siehe HH und Saarland, Motto der Grünen: Hauptsache, ich habe einen Dienstwagen.
    Seine Politische Lebensleistung: Hartz Iv, Verhinderung von Mindestlöhnen, Rente mit 67, Krieg in Afghanistan.
    Verlogener geht es nicht.

    Gekürzt. Verzichten Sie auf beleidigende Bemerkungen. Die Redaktion/sh

    Eine Leser-Empfehlung
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    Bemühen Sie sich um Sachlichkeit. Die Redaktion / mh

    Bemühen Sie sich um Sachlichkeit. Die Redaktion / mh

  3. Dieser Artikel verdient Lob!

    Man kann ihm schwerlich etwas hinzufügen; denn er hat Fischer dargestellt, wie er leibt und lebt. So paradox das auch klingen mag, es ist im Falle Fischers tatsächlich möglich, einerseits immer der Gleiche gewesen zu sein, andererseits sich immer neu zu erfinden. Das ist nun mal die Stärke von Opportunisten seines Formats, die anfangs mit dem Strom schwimmen, um später auf der Welle zu reiten.

    Daß er sich allerdings mit den „45ern“ gleichsetzt, ist schlichtweg anmaßend. Dazu fehlt ihm das Format!

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    meine volle Zustimmung.
    Das Leben von 80 Millionen Bürgern hat er
    negativ beeinflusst.

    meine volle Zustimmung.
    Das Leben von 80 Millionen Bürgern hat er
    negativ beeinflusst.

    • Fifty4
    • 26.08.2010 um 9:01 Uhr

    Es gibt offensichtlich noch Journalistinnen bei der "Zeit" die gute Artikel schreiben können.

    Es ist der Fischer wie er leibt und lebt. Immer er selbst, immer neu, immer ehrlich und rauflustig. Nachdem er so lange für die Grünen gelitten hat, vergoldet er sich jetzt seinen viel zu frühen Lebensabend. Es sei ihm gegönnt.

    Seine Entscheidungen, zusammen mit Schröder, mögen vielen nicht gefallen haben, aber er hat immerhin was entschieden. Zieht man den Vergleich zu seinem heutigen Nachfolger, ist "Schnarchnase" ein eher wohlwollender Ausdruck.

    Es war ein großer Fehler unserer Kanzlerin, einen brauchbaren Mann wie Fischer nicht nach Brüssel geschickt zu haben. Statt dessen schickte man Öttinger, einen den man hier nicht mehr gebrauchen konnte.

    Das nennt man jetzt wohl "Schnarchnasen-Politik"

    • btmmuc
    • 26.08.2010 um 9:27 Uhr

    Danke für Ihren umfassenden Bericht. Fischer ist, was er immer war ein aufgeblasener Egomane, der bauernschlau immer gesehen hat, wo er seinen Profit finden kann. So kann man in Deutschland auch reich werden, auf Kosten der Allgmeinheit.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. na, ich hatte "früher" immer gedacht, so, endlich `ne neue partei.. so, endlich `ne alternative zur "mehrheit".. so, endlich `ne sog. "alternative partei", man hör(t)e und staun(t)e... aber spätestens seit dem debakel um das deutsche eingreifen in den sog. "balkan-konflikt" hat dann doch gezeigt, tja, so-viel-anders sind die "grün-alternativen" ja doch nicht ... schade.. und jetzt hockt sich der ehemalige "streetfighter" nicht bloß in diverse aufsichtsrats-sitzungen, nee, da wird die ehemals dermaßen geschmähte "großindustrie" um nicht zu sagen das "großkapital" auch noch für teuer geld von herrn fischer "beraten" - na-bravo..
    und da wundert man sich dann noch großartig über "politik-verdrossenheit" und dahin-schwindendes wähler-interesse?
    in bayern nennt man sowas "ois oa doag" - will sagen: "man kann´s drehen und wenden wie man will - es ist doch an und für sich alles, aber auch alles ein-und-dasselbe" - da macht´s dann - weder für die "jugend" noch für "ältere" dann auch wohl keinen unterschied mehr, ob "wir" nu´ von jenen oder denen regiert werden.. kompliment, herr fischer!

  5. meine volle Zustimmung.
    Das Leben von 80 Millionen Bürgern hat er
    negativ beeinflusst.

    Antwort auf "Super Artikel!"
    • delsa
    • 26.08.2010 um 11:10 Uhr

    die Gier nach Macht, Geltung, Status Symbole (u.a. junge
    exotische Frauen, Gourmandie,....)!

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