Es gibt Romane, die schlechterdings alles Essenzielle der vergangenen Jahrtausende verweben: die Mythen der Antike, die christliche Weltschöpfung, die ewigen Gegensätze von Helligkeit und Dunkelheit, von Glück und Schmerz, Aufklärung und Barbarei, Reinheit und Schuld.

Roberto Bolaño ist dieses Kunststück auf nur 110 Seiten gelungen. Der Roman heißt (wie wir sehen werden: sehr zutreffend) Lumpenroman und ist gerade aus dem Nachlass erschienen. Natürlich spielt er in der Ewigen Stadt, in Rom. Und erzählt wird er von einer Frau namens Bianca in einfachem, naivem Duktus. Sie erinnert sich in wenigen Strichen an die unmittelbare Zeit nach einem Schicksalsschlag in ihrem damals jungen Leben. Sie war, da ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, mit ihrem Bruder zur Vollwaise geworden und teilte sich fortan mit diesem die elternlose Wohnung.

Eine neue Zeit, eine neue Welt beginnt mit dem Unglück, das die Wahrnehmung verzerrt: »Auf einmal gab es keine Nacht mehr und war alles ein Dauerzustand von Sonne.« Auch dem Bruder wird die Welt ein einziges Strahlen: »Sonne, Licht und berstende Fenster«.

Es ward also Licht, und die Geschwister begreifen, dass sie so »allein waren in der Welt« wie das erste Menschenpaar. In einer bereits teuflisch eingerichteten Welt bedarf es keiner Schlange, die ihr Unheil sät. Es findet keine Verführung statt, der Sex ist einfach da. Er ist der schnödeste, der liebloseste, der reizloseste, der sich denken lässt. Die Geschwister sitzen vor dem Fernseher und schauen sich Pornos an. Zwei etwas undurchschaubare Freunde des Bruders komplettieren die Tristesse, nisten sich in der Wohnung ein, ziehen in das ehemalige Zimmer der Eltern. Sie haben einen kuriosen Hang zu Reinlichkeit, säubern mit Passion die Wohnung. Bianca schläft mit ihnen, ohne auch nur wissen zu wollen, mit jeweils wem. Es gibt kein Paradies, aus dem man vertrieben werden könnte. Die Entjungferung verschiebt die Wahrnehmung der Erzählerin, die in einem Friseursalon arbeitet, nur unmerklich. Sie denkt am Morgen danach: »Ich verändere mich, ich verändere mich, aber als ich beim Friseursalon ankam, wurde mir klar, dass ich noch dieselbe war, die Straßen hatten sich leicht nach links oder rechts verschoben, nach oben oder unten, aber ich war noch dieselbe.« Die Hölle hatte nur ein klein wenig ihr Gesicht verändert.

Man sitzt nun zu viert vor dem Fernseher, es laufen die Quiz- und Talkshows, das alltägliche Schauspiel aus »Gier und Verzweiflung«. Es herrschen die Abstumpfung, der Reigen lustloser Höhepunkte als Routine vor. Das Licht in diesem Roman ist auch das einer umgeschlagenen Aufklärung, in der bürgerliche Öffentlichkeit durch Trash ersetzt wurde.

Der Bruder und seine Freunde arbeiten als billige Aushilfskräfte in einem Bodybuildingstudio. Sie möchten Mister Universum werden, Gott aller Götter, doch die Muskeln, die zaghaft an den Körpern zu schwellen beginnen, sind nur »Geschwüre, Auswüchse«. Der Heros der Antike ist eine Körperruine, der christliche Gott ein Teufel.

Und gerade als man für einen Moment als Leser glaubt, hier werde arg erwartbar Sozialkritisches verhandelt, taucht Mister Universum tatsächlich noch auf, und zwar in Gestalt von Giovanni Dellacroce, den alle Maciste nennen und der den Bodybuilding-Titel zweimal geholt hat. Das ist schon eine Weile her, in den sechziger Jahren, woraufhin er noch in ein paar billigen Filmen mitspielte. Er sei sehr reich, behaupten der Bruder und seine Freunde, und sie schmieden aufgrund ihrer prekären finanziellen Lage einen kleinen, hässlichen Plan. Maciste, der ab und an junge Frauen zugeführt bekommt, soll die Bekanntschaft mit Bianca machen. Bianca, die Schlange, soll während ihrer Liebesdienste den Tresor der Wohnung ausfindig machen und diesen ausrauben.

Maciste ist, wie Bianca mit Verwunderung feststellt, blind. Ein Autounfall hat ihm das Licht geraubt. Und es mag die ewige Dunkelheit sein, in der er lebt, dass sie diesen großen, dicken, alten Mann (»einem kaputten Kühlschrank nicht unähnlich«), anders als erwartet, nicht als abstoßend empfindet. Ein winziger Teil des alten Ruhms »überlebte noch irgendwo, nicht in seinem Körper vermutlich, eher in seinen Gesten«. Einst, belehrt sie Maciste, sei Bodybuilding eine Kunst gewesen, heute sei es Show.