Las Vegas Ein Sprung ins kalte Wasser

Partys am Pool und Zocken mit Kleingeld: Wie sich Las Vegas über die Finanzkrise hinwegtröstet

Er will nichts übersehen, bloß nicht, am Ende beschwert sich noch jemand. Über ein Blatt im Wasser. Einen Grashalm. Einen toten Käfer. Manche Gäste sind so, sagt Hugo, die suchen, bis sie etwas zum Meckern gefunden haben, und dann verlangen sie Preisnachlass.

Er fischt ein paar Blätter aus dem Becken. In der Nacht hat es gestürmt, der Wind hat Zweige und etwas Gestrüpp auf die Anlage des M-Resorts geweht, ein 400-Zimmer-Hotel an der Zufahrtsstraße nach Las Vegas. Hugo arbeitet hier, er ist Gärtner, Pool-Saubermann, Mexikaner für alles. Um kurz nach sechs an diesem Sommermorgen müsste er eigentlich noch nicht hier sein, seine Schicht beginnt in zwei Stunden, aber wenn er erst dann anfängt, könnte er etwas übersehen, und das will er nicht. "Ich möchte meinen Job perfekt machen", sagt er, "die sollen zufrieden mit mir sein. Ich muss vier Kinder ernähren." Hugo angelt nach dem letzten Fitzelchen Papier im Wasser. Am Horizont flimmert die Skyline. Vom Beckenrand sieht die Stadt aus wie eine Lichtspiegelung über der Wüste.

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Wenn man wissen wolle, wie es um Amerika stehe, müsse man nur in den Casinos von Las Vegas nachschauen, hieß es früher immer. Vielleicht stimmt das nicht mehr. Vielleicht sind die Pools von Las Vegas mittlerweile der bessere Ort. An denen trifft man nicht nur Einwanderer, die um ihren Job bangen. Im Laufe eines heißen Augusttages begegnet man auch all denen, die ihren Urlaub mittlerweile lieber im Wasser verbringen als in den teuren Einkaufspassagen der Luxusresorts. Denen, die früher den Tag am Blackjack-Tisch verbrachten, das jetzt aber auf ein, zwei Stunden nach dem Dinner beschränken. Und denen, die mit Laptop und Blackberry am Beckenrand sitzen, weil sie es sich nicht leisten können, eine Pause von der Arbeit zu machen. Man trifft die Unsicherheit an den Pools von Las Vegas. Manchmal trifft man auch die Angst.

Es ist noch nicht lange her, da schien es, als könne nichts diese Stadt stoppen. Beinahe zwei Jahrzehnte lang war Las Vegas die am schnellsten wachsende Metropole der Vereinigten Staaten, 7000 Neubürger monatlich, fast zwei Millionen Einwohner insgesamt, dazu zuletzt 37 Millionen Besucher im Jahr. Für die einen wurden immer mehr Siedlungen ins Niemandsland gebulldozert, für die anderen immer neue Hotels gebaut. Dann kam die Rezession – und kaum einen anderen Ort in den USA hat es so schlimm getroffen wie Las Vegas. Die Stadt lebt von inneramerikanischen Besuchern, von denen bleiben jetzt aber viele zu Hause. Die Hotelauslastungsrate ist auf etwas über 80 Prozent gesunken, die Arbeitslosenquote von 3,8 auf 12,3 Prozent gestiegen. Betroffen sind: alle. Barkeeper, Zimmermädchen, Gärtner wie Hugo, der über jeden Tag froh ist, an dem er frühmorgens Blätter aus dem Pool fischen kann. Sein Bruder, seine Cousins und seine Frau hätten ihre Jobs verloren, sagt er. Er sei der Letzte, der noch Dollar nach Hause bringe.

Im Hintergrund der Party: das Hard Rock Hotel & Casino

Im Hintergrund der Party: das Hard Rock Hotel & Casino

Die Krise kam ausgerechnet in einem Moment, in dem Las Vegas sich städtebaulich neu erfinden wollte – und mit seinen klaffenden Baugruben im Zentrum aussah, als sei es einem Kometenschauer im Weg gewesen. Hochklassig und hochpreisig sollte es werden. Doch dann fand das architektonische Nach-den-Sternen-Greifen ein jähes Ende. Bauprojekte wurden gestoppt, verschoben, nie wieder aufgenommen. Am nördlichen Teil des Strips, wo das Echelon mit 5300 Zimmern und 25 Restaurants geplant ist, wird seit zwei Jahren nicht mehr gearbeitet. Das Einkaufszentrum Summerlin Mall schaffte es nur bis zum Rohbau, die Neonopolis Mall steht halb leer.

Wenn man beim Schlendern über den Strip an dem Baugerippe vorbeikommt, das einmal das Fontainebleau werden soll, fragt man sich, wie lange solche achtelfertigen Gebäude eigentlich herumstehen können, bevor man sie wieder abreißen muss. Das Werbebanner am Drahtzaun haben Wüstenwind und Dauersonne ausgefranst und ausgebleicht, das "Eröffnung: Herbst 2009!" ist kaum noch zu lesen. Auf den Stadtplänen, die Besucher am Flughafen bekommen, sind solche Baustellen mittlerweile als Baustellen eingezeichnet. Als zählten Gruben und Rohbauten zu den Attraktionen der Stadt. Als blieben sie für immer.

Das City Center immerhin haben sie fast fertigbekommen, mit 8,4 Milliarden Dollar Baukosten das größte private Bauprojekt in der Geschichte der USA. Der 1,5 Millionen Quadratmeter große Komplex ist so etwas wie der Versuch, der Hotel-Aneinanderreihung am Strip eine urbane Mitte zu geben – was gelungen ist, wenn man eine Ansammlung himmelhoch jauchzender Wolkenkratzer denn als Stadtzentrum bezeichnen möchte. Architekten wie Helmut Jahn, Daniel Liebeskind und Norman Foster haben daran mitgebaut. Zum City Center gehören eine Shopping Mall mit verwegen designten Restaurants, Appartementgebäude und Hotels mit insgesamt knapp 5000 Zimmern, 4004 davon im Aria.

In diesen Augustwochen ist das Aria das Hotel, von dem man in Las Vegas spricht, und sei es nur, weil man sich wundert, dass es überhaupt da ist. Sein Design folgt der aktuellen Mode, den ortsüblichen Größenwahn mit einem gewissen Understatement zu kaschieren: klare Linien, gedeckte Farben und bloß nicht zu viel Brimborium. Die Zimmer sind beinahe zenmäßig schlicht eingerichtet, die Bars dezent, selbst das Casino wirkt zurückhaltend. Und die Pools sehen erstaunlicherweise aus wie – Hotelpools. Wasserfälle? Sandstrände? Wellenanlagen? Bikini-Kleopatras in Sänften, singende Gondolieri? Alles überholt!

Im Vergleich zu den Erlebnislandschaften älterer Resorts sind die Pools der gerade eröffneten Hotels Manifestationen der neuen Bescheidenheit: Becken, Liegen, Palmen, Eiswasser mit Zitrone und weißes Frottee auf Anforderung – mehr scheint man nicht mehr zu brauchen. Doch: neue Bezeichnungen für alles. Pools heißen nicht länger Pools, sondern water features. Besser gepolsterte Liegen sind day beds. Wenn es eine Ecke gibt, in der für das Sonnenbad ohne Bikinioberteil keine Strafanzeige droht, wird die als European style section bezeichnet. Der andere sorgfältig abgeschirmte Abschnitt ist die lounge area.

Leser-Kommentare
  1. Was bei Erich die Mauer und der Schießbefehl am Eisernen Vorhang war, das ist der Traum vom ewigen Wachstum des materiellen Wohlstands in den Industrieländern.

    Doch die Akzelerationslogik des Evolutionsprozesses bedient sich dieser Träume nur für eine begrenzte Zeit. Danach kommt der Übergang in einen nachhaltigeren Wachstumspfad.

    Wenn die Wissens- und Medienmauer geöffnet werden wird, die uns von der Weltordnung des KREATIVEN trennt, dann wird Las Vegas der untergehenden DDR gleichen.

  2. Manchmal sollten sich die Deutschen doch mal eine Scheibe Optimismus abschneiden. Die Deutschen sind leider oft zu pessimistisch und zum Ausdruck kommt dieser Pessimismus meistens als Sarkasmus, insbesondere wenn man ueber die USA spricht. Ja, Las Vegas ist ein Disneyland fuer Erwachsene, und so soll es auch bleiben. Es stimmt, dass weniger Leute Las Vegas im Sommer besuchen, und dass zu dieser Jahreszeit die Hotelpreise tiefer sinken, aber das war schon immer so, und sollte gerade den sparsamen Urlaubern gefallen. Ueberigens die Einarmigen Banditen, bei denen man, laut des Artikels, nur einen Cent einsetzen muss, sind fuer die Kasinos ein grosser Gewinn - Warum? Weil der Einsatz kein Penny ist, sondern mindestens 9, und bei den meisten Maschinen 1 Dollar 80, um den Hauptgewinn zu erlangen - dass haette der Reporter auch gewusst, wenn er seine Fakten geprueft haette, anstatt sich herablassend ueber alles zu auessern.

  3. danke, da habe ich heute wieder viel gelernt ! Eine unglaubliche Bereicherung für mein Weltbild!

    Nochmals, besten Dank und nix für ungut !

  4. Wie peinlich ist das denn?
    Da bezahlen Leute ein Schweinegeld (immer noch) um dann in brütender Hitze bis zu den Knien in einem warmen Pool zu stehen. In der einen Hand einen Lila-Laune-Cocktail in der anderen Pockerchips. Und dazu noch so eng wie in einem chinesischen Freibad!
    Leute, in den Pool geht man nur zum Pinkeln und zu sonst gar nichts.
    Und Ein-Cent-Automaten? Mein Gott, kann man noch tiefer sinken? Da mache ich doch lieber Gulli-Zielen mit Quarters.

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