Las Vegas Ein Sprung ins kalte WasserSeite 2/2

Zocken am Poolrand: in Las Vegas sitzt das Geld wieder locker in den Taschen

Zocken am Poolrand: in Las Vegas sitzt das Geld wieder locker in den Taschen

Im Aria heißt dieser Bereich Liquid: Mindestalter 21 Jahre, eine Bar, ein DJ-Pult und eine Reihe privater Rückzugsräume mit Flachbildschirmen und Kühlschrank, die vor allem für Junggesellenabschiede gemietet werden. An einem Pool wie dem Liquid hält sich jene Sorte Mensch auf, die man sonst nur in Fernsehsendern wie MTV sieht – Männer wie gemeißelt und Frauen so makellos, dass man sie am liebsten kurz antippen würde, um zu überprüfen, ob sie auch echt sind. Frauen wie Apple zum Beispiel. Apple heißt mit Sicherheit nicht Apple (und dann vielleicht doch – Amerikaner nennen ihre Kinder ja auch Meadow oder Bambi), ist aber bestimmt tatsächlich aus Louisiana, das lässt sich nicht überhören. Apple war Stripperin in einem Club in Washington, D. C., aber da lief es zuletzt schlecht, statt mit tausend Dollar wie früher ging sie morgens mit der Hälfte nach Hause, "und manchmal nur mit 350". Jetzt also Las Vegas. Morgens für den Teint an den Pool, nachmittags Arbeitssuche, vier Castings schon, alle erfolglos. "Da sind einfach zu viele andere, die richtig gut aussehen." Und wenn es nicht klappt? Apple betrachtet ihre Fingernägel, auf die kleine Stars ’n’ Stripes lackiert sind. Weiterbildung, sagt sie. Es gibt Kurse, im Internet, für Stripperinnen, hundert Dollar die Einheit. Und was lernt man da? Strippen? "Wie du mehr Trinkgeld bekommst. Du kannst in dieser Stadt locker 1500 die Nacht machen, wenn du gut bist."

Und das Geld wieder lockerer in den Taschen sitzt. Die Besucher sind ja da, auch dank drastisch reduzierter Übernachtungspreise. Vegas wirkt voll, zehn oder fünfzehn Prozent belegte Betten weniger fallen optisch kaum auf in einer Stadt, in der an jedem beliebigen Augustabend geschätzte 150.000 Menschen über die Bürgersteige am Strip schieben. Jetzt muss Vegas diese Menschen nur wieder von der Straße in die Casinos bekommen. Und in den Casinos an die Spieltische. Oder an die slot machines, die Einarmigen Banditen. Früher gab es fast keine Automaten, an denen man mit weniger als 25 Cent Einsatz zocken konnte, der übliche Einsatz pro Spiel betrug einen Dollar. Mittlerweile lässt sich fast überall mit Ein-Cent-Beträgen daddeln. Wer zehn Dollar riskiert, kann damit einen sehr langen Abend verbringen.

Im Hard Rock Hotel & Casino gibt es keine Ein-Cent-Slots, aber hier ist sowieso alles ein bisschen anders. Das Hotel ist ein beliebtes Wochenendziel junger Leute aus L.A., die freitagsabends anreisen und sich montags im Morgengrauen auf den fünfstündigen Heimweg machen. Der durchschnittliche Vegas-Besucher ist ziemlich genau 50 Jahre alt, der durchschnittliche Hard-Rock-Gast – 25? 26? Hier rekrutiert die Stadt den Spielernachwuchs, die Jungen, Sorglosen, die, denen es gerade mal egal ist, was mit ihren Altersrücklagen geschieht, weil sie noch überhaupt keine Altersrücklagen haben. Mit einem Casino, das aussieht wie eine Mischung aus Bühnen-Backstage und Casting-Studio. Mit Bars wie dem Pink Taco, in dem die Barfrau im knappen Top ungefragt erzählt, dass der Bar-Name Slang für das weibliche Geschlechtsteil sei. Mit Blackjack-Tischen in einem Swimmingpool, über den You can’t always get what you want von den Stones dröhnt. Vor allem aber mit Veranstaltungen wie der wöchentlichen Poolparty, die den schönen Namen Rehab trägt. Was so viel wie Drogentherapie bedeutet.

Die Rehab-Party ist ein Branchentreff für alle, die viel Geld und noch mehr Zeit in ihren Körper gesteckt haben. Und die das jetzt zeigen wollen. Vor laufenden Kameras, die immer dorthin zoomen, wo am lautesten gejubelt oder gelacht oder einfach nur geschrien wird – die Bilder laufen anschließend in einem TV-Kanal. Cocktails gibt es aus gewaltigen Plastikbechern; wer will, darf seinen Freundinnen Hochprozentiges auch mit großen Plastikspritzen in den Mund träufeln. Bei den Alkoholmengen und Temperaturen über 40 Grad kann man froh sein, dass niemand umkippt.

Etwas abseits vom größten Getriebe sitzt Mike Foreman in seinem Liegestuhl und trinkt Mineralwasser: Für ihn ist das ein Arbeitstag. Mike ist Makler, Mike sucht Kunden. Interessenten für Villen und Eigenheime, deren Besitzer die Raten nicht mehr zahlen können. Fast 30.000 solcher Häuser ständen in Las Vegas gerade zum Verkauf, sagt Mike. Riesenauswahl, erstklassige Lagen, und bei den Preisen sei immer noch Spielraum, viele müssten schnell verkaufen. Seit Beginn der Krise sind die Immobilienpreise um mindestens die Hälfte gefallen. "In manchen Siedlungen bekommt man Häuser für 190.000, die vor fünf Jahren noch 460.000 gekostet haben." Und die potenziellen Käufer planschen da vor ihm im Pool und trinken Tequila aus Flaschen? Oh ja. Ganz bestimmt. Fast die Hälfte seiner Kunden zahle bar, sagt Mike. "Die haben das Geld. Die setzen auf den nächsten Boom. Vegas wird wieder kommen. Sehr bald schon. Diese Stadt wird angesagter sein als je zuvor!"

Wundern würde es einen nicht. Las Vegas war schon immer mehr Vision als Wirklichkeit. Eine Leinwand, auf die Amerika seine Träume malte. Und Träume gibt man nicht auf, bloß weil gerade Wirtschaftskrise ist. Wenn Optimismus die Vereinigten Staaten ausmacht, dann ist Las Vegas die heimliche Hauptstadt. Hugo glaubt an seine Zukunft als Gärtner und den nächsten Gehaltsscheck, Apple an 1500 Dollar am Abend. Und Mike glaubt, dass immer mehr Leute wieder an Las Vegas glauben und seine Immobilien kaufen. Die Casinostadt hält an dem fest, was sie reich gemacht hat: die unerschütterliche Hoffnung, dass jede Pechsträhne vorübergeht.

 
Leser-Kommentare
  1. Was bei Erich die Mauer und der Schießbefehl am Eisernen Vorhang war, das ist der Traum vom ewigen Wachstum des materiellen Wohlstands in den Industrieländern.

    Doch die Akzelerationslogik des Evolutionsprozesses bedient sich dieser Träume nur für eine begrenzte Zeit. Danach kommt der Übergang in einen nachhaltigeren Wachstumspfad.

    Wenn die Wissens- und Medienmauer geöffnet werden wird, die uns von der Weltordnung des KREATIVEN trennt, dann wird Las Vegas der untergehenden DDR gleichen.

  2. Manchmal sollten sich die Deutschen doch mal eine Scheibe Optimismus abschneiden. Die Deutschen sind leider oft zu pessimistisch und zum Ausdruck kommt dieser Pessimismus meistens als Sarkasmus, insbesondere wenn man ueber die USA spricht. Ja, Las Vegas ist ein Disneyland fuer Erwachsene, und so soll es auch bleiben. Es stimmt, dass weniger Leute Las Vegas im Sommer besuchen, und dass zu dieser Jahreszeit die Hotelpreise tiefer sinken, aber das war schon immer so, und sollte gerade den sparsamen Urlaubern gefallen. Ueberigens die Einarmigen Banditen, bei denen man, laut des Artikels, nur einen Cent einsetzen muss, sind fuer die Kasinos ein grosser Gewinn - Warum? Weil der Einsatz kein Penny ist, sondern mindestens 9, und bei den meisten Maschinen 1 Dollar 80, um den Hauptgewinn zu erlangen - dass haette der Reporter auch gewusst, wenn er seine Fakten geprueft haette, anstatt sich herablassend ueber alles zu auessern.

  3. danke, da habe ich heute wieder viel gelernt ! Eine unglaubliche Bereicherung für mein Weltbild!

    Nochmals, besten Dank und nix für ungut !

  4. Wie peinlich ist das denn?
    Da bezahlen Leute ein Schweinegeld (immer noch) um dann in brütender Hitze bis zu den Knien in einem warmen Pool zu stehen. In der einen Hand einen Lila-Laune-Cocktail in der anderen Pockerchips. Und dazu noch so eng wie in einem chinesischen Freibad!
    Leute, in den Pool geht man nur zum Pinkeln und zu sonst gar nichts.
    Und Ein-Cent-Automaten? Mein Gott, kann man noch tiefer sinken? Da mache ich doch lieber Gulli-Zielen mit Quarters.

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