Martenstein »Amputiert alle Gehirne, verfüttert sie an die Ziegen, dann haben wir die perfekte Demokratie«

Harald Martenstein wünscht sich mehr Frontalunterricht

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Manchmal gebe ich Kurse, so Schreibkurse halt. In denen erzähle ich u. a., dass man ruhig eine Formulierung wie »so Schreibkurse halt« verwenden darf, obwohl es, wie jeder Fliegenbeinzähler mir gerne bestätigen wird, nicht korrekt ist, man darf nämlich alles, sofern es zum Duktus des Textes passt. Wenn Sie einen Text schreiben, der gesprochene Sprache abbildet, dann schreiben Sie, wie man redet. Wenn ein oder zwei Leser das nicht kapieren, so what . Es kann auch nicht jeder bruchrechnen, deswegen schafft man die Bruchrechnung noch lange nicht ab. Und wenn Ihnen jemand die Verwendung englischer Wörter vorwirft, dann antworten Sie dieser Person in Kirchenlatein, bei der Abfassung des Briefes kann ich helfen. Von Abkürzungen wie »u. a.« dagegen wird abgeraten.

Einmal haben ein paar Teilnehmer verlangt, dass wir Arbeitsgruppen bilden und »keinen Frontalunterricht« machen. Die Teilnehmer wollten »Methodenwechsel«. Ich dachte, womöglich soll ich meine Thesen als Tanz vortragen. Aber nein, »Methodenwechsel« ist ein Fachbegriff aus der Modekiste, irgendein neopädagogischer Schnickschnack. Alle zwanzig Minuten sollen die Lehrer zu Teilnehmern und die Teilnehmer zu Vortragenden werden, damit die lieben Kinderchen, auch wenn sie schon vierzig sind, nicht überfordert werden. Da kann man nur hoffen, dass sich auch in der Arbeitswelt der Gedanke durchsetzt, dass keiner sich anstrengen muss, aber da bin ich skeptisch. Ich habe mal gelesen, was über »Methodenwechsel« so geschrieben wird: »In der Planung können Rückkoppelungsschleifen vorgesehen werden, die es ermöglichen, die Reaktionen der AdressatInnen in den Lernprozess zu integrieren.« In anderen Worten, es handelt sich um Ringelpiez mit Anfassen.

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Diesen Wunsch haben sowohl der Kollege, der gemeinsam mit mir unterrichtete, als auch ich in brüsker Form zurückgewiesen. Der Kollege sagte, dass die Teilnehmer, falls sie der Ansicht sind, dass sie sich das Schreiben selber beibringen können, dies jederzeit gerne tun dürfen. Wir würden dann Bier trinken gehen.

Alles, was ich weiß, habe ich auf genau zwei Arten gelernt, erstens durch Lesen, zweitens von Lehrern. Ich kann mich noch an fast alle meine Lehrer gut erinnern. Manche habe ich geliebt, andere habe ich gehasst. Aber das war auch okay.

Ein guter Lehrer kann seine Schüler begeistern, er kann ein Vorbild sein, er ... ach, was erzähle ich da. Das weiß sowieso jeder. Aber die verdammten Bildungsreformer, diese Landplage, wollen die Lehrer abschaffen. Ich war in einer Schule, schon die Zehnjährigen bilden mehr Arbeitsgruppen als der SPD-Ortsverein Erkenschwick. Frontalunterricht ist schlecht? Wieso denn? Weil er undemokratisch ist? Das hat Mutter Natur natürlich verdammt undemokratisch eingerichtet, manche wissen mehr, andere weniger. Amputiert die Gehirne, verfüttert alle Gehirne an die Ziegen, dann haben wir die perfekte Demokratie. Ein guter Frontalunterricht bei einem guten Lehrer ist das Beste, was es gibt. Die Bildungsreformer würden ja selbst Einstein nach Hause schicken, weil es undemokratisch ist, sich von Einstein Physik erklären zu lassen, von oben herab, stattdessen machen wir alle jetzt schön einen Methodenwechsel und hören dem Gelaber von, ich meine das nicht persönlich, irgendeinem Wichtigtuer zu.

Ich bin mental sehr erregt. Es müsste Demonstrationen geben, mit Spruchbändern: »Wir fordern Frontalunterricht!« Alle Volkshochschulen müssen durch Sitzblockaden lahmgelegt werden, so lange, bis es wieder Frontalunterricht gibt.

 
Leser-Kommentare
  1. Leicht peinlich berührt als Leser bin ich durch diese Darstellung. So sehr ich Martenstein sonst schätze: nicht alles, was sog. moderne Pädagogik fordert, ist "Gelabere".

    Zitat:"Alles, was ich weiß, habe ich auf genau zwei Arten gelernt, erstens durch Lesen, zweitens von Lehrern." Ich füge eine dritte Art hinzu: Durch Selber-Machen und Selber-Ausprobieren.

    Ich war bei dem Schreibkurs, dessen Teilnehmer Martenstein offenbar derartig echauffierten, dass er hier beleidigte Leberwurst spielen muss, nicht zugegen, kann mir aber denken: wenn mehrere Erwachsene (!) den Wunsch nach einer Variation im gegenseitigen Umgang äußern, ist es kein Zeichen von Klugheit und Souveränität und Höflichkeit, diesen Vorgang in seiner Kolumne derartig zu schmähen.

    Altersstarrsinn?
    Verletzung wegen Zurückweisung der eigenen Methoden(=der eigenen Person)?
    Wer weiß.

    Mahlzeit.

  2. "Ein guter Frontalunterricht bei einem guten Lehrer ist das Beste, was es gibt" - das sehe ich auch so.

    Leider ist schlechter Frontalunterricht auch das schlechteste, was es gibt, die Moeglichkeit, sich selbst etwas - mit moderater Unterstuetzung durch den Lehrer - selbst anzueignen, ist schlechtem Frontalunterricht vorzuziehen. Das ist aehnlich wie bei Powerpoint Praesentationen. Bei tollem Unterricht stoeren sie, bei eher schlechtem Unterricht aber, kann eine gute PPP aber noch einiges rausreissen.

    Wenn der Wunsch nach Gruppenarbeit von Ihren Seminarteilnehmer geaeussert wurde, dann hat ihr paedagogischer Eros offenbar nicht ganz ausgereicht, die Beteiligten in Ihren Bann zu ziehen ;-)

  3. 3. Doch!

    @1 Widerspruch: Alles was sog. (kein Platz zum Ausschreiben oder einfach nicht wissen wie man's schreibt?) moderne Pädagogik fordert, ist Gelabre. Und schlimmer.

  4. ...wäre ich SOFORT dabei.

    • Kometa
    • 27.08.2010 um 9:50 Uhr

    "Ein guter Lehrer kann seine Schüler begeistern..."

    Warum "singt da eener uffn Schul-Hof..." - warum flennt er vom "SPD-Ortsverein Erkenschwick", statt so lustig vom VdK der Llehrer i.R. in "Oer-Erkenschwick"...?
    Ach, "Frontalunterricht", "Methodenwechsel", "Amputation" - mich erinnern solche Stichworte an Martensteins Unverständnis, was Satire darf und kann, ob von der Rasen- oder der Schulbank her.

    Wie "Presetfreund" (s. 1. Beitrag) schreibt: "durch Selber-Machen und Selber-Ausprobieren" wird der Kolumnenkohl fett, nicht ranzig (von begrifflicher Besserwisserei).

    "Der Blumenkohl vor deinen Fensta
    der mieft ins Zimmer rein ...
    Schreib wohl, Herr Martenstein, und wennsta
    mal dreckich jeht, denn meng dich wieda rein –!"

    (... ungeniert
    zitiert.)

  5. HME stimmt Ihnen zu: "Ich gehöre nicht zur Therapeuten- und Pädagogengesellschaft. Die sollen uns in Ruhe lassen mit ihren Zeitschriften und Artikeln. Ich höre da nicht hin, verstehen Sie."
    H.M. Enzensberger im Gespräch mit Herlinde Koelbl, 1998.

  6. auf Honorarbasis. Würd ich machen.

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