Säuglingstod in Mainz Keimfrei angerührt

In Mainz starben drei Säuglinge wegen verunreinigter Nährlösungen. Ein Hersteller gewährt Einblick in seine Reinräume.

Die Stimmung war trübe, als das Personal am Montagmorgen in Hamburg-Wandsbek die Arbeit antrat. Jeder Mitarbeiter der Firma Zytoservice wusste, was am Wochenende 400 Kilometer südlich vorgefallen war. In Mainz hatte man elf Säuglingen mit Darmbakterien verseuchte Nährlösungen in die Venen tropfen lassen. Drei der kleinen Patienten sind gestorben ; noch ist die Ursache für die Verunreinigung nicht geklärt.

Es war genau der GAU, gegen den die Mitarbeiter des Hamburger Unternehmens tagtäglich anarbeiten, denn auch sie produzieren individuell angepasste Nährlösungen. Jeder fragt sich nun: Wäre solch eine Kontamination im eigenen Betrieb möglich?

Anzeige

Die Fertigung von Arzneimitteln ist für Apotheker die Königsdisziplin. »Wer will schon lange Pharmazie studieren, um hinterher nur fertig abgepackte Arzneimittel zu verkaufen?«, fragt Enno Scheel, Geschäftsführer von Zytoservice. Doch damit übernehmen die Apotheker ein Risiko. Stellen sie selbst Lösungen her, die in die Blutbahn gelangen, kann der kleinste Fehler tödliche Folgen haben. In der Wärme der Gefäße gedeihen Keime gut, besonders wenn das Immunsystem der Behandelten schwach ist – wie bei Krebspatienten oder Säuglingen.

Schnell gehen ist verboten – zu viele Hautschuppen geraten in Bewegung

Die Gefahr einer Kontamination schreckt viele Apotheken in Deutschland nicht ab. Sie bereiten täglich Beutel mit Chemotherapeutika zu und rühren – wie die Klinikapotheke in Mainz – Nährlösungen an. Und nicht überall arbeiten die Apotheker nach höchstem Standard. »Die aseptische Herstellung gebrauchsfertiger steriler Produkte ist eine große Herausforderung«, stellte Irene Krämer einst fest.

Die Leiterin der Apotheke an der Universitätsklinik Mainz beschrieb vor neun Jahren im European Hospital Pharmacy Journal detailliert, mit welchen Kniffen sich die Kontamination vermeiden lässt: vom peniblen Händewaschen über die Arbeit an Werkbänken mit Abzugshauben bis hin zur Überwachung aller Luftpartikel, die durchs Labor schweben könnten. Good Manufacturing Practices (GMP) , gute Herstellungspraxis, ist der Begriff für solche Abläufe. Eine Produktion »nach GMP-Leitlinien« verspricht Krämer auch auf der Webseite der Mainzer Uniklinik – dennoch wurden dort elf Säuglinge infiziert. Vieles deutet darauf hin, dass die Kontamination in der Apotheke geschah.

Hygienestandards

Enno Scheel, der Geschäftsführer von Zytoservice, ist im Nebenamt Präsident des Bundesverbandes Rezeptur Herstellerbetriebe. Und da kämpft er für die verbindliche Einführung hoher Hygienestandards, der europäischen Good Manufacturing Practices in allen Apotheken. Künftig dürften dann auch kleine Betriebe nur arbeiten wie die Industrie: Zu jedem Zeitpunkt müssten die Hygieneanstrengungen dokumentiert werden. Jeder Betrieb müsste beweisen, dass seine Produktionsstätten und Mitarbeiter die Standards erfüllen. »Eine Apotheke«, sagt Scheel, könne das bislang viel laxer handhaben, da herrsche »quasi freiwillige Selbstkontrolle«. Alle Jahre kommt ein Pharmazierat und guckt sich den Laden an. Der Rat ist oft ein Kollege aus der Gegend.

Großbetriebe

Anders ist das in Großbetrieben, die Lösungen für Kliniken ebenfalls maßgeschneidert, aber massenweise produzieren – in Hamburg sind es 300.000 Lieferungen im Jahr. »Wir werden von der Gesundheitsbehörde eng kontrolliert«, sagt Scheel, »die lassen sich alles vorlegen.«

GMP-Leitfaden

Nach GMP-Standards produziert auch Scheels Mainzer Kollegin Irene Krämer. Doch als Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) ist sie seine Kontrahentin. Ihr Verband verfolgt bei Standards in Apotheken eine weichere Linie. »GMP ist ein sinnvoller europäischer Standard für die Herstellung im Industriemaßstab«, sagt ADKA-Geschäftsführer Klaus Tönne. »Für die Herstellung von patientenindividuellen Rezepturen sind diese Anforderungen unsinnig hoch.« Dem Verband schwebt eine andere Lösung vor. »Wir brauchen einen speziellen GMP-Leitfaden für diese Art der manuellen Herstellung«, sagt Irene Krämer, »da gibt es einen Standard namens PIC/S, den wollen wir haben, weil er für die Arzneimittelherstellung im Gesundheitswesen gilt.« Und soll dieser ebenfalls harte Standard dann für alle Apotheken gelten? »Das kommt auf die Menge an, die man herstellt«, sagt Krämer.

Apotheken

Mit den Standards in Apotheken beschäftigt sich zur Zeit auch das Bundesministerium für Gesundheit. Im Juli bat es die Verbände zur »informellen Besprechung« über eine neue Apothekenbetriebsordnung. Es ging um die Größe von Nachtdienstzimmern, Diskretionszonen für Beratung und »gute Herstellungspraxis«. Doch das Ministerium vermied den Begriff GMP. Das interpretierten Apothekerkreise im eigenen Sinne: Die strengen Maßstäbe für die pharmazeutische Industrie finden nicht vollständig auf die Apotheken Anwendung. Im Ministerium heißt es, nichts sei entschieden. Großproduzent Scheel glaubt zu wissen, warum sich der konkurrierende Verband sträubt: »Die vertreten auch kleine Apotheken und fordern minimale Standards – sonst müssten viele dichtmachen.«

Scheel beschreibt seine Mainzer Kollegin als hoch kompetent: »Ich kenne Irene schon seit Jahren, sie ist pharmazeutisch ganz weit vorn.« Und er weiß, dass Krämer in ihrer Apotheke sämtliche Präparate ausschließlich nach den strengen GMP-Vorgaben fertigen lässt – genauso wie er in seiner Hamburger Großanlage.

Im neuem Fertigungsgebäude lässt sich besichtigen, welche Anstrengungen unternommen werden, um zu verhindern, was in Mainz passierte. Der Weg ins Innerste, in die Reinräume, führt für Ausgangsprodukte und Menschen über Schleusen. Hier entscheidet sich, ob es gelingt, die zehn Billionen Keime, die der Mensch auf der Haut und in sich trägt, komplett von den Arbeitsflächen fernzuhalten. Die zwei Millionen Erreger pro Quadratzentimeter Achselhöhle. Die 100 Millionen Keime, die beim Niesen aus der Nase geschleudert werden.

Wer diese Räume betritt, muss erst die Grundkenntnisse der mikrobiellen Gefahren erlernen – selbst die Handwerker. Piercings sind tabu, ebenso Make-up und Tätowierungen. Wer vor dem Gebäude raucht, darf anschließend 20 Minuten lang nicht zurück in den Reinraum, weil die ausgeatmeten Partikel die Luft verschmutzen könnten. Durch vier Schleusen geht die Reise ins Zentrum der Anlage. Immer wieder müssen Hände oder Handschuhe desinfiziert werden. Schließlich winden sich die Mitarbeiter in Reinraumanzüge – weder darf die Außenseite dieser Hüllen noch der Boden berührt werden.

Leser-Kommentare
    • yeksaa
    • 26.08.2010 um 15:11 Uhr

    Würden jegliche Hygienevorschriften und Qualitätskontrollen eingehalten, wären Kontaminationen auszuschliessen.

    Wie im operativen Bereich, der auch sterilen Anforderungen unterliegt, weist dieser nahezu täglich Tendenzen zur Fahrlässigkeit auf.

    • b0nu5
    • 26.08.2010 um 15:43 Uhr

    Wie immer wird im Falle einer Dekontamination die GMP gepredigt. Leider weiß ich aus eigener Erfahrung, dass auch die GMP vor Manipulationen nicht gefeilt ist. Schließlich sind die vorgegebene Richtlinien, die zwar eingehalten werden müssen, durchaus "dehnbar".

    Wie schon im Artikel angedeutet, ist es denkbar, dass die Verschmutzung der Nährlösungen durch alte Schläuche oder Pumpen passiert sein könnte.

    Was ich wiederum nicht verstehe ist, dass die GMP als Allheilmittel in den Ring geworfen wird. Ich habe selbst in einem Pharmaunternehmen gearbeitet und Analysen unter GMP-Vorschriften getätigt. Auch die gut ausgestattete Herstellungsmaschinerie in Mainz, kann durchaus "optimieren" und somit die vorgegeben Grenzen der GMP ausdehnen. Dies bedeutet kehrt wendend kurz gesagt: "Nach Außen hui und Innen pfui".
    Schließlich werden die meisten Inspektionen angekündigt und ein Kamera- oder Reporterteam wird unter Garantie nicht unvorbereitet in die Produktionsanlage gelassen.

    GMP = keine Sicherheitsgarantie !

    • spacko
    • 26.08.2010 um 16:10 Uhr

    Verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion / mh

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Na ja, die Orthographie...Wenn es danach ginge, müssten hier so einige der Kommentarschreiber/-innen nachsitzen. Muss nicht immer Unkenntnis sein, oft ist es wohl auch der Eile geschuldet, mit der man zu Werke geht. Rückschlüsse auf die auf die Qualität des Geschriebenen drängen sich schon eher bei fehlerhaftem Umgang mit Begriffen auf. So mag man sich im vorliegenden Fall fragen, ob der Autor nicht wusste, dass es sich um Frühgeborene handelte, nicht aber um Säuglinge. Letztere hätten statt der synthetischen Nährlösung aus kontaminierten Schläuchen die Flasche erhalten oder die Mutterbrust, was ihnen vermutlich besser bekommen wäre. Der Unterschied ist auch insofern von Belang, als die Mortalität bei Frühchen erheblich höher ist, so dass bei Nachweis einer Kontamination zu klären ist, wie groß deren Anteil an der Todesursache war, natürlch unbeschadet der Pflicht, aus aktuellem Anlass das Hygieneregime unter die Lupe zu nehmen.

    Na ja, die Orthographie...Wenn es danach ginge, müssten hier so einige der Kommentarschreiber/-innen nachsitzen. Muss nicht immer Unkenntnis sein, oft ist es wohl auch der Eile geschuldet, mit der man zu Werke geht. Rückschlüsse auf die auf die Qualität des Geschriebenen drängen sich schon eher bei fehlerhaftem Umgang mit Begriffen auf. So mag man sich im vorliegenden Fall fragen, ob der Autor nicht wusste, dass es sich um Frühgeborene handelte, nicht aber um Säuglinge. Letztere hätten statt der synthetischen Nährlösung aus kontaminierten Schläuchen die Flasche erhalten oder die Mutterbrust, was ihnen vermutlich besser bekommen wäre. Der Unterschied ist auch insofern von Belang, als die Mortalität bei Frühchen erheblich höher ist, so dass bei Nachweis einer Kontamination zu klären ist, wie groß deren Anteil an der Todesursache war, natürlch unbeschadet der Pflicht, aus aktuellem Anlass das Hygieneregime unter die Lupe zu nehmen.

  1. Na ja, die Orthographie...Wenn es danach ginge, müssten hier so einige der Kommentarschreiber/-innen nachsitzen. Muss nicht immer Unkenntnis sein, oft ist es wohl auch der Eile geschuldet, mit der man zu Werke geht. Rückschlüsse auf die auf die Qualität des Geschriebenen drängen sich schon eher bei fehlerhaftem Umgang mit Begriffen auf. So mag man sich im vorliegenden Fall fragen, ob der Autor nicht wusste, dass es sich um Frühgeborene handelte, nicht aber um Säuglinge. Letztere hätten statt der synthetischen Nährlösung aus kontaminierten Schläuchen die Flasche erhalten oder die Mutterbrust, was ihnen vermutlich besser bekommen wäre. Der Unterschied ist auch insofern von Belang, als die Mortalität bei Frühchen erheblich höher ist, so dass bei Nachweis einer Kontamination zu klären ist, wie groß deren Anteil an der Todesursache war, natürlch unbeschadet der Pflicht, aus aktuellem Anlass das Hygieneregime unter die Lupe zu nehmen.

    Antwort auf "[entfernt]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr geehrter Herr Albrecht,

    schade, dass Sie Herrn Scheel eine Plattform für seine Schleichwerbung gegeben haben!
    In Deutschland stellen über 700 Apotheken und industrielle Hersteller sterile Lösungen patientenindividuell her. Einige von Ihnen (wie z.B. Zytoservice) versenden die Lösungen durch halb Deutschland und müssen die Lösungen daher entsprechend vorproduzieren. Wie alt darf die Lösung sein/werden, die in einem Kurierfahrzeug auf der Autobahn unterwegs ist? Hierzu scheint sich Herr Scheel nicht zu äußern.
    Anstelle durch Preisdumping die Kompetenz vor Ort zu beseitigen, sollten sich Anwender und Hersteller vor Ort lieber gemeinsam Gedanken zur Verbesserung der lokalen Versorgung in jeglicher Hinsicht machen. Ansonsten dürfen sich Patienten n Bälde bei einer kurzfristigen Therapieumstellung nicht beschweren, wenn sie einen halben Tag auf die neue Zubereitung warten müssen. Flexibilität kann auch hilfreich sein!

    Sehr geehrter Herr Albrecht,

    schade, dass Sie Herrn Scheel eine Plattform für seine Schleichwerbung gegeben haben!
    In Deutschland stellen über 700 Apotheken und industrielle Hersteller sterile Lösungen patientenindividuell her. Einige von Ihnen (wie z.B. Zytoservice) versenden die Lösungen durch halb Deutschland und müssen die Lösungen daher entsprechend vorproduzieren. Wie alt darf die Lösung sein/werden, die in einem Kurierfahrzeug auf der Autobahn unterwegs ist? Hierzu scheint sich Herr Scheel nicht zu äußern.
    Anstelle durch Preisdumping die Kompetenz vor Ort zu beseitigen, sollten sich Anwender und Hersteller vor Ort lieber gemeinsam Gedanken zur Verbesserung der lokalen Versorgung in jeglicher Hinsicht machen. Ansonsten dürfen sich Patienten n Bälde bei einer kurzfristigen Therapieumstellung nicht beschweren, wenn sie einen halben Tag auf die neue Zubereitung warten müssen. Flexibilität kann auch hilfreich sein!

  2. Sehr geehrter Herr Albrecht,

    schade, dass Sie Herrn Scheel eine Plattform für seine Schleichwerbung gegeben haben!
    In Deutschland stellen über 700 Apotheken und industrielle Hersteller sterile Lösungen patientenindividuell her. Einige von Ihnen (wie z.B. Zytoservice) versenden die Lösungen durch halb Deutschland und müssen die Lösungen daher entsprechend vorproduzieren. Wie alt darf die Lösung sein/werden, die in einem Kurierfahrzeug auf der Autobahn unterwegs ist? Hierzu scheint sich Herr Scheel nicht zu äußern.
    Anstelle durch Preisdumping die Kompetenz vor Ort zu beseitigen, sollten sich Anwender und Hersteller vor Ort lieber gemeinsam Gedanken zur Verbesserung der lokalen Versorgung in jeglicher Hinsicht machen. Ansonsten dürfen sich Patienten n Bälde bei einer kurzfristigen Therapieumstellung nicht beschweren, wenn sie einen halben Tag auf die neue Zubereitung warten müssen. Flexibilität kann auch hilfreich sein!

  3. Nachdem nun die Ursache des Unglücks in Mainz wohl bekannt ist, kann man wohl annehmen, dass trotz allen technischen und organisationellen Aufwands im Betrieb von Herrn Scheel die Sache genauso hätte passieren können. Die Frage ist nur, ob er so vorbildlich damit umgegangen wäre wie die Mainzer.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service