Musik löst die unterschiedlichsten Gefühle aus © Bas Bogaerts/AFP/Getty Images

Der Junge soll mal Geige lernen!« Das hatte der Vater auf dem Sterbebett geflüstert, und der Sohn hatte leuchtende Augen bekommen. Geigen wollte Hans Edgar Reis, seit er denken konnte. Mit der Geige ließen sich tolle Sachen machen, sie konnte weinen und lachen, flöten und Damen bezirzen. Spielte man die Serenade von Toselli, schmolz die Welt dahin.

Heute ist Hans Edgar Reis 71 Jahre alt, der Inbegriff des gebildeten, familiär vorbelasteten Klassikmusikfreunds. Er geht als ordentlicher Geiger durch. Wenn er übt. Seit Schülertagen sind die großen Geiger Nathan Milstein, Jascha Heifetz und Isaac Stern seine Helden. »Die Schönheit des schönen Tons«, seufzt Reis, wenn er heute das Ideal benennen will. »Ein schöner Ton dringt ganz tief in einen ein.« Vor allem die Töne von Beethoven, Brahms, Mahler, seinen Lieblingskomponisten. Reis ist ihr Verehrer, der erwartungsvoll zu Konzerten eilt und sich vorher den Krawattenknoten bindet.

Der Mann, der sich für Gabriele Schröter aus Travemünde den Krawattenknoten band, ist bereits tot. Am 9. Oktober 1991 starb er unter mysteriösen Umständen, die Rede ist von Selbstmord. Aber sie hat ihn nicht vergessen, »denn ich hatte immer das Gefühl, dass er nur für mich sang«. Der Mann hieß mit bürgerlichem Namen Gerhard Höllerich, die Welt kennt ihn als Roy Black. Gabriele Schröter zählt zu seinen treuesten Fans. »Peinlich ist mir das nie gewesen«, beteuert die 58-jährige Rechtsanwaltsassistentin. Sie lernte den Sänger kennen, als sie 13 war. »Ich fand ihn toll, und was er gesungen hat, sprach mich an. Als sei das Lied für mich geschrieben.« 1965 hatte Black mit Du bist nicht allein einen riesigen Erfolg in deutschen Hitparaden.

»Ach was, wir Fans sind doch nicht verliebt!«

Gabriele Schröter ist ein passionierter Schlagerfan; der gilt als besonders romantisch, treu und in den Augen vorschneller Spötter als leicht unbedarft. Frau Schröter ist das keinesfalls. Wer sie in der Kanzlei am Telefon hat, darf sich die weibliche Variante von Kafkas Türhüter in Vor dem Gesetz vorstellen. An der Schröter kommt keiner vorbei. Aber für Roy Black ließ sie über Jahrzehnte beinahe alles stehen und liegen. Schwärmerei? Verliebtheit gar? »Ach was, wir Fans sind doch nicht verliebt«, schimpft Frau Schröter auf den Verdacht, Fans eines Schlagersängers gäben ihre Vernunft an der Garderobe des mesolimbischen Systems ab, das im Gehirn als der Sitz der Süchte gilt.

Menschen unter Musik, von ihr begleitet, animiert, eingeschläfert, aufgeputscht, verzaubert, besänftigt, geheilt: Da entwickeln sich Zweckgemeinschaften und Liebespartnerschaften zwischen Komponisten, Künstlern und Hörern. Das Publikum von Schlagerstars ist eine verschworene Gemeinde, die zur Heldenfeier eintrifft. Das Gegenteil ist die Disco: Sie ist entpersonalisiert. Hier ist es fast immer egal, wer die Musik macht und wer sie auflegt – Hauptsache, man kann tanzen, zappeln, vibrieren. Hauptsache, man versinkt und bleibt in diesem mehrstündigen Versinken trotzdem lebendig.

Für Dana Morisse aus dem niederrheinischen Kleve beginnen die Abende ihrer Sinkflüge oft erst um Mitternacht und gehen dann bis fünf Uhr morgens. Die heimische Discothek Nachttheater ist für die 21-Jährige, die in Gießen Geschichte und Journalistik studiert und früher Gesangsstunden nahm, ein Ort völliger Freiheit.

Auf der Tanzfläche ist sie ganz sie selbst, ohne Scheu. »Ich bin keine besonders gute Tänzerin, aber das ist egal. Ich bin da, weil ich den Mantel der Musik liebe, der sich um mich legt.« In der Disco wird die Musik selbst zum Raum, den man betritt. Keine Bühne, zu der man aufblickt – es sei denn, dort rotiert ein Star-DJ. Ist man drin in der Disco, besteht die Welt aus Sound. Der Kopf wird hier offenbar nicht benötigt. Dana Morisse bekräftigt das: »In der Disco will ich doch nicht nachdenken, da will ich getrieben werden und mich treiben lassen. Irgendetwas in mir achtet auf Takt und Rhythmus.« Ihr Gehirn, sagt sie selbst, befinde sich phasenweise auf Stand-by. Am liebsten hört sie R ’n’ B oder Hip-Hop.