Hirnforschung »Fühlt sich an wie Glück«
Ob Klassik, Schlager oder Rock: Musik dringt direkt in die Tiefen unseres Gehirns. Dort erzeugt ein Cocktail von Hormonen die unterschiedlichsten Gefühle.
© Bas Bogaerts/AFP/Getty Images

Musik löst die unterschiedlichsten Gefühle aus
Der Junge soll mal Geige lernen!« Das hatte der Vater auf dem Sterbebett geflüstert, und der Sohn hatte leuchtende Augen bekommen. Geigen wollte Hans Edgar Reis, seit er denken konnte. Mit der Geige ließen sich tolle Sachen machen, sie konnte weinen und lachen, flöten und Damen bezirzen. Spielte man die Serenade von Toselli, schmolz die Welt dahin.
Heute ist Hans Edgar Reis 71 Jahre alt, der Inbegriff des gebildeten, familiär vorbelasteten Klassikmusikfreunds. Er geht als ordentlicher Geiger durch. Wenn er übt. Seit Schülertagen sind die großen Geiger Nathan Milstein, Jascha Heifetz und Isaac Stern seine Helden. »Die Schönheit des schönen Tons«, seufzt Reis, wenn er heute das Ideal benennen will. »Ein schöner Ton dringt ganz tief in einen ein.« Vor allem die Töne von Beethoven, Brahms, Mahler, seinen Lieblingskomponisten. Reis ist ihr Verehrer, der erwartungsvoll zu Konzerten eilt und sich vorher den Krawattenknoten bindet.
- Dopamin
Dopamin ist ein Neurotransmitter, ein Botenstoff im Gehirn, der vor allem bei Glücksgefühlen ausgeschüttet wird. Dopamin beziehungsweise der verwandte Stoff L-Dopa wird auch bei der Behandlung psychischer Störungen und der Parkinson-Krankheit eingesetzt.
- Empathie
Empathie ist die Fähigkeit, sich in die Gemütslage eines Gegenübers hineinzuversetzen. Nicht nur Menschen verfügen über diese Fähigkeit, sondern auch viele Säugetiere.
- Endorphine
Endorphine sind vom Körper selbst produzierte Opioide. Sie werden zum Beispiel bei Schmerz ausgeschüttet, haben zudem eine euphorisierende Wirkung. So wird vermutet, dass das »Runners High« von Langstreckenläufern auf die Ausschüttung von Endorphinen zurückzuführen ist.
- Hirnstamm
Der Hirnstamm ist der stammesgeschichtlich älteste Teil unseres Gehirns, auf dem die höher entwickelten Schichten aufbauen. Er hat sich seit Jahrmillionen nicht wesentlich verändert, daher wird er auch das »Reptiliengehirn« genannt. Der Hirnstamm steuert unwillkürliche Funktionen des Körpers: Kreislauf, Atmung, schnelle Reaktionen auf Signale der Sinnesorgane, und er fungiert als Taktgeber vieler Körperfunktionen.
- Mesolimbische System
Das mesolimbische System ist das »positive Belohnungssystem« des Gehirns. Es sorgt für Glücksgefühle, zum Beispiel wenn wir etwas gelernt haben. Dann schüttet es den Transmitter Dopamin aus. Es lässt sich aber auch durch Drogen aktivieren.
Der Mann, der sich für Gabriele Schröter aus Travemünde den Krawattenknoten band, ist bereits tot. Am 9. Oktober 1991 starb er unter mysteriösen Umständen, die Rede ist von Selbstmord. Aber sie hat ihn nicht vergessen, »denn ich hatte immer das Gefühl, dass er nur für mich sang«. Der Mann hieß mit bürgerlichem Namen Gerhard Höllerich, die Welt kennt ihn als Roy Black. Gabriele Schröter zählt zu seinen treuesten Fans. »Peinlich ist mir das nie gewesen«, beteuert die 58-jährige Rechtsanwaltsassistentin. Sie lernte den Sänger kennen, als sie 13 war. »Ich fand ihn toll, und was er gesungen hat, sprach mich an. Als sei das Lied für mich geschrieben.« 1965 hatte Black mit Du bist nicht allein einen riesigen Erfolg in deutschen Hitparaden.
»Ach was, wir Fans sind doch nicht verliebt!«
Gabriele Schröter ist ein passionierter Schlagerfan; der gilt als besonders romantisch, treu und in den Augen vorschneller Spötter als leicht unbedarft. Frau Schröter ist das keinesfalls. Wer sie in der Kanzlei am Telefon hat, darf sich die weibliche Variante von Kafkas Türhüter in Vor dem Gesetz vorstellen. An der Schröter kommt keiner vorbei. Aber für Roy Black ließ sie über Jahrzehnte beinahe alles stehen und liegen. Schwärmerei? Verliebtheit gar? »Ach was, wir Fans sind doch nicht verliebt«, schimpft Frau Schröter auf den Verdacht, Fans eines Schlagersängers gäben ihre Vernunft an der Garderobe des mesolimbischen Systems ab, das im Gehirn als der Sitz der Süchte gilt.
- Nucleus accumbens
Der Nucleus accumbens ist eine kleine Struktur im Vorderhirn, es gibt je einen auf der linken und auf der rechten Seite. Das Dopamin, das vom mesolimbischen System ausgeschüttet wird, entfaltet hier seine euphorisierende Wirkung.
- Quintenzirkel
Der Quintenzirkel ist ein Begriff aus der Musiktheorie. Die zwölf Dur- und zwölf Moll-Tonarten werden in aufsteigenden Quinten so angeordnet, dass man nach zwölf Schritten wieder beim Ausgangspunkt ankommt. Viele harmonische Strukturen der abendländischen Musik lassen sich mit dem Quintenzirkel gut veranschaulichen.
Wenn Udo Jürgens also im Interview vom Quintenzirkel spricht, meint er damit die harmonischen Traditionen unserer Musikkultur.- Semantisches Priming
Semantisches Priming ist ein Begriff aus der Sprachpsychologie. Es bezeichnet die Tatsache, dass die Verarbeitung eines Worts schneller geschieht, wenn ihm ein inhaltlich verwandtes Wort vorhergegangen ist. Man versteht das Wort »Schule« schneller, wenn vorher schon von einem »Lehrer« die Rede war. Der Begriff wird aber nicht nur auf Sprachverarbeitung, sondern auf Reize aller Art angewandt.
- Spiegelneuronen
Spiegelneuronen wurden 1995 von dem Hirnforscher Giacomo Rizzolatti entdeckt. Der fand heraus, dass bei einem Affen bestimmte Hirnzellen nicht nur dann feuerten, wenn das Tier eine bestimmte Handlung ausführte, sondern auch dann, wenn es diese Handlung bei anderen beobachtete. Der Affe machte die Bewegung also »innerlich mit«. Spiegelneuronen gelten als Grundlage für die Fähigkeit zur Empathie.
Menschen unter Musik, von ihr begleitet, animiert, eingeschläfert, aufgeputscht, verzaubert, besänftigt, geheilt: Da entwickeln sich Zweckgemeinschaften und Liebespartnerschaften zwischen Komponisten, Künstlern und Hörern. Das Publikum von Schlagerstars ist eine verschworene Gemeinde, die zur Heldenfeier eintrifft. Das Gegenteil ist die Disco: Sie ist entpersonalisiert. Hier ist es fast immer egal, wer die Musik macht und wer sie auflegt – Hauptsache, man kann tanzen, zappeln, vibrieren. Hauptsache, man versinkt und bleibt in diesem mehrstündigen Versinken trotzdem lebendig.
Für Dana Morisse aus dem niederrheinischen Kleve beginnen die Abende ihrer Sinkflüge oft erst um Mitternacht und gehen dann bis fünf Uhr morgens. Die heimische Discothek Nachttheater ist für die 21-Jährige, die in Gießen Geschichte und Journalistik studiert und früher Gesangsstunden nahm, ein Ort völliger Freiheit.
Auf der Tanzfläche ist sie ganz sie selbst, ohne Scheu. »Ich bin keine besonders gute Tänzerin, aber das ist egal. Ich bin da, weil ich den Mantel der Musik liebe, der sich um mich legt.« In der Disco wird die Musik selbst zum Raum, den man betritt. Keine Bühne, zu der man aufblickt – es sei denn, dort rotiert ein Star-DJ. Ist man drin in der Disco, besteht die Welt aus Sound. Der Kopf wird hier offenbar nicht benötigt. Dana Morisse bekräftigt das: »In der Disco will ich doch nicht nachdenken, da will ich getrieben werden und mich treiben lassen. Irgendetwas in mir achtet auf Takt und Rhythmus.« Ihr Gehirn, sagt sie selbst, befinde sich phasenweise auf Stand-by. Am liebsten hört sie R ’n’ B oder Hip-Hop.
- Datum 27.08.2010 - 09:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.08.2010 Nr. 35
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...fehlt hier jede Anmerkung zu einer interessanten Musikrichtung, welche wissenschaftlich als elektronische Musik oder salopp als Techno bekannt ist. Bevor jetzt alle Steppjackenträger zurückschrecken: Es geht hier nicht um das Phänomen der "Techno-Kiddies" mit seltsamen Frisuren, Zelthosen und einem Leuchtlolly im Mund. Viel eher geht es um eine Menschengruppe, die seit nunmehr über 20 Jahren nicht auf Oboe, Klarinette & Pauke oder Bass- und E-Gitarre schwört, sondern sich einzig vom 4/4-Takt und dazu nur ganz wenig musikalisches Ornament mitreißen lässt. Jetzt sagen wohl die meisten: "So ein akustisches Ungetüm als Erscheinung der späten Postmoderne!" "Falsch!", sage ich. Das, was in einem Club passiert, ist zwar formell modern, die Methode reicht jedoch weit zurück noch vor Robert, Ludwig oder Amadeus. Sie reicht in eine Zeit, in der unsere Vorfahren in Lederumhängen versuchten, sich in Trance zu tanzen. Damals griffen sie nicht zur Oboe oder 12-saitigen Gitarre. Sie schlugen bloß mit einem Knochen auf einen hohlen Stamm und erzeugten das, was ein Jeff Mills oder Paul van Dyk heute als Beat bezeichnen. Das semantische Priming ist auch hier aktiv. Das Warten auf das Wiedereinsetzen des Beats während einer immer höher werdenden Snare-Drum-Phase ist Extase pur durch kognitive Vorausplanung. Der DJ, der die Rolle des Schamanen übernimmt, steuert elektronisch die Gefühle im Club; und das länger & tiefgehender als bei jedem Rock- oder Klassikkonzert und jeder Hiphop-Nacht.
Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.
Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)
Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.
Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)
Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.
...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...
...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...
...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...
Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)
Musik löst wie im Artikel beschrieben jede Menge Emotionen aus und ist zuallererst eine akustische Erfahrung, aber wie wird sie von Leuten empfunden, die nichts oder anders hören? Ich war verwundert über den gehörlosen Rapper Signmark zu lesen, der es mit Hilfe von Hip-Hop schafft die Sprachgrenze zwischen gehörlosen und hörenden zu überwinden.
Nur eine kleine Anmerkung: Die ZEIT-Titelgeschichte bestand aus diesem Text, einem Udo-Jürgens-Interview sowie noch einem weiteren Stück, das ein bisschen auf den Stand der wissenschaftlichen Musik-Emotions-Forschung eingeht. Letzteres geht in den nächsten Tagen online!
Drei lange Seiten und sehr wenig Substanz, Substanzielles ... dabei hätte das Thema so spannend sein können. Aber es kommt vielleicht noch mit dem von Ch. Drösser angekündigten Stück zur wissenschaftlichen Musik-Emotions-Forschung.
Dieser Artikel spricht allen, die ihr Leben mit Musik durchmessen und dadurch eine Balance zu Stress, Leid, Trauer oder Depression herstellen, im wahrsten Sinne aus der Seele.
Während und nach dem Betrachten des Dylanfilms "No Direction Home" von Scorsese begab ich mich auf eine subtil beglückende Zeitreise in mein innerstes Universum. Bei der Dokumentation über Rio Reiser brach Zorn und Trauer in mir aus, aber ich wurde auch von einer Kampfeslust erfüllt, die ich aus der Zeit meiner Nach68er Jahre in Berlin sehr genau kannte.
Vor vielen Jahren hörte ich tagelang immer wieder nur das eine Lied "Blue Bayou" von Linda Ronstadt, warum weiß ich noch nicht einmal, aber damals war ich regelrecht süchtig nach dieser Meldodie. Wenn ich den Song heute höre, tauchen die Kulissen und Menschen in einer seltsamen Melancholie vollkommen klar in meinem Kopf wieder auf.
Nach dem plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen konnte ich ein Streichkonzert von Beethoven jahrelang nicht mehr hören, ohne in tiefste Verzweiflung zu fallen - diese Klänge verband ich sehr intensiv mit dem Verlust dieses Menschen.
Selbst die Blaskapellenmusik mit dem Choral "Meinem Heiland, meinem Lehrer" aus den Fronleichnamsprozessionen meiner Kindheit transportieren sofort diese mystisch archaischen Bilder der durch die goldenen Kornfelder pilgernden, schwarz gekleideten Bauern und das Aufblitzen der Monstranz im Sonnenlicht. Gänsehaut.
Musik gewinnt das Wiedererleben einer verlorenen Zeit.
W. Neisser
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