Hirnforschung »Fühlt sich an wie Glück«

Ob Klassik, Schlager oder Rock: Musik dringt direkt in die Tiefen unseres Gehirns. Dort erzeugt ein Cocktail von Hormonen die unterschiedlichsten Gefühle.

Musik löst die unterschiedlichsten Gefühle aus

Musik löst die unterschiedlichsten Gefühle aus

Der Junge soll mal Geige lernen!« Das hatte der Vater auf dem Sterbebett geflüstert, und der Sohn hatte leuchtende Augen bekommen. Geigen wollte Hans Edgar Reis, seit er denken konnte. Mit der Geige ließen sich tolle Sachen machen, sie konnte weinen und lachen, flöten und Damen bezirzen. Spielte man die Serenade von Toselli, schmolz die Welt dahin.

Heute ist Hans Edgar Reis 71 Jahre alt, der Inbegriff des gebildeten, familiär vorbelasteten Klassikmusikfreunds. Er geht als ordentlicher Geiger durch. Wenn er übt. Seit Schülertagen sind die großen Geiger Nathan Milstein, Jascha Heifetz und Isaac Stern seine Helden. »Die Schönheit des schönen Tons«, seufzt Reis, wenn er heute das Ideal benennen will. »Ein schöner Ton dringt ganz tief in einen ein.« Vor allem die Töne von Beethoven, Brahms, Mahler, seinen Lieblingskomponisten. Reis ist ihr Verehrer, der erwartungsvoll zu Konzerten eilt und sich vorher den Krawattenknoten bindet.

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Dopamin

Dopamin ist ein Neurotransmitter, ein Botenstoff im Gehirn, der vor allem bei Glücksgefühlen ausgeschüttet wird. Dopamin beziehungsweise der verwandte Stoff L-Dopa wird auch bei der Behandlung psychischer Störungen und der Parkinson-Krankheit eingesetzt.

Empathie

Empathie ist die Fähigkeit, sich in die Gemütslage eines Gegenübers hineinzuversetzen. Nicht nur Menschen verfügen über diese Fähigkeit, sondern auch viele Säugetiere.

Endorphine

Endorphine sind vom Körper selbst produzierte Opioide. Sie werden zum Beispiel bei Schmerz ausgeschüttet, haben zudem eine euphorisierende Wirkung. So wird vermutet, dass das »Runners High« von Langstreckenläufern auf die Ausschüttung von Endorphinen zurückzuführen ist.

Hirnstamm

Der Hirnstamm ist der stammesgeschichtlich älteste Teil unseres Gehirns, auf dem die höher entwickelten Schichten aufbauen. Er hat sich seit Jahrmillionen nicht wesentlich verändert, daher wird er auch das »Reptiliengehirn« genannt. Der Hirnstamm steuert unwillkürliche Funktionen des Körpers: Kreislauf, Atmung, schnelle Reaktionen auf Signale der Sinnesorgane, und er fungiert als Taktgeber vieler Körperfunktionen.

Mesolimbische System

Das mesolimbische System ist das »positive Belohnungssystem« des Gehirns. Es sorgt für Glücksgefühle, zum Beispiel wenn wir etwas gelernt haben. Dann schüttet es den Transmitter Dopamin aus. Es lässt sich aber auch durch Drogen aktivieren.

Der Mann, der sich für Gabriele Schröter aus Travemünde den Krawattenknoten band, ist bereits tot. Am 9. Oktober 1991 starb er unter mysteriösen Umständen, die Rede ist von Selbstmord. Aber sie hat ihn nicht vergessen, »denn ich hatte immer das Gefühl, dass er nur für mich sang«. Der Mann hieß mit bürgerlichem Namen Gerhard Höllerich, die Welt kennt ihn als Roy Black. Gabriele Schröter zählt zu seinen treuesten Fans. »Peinlich ist mir das nie gewesen«, beteuert die 58-jährige Rechtsanwaltsassistentin. Sie lernte den Sänger kennen, als sie 13 war. »Ich fand ihn toll, und was er gesungen hat, sprach mich an. Als sei das Lied für mich geschrieben.« 1965 hatte Black mit Du bist nicht allein einen riesigen Erfolg in deutschen Hitparaden.

»Ach was, wir Fans sind doch nicht verliebt!«

Gabriele Schröter ist ein passionierter Schlagerfan; der gilt als besonders romantisch, treu und in den Augen vorschneller Spötter als leicht unbedarft. Frau Schröter ist das keinesfalls. Wer sie in der Kanzlei am Telefon hat, darf sich die weibliche Variante von Kafkas Türhüter in Vor dem Gesetz vorstellen. An der Schröter kommt keiner vorbei. Aber für Roy Black ließ sie über Jahrzehnte beinahe alles stehen und liegen. Schwärmerei? Verliebtheit gar? »Ach was, wir Fans sind doch nicht verliebt«, schimpft Frau Schröter auf den Verdacht, Fans eines Schlagersängers gäben ihre Vernunft an der Garderobe des mesolimbischen Systems ab, das im Gehirn als der Sitz der Süchte gilt.

Nucleus accumbens

Der Nucleus accumbens ist eine kleine Struktur im Vorderhirn, es gibt je einen auf der linken und auf der rechten Seite. Das Dopamin, das vom mesolimbischen System ausgeschüttet wird, entfaltet hier seine euphorisierende Wirkung.

Quintenzirkel

Der Quintenzirkel ist ein Begriff aus der Musiktheorie. Die zwölf Dur- und zwölf Moll-Tonarten werden in aufsteigenden Quinten so angeordnet, dass man nach zwölf Schritten wieder beim Ausgangspunkt ankommt. Viele harmonische Strukturen der abendländischen Musik lassen sich mit dem Quintenzirkel gut veranschaulichen.
Wenn Udo Jürgens also im Interview vom Quintenzirkel spricht, meint er damit die harmonischen Traditionen unserer Musikkultur.

Semantisches Priming

Semantisches Priming ist ein Begriff aus der Sprachpsychologie. Es bezeichnet die Tatsache, dass die Verarbeitung eines Worts schneller geschieht, wenn ihm ein inhaltlich verwandtes Wort vorhergegangen ist. Man versteht das Wort »Schule« schneller, wenn vorher schon von einem »Lehrer« die Rede war. Der Begriff wird aber nicht nur auf Sprachverarbeitung, sondern auf Reize aller Art angewandt.

Spiegelneuronen

Spiegelneuronen wurden 1995 von dem Hirnforscher Giacomo Rizzolatti entdeckt. Der fand heraus, dass bei einem Affen bestimmte Hirnzellen nicht nur dann feuerten, wenn das Tier eine bestimmte Handlung ausführte, sondern auch dann, wenn es diese Handlung bei anderen beobachtete. Der Affe machte die Bewegung also »innerlich mit«. Spiegelneuronen gelten als Grundlage für die Fähigkeit zur Empathie.

Menschen unter Musik, von ihr begleitet, animiert, eingeschläfert, aufgeputscht, verzaubert, besänftigt, geheilt: Da entwickeln sich Zweckgemeinschaften und Liebespartnerschaften zwischen Komponisten, Künstlern und Hörern. Das Publikum von Schlagerstars ist eine verschworene Gemeinde, die zur Heldenfeier eintrifft. Das Gegenteil ist die Disco: Sie ist entpersonalisiert. Hier ist es fast immer egal, wer die Musik macht und wer sie auflegt – Hauptsache, man kann tanzen, zappeln, vibrieren. Hauptsache, man versinkt und bleibt in diesem mehrstündigen Versinken trotzdem lebendig.

Für Dana Morisse aus dem niederrheinischen Kleve beginnen die Abende ihrer Sinkflüge oft erst um Mitternacht und gehen dann bis fünf Uhr morgens. Die heimische Discothek Nachttheater ist für die 21-Jährige, die in Gießen Geschichte und Journalistik studiert und früher Gesangsstunden nahm, ein Ort völliger Freiheit.

Auf der Tanzfläche ist sie ganz sie selbst, ohne Scheu. »Ich bin keine besonders gute Tänzerin, aber das ist egal. Ich bin da, weil ich den Mantel der Musik liebe, der sich um mich legt.« In der Disco wird die Musik selbst zum Raum, den man betritt. Keine Bühne, zu der man aufblickt – es sei denn, dort rotiert ein Star-DJ. Ist man drin in der Disco, besteht die Welt aus Sound. Der Kopf wird hier offenbar nicht benötigt. Dana Morisse bekräftigt das: »In der Disco will ich doch nicht nachdenken, da will ich getrieben werden und mich treiben lassen. Irgendetwas in mir achtet auf Takt und Rhythmus.« Ihr Gehirn, sagt sie selbst, befinde sich phasenweise auf Stand-by. Am liebsten hört sie R ’n’ B oder Hip-Hop.

Der jugendliche Geiger Hans Edgar Reis wurde kein Berufsmusiker, aber er brachte es weit in einem Fach, bei dem die Hände mithelfen, tief in einen einzudringen. Er wurde Chefarzt in einer Klinik. Morgens führte er Magen- und Darmspiegelungen durch, nachmittags nahm er sich seiner krebskranken Patienten an. Mit dem Endoskop die Kanäle im Leib durchsteuern und »an alles Bösartige maximal aggressiv rangehen«, das war sein Prinzip für eine Heilung. So einer wäre ein guter Kapellmeister geworden – Kapitän, Chefarzt, Dirigent, alle der gleiche Typus.

Beethoven ist sein Lieblingssinfoniker. Da passiert etwas, da krempelt ein Komponist die Ärmel hoch. In seinem Elan kommt Beethoven der Führungskraft Reis entgegen. Die Fünfte ist die perfekte Chefarztmusik. Dramatische Situationen. Kämpfe. Am Ende der Sieg. Er kennt die Stücke sehr gut, manche hat er in Laienorchestern mitgespielt. Was ihn beim Hören beglückt, weiß Reis genau: »Es sind die Endorphine.« 

Platten sind schön, aber live ist gigantisch

Gern wäre Hans Edgar Reis Dirigent geworden, damals, daheim in Trier, war allerdings ein »ordentlicher Beruf« gefragt. Im Geheimen blieb der Wunsch wach. »Bei Beethoven möchte ich schon selbst den Dirigentenknüppel in die Hand nehmen«, ruft Reis. Aber man muss nicht auf dem Podium stehen, der geschulte Hörer im Saal ist selbst ein Dirigent, allerdings im Kopf. Er weiß ebenfalls, wohin die Reise geht. Und wenn dann ein Höhepunkt erreicht wird, hat er ihn kommen sehen. Immer freut sich der Kenner eines Musikstücks schneller und tiefer als andere Hörer. Schneller, weil er akustische Reize in einer Komposition beim Hören verknüpft und ihre Bedeutung assoziieren kann; »semantisches Priming« nennen das die Psychologen. Tiefer, weil schon die Erwartung einer Beglückung (jauchzendes Finale in C-Dur nach einem grüblerischen Scherzo in c-Moll) das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Der Hörer kriegt nur wenig davon bewusst mit, sein Gehirn operiert ja eigenständig.

Frau Schröter kennt sich mit dem semantischen Priming bei Roy Blacks Liedern ebenfalls nur intuitiv aus. Kommt da irgendwo der »Schmerz«, darf sie das »Herz« in der nächsten Zeile bereits erwarten, und ihr Gehirn begrüßt es dann auch besonders lebhaft. Einfachste Reimkunst schafft Vertrautheit. Die schmeichelnde Stimme des Sängers ist sowieso bekannt, sie trifft im Gehirn auf eingeschliffene Erinnerungen an viele frühere Roy-Black-Kontakte, und an dieser Resonanz der Schaltkreise beteiligen sich Neurotransmitter so intensiv, dass die neuen Impulse als höchst behaglich empfunden werden.

Die Arrangements von Blacks Liedern erinnern aus heutiger Sicht an ältliche Gardinen, aber damals waren sie der rote Teppich auf dem Weg vom Außen ins Innen. In diesen von Musik züchtig behüteten Träumen, die in Blacks Liedern eine übermächtige Rolle spielen, wurde gelegentlich Ganz in weiß geheiratet. Welche Unschuld von der Ostsee, welcher Backfisch vom norddeutschen Strand wollte da nicht gemeint sein?

Jetzt kann Gabriele Schröter über diese unschuldige Himmelei von damals schmunzeln. Fan bleibt sie trotzdem – und wehrt sich gegen den Vorwurf, Black sei ein schnöder Handelsvertreter für Emotionen gewesen. Ihr letztinstanzliches Urteil: »Roy Black war echt.« Vielleicht war Blacks Stimme tatsächlich einzigartig, für Herzensdinge perfekt geeignet, auf eine Weise weichspülerhaft, dass sie den Kitsch fast schon hinter sich ließ. Es durchströmte Frau Schröter warm, dass der Sänger und seine Lieder eins waren. Wird diese Identität verletzt, zieht das ihre Schimpfe nach sich: »Fürchterlich finde ich es, wenn ein anderer Sänger Roy Black covert. Das geht ja gar nicht.«

In Konzerten von Schlagersängern tanzt man nicht, sondern ist andächtig. Die Blicke gehen von unten nach oben. In der Disco fällt diese Andacht des Aufschauens weg. »Nach der Disco ist die Musik schnell aus dem Körper raus, nach einem Konzert nicht«, sagt Dana Morisse. Da geht es ihr wie Hans Edgar Reis und Gabriele Schröter. Platten sind ganz schön, aber live ist gigantisch.

Warum geht Hans Edgar Reis so gern und oft ins Sinfoniekonzert? Hierzu müsste man seinen Nucleus accumbens befragen. Diese Kernstruktur im Vorderhirn des Menschen ist bei allen Formen gierigen Verlangens vehement engagiert. Es ist ja so, dass dem klassischen Musikhörer ein paar Beethoven-Sinfonien pro Leben nicht ausreichen. Die Sehnsucht nach Beethoven-Futter bleibt ständig wach. Deshalb geht Reis immer wieder in Konzerte, deren Stücke er kennt, und hält das Live-Erlebnis für so wichtig.

Für ihn ist schon die Vorfreude reines Glück. Das hat auch mit dem Krawattenknoten zu tun. »Gut angezogen sein«, das ist für Hans Edgar Reis wichtig. Warum? Weil die Feierlichkeit, die er aus den Fluten der Töne aufsteigen spürt, in ihm einen angemessenen Hörer finden soll. Und nimmt der Hörer Reis Platz im Konzertsaal, sind der Nucleus accumbens und seine Nachbarn im mesolimbischen System stark angespannt. Sie haben noch keinen Ton gehört, doch schallt es aus dem Hirn wie im Chor: Wie angenehm, wie angenehm!

Häufig ist Hans Edgar Reis Zeuge virtuoser Solokonzerte. Musikausübung als archaische Disziplin, als Kampf, der Saal als römische Arena. Jeder fiebert mit dem Solisten, dass ihm alle Kunststücke gelingen mögen, doch gibt es tief in jedem Hörer die Lust an der Grausamkeit. Allein deshalb ist live aufregender als Konserve: Es könnte ja mal schiefgehen. Wenn dann der letzte Takt glücklich absolviert ist, hört man nicht nur den Jubel, sondern auch ein kollektives Aufatmen.

Wenn Dana Morisse ins Konzert geht, ist der Nervenkitzel ein anderer. Außerhalb der Disco hat sie klare Vorlieben: die Toten Hosen, die nun schon bald 30 Jahre Punkrock spielen. »Die haben für alle Lebenslagen etwas, für die Ungerechtigkeit in der Welt, die gute Laune und für den Liebeskummer«, sagt sie. Sie begegnete ihnen erstmals, als sie »im Auto auf dem Weg zur Oma saß und Radio hörte«. Sogleich habe sie der Schlag getroffen. Seitdem ist sie zu vielen Konzerten gefahren.

»Das sind hymnische Momente, total suggestiv!«

Am liebsten hätte sie schon damals jedes Lied aus vollem Herzen mitgesungen, »das ging aber nicht, weil ich ja klassischen Gesangsunterricht hatte«. Mittlerweile ist das anders, der Druck muss ohnehin raus, Danas Stimme will grölen beim Rock am Ring, wo 30000 Leute am Nürburgring die Toten Hosen auf Händen und in Kehlen tragen. »Das sind hymnische Momente, total suggestiv«, erinnert sich die Studentin. Alle Liedtexte kennt Dana Morisse auswendig, das sei eine Selbstverständlichkeit. Aber wehe, die Toten Hosen werden in der Disco gespielt, »dann verlasse ich die Tanzfläche«.

Weit über 40 Konzerte von Roy Black hat Gabriele Schröter besucht, dafür war ihr kaum eine Reise zu weit. Irgendwann erkannte der Star seine Jüngerin am Autogrammtisch wieder und rief salopp, ihre Gefolgschaft ahnend: »Bis morgen in Köln!« Gabriele Schröters Ehemann war stets dabei und machte Fotos. Aus dieser Zeit stammen zahllose Devotionalien, vor allem eine Titelseite der Bravo. Mit zunehmendem Alter hat sich die Schwärmerei beruhigt, trotzdem war da eine »magische Verbindung«. Einmal sei sie in Urlaub gefahren und habe zuvor geunkt: »Hoffentlich passiert nichts daheim!« Mitten in den Ferien riefen Freunde sie an: Roy Black sei gestorben. Bekenntnis des hinterbliebenen Fans: »Ich glaube nicht an Telepathie, aber da wurde mir eiskalt.«

Dass sie immer verstand, was das Idol sang und meinte, war bei der Empathie behilflich. »Englische Songs verstand doch sowieso keiner, und wenn man sie übersetzte, war es der gleiche Schwachsinn!« Dann lieber deutsch und gefühlsecht. Als Gabriele Schröters Zuneigung längst in etwas ruhigere Bahnen geraten war, wurde Roy Black zu einem zuverlässigen alten Bekannten, dem man gelegentlich auf NDR 1 oder WDR 4 begegnete. Die Treue blieb, »beim Bügeln, Lesen oder Relaxen«.

Hans Edgar Reis hat Beethovens Fünfte, mit den Berliner Philharmonikern, im CD-Regal, doch das Live-Konzert mit den Niederrheinischen Sinfonikern, die nicht ganz so gut sind, ist ihm tausendmal lieber. Und wenn die Toten Hosen ihr Heimspiel in der Düsseldorfer Arena geben, dann ist auch Dana Morisse voll von Musik, abgefüllt bis oben hin. Was passiert da mit ihr? Sie zuckt mit den Schultern: »Weiß ich nicht. Fühlt sich wie Glück an. Das sind die Endorphine, stimmt’s?«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. ...fehlt hier jede Anmerkung zu einer interessanten Musikrichtung, welche wissenschaftlich als elektronische Musik oder salopp als Techno bekannt ist. Bevor jetzt alle Steppjackenträger zurückschrecken: Es geht hier nicht um das Phänomen der "Techno-Kiddies" mit seltsamen Frisuren, Zelthosen und einem Leuchtlolly im Mund. Viel eher geht es um eine Menschengruppe, die seit nunmehr über 20 Jahren nicht auf Oboe, Klarinette & Pauke oder Bass- und E-Gitarre schwört, sondern sich einzig vom 4/4-Takt und dazu nur ganz wenig musikalisches Ornament mitreißen lässt. Jetzt sagen wohl die meisten: "So ein akustisches Ungetüm als Erscheinung der späten Postmoderne!" "Falsch!", sage ich. Das, was in einem Club passiert, ist zwar formell modern, die Methode reicht jedoch weit zurück noch vor Robert, Ludwig oder Amadeus. Sie reicht in eine Zeit, in der unsere Vorfahren in Lederumhängen versuchten, sich in Trance zu tanzen. Damals griffen sie nicht zur Oboe oder 12-saitigen Gitarre. Sie schlugen bloß mit einem Knochen auf einen hohlen Stamm und erzeugten das, was ein Jeff Mills oder Paul van Dyk heute als Beat bezeichnen. Das semantische Priming ist auch hier aktiv. Das Warten auf das Wiedereinsetzen des Beats während einer immer höher werdenden Snare-Drum-Phase ist Extase pur durch kognitive Vorausplanung. Der DJ, der die Rolle des Schamanen übernimmt, steuert elektronisch die Gefühle im Club; und das länger & tiefgehender als bei jedem Rock- oder Klassikkonzert und jeder Hiphop-Nacht.

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    Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.

    Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)

    Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.

    Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)

  2. Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.

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    ...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
    Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
    Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...

    ...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
    Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
    Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...

  3. ...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
    Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
    Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...

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  4. Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)

    • D.ela
    • 27.08.2010 um 15:00 Uhr

    Musik löst wie im Artikel beschrieben jede Menge Emotionen aus und ist zuallererst eine akustische Erfahrung, aber wie wird sie von Leuten empfunden, die nichts oder anders hören? Ich war verwundert über den gehörlosen Rapper Signmark zu lesen, der es mit Hilfe von Hip-Hop schafft die Sprachgrenze zwischen gehörlosen und hörenden zu überwinden.

  5. Nur eine kleine Anmerkung: Die ZEIT-Titelgeschichte bestand aus diesem Text, einem Udo-Jürgens-Interview sowie noch einem weiteren Stück, das ein bisschen auf den Stand der wissenschaftlichen Musik-Emotions-Forschung eingeht. Letzteres geht in den nächsten Tagen online!

  6. Drei lange Seiten und sehr wenig Substanz, Substanzielles ... dabei hätte das Thema so spannend sein können. Aber es kommt vielleicht noch mit dem von Ch. Drösser angekündigten Stück zur wissenschaftlichen Musik-Emotions-Forschung.

  7. Dieser Artikel spricht allen, die ihr Leben mit Musik durchmessen und dadurch eine Balance zu Stress, Leid, Trauer oder Depression herstellen, im wahrsten Sinne aus der Seele.

    Während und nach dem Betrachten des Dylanfilms "No Direction Home" von Scorsese begab ich mich auf eine subtil beglückende Zeitreise in mein innerstes Universum. Bei der Dokumentation über Rio Reiser brach Zorn und Trauer in mir aus, aber ich wurde auch von einer Kampfeslust erfüllt, die ich aus der Zeit meiner Nach68er Jahre in Berlin sehr genau kannte.

    Vor vielen Jahren hörte ich tagelang immer wieder nur das eine Lied "Blue Bayou" von Linda Ronstadt, warum weiß ich noch nicht einmal, aber damals war ich regelrecht süchtig nach dieser Meldodie. Wenn ich den Song heute höre, tauchen die Kulissen und Menschen in einer seltsamen Melancholie vollkommen klar in meinem Kopf wieder auf.

    Nach dem plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen konnte ich ein Streichkonzert von Beethoven jahrelang nicht mehr hören, ohne in tiefste Verzweiflung zu fallen - diese Klänge verband ich sehr intensiv mit dem Verlust dieses Menschen.

    Selbst die Blaskapellenmusik mit dem Choral "Meinem Heiland, meinem Lehrer" aus den Fronleichnamsprozessionen meiner Kindheit transportieren sofort diese mystisch archaischen Bilder der durch die goldenen Kornfelder pilgernden, schwarz gekleideten Bauern und das Aufblitzen der Monstranz im Sonnenlicht. Gänsehaut.

    Musik gewinnt das Wiedererleben einer verlorenen Zeit.

    W. Neisser

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