Der jugendliche Geiger Hans Edgar Reis wurde kein Berufsmusiker, aber er brachte es weit in einem Fach, bei dem die Hände mithelfen, tief in einen einzudringen. Er wurde Chefarzt in einer Klinik. Morgens führte er Magen- und Darmspiegelungen durch, nachmittags nahm er sich seiner krebskranken Patienten an. Mit dem Endoskop die Kanäle im Leib durchsteuern und "an alles Bösartige maximal aggressiv rangehen", das war sein Prinzip für eine Heilung. So einer wäre ein guter Kapellmeister geworden – Kapitän, Chefarzt, Dirigent, alle der gleiche Typus.

Beethoven ist sein Lieblingssinfoniker. Da passiert etwas, da krempelt ein Komponist die Ärmel hoch. In seinem Elan kommt Beethoven der Führungskraft Reis entgegen. Die Fünfte ist die perfekte Chefarztmusik. Dramatische Situationen. Kämpfe. Am Ende der Sieg. Er kennt die Stücke sehr gut, manche hat er in Laienorchestern mitgespielt. Was ihn beim Hören beglückt, weiß Reis genau: "Es sind die Endorphine." 

Platten sind schön, aber live ist gigantisch

Gern wäre Hans Edgar Reis Dirigent geworden, damals, daheim in Trier, war allerdings ein "ordentlicher Beruf" gefragt. Im Geheimen blieb der Wunsch wach. "Bei Beethoven möchte ich schon selbst den Dirigentenknüppel in die Hand nehmen", ruft Reis. Aber man muss nicht auf dem Podium stehen, der geschulte Hörer im Saal ist selbst ein Dirigent, allerdings im Kopf. Er weiß ebenfalls, wohin die Reise geht. Und wenn dann ein Höhepunkt erreicht wird, hat er ihn kommen sehen. Immer freut sich der Kenner eines Musikstücks schneller und tiefer als andere Hörer. Schneller, weil er akustische Reize in einer Komposition beim Hören verknüpft und ihre Bedeutung assoziieren kann; "semantisches Priming" nennen das die Psychologen. Tiefer, weil schon die Erwartung einer Beglückung (jauchzendes Finale in C-Dur nach einem grüblerischen Scherzo in c-Moll) das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Der Hörer kriegt nur wenig davon bewusst mit, sein Gehirn operiert ja eigenständig.

Frau Schröter kennt sich mit dem semantischen Priming bei Roy Blacks Liedern ebenfalls nur intuitiv aus. Kommt da irgendwo der "Schmerz", darf sie das "Herz" in der nächsten Zeile bereits erwarten, und ihr Gehirn begrüßt es dann auch besonders lebhaft. Einfachste Reimkunst schafft Vertrautheit. Die schmeichelnde Stimme des Sängers ist sowieso bekannt, sie trifft im Gehirn auf eingeschliffene Erinnerungen an viele frühere Roy-Black-Kontakte, und an dieser Resonanz der Schaltkreise beteiligen sich Neurotransmitter so intensiv, dass die neuen Impulse als höchst behaglich empfunden werden.

Die Arrangements von Blacks Liedern erinnern aus heutiger Sicht an ältliche Gardinen, aber damals waren sie der rote Teppich auf dem Weg vom Außen ins Innen. In diesen von Musik züchtig behüteten Träumen, die in Blacks Liedern eine übermächtige Rolle spielen, wurde gelegentlich Ganz in weiß geheiratet. Welche Unschuld von der Ostsee, welcher Backfisch vom norddeutschen Strand wollte da nicht gemeint sein?

Jetzt kann Gabriele Schröter über diese unschuldige Himmelei von damals schmunzeln. Fan bleibt sie trotzdem – und wehrt sich gegen den Vorwurf, Black sei ein schnöder Handelsvertreter für Emotionen gewesen. Ihr letztinstanzliches Urteil: "Roy Black war echt." Vielleicht war Blacks Stimme tatsächlich einzigartig, für Herzensdinge perfekt geeignet, auf eine Weise weichspülerhaft, dass sie den Kitsch fast schon hinter sich ließ. Es durchströmte Frau Schröter warm, dass der Sänger und seine Lieder eins waren. Wird diese Identität verletzt, zieht das ihre Schimpfe nach sich: "Fürchterlich finde ich es, wenn ein anderer Sänger Roy Black covert. Das geht ja gar nicht."

In Konzerten von Schlagersängern tanzt man nicht, sondern ist andächtig. Die Blicke gehen von unten nach oben. In der Disco fällt diese Andacht des Aufschauens weg. "Nach der Disco ist die Musik schnell aus dem Körper raus, nach einem Konzert nicht", sagt Dana Morisse. Da geht es ihr wie Hans Edgar Reis und Gabriele Schröter. Platten sind ganz schön, aber live ist gigantisch.

Warum geht Hans Edgar Reis so gern und oft ins Sinfoniekonzert? Hierzu müsste man seinen Nucleus accumbens befragen. Diese Kernstruktur im Vorderhirn des Menschen ist bei allen Formen gierigen Verlangens vehement engagiert. Es ist ja so, dass dem klassischen Musikhörer ein paar Beethoven-Sinfonien pro Leben nicht ausreichen. Die Sehnsucht nach Beethoven-Futter bleibt ständig wach. Deshalb geht Reis immer wieder in Konzerte, deren Stücke er kennt, und hält das Live-Erlebnis für so wichtig.